Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 31 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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" ' „ M Nr. ZI ies faBfefnck IsmMslkm toiMtattes. Die jüdischen Schulen im Elsaß. Vor etwa 100 Jahren bestanden in unserm reizenden Ländchen keine eigentliche» jüdische Schulen. Einige Familienväter stellten auf eigene Kosten einen sogenannten Bachur an, der zur Vergütung freie Station erhielt. Er erteilte den Unterricht in einem besonderen Zimmer (Cheder), das von den Familien abwechselnd zur Verfügung gestellt werden mutzte. In größer» Orten unterrichteten zu gleicher Zeit oft 6—10 solcher Bachurim. Das Lehrfach war nur Hebräisch; später traten noch Deutsch, Rechnen und Französisch hinzu. Nach und nach entstanden aus diesen Privatschnlen sogenannte Gemeindeschulen (ecoles commnnales), indem die politische Gemeinde den Unterhalt der Schulen übernahm. Das war für die jüdischen Familien eine grotze Erleichterung, wie auch ein unschätzbarer Vorteil; denn jetzt konnten solche Lehrer angestellt werden, welche eine geschulte Ausbildung genossen hatten. Die Folgen zeigten sich auch bald: die Resultate waren gut. Noch heute spricht man von jener Zeit, wo die Kinder so gut lernten. Da jedoch das Gehalt, das der Lehrer bezog, kein ausreichliches war, beschlossen die jüdischen Familienväter, den hebräischen Unterricht, der nicht zum Lehrplan gehörte, extra zu vergüten, was für manche Lehrer ein schönes Nebencinkommen ausmachte. Reiche Familien zahlten pro Kind 2—3 Frs. monatlich, ärmere bis 1 Frs., und so kam es,, daß der jüdische Lehrer für Erteilung des hebräischen Unterrichts zuweilen bis 100 Frs. monatlich verdiente. Wir wollen hier gleich bemerken, daß zu jenen Zeiten noch jeder Vater mit Stolz darauf hielt, seine Kinder in der Lehre Gottes unterrichten zu lassen, was heute leider nur allzu oft versäumt wird. Diese für die jüdischen Lehrer schöne Zeit dauerte bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, wo auf einmal die „Mode" in Schwung kam, die Kinder in die höheren Schulen der Städte zu schicken, weniger, nni 'sie zum Studium vorzubereiten, als, um feinere Erziehung zu erzielen.' Daß durch den Austritt die Existenz der jüdischen Schulen erschüttert wurde, erübrigt der Erwähnung. Bon Jahr zu Jahr ging die Schülerzahl zurück und damit auch das einzige Nebeneinkommen des Lehrers. (Im Elsaß ist der Lehrer nicht Kantor.) In vielen Gemeinden mußten solche jüdischen Schulen wegen Mangels an Schülern ausgehoben werden, wodurch selbstverständlich die Existenz manches Lehrers bedroht ist. In einem Zeiträume von 10 Jahren sind auf diese Weise 5—6 jüdische Schulen eingegangen, und manche wird in nächster Zeit dasselbe Los treffen. Etliche Genieinden suchen nun dieser Gefahr dadurch zu entgehen, daß sie die jüdischen Schuleii in Simultanschulen verwandeln, wodurch wenigstens der Gemeinde der jüdische Lehrer erhalten bleibt. Wirft.man einen Rückblick auf die Vergangenheit, so ergibt sich, daß die jüdische Kinderzahl der Volksschulen, besonders auf dem Lande, innerhalb 20 Jahren mehr als um das Dreifache zurückgegangcn ist. In größeren Gemeinden, die vor etwa 20 Jahren noch eine jüdische Schule mit 50—60 Schüler besaßen, beträgt die Kinderzahl durchschnittlich noch 20—25. In den Städten siehts nicht besser aus; auch dort weisen die jüdischen Volksschulen eine ganz verschwindend kleine Schülerzahl aus. Bis in 10 oder 15 Jahren wird es dahin kommen, daß wir im Elsaß jüdische Lehrer, aber keine jüdischen Schulen mehr haben. — Was wird dann aus den Lehrern werden? S. Personalien. Frankfurt a. M. Die gelegentlich des Mohel- Jubilänms des Herrn Jacob S. Posen von seinen zahlreichen Freunden und Verehrern eingeleitete Sammlung zu einer Stiftung, die.seinen Namen trägt und deren" Zinsen zur Ausbildung von Mohelim und Unterstützung von armen Wöchnerinnen auf dem Lande bestimmt sind, hat bereits den Betrag von 13 000 JL erreicht. Letzten Sonntag überreichte das Komitee Herrn Pose» diesen Betrag. Die Sammlung wird fortgesetzt. Breslau. Der Assistenzarzt an der Universitäts- Augenklinik Dr. med. Curt Cohen, Sohn des vor einigen Jahren verstorbener Begründers der jüd. - deutschen Verbindung „Thuringia", ließ sich taufen, um sich mit der Tochter des verstorbenen Breslauer Bürgermeisters Jaenicke zu verloben. (!,.) Pose«. Rechlsanwa't und Notar Warschauer in T r e m e s s e n ist der Charakter als Justiz rat verliehen worden. DürmenachinOber-Elsaß. Gemeinderat Salo mon Lang wurde zum stellvertretenden Bnrgermeister gewählt. - . Wien. Salomon und Cäcilie Guldner- Florisdorf feierten in Rüstigkeit ihre diamantene Hochzeit. Engelberg (Schweiz). Unter den in großer Zahl erschienenen Fremden erregt der frühere Kapitän und jetzige Major a. D. Alfr ed Dreh fus, der sich als Kurgast hier aushält, berechtigtes Aufsehen. Lengna« (Schweiz). Bei der Gemeinderatswahl, bei welcher an Stelle des zurückgetretenen M. Gnggenheim das jüdische Mitglied zu ersetzen war, wurde Silvan Dreifuß mit großer Stimmenzahl gewählt. London- Der SchwimmlehrerProfessor M ar q u is Bibbero feierte in der Kraft eines Vierzigjährigen seinen 85. Geburtstag. Bibbero, der einer der ersten Schwimmer der Welt ist, hat im Laufe seines Lebens etwa 50 Menschen das Lebe» gerettet. Er ist ein begeisterter Jude. — Im 79. Lebensjahre verschied Sir Henry Aaron Jsaae, von 1889—1890 Lord Mayor von London. Als Vater zweier taubstummen Töchter hat er sich besonders durch seine persönliche und literarische Tätigkeit auf dem Gebiete des Taubstllmmenwesens verdient gemacht. Paris. Der Kompomn Henri Hirschmann wurde zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. — Das Baron Edmond de Rotschild'sche Ehepaar läßt das 1852 von Baron James de Rothschild in der rue de Piepus errichtete Krankenhaus von 104 auf 144 Betten vergrößern und nach den modernen Anforderungen der Hygiene umbauen. Rew-Aork. Samuel Edelmann aus Philadelphia wurde zum Attachee i n der Botschaft zu Konstantinopel ernannt. Der neue Attachee ist ein 24jähriger sehr begabter junger Mann. Philadelphia. Hier verschieden Miriam B. Solis Cohen geb. Binswanger, Gattin des angesehenen Arztes Dr. Jacob da Silva Solis Cohen, und Clara Wolf geb. Bamberger, Gattin des Senators Clarence Wolf. Ans der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Expedition des Frkf. Israel. Fmbl. gingen für den Nationalfonds ein: Rabbiner H. Dreyfuß, Dürmenach, gratuliert Paul Spira, Colmar zu seiner Vermählung —,50 Jfi Familie R. Rosenheimer, gratuliert zur Hochzeit Helene Posen — Marum Levi —,50 „ aus Büchsen: Dr. Grünbaum 3,13 „ Bernhard Jsaacsohn 5,45 „ Franks. Israel. Fmbltt. 1,60 „ S. N., Merianstr. 24 1,50 „ S. H. Goldmann 3,15 „ Nosbaum, Kantstr. 11 1,70 „ 17,53 J& Marken: Geschwister Schwabacher, Manerweg. Bei der Nationalfondskommission (Joseph L. Oppenheimer, Seilerstr. 371, Postscheckkonto 3029) gingen ein: Konsortium Z. B. auf Namen Carl Rosenheimer 1 Oelbaum 6,— Jf. M. Levigart auf Namen Emil Jizchok Schwarzschild 1 Oelbaum 6,— „ Josef Levigard auf Namen Oberin- Schwester Sophie im Königswarter Spital 1 Oelbaum 6,— „ H. Ballin 5,— „ H. S. 5,— „ Sammlung Stammtisch —,70 „ Phllippopel. 6. Aug. Vorgestern kehrten die hiesigen „Makkabäer" von ihrer 17tägigen, von Erfolg gekrönten Turnfahrtnach derTürkei heim. Ueberall wurde ihnen grotze Ehre erwiesen, überall wurde ihnen enthusiastisch zugejauchzt. In den meisten Bahnhöfen erwarteten sie Tausende von Juden und Türken mit Musik und Blumenkränzen. Sie besuchten hauptsächlich Adrianopel, Saloniki und Konstantinopel, wo sie große Schauturnen veranstalteten. In Saloniki zeigten sich die dort wohnenden Bulgaren als Landsleute entgegenkommender als die Juden. Diese waren zwar mit Bravorufen und sonstigen Jubelaiisdrücken nicht sparsam, aber materiell unterstützten sie sie nicht. Die Billette zu den Aufführungen setzten die Makabisten mehr bei Bulgaren und Türken als bei Juden ab. Den besten Empfang bereitete man ihnen in Konstantinopel» wo bereits ein jüd. Turnverein existiert. Da hielten sie sich mehrere Tage auf und kamen mit vielen in der zion. Bewegung bedeutenden Persönlichkeiten wie Wolfsohn,Sokoloff, Ussischkin usw. zusammen, welche aus die jungen Turner einen erzieherischen Einfluß ausgeübt haben. Anläßlich des Selamlik wurde der Sultan auf die Turner aufmerksam; sein Sohn kaufte 25 Eintrittskarten. Aus dem Bankett sprach.Dr. Markus deutsch, Redakteur Fresco türkisch, ein anderer spanio lisch, ein dritter französisch. Da erhob sich Lehrer Samuel Benjamin, Delegierter des. bulg. zion. Zentralkomitees, und geißelte in hebräischer Sprache diesen Sprachenwirrwarr. Er führte aus, daß die einzige, alle Juden vereinigende Sprache hebräisch sei. Seine Worte fanden großen Beifall. Die Fahrt ist gelungen. Die Philippopeler Makabisten haben durch das Beispiel ihres stolzen nationalen Selbstbewußtseins, ihres unerschrockenen festen Auftretens auf die trotz der gegebenen Freiheit noch immer scheuen türkischen Ghettojudcn und beonders auf die Jugend heilsam gewirkt. Ben-Haamitti. Aus -er Lehrerwett. Homburg v. d. Höhe. Im Hause Rabbiners Dr. Kottecks finden schon seit 8 Tagen Konferenzen einer großen Anzahl bedeutender russischer Rabbiner statt, der Vertreter der deutschen Orthodoxie beiwohnen. Es handelt sich besonders um eine der Neuzeit entsprechende Neugestaltung des jüdischen Erziehungswesens in Rußland, über Ivelche Angelegenheit wir in unseren Berichten über die Wilnaer Konferenz kürzlich eingehend berichtet haben. Bon den Teilnehmern der Konferenz seien genannt: der Brisker Raw Rabbi Chajim Soloweitschik, der Minsker Raw Rabbi Elieser, Rabbi Chajim Grodsensky aus Wilna, sowie der bedeutende Girer Chassidim-Rabbi. Großkrotzenburg. Lehrer Spier wird am 1. Oktober nach fast 50 jähriger Amtstätigkeit in den Ruhestand treten. (I-) Lstrowo. Hauptlehrer H a y m. der Leiter der jüd. Volksschule, beging unter zahlreichen Ehrungen s ein 25 j ä h r i g e s A m t s j u b i l ä n m. Kismarto»(Ungarnl. In Arad ve,starb vorige Woche nach längerem Leiden Rabb. Dr. Alexander Rosenberg, der erste Rabbiner Ungarns, der bei Jnkrafttretung der Zivilehegesetze sich bereit erklärte, auch Mischehen in seiner Synagoge zu trauen. — Auch der greise, gewesene Direktor des Budapester Rabbinerseminars Dr. Moses Bloch hat vorigen Freitag das Zeitliche gesegnet. Der Verblichene, ein Böhine von Geburt, war erst in Mähren, in Wottitz und Leipnik fast 50 Jahre lang als Rabbiner tätig, bis er 1877, bei Erösfnung der ersten ungarischen Hochschule fürs Judentum als Lehrer des Talmuds "an dieselbe berufen wlirde. Hier wurde er bald Rektor, konnte aber seinen konservativen Geist der Anstalt nicht einhauchen, woran ihn vielleicht auch die Richtkenntnis der ungarischen Sprache hinderte. Hingegen blieb er bis zu seinem Lebensende litterarifch 'tätig und war auf dem Gebiete des mosaisch - talmudischen Rechtes eine Kapazität ersten Ranges. Er starb im Alter von 95 Jahren ini Kreise seiner Familie aus seinem Sommerausenthalte in Nagymaros nächst Budapest. Eibenschütz (Mähien). Rabbiner Dr. Hermann Handl feierte am 8. August seinen 70. Geburtstag. Bunte Chronik. Einiges von Detlev v. Liliencron. Die massenhaften persönlichen Erinnerungen an den so plötzlich Hingeschiedenen „Poggfred"- Dichter enthalten eine Fülle menschlich liebenswürdiger Züge und charakterisieren den Heimgegangenen als eine vornehm-ritterliche Natur. Erwähnung verdient u. a. aus den Erinnerungen Dr. .Bittor Goldschmidts, in dessen elterlichem Hause in Berlin Liliencron gelegentlich zu Gaste war, das folgende kleine Erlebnis: „Ich durfte ihn", erzähl Dr. Goldschmidt (in den „Leipz. Neuesten Nachrichten"), „manchmal aus seinen Querfahrten durch Berlin begleiten. Er hatte eine prinzipielle Abneigung gegen das „Plebejerfuhrwerk", wie er die Elektrische nannte; aber aus pekuniären Gründen mußte er sie doch hie und da benützen. Dann nahm er keinerlei Rücksicht auf die Mitsahrenden, sondern führte laut, energisch und temperamentvoll seine Gespräche über alles mögliche. Ich weiß noch, wie er einmal in einem vollbesetzten Wagen mit Stentorstimme die Rassenfrage behandelte: „Was heißt das: Christ, Jude, Christ, Jude? Menschen will ich! Menschen! Menschen! Der verstorbene liebenswürdiger Poet schildert in seinem biographischen Roman „Leben uUd Lüge" u. a, auch das mutige Verhalten eines jüdischen Soldaten: „Mitten in der Stadt schloß sich der Gesreüe Lewin von der zwölften Kompagnie unserm Halbbataillon an. Er hatte eine Patrouille geführt und war seiner Kompagnie abhanden gekommen. Eine Stunde später lag er, mitten durchs Herz gettosfen, im Gras. . . Der tteine Jude war auch in meinem Zuge. Er gab Lang und mir einen guten Schnaps. Er zeigte sich als tapferer, umsichtiger Soldat." Zu den näheren Freunden des Dichters gehörte auch der Hamburger Jakob Löwenberg, der u. a. 7280