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Neue jüdische Presse · 1909-06-04 · Heft 21 (4.6.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 21 (4.6.1909)
Date
1909-06-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zlrartkfrtrter frurlitifdirs latnilirublatf. (■"--!-— Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr.- In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1.50. sonstige Länder Mk. 2.— i» - - > KedaKtto» und Hefchäftsstelle Srankfurt s. Ift., vildelerstraße 4/6» Ecke Bleichstraße ffetefoit 10507. Herausgeber: Satg Hei-s. r " 1 - " 1 , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - - - — - 7. Jahrgang. . Freitag, den 15. 81vv»ii 5669 (4. Juni 1969). Rr. 2t. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Jenseits des Kanals. — Die Rabbinerkonferenz zu Wilna. — Die VII. ungarische zionistische Landeskonferenz. — Versammlung zwecks Gründung eines Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands (V. d. j. I. D.) — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Wochen-Kalender. — Familien-Nachrichten essen. Die Urwüchsigkeit seiner Persönlichkeit, der Crnst seines Wollens erscheint dem „Leader" vom Westen als eine Macht, die ihn groß niachen kann. Daher das beständige Buhlen der „westlichen" Führer um seine Gunst. . . . Und auf der Bude herrscht immer Leben. Meeting, Versammlung, jüdisches Theater, jüdische Demonstrationen, jüdische Arbeiterbewegung — und Whitechapel bewegt sich immer, ist immer bewegt — auch, wenn die See ganz ruhig ist . . . Wenn von Whitechapel die Rede ist, ist auch imnier von dem Leben der „ersten Generation" die Rede, deiln die „zweite Generation", d. h. die schon in England geboren sind — und möchten sie den primitivsten Jankel oder Chatzkel zunl Vater und die einfachste Hindel oder Zippel zur Mutter gehabt haben —, ist immer auf der Flucht von Whitechapel nach dem Norden und — wenn der liebe Gott geholfen hat — auch nach dem Westend begriffen. Die „ziveite Generation" ist in jeder Hinsicht „faule Ware". 'Die allgemeine Erziehung mar, da der Vater und die Mutter immer wieder „bumnöss" waren, eine primitive, eher schlechte als gute, die jüdische Erziehung machte gute Anläufe, aber sie mußte infolge des ökonomischen Kampfes des Vaters aufgegeben oder vernachlässigt werden,- und jüdische Kinder in dieser Weltstadt ohne jede Obhut und Autorität werden frühe „Nichtsnutze". Und mit 18 Jahren sind sie schlechte Juden und noch schlechtere Engländer, d. h. sie weisen alle schlechten Eigenschaften des Golus-Juden und des englischen Pöbels auf. Ms Proletarier sind sic brutal und als wirtschaftlich Emporgekommene sind sie Parvenüs, ohne Bildung, ohne jüdische Interessen. Speziell die wirtschaftlich Emporgekommenen bekunden — mit allen negativen Eigenschaften des Parvenüs und des Ignoranten ausgestattet — eine Sucht nach dem Westen, und sobald es ihnen irgendwie möglich ist, ziehen sie nach einem bornehmen. Stadtteil, wo man ihre psychische und physische Originalität weniger kennt. — Was sie aber nach dem Westen außer ihrer Ignoranz bringen, ist Geld und — Kartenspiel. — S o zieht die Kultur von Ost nach West. In dem Vorhandensein und in der quasi notwendigen „zweiten Generation", weil sie ein Produkt der Verhältnisse ist, liegt der „Tribut", den wir der Transplantation zollen. Aber noch ist die ziveite Generation eine Philosophengesellschaft im Vergleich zu den anderen Mitgliedern des jüdischen Westens in den englischen Großstädten, speziell aber in London. Es ist wahr: Juden übertreiben leicht, das Gute wie das Böse . . . Wenn sie sich in einem Lande rasch einleben, heißt es mit anderen Worten, sie nehmen rasch die schlechten Sitten und Gebräuche ihrer fremden -Umgebung an, besonders wenn das jüdische Bewußtsein nicht stark genug ist. Die Mitglieder des jüdischen Westens jenseits des Kanals haben alle schlechten Eigenschaften ihrer Nachbarn, angenommen! Die Engländer sind 'praktisch, die „mosaischen Engländer" kennen überhaupt nichts anders als Geld; die Engländer spielen oft Karten, die mosaischen Engländer spielen immer Karten, sobald sie nicht im „duisness" find; — aber was sie vom Engländer nicht haben, ist der nationale Stolz, der nationale Egoismus, die vollständige Identifizierung des Ich mit dem Staate. Eine solche intellektuell verwilderte und geistig ticfstehende Masse kann nicht leicht ihren Führer finden. Sie selbst kann keinen Hervorbringen — und sie muß einen suchen — ausfindig machen . . . Er kann nicht aus ihr einporwachsen. Der Führer muß einem änderen Kulrurmilieu angehören — er muß ihr eine Autorität aufzwingen können, die gerade in seinenr Anderssein, wenn man will: in seinem Fremdsein, — — — begründet ist. Die Knechtseele achtet den Fremden mehr als den Eigenen — so wollte es die türkische Logik, so die marokkanische, so die chinesische Logik. Und der fremde Herr muß stark sein, wenn er seine ftemdherrliche Autorität aufrecht erhalten will. Die zwei markantesten führenden Persönlichkeiten des heutigen englischen Judentums sind beide nicht ursprünglich englische Bürger. Israel Z a n g w i l l, der vermöge seines künstlerischen Genies seine führende Autorität aufrecht erhalten kann, ist ein russischer Jude; und der Präsident der Londoner jüdischen Gemeinde ist ein bayerischer Jude. Führer anonymer Massen kann mich ein Künstler sein, aber der Präsident einer Londoner Judengemeinde muß auf ganz anderen Grundlagen seine Autorität aufbauen, als aus bloßer Künstlerschaft; er muß eine Willensstärke, gebietende, aber auch anziehende Natur sein. Je kleinlicher die Masse, desto größer muß der Führer sein — das gilt auch von den Londoner Judenmassen. Die schlecht funktionierende Maschine braucht den besten Meister. Und in der Tat: Der Präsident der Londoner Judengemeinde ist jene gebietende und Macht auslösende Persönlichkeit, die genügt hätte, nicht nur die Londoner Gemeindevertretung zu präsidieren, sondern auch einen Staat zu regieren. CarlStett a u e r, dessen deutscher Kollege Paul Nathan ist, gehört zu jenen geborenen Führern, die selbst die Londoner Westend-Juden führen und leiten können. Groß und schön an Gestalt und Erscheinung — wie es sich einem großen Führer geziemt —, kräftig und gewiß im Ausdruck, klug und doch naiv — wie jeder geniale Führer — verrät er denjenigen Judentypus, der der außerjüdischen Welt erst seit der Erscheinung Herzls bekannt ist. Die überragende, schöne Erscheinung, das ausgesprochene jüdische Bewußtsein und die Sorge um die Gesamtheit, die einer tiefen inneren Liebe zum jüdischen Volke entspringt. Earl Stettauer bekennt sich zu keiner jüdischen Partei, er gehört keiner jüdisch-politischen Organisation an; — und doch ist er immer auf dem „Hui vive" für Juden und Judentum. Seine Verdienste um die russischen Juden sind nicht geringer als die seines deutschen Kollegen Jenseits des Kanals. Aus meinem Notizbuch. II. Von Maxime Le Maktre-London. Fortsetzung: Leben aus der Bude. Die „Kultur" zieht von Ost nach West. Führende Persönlichkeiten. Der Präsident der Londoner jüdischen Gemeinde. Ganz Whitechapel ist zu Hause. Auf der Bude herrscht immer Leben. Heute ist eine zionistische, niorge» eine territoriale Monstredemvnstration, Massenmeeting folgt aus Massennlecting, und der satte und wohlhabende Teil der jüdischen Menschheit in London buhlt beständig um die Gunst der armen Judenmassen von Whitechapel. Die „erste Generation", das heißt' die, welche die Hälfte ihres Lebens in Rußland, Polen, Galizien, Rumänien oder in der Bukowina zubrachten, lebt in Whitechapel saus §sns. In drei Monaten lernt sie das Whitechapel- Englisch, das zur Hälfte aus „Jiddisch", zur anderen Hälfte aus allen andern Sprachen — darunter auch englisch — besteht, und kaum vonr ersten Schrecken „der Fremde" erholt, nimmt sie ihr gewohntes Leben auf. Jankel der Schneider schneidert in London weiter, ebenso Chatzkei der Schmied und Tauchen der Gläser. — Was sie vom Wechsel ihres Aufenthaltes verspüren, ist die Freiheit. Aber dieses Freiheitsbewußtsein macht sie glücklich und erfüllt ihr Herz mit Freude und Hoffnung. Jeder lebt im Bewußtsein, daß er, ein englischer Bürger, cs bis zum Minister bringen kann. Neben diesem bewußten Freiheitsgefühl ist bei vielen der „ersten Generation" eine Steigerung des religiösen und allgemein-jüdischen Bewußtseins zu beobachten. Jeder dieser Fremdlinge sieht bald ein, daß er doch in einem „fremden" Lande ist, daß außer in Whitechapel vom Judentum, für das er sein Leben lang so viel gelitten, nicht viel zu sehen ist, — und sein jüdischer Eifer wächst — die jüdische Erziehung seiner Kinder bereitet ihm Sorge, — mit einem Worte, seine jüdischen Interessen vergrößern sich und der jüdische Gedanke beherrscht ihn mehr wie zu „Hause", wo er vor lauter Verfolgung und Pogromlärm gar keine Zeit und keine Gelegenheit hatte, sich mit anderen Fragen, als mit der seines nackten Lebens, zu beschäftigen. Dieses Freiheitsbewußtsein, und sein gesteigertes jüdisches Bewußtsein treiben ihn zur Entfaltung seiner jüdischen Kräfte. Er besucht jüdische Versammlungen, in welchen von jüdischer Politik die Rede ist, er meiert in religiösen und in Erziehrmgsvereinen, und jede freie Minute opfert er seinen jüdischen Jnter- >

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