Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 6 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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" .. M M. 6 ckk8 Frankfurter IsmeMsikm FamlimklaWL Inhalt der Vellage: Artikel: Nahum Sokolow als'Literat. — Ein beherzigenswerter Apell. — Personalien. — AnS der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehr er Welt. — Aus den Verein en. — Feuilleton: Friedhofsgeschichten. — Bunte Chronik. — Vereins-Kalender. Rahurn Sokolow als Literat. (Zu seinem 50. Geburtstag.) I. Es ist nicht lange her, seitdem die hebräische Literatur die modernen europäischen Formen angenonimen hat. Das Leben zwischen den engen Mauern des Ghettos konnte nicht die Bedingungen für die Entfaltung einer reichen, differenzierten und vielseitig ausgebildeten Literatur schaffen; der Gesichtskreis war zu eng, das dumpfe Licht und die zusammengepreßte Luft erstickten jede Lebenslust und Daseinsfreude im Juden, keine besonderen seelischen Bedürfnisse machten sich in ihm geltend, der soziale, wirtschaftliche und kulturelle Lebcnsapparat im Ghetto war einfach und unausgebildet. Nicht wenig trug dazu eine sonderbare Anschauung bei, die im Laufe der Golusjahrhunderte im Volke Platz gegriffen hatte, nämlich die Anschauung von der Heiligkeit der hebräischen Sprache, in der nur über religiöse, abstrakte, nicht aber auch über profane, alltägliche Dinge geschrieben werden dürfe, — als hätte nicht die hebräische Sprache unseren Vätern in der Borgoluszeit für alle Zwecke und Bedürfnisse des alltäglichen Lebens gedient. Erst durch die neuen Strömungen in der Judenheit im letzten Jahrhundert, vornehmlich aber durch die sich ausbreitende nationale Bewegung, nahm auch die hebräische Literatur einen großen Aufschwung. Hebräische Belletristik, Publizistik, Journalistik usw., — das sind Produkte der letzten fünf Jahrzehnte. Die Geschichte der hebräischen Tagespresse erstreckt sich kaum ins dritte Jahrzehnt hinein. Nahum Sokolow machte die Entwickelung der hebräischen Journalistik mit durch und stand während der letzten drei Jahrzehnte in deren Mittelpunkt. Sokolow ist in erster Linie Journalist, und zwar ist' er es im vollen und besten Sinne dieses Wortes. Er ist mit alleni ausgerüstet, was bei einem tüchtigen Journalisten vorauszusetzeu ist. Eine mächtige Schaffungskraft, großen Reichtum an Geist, einen scharfen, tief eindringenden Blick, Geistcsgewandtheit und Elastizität des Denkens, ein' feines Sprachgefühl und die Begabung der leichten Aneignung fremder Sprachen, vor allem aber einen rastlosen, nie ermüdenden Tätigkeitseifer, — alles dies besitzt Sokolow in: vollsten Maße. Und deshalb kann man Nahum Sokolow als Journalisten zu den Koryphäen der europäischen Presse zähle». Sokolow ist aber nicht nur europäischer, er ist zugleich, was für uns die Hauptsache ist, auch hebräischer, d. h. jüdischer Schriftsteller. Jüdische kluge, mitunter auch geniale Köpfe gab und gibt es genug auf allen Gebieten der europäischen Literatur, im Uebermaße sogar, wie manche behaupten, in der Journalistik; indes sie besitzen so blutwenig vom jüdischen Wesen, daß sie nur dem Namen nach als Juden gelten können. Sokolow dagegen ist Jude und Journalist zugleich; er versteht es vortrefflich, das jüdische Eigenartige mit dem Glanz und der äußeren Form der europäischen Journalistik zu vereinigen, seine Schreibweise ist wie sein Fühlen und Denken durch und durch jüdisch. Wir haben hier eine wohlgelungene harmonische Vermischung vom Jüdischen und Allgemein-Menschlichen. Sokolow ist einer der originellsten jüdischen Geister. Es gibt sehr wenige, diö so innerlich vertraut sind mit dem jüdischen Wesen, die so tief eingedrungen sind in die Mische Volksseele, wie Sokolow es ist. Die Seele des jüdischen Volkes liegt vor ihm offen, wtti> er liest in ihr wie in ' einem aufgeschlägenen Ruche, er kennt ihre verborgenste Geheimnisse und Regungen; er kennt genau das jüdische Leben mit allen seinen eigentümlichen Erscheinungen und Aeußerungen, mit allem seinem Weben und Treiben. Und diese Vertrautheit mit der Seele des Volkes verleiht allem, was ans seiner Feder fließt, einen beonderen Reiz. Denn Sokolow ist aus der Mitte des Volkes h'ervorgcgangen. In einer altehrwürdigen Familie wurde er geboren, in einem vom jüdischen Geiste getränkten Milieu verlebte er seine ersten Lebensjahre, in einem nlusterhaften, volljüdischen Hause erhielt er eine gesunde Erziehung. In den frühsten Jugendjahren erwarb er sich mit Leichtigkeit )ie ersten Begriffe und Kenntnisse vom Judentum, kubierte im Jünglingsalter mit dem ihm eigenen Eifer den Talmud und seine reiche Literatur, rmd wurde bald mit allen jüdischen Wissensgebieten aufs innigste vertraut, sodaß er bereits als Jüngling den Ruf eines „Jlluj" genoß. . Er vertiefte sich in das innere Wesen des Judentums und erfaßte den historischen Geist des Mischen Volkes. Die wunderbaren Welten des Talmuds rmd Midrasch' taten sich vor ihm auf, und ihr Anblick übte auf die starke Seele des jungen Sokolow die gewaltigste Wirkung aus. Seine geistigen Kräfte wurden genährt durch das eifrige Talmudstudium, sein klarer Verstand wurde geschärft an )en feinen, logischen Gedankengängen der halachischen Abhandlungen, sein Gemüt vertieft und verfeinert durch den geheimnisvollen Hauch, der von dem fernen Leben der Talmudweisen zu uns herüberweht, und seine lebhafte Phantasie bekam einen mächtigen Zustrom von den zaubervollen, märchenhaften Hagadawelten. So bildete sich der Geist des Jünglings heran. Eine klare, heitere Weltanschauung, Stärke und Fülle des Gemüts, Lebensfreudigkeit und Selbstvertrauen, geistige Frische und unauslöschliche Schaffenslust, — das sind die Säfte, die Sokolow aus dem Born der jüdischen Lehre eingesogen hat. Als geistig und individuell ausgeprägter Jude trat er an das Europäertum heran. Er konnte sich nicht auf den Kreis, dem er entsprungen war, beschränken; sein reger, aufstrebender Geist spornte ihn dazu an, neue Welten zu suchen. Durch seine ungewöhnlich große Begabung und starke Aufnahmefähigkeit wurde es ihm sehr leicht, das Neue in vollem Maße sich anzueignen und sich in ganz kurzer Zeit mit dem europäischen Wissen und Wesen vertraut zu machen. Das Neue aber rief keine Umwälzung in ihm hervor; er wurde nicht, wie mancher andere, .vom Glanze des europäischen Wesens geblendet, obwohl er für das Fremde mehr Verständnis hatte und tiefer darin eingedrungen war als viele andere. Was er von der allgemeinen Kultur der Menschheit in sich aufnahm, kam nicht in Widerspruch zu dem bereits erworbenen Reichtum an eigenem Geiste, sondern war vielmehr eine harmonische Ergänzung desselben. Das Jüdische, das Angeborene, das Tiefwurzelnde blieb immer das Ueberwiegende in ihm; das Neue verschmolz sich mit dem Alten nur insofern, als das letztere vom elfteren unterstützt und vervollständigt, keinesfalls aber beeinträchtigt wurde. Die Feinheit der Form und Klarheit der Schilderung, die er in der europäischen Schule gelernt hat, der ästhetische Geschmack und der feine Kunstsinn, die Eleganz und Geschmeidigkeit der Spräche, die Buntheit der Farben und die Erweijterung des Horizonts waren eine passende Ergänzung zum genialen Scharfsinn, zur Stärke des Verstandes und Sicherheft des Urtells, zum sprudelnden Quell des gesunden Humors und des tiefen Gemüts und zum großen Geistesreichtum, mit denen Sokolow von seinem Volke so freigebig beschenkt worden ist. Diese kunstvolle und doch so natürliche Bereinigung und Verwebung des Fremden mit dem Eigenen, des Allgemeinen mü dem Spezifisch-Jüdischen bildet bei Sokolow das Eigentümliche, was ihn von den meisten hebräischen Schriftstellern unterscheidet und seinen Stempel aus seine ganze literarische Tätigkeit aufdrückt. So wurde Sokolow zum ersten europäischen Journalisten in der hebräischen Sprache, zumwollendetsten europäisch-jüdischen Schriftsteller. L. 8—o. Ein beherzigenswerter Apell. Von S. H. L., Prag. Unter diesem Titel möchte ich ein größeres Publikum mft dem Werke bekannt machen, das der bekannte Gelehrte, der greise Wilnaer Daja» R. Peisach Fiefer vor zwei Jahren unter dem Titel Massoreth Hatnach veröffentlicht hat. Aus diesem gründlichen, von stupender Belesenheit und riesigem Fleiße zeugenden Buche wähle ich zur Besprechung nur die .Abschnitte, die sich direkt auf die Einteilung der Bibel beziehen. Die Einteilung der Bibel in Kapüel fordert häufig unsere Verwunderung heraus. Abgesehen davon, daß die Kapfteleinteilung sehr willkürlich erschenit, die Abgrenzung der einzelnen Kapitel häufig ganz widersinnig ist, indem oft eine zusammenhängende, in sich abgeschlossene Erzählung gewaltsam in zwei Kapüel zerrissen, andererseits zwei ganz selbständige Themen ohne Grund in ein Kapitel zusammengefaßt tverden, fordert schon die ungleiche Länge der Kapüel zum Widerspruche heraus; neben Kapfteln von 2 Versen finden sich Kapitel von 100 Versen und darüber. Verwunderung und Widerspruch bleiben. zumeist füll; wir sind gewohnt, in dem Alten auch immer das Gute zu sehen: die Kapiteleinteilung ist alt, darum muß sie auch gut sein. Vergeblich haben sich gewichtige Stimmen gegen diese Einteilung erhoben, vergebens hat schon Wolf Heidenheim auf ihren Ursprung rmd nach ihm manch anderer auf ihren christlichen Ursprung hingewiesen. Alles vergebens! Wir Juden, die wir vor Chukas Hagoi stets den größten Abscheu hegen, denen fremde Einrichtungen besonders bei gottesdienstlichen Einrichtungen stets ein Greuel sind, wir ließen, und lassen es ruhig geschehen, daß unser: hellige Schrift in unMische Formen gezwängt, daß unser Lebensquell durch eine trübende Fassung entstellt wird. Und da die christliche Einteilung mft der Zeit ausschließliche Geltung erlangte, schwanden die letzten Spuren der massorettschen Einteilung in Sedarim, die sich auf die massoretischen Parschijot, auf die Pethucha und tethnma gründeten. Die Thora blieb ja dank der für die Schreiber geltenden minutiösen Vorschriften, dank ihrer steten Benützung vor diesem Schicksal bewährt; — aber wie steht es mit den anderen Büchern der Bibel? In den Druckausgaben wird nur die Kapfteleinteilung berücksichttgt, Pethucha und tethuma fast gar nicht oder doch imr unvollkommen verzeichnet. Damit im Zusammenhänge steht auch manche im Laufe der Zeit eingerissene, in religiöser Beziehung mcht einwandfreie Hebung, wie z. B. das Lesen der Haftara aus nicht vorschriftsmäßig geschriebenen oder gedruckter Büchern usw. R. Peisach Fiefer hat es sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht, diesem Uebelstande abzuhelfen und eine Einteilung der Bibel zu beschaffen, die auf dem Prinzipe der massorettschen Parschiot der Pethuchoth und tetumot fußend, wirklich eine echt Mische genannt werden kann. Zu diesem Behufe nmßte er erst diese Parschiot seststellen, und das war eine mühselige Arbeit. Er scheute weder Mühe noch Kosten, unternahm wefte Reisen, studiertein deutschen und italienischen Bibliotheken alle Bibelhandschristen, schrieb viele Hunderte Briefe und verschaffte sich so eine genaue Kenntnis aller in Betracht kommenden Handschriften. Auf Grund seiner vieljährigen Arbeüen ist er jetzt in der Lage, die Einteüung der Bibel in Pethuchot und tethumoth authenttsch sestzustellen und Vorschläge zu machen zu einer praktischen Gliederung der Bibel, die in erster Reche auf die massorettsche Parscha, in zweiter Reche 4700