Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 51 (31.12.1908)
- Date
- 1908-12-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Vereinstag der freien Vereinigung für die _ Interesse« des orlhod. Judentums. Zu einem Stelldichein der orthodoxen Juden» heit Deutschlands gestaltete sich, die zwangl o s e> Z u s a m m e n k ü n f t im großen Saale des Börsen - Restaurants, bei der die anläßlich des VereinstageS der .Freien Vereinigung für die Interesse des orth. Indent.", des Delegiertentages des .VerbandeS der Sabbalfreunde" und der Generalversammlung des .Bundes orth. Lehrer" Erschienenen Gäste der Israel Religionsgesellschast waren. Bekanntschaften wurden erneuert, Beziehungen angeknüpft — und damit den Bestrebungen, einen Kontakt zwischen den orth' Kreisen herzustellen, gedient. Der Vorsitzende der Israel. Religiorsgesellfchaft, Louis Feist, sprach für die Gastgeberin Worte des Willkommens. Ansprachen hielten ferner Prediger Dr. M. Hildesheimer als Vertreter der Berliner .Adaß-Jisroel"-Gemeinde, Rabbiner Dr. Biberfell d - Berlin als Vertreter des Verbandes der Sabbalhfreunde, LPerlmutter- Frankfurt a. M. für die Propagandakommisston der Freien Vereinigung, Lehrer Lebermann-Darmstadt für den Bund orth. Lehrer, Jacob Rosenheim für die Freie Bereinigung, Referendar Kahn-Köln für den .V. j. A." und Sieg mund Fr änk el-München, der den Damentoast ausbrachte. Sämtliche Ansprachen weckten Begeisterung und vereinigten die zahlreichen leiblichen mit geistigen Genüssen. — Doch der Sonntag Abend war nur ein Vorspiel zum Montag Abend, dem Vereinstag der Freien Bereinigung fürdieJnteressen des orthodoxen Judentums! Ein Festpublikum von 1500 Menschen, in den vordern Reihen etwa 80 Rabbiner, saß in spannungsvoller Stimmung Kopf an Kopf, als Rabbiner Dr. Breuer, der Borsitzende, den Vereinstag im großen Saale des Kaufmännischen Vereines eröfsnete. Als man vor anderthalb Jahren — so begann Redner — an die Ausgestaltung der Freien Bereinigung ging, da geschah es mit dem Vorsatz, die innerhalb der Orthodoxie vorhandenen Gegensätze unter strenger Wahrung der von Samson Raphael Hirsch vorgezeichneten Grundprinzipien immer mehr zu mildern. Und heute darf bereits gesagt werden, daß die Bemühungen von Erfolg gekrönt worden sind, daß der Beweis erbracht worden ist, daß jede Sache, die .leschem schommajim", rein der Sache willen geschieht, Bestand hat. Wer es .leschem schommajim" meint, der will die Einigung der Orthodoxie. Aber die Freie Vereinigung will nicht nur bewußt gute Juden, sie will nach den Forderungen der jüd Religion auch gute Staatsbürger erziehen. — Redner schließt unter Erheben aller Anwesenden mit dem dreimaligen Kaiserhoch Hierauf betrat Herr Jacob Rosenheim das Podium und verlas den Bericht, der Zeugnis ablegte von einer ungewöhnlich regen und energischen Tätig» keit der Leitung. Die Mitgliederzahl hat sich auf 4000 erhöht. In Berlin und in Frankfurt a. M. sind besondere Büros eingerichtet, die die Propaganda betreiben. Es ist nicht nur die Erhöhung der Mitgliederzahl, sondern auch die Weckung des Verständnisses für die Ideen der Freien Vereinigung, die mit den Propagandaversammlungen erreicht wird. Rhein, land, Westfalen und Baden wurden von der Propaganda wenig berührt, da dort besondere orthodoxe Vereinigungen sind; doch sind Verhandlungen angeknüpst, um diese Vereinigungen in die Freie Vereinigung einzuverleiben. Der Bericht schildert weiter die Bemühungen der Freien Vereinigung in Sachen des neuen Volksschulgesetzes, in Sachen des ministeriellen Erlasses, der eine seminaristische Vorbildung der jüd. Religionslehrer fordert, ein Verlangen, das, wie die Dinge nun einmal liegen, zu Härten führt und in Sachen des Lehrerbesoldungsgesetzes, durch die nunmehr dem Religionslehrer bei dem Uebertritt in den öffentlichen Schuldienst seine Zeit als Religionslehrer angerechnet werden wird. Des ferneren war die Freie Vereinigung in Sachen der beabsichtigten Neureglung der Sonntagsruhe im Interesse der den Sabbat beobachtenden jüd. Geschäftsleute bei der Regierung vorstellig; ebmso intervenierte sie gegen einen Anti- Schächt-Erlaß des Koblenzer Regierungspräsidenten; hier, wie in vielen anderen Fällen, fand sie freundliches Entgegenkommen bei der Regierung. Auch hinsichtlich der daher. Judenedikts, der bad. Gebetsbuchs, frage und des württemb. Kirchengesetzes verfehlte die Freie Vereinigung nicht, ihre Pflicht zu tun. " In 120 Landorten veranstaltete die Freie Vereinigung Versammlungen und in 50 errichtetesie Schiurim. Es sollen im nächsten Jahre auch in Posen, Breslau und Hamburg Zentralen für Verfendnng von Wanderrednern gebildet werden. Infolge Munificenz eines Mitgliedes konnten 550 Exemplare von Hirsch's .Choreb" — meist an Lehrergegeben werden. Für das Land wurde außerdem eine 6 mal jährlich erscheinende Zeitschrift .Der jüd. Bolksbore" gegründet, die besonders religiös erziehend und aufklärend wirken soll, und zahlreiche Subventionen bewilligt. Ein Mitglied stiftete 2000 Mk. als StipenbienfondS für heranzubildende Lehrer. Es wurde ein,jüd.. Volksschristenverlag zur Herausgabe einer billigen, gut jüdischen Literatur und eine apologetische Zentralstelle inS Leben gerufen. Mit der Schilderung der Tätigkeit der Palästinakommission schließt der Bericht, der häufig von stürmischem Beifall unterbrochen wurde. Die zwei Vorträge, init denen der Vereinstag nun feinen Abschluß finden sollte, nahmen durch ihre ungewöhnliche Länge die Geduld des Publikum» zu sehr in Anspruch und beeinträchtigten damit etwas den Effekt des Abends. Der erste Vortrag ging zu sehr in Details ein, während in dem zweiten Vortrag eine fast halbstündige, für den Ernst des ThemaS nicht geeignete Einleitung störte. Seminaroberlehrer I. S t o l l - Würzburg beschästigtesich mit der L ehrerfrage. Der religiöse Lehrer habe die hohe Aufgabe, die Jugend für die jüd. Ideale wieder zu gewinnen und deshalb verdiene er das Interesse aller religiösen Juden. Zu seiner Vorbildung seien nicht nur eiue seminaristische Bildung, sondern auch gute jüdische Kenntnisse notwendig; deshalb verlange das Würzburger Seminar ein Jahr für die Ausbildung mehr, als gesetzlich verlangt wird; deshalb sei aber auch auf Fortbildungskurse ständig das Augenmerk zu richten. Das Einkommen des Lehrers sei meist so gering,daßerdieNebenverdiensteals Schächter und Kantor beanspruchen müffe; als Schächter solle man ihm aber eine Minimaleinnohme garantieren, damit er von den Metzgern unabhängig werde, und die freiwilligen Spenden für kantorale rc. Extraleistungen müßten in Pflichtbeiträge umgewandelt werden. Redner zeigt am Schluß seiner sehr be> herzigungswerten Ausführungen, daß die jüdischen Gemeinden bei Umwandlung von Religionsin Volks- 'chulen nach dem neuen Schulgesetz noch Geld ersparen, eine Umwandlung, durch die Gesamtbildung der Kinder in die Hand des jüdischen Lehrers gelegt und die pekuniäre Stellung des jüdischen Lehrers derbeffert wird. Die Grundlagen der Ethik im Lichte des Judentums hatte Rabb. Dr. Munk- Berlin zum Gegenstand seines Vortrages genommen. In unserer religionsseindlichen Zeit, so sührte er aus, behaupte man, daß der Mensch dir Kraft der Sittlichkeit in sich trage. Selbst bei einem jeden frommen Juden sei wohl einmal Üie Frage auf getaucht, ob denn nicht Gefühl und Verstand die eigentlichen Quellen für das sittliche Empfinden sind. Die autonome Ethik vermöge jedoch picht zu sagen, zu welchem Zwecke sittlich gehandelt werden soll. Sokrates sieht das Gute im Erkennen, Plato im Gefühl, Aristoteles stellt das philosophische Denken als die höchste Tugend hin. Auch in neuerer Zeit sind die Ansichten über den Begriff der Sittlichkeit bei den Philosophen die widersprechendsten; Hobbes sieht das höchste Gut in der Selbsterhaltung, Kant in der reinen Vernunft, Schopenhauer im Leiden und Mitleiden, Nitzsche im Willen zur Macht. Da diese Frage aber mit der Kenntnis des ganzen Welt alls und aller Beziehungen seiner Teile und Teilchen zusammenhängt, so beleuchtete Redner auch nach dieser Richtung das Material. Er kommt zu dem Schlüsse: Alles Wissen ist bedingungsweise und alle Erkenntnis bedingt, da nichts als absolute Wahrheit feststeht. Es bleibt das Wort unserer Thora zu Recht: Die offenbaren Dinge sind uns und die verborgenen dem Ewigen, unserem Gotte. Nur in der Religion hat die Ethik ihre feste, unabänderliche Ausfassung. Mit einem Schlußworte des Vorsitzenden, Rabb. Dr. Breuer, nahm die glänzende Veranstaltung ihr Ende. Delegiertentag des „Verbandes der Sabbatfreunde". Der Delegiertentag des „Verbandes der Sabbatfreunde" begann mit der Konstituierung des Büros (Räbb. Dr. Biberfeld- Berlin, 1.' Vorsitz.; Moritz A. Loeb»Frankfurt 2. Vorsitz.; Aron Kober-Breslau: Max.Neu berger-Berlin; Pleßn er-Posen). Dr. Biberseld hält die EröffnungS ansprache, in der er hervorhebt, daß sich der Verband wohl nur einem Gebote aus dem jüd. Pflichtenkreise ividmet, daß aber dieses Gebot, die Beobachtung des Sabbats, aufs schwerste bedroht ist und deshalb zu seinem Schutze einer besonderen Organisation bedarf. Moritz A. Loeb erstattet den Bericht. Der vor 4 Jahren gegründete Verband ist auf 128 Ortsgruppen mit 5000 Mitgliedern angewachsen. Rach seinem Muster ist in der Schweiz eine Organisation gebildet worden; und gestern tagte in Wien eine Versammlung, die für Oesterreich-Ungarn einen Verband der Sabbatfrennbe ins Leben rief. Dr. Biberfeld vervollständigt diesen Be richt. Das einheitliche Borgehen des Verbandes in Sachen der Sonntagsruhe zusammen mit anderen jüd. Organisationen hat gezeigt, daß man itz jüd. Kreisen die Scheu verloren hat, mit berechtigten Sabbat" zugesandt, im nächsten Jahre werden sie eine Broschüre „Die Sabbatgesetze" und eine Broschüre „Führer für die Berufswahl" erhalten. Der geschgstssührende Ausschuß ist von den Ortsgruppen nicht genügend unterstützt worden. Gradewitz-Berlin gibt den Kassen-Ber i ch t über die Zeit dom 1. Juli 1907 bis 30. Juni 1908, der mit einem Bestand von 2563 M abschließt und im Ausgabenkonto ca. 3000 M für die Verbandszeitschrift „Der Sabbat" aufweist. Rabb. Dr. Silberberg -Schrimm beschwert ich, daß man dem „Bund gesetzestreuer jüd. Jugendvereine" sein Ersuchen, ihm ein oder zwei Spalten im Sabbat zur Verfügung zu stellen, ab gelehnt hat. Max Gorski -Nürnberg fragt an, warum die Darlehenskasse als besondere Organisation gegründet wurde, und nicht als dem Verband unterstebend. Die beantragte Stellenvermittlung für Handwerker hält er für verfrüht, da das Gebiet der kaufmännischen Stellenvermittlung noch w.iter ausgearbeitet werden ignß. Er wendet sich gegen Dr. Bibereld, der den Satz aussprach: „Außer dem orthodoxen Judentume gibt es kein Judentum": in der Nürnberger Ortsgruppe feien viele Mitglieder, die nicht orthodox sind und dennoch nicht eine Verletzung des Sabbats wünschen. Dr. Biberseld erwidert, daß er nur seine private Meinung ausgesprochen hat; aber aus dem Glauben an eine geoffenbarte Religion folge mit Notwendigkeit, daß nur eine religiöse Auffassung berechtigt sein könne. Ueber die Biberseld'sche Aeußerung sprachen noch Bankier L o e v y - Rawitsch und Rabb. Dr. L e w i n - Wreschen, und es wird beschlossen, daß der Satz im Protokoll gestrichen wird. Pleßner-Posen teilt mit, daß seine Ortsgruppe nunmehr mit der Propaganda in der Provinz beginnen wird. M. A. L0eb und Max Neuberger erwidern auf die Beschwerden. Dem Bund der Jugendvereine sei eine Seite im „Sabbat zugestanden worden; aber er habe das nicht zu erfüllende Verlangen gestellt, daß alle seine Einsendungen wörtlich ausgenommen werden müßten. M. A. Loeb fordert zu Zeichnungen für die Darlehenskasse (Anteile ü 100 JL, die in 5 Jahresraten ä 100 Jfe gezahlt werden dürfen) auf. Die Darlehenskasse habe gesetzlich als besondere Organisation gebildet werden müssen. Es wird nun in die Debatte über die Gründung einer Stellendermittlung für Handwerker eingetreten und eine solche mit der Zentrale in Berlin beschlossen. In der Debatte sprachen Gradew i tz - Berlin, Bier- Eöln. Epstein- Freibnrg, Dr. B amb e r g e r-Hanau, Altmann-Karlsruhe rc. lieber Punkt 4: „Jüdische Brockensammlungen und ihre Verwertung für die Interessen der Sabbatheilignng" referiert MaxNenberger. Die Berliner„Peah" habe in den 11 Monaten dieses Jahres für veräußerte Gegenstände 13 700 Jt gelöst, 10186 JL für Arbeitslöhne, 3510 M für Miete ausgegeben und überdies noch Gegenstände im Werte von 1150 «ÄL verschenkt; sie beschäftigt monatlich 10—15 Arbeiter, außerdem ständig einen Inspektor, einen Schuhmacher, einen Spengler, eine Schneiderin usw. znr Anleitung der Arbeiter. In der Diskussion regt MendelWertheim- Fulda die Errichtung von Filialen auf kleineren Plätzen an. — Rechtsanwalt Dr. Pollak-Breslau schildert sehr humorvoll die glänzenden Erfahrungen der Breslauer „Peah", wo man statt des bezahlten Inspektors unbezahlte Ehrendamen hat. — Dr. Auerbach- Köln sieht in der Brockensammlung eine starke Konkurrenz für die zahlreichen jüd. Althändler, die doch häufig auch den Sabbat beobachten. — Ihm erwidert Dr. Biberfeld, daß der jüd. Trödler der jüd. Konfession schon häufig vorgeworfen sei und man deshalb froh sein dürfte, wenn der jüd. Trödler verschwindet. — Dr. Biberfelds Ausführungen erregen Widerspruch; die Bedenken Dr. Auerbachs werden als unberechtigt erklärt, da die Althändler bei den Brockensammlungen häufig noch billiger wie bei Privaten kaufen. Es steht nun der Antrag der Ortsgruppe Frankfurt auf der Tagesordnung, § 7 der Statuten dahin zu ändern, daß statt bisher bei 25 nnnmehr erst bei 50 Mit gliedern eine Orts gruppe einen Delegierten zu in Delegiertentag entsendet. Ortsgruppen mit mindestens 10 Mitgliedern behalten weiter das Recht zur Wahl eines Delegierten. Es liegen zu § 7 außerdem Abänderungsanträge von Hamburg und Posen vor. Nach lebhafter Debatte werden aber diese Anträge abgelehnt und der Antrag Frankfurt angenommen. Wegen vorgeschrittener Zeit macht der Vorsitzende darauf aufmerksam, daß nur noch die Anträge der Ortsgruppen Hamburg und Breslau betreffs Wahl des nächsten Delegiertentages zur Besprech- Wünschen an die Behörden heranzutreten. Der Ber- , - - ^,, band hat Lernvereine angeregt und unterstützt; er I un8 gelangen können. Die Wahl fallt auf Breslau, - --— ->— *"•--- or-—' Es erfolgt nunmehr die Wiederwahl de» Vorstandes mit der einen Aenderung, daß statt will mm die Errichtung von Heimen ins Auge fassen. I Den Mitgliedern. wurde S. 5t Hirsch's „Der jüdische s •'tVMc&WiieuASu.L.' 7280