Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 37 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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W Nr. Z7 des KMflirier UmekWm fftmUMaffes. Inhalt der Beilage: Artikel: Berthold Auerbachs Jugend. — Palestine Land Development Company. — P er sott ali en. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Aus derLehrer- Welt. — Sprechsaal. — Bunte Chronik. — Vereins-Kalender. — Briefkasten. Berthold Auerbachs Jugend. Vorbemerkung. Im Verlag der I. G. C olta's ch en Buch- Handlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin. ift/ ein Werk von großer Bedeutung erschienen: Berthold Auerbach. Der Mann. Sein Werk. Sein Nachlaß. Von Anton Bettel he im. Der Meister lebensgeschichtlicher Forschung, Bettelheim, bewährt hier aufs Neue seine anerkannte Kiinstlerschaft. Die beherrschte Ruhe und vornehme Formgebung der Darstellung, die Sicherheit, Sauberkeit und Sorgsamkeit, mit denen die Persönlichkeit aus dem Milieu, den Zeiteinflüssen und den Lebensverhältnissen herausgeschält ist, das wohldurchdachte, wohlabgewogene und wohlbegründete llrteil, das sich in den Dienst der objektiven Forschung und nicht in den der Verliebtheit in seinen Stoff stellt: alle diese Eigenschasten sichern den: großangclegten Buch bleibenden Wert und bleibendes Interesse. Nur in einem Punkte müssen wir Meister Bettelheim berichtigen. Gestützt auf die Anschauungen von Jost und Geiger, sprich: er von einem Rabbinerseminar als „einem überlebten Erbstück mißverstandener Rechtgläubigkeit" und von den „Narrheiten" des Talmud. Hier müssen wir in aller Ruhe darauf Hinweisen, daß I o st und Geiger in dieser Richtung schlechte Kronzeugen sind, daß sie das Judentum in seiner Totalität und Einheitlichkeit, in allen seinen Verwurzelungen und Verzweigungen nicht zu erfassen vermochten. Ein weit besserer und wahrerer Instruktor wäre Samson Raphael Hirsch gewesen, den auch Hilty in seiner Popularphilosophie der Sehnsucht der modernen Menschheit, in „G l ü ck", so ungemein preist und so reichlich anführt. Das beeinträchtigt natürlich nicht, daß die treffliche Auerbach-Biographie auss Angelegentlichste empfohlen werden muß und daß wir ihr in den Kreisen unserer Leser eine gebührende Verbreitung herzlich wünschen. Denn sie stellt in der fesselndsten Weise den äußeren und inneren Werdegang eines unserer größten deutschen Erzähler dar, der zugleich ethische Werte des Judentums der Gesamtkulturwelt vermittelte. Sie bietet uns die willkommene Veranlassung zu nachstehender Betrachtung. * * * Vielleicht acht Jährchen auf dem Rücken und ein Säckchen znm Salzholen auf dem Arm, ging ein stämmiges Büblein des Weges einher. Das treuherzige Gesichtchen war ein wenig verschüchtert und ängstlich, obs die Entfernung von seinem Heimatsort Nordstetten nach dem nicht allzuweit entlegenen Horb war, die es bedrückte? Gewiß nicht, denn der Junge, Berthold Auerbach, war gewohnt, sich tagaus tagein unerniüdlich in Feld und Wald zu tummeln, bei Groß und Klein vorzusprechcn und im Handumdrehen der Mutter aus den Nachbarplätzen Fehlendes zu besorgen. Nur die Einwohner von Horb, die mochten ihm nicht sonderlich passen. In seinem Dorf wars ein friedliches, freundliches und herzliches Einvernehmen. Da gabs keine Konfessionsunterschiede, da hielten die Juden und die Christen in Ernst und Scherz, in den Notlagen und in den Freudenzeiten des Lebens treu und stetig zusammen, begönnerten sich nicht und bespieen sich nicht gegenseitig, sondern achteten sich und Pflegten sich, handelten miteinander und verkehrten miteinander und berühmten sich nur des Einen: alle echte Nordstetter zu sein. Sie brauchten sich ihres Pracht- und Kernschlags auch wahrlich nicht zu schämen. Geradgewachsen, bodenständig, stark an Körper, stolz aus ihre Gerechtsame, mit der Heimatserde untrennbar verwachsen, und aus ihr Kraft und Frohsinn schürfend und schlürfend, so ackerten und pflügten sie, so trieben sie nach getaner Arbeit Kurzweil und so pflogen sie demütiger Andacht, jeder nach seiner Art, jeder nach seinem Sinn, jeder seiner religiösen Pflicht gemäß. In Horb dagegen — den Kleinen überliess! Da war der Postmeister, der sicherlich recht würdevoll steif in seinem Honoratiorenkragen steckte, in Betracht seines Antisemitismus aus derselben Kulturhöhe wie der derbe, rohe Schmiedegeselle, da wurde niail um seiner Religion willen verspottet, verachtet und wohl gar tätlich angegriffen. Und Berthold >var von Hause aus gewohnt, seine Religion zu lieben und hoch in Ehren zu halten. Das lag ihm schon so im Blut, noch von seinem großen Urahn, dem Me'ram Rottenburg, her und von seinen Eltern her, dem schlichten, wackeren und gemütstiefen Jakob Auerbach er und dessen trejflicher, herzfester Gattin Edel. In Haus und Hof, in Wort und Tat war alles bei ihnen jüdisch gestaltet und jüdisch gepflegt. Ob nun der Vater in seinem Ehrenamt als Vorbcter an der Wende der Jaumkippursonne heißergriffen das Gebet „Oeffne das Tor uns — zur Zeit des Torschlusses" — emporsandte, ob die Großmutter beim milden Schein der Sabbatlichter der Mutter und dem wohlgezählten Dutzend Enkelkindern segnend die Hand aufs Haupt legte, oder ob die Mutter tapfer im Leben hantierte und tapfer das Leben regierte: alles ivar jüdisches Milieu. Ja, und noch einmal ja: die Mutter! Das Büblein schritt kräftiger aus, als es ihrer gedachte und lachte glückselig in sich hinein! Das ivar eine Staatsfrau und eine Jüdin, mit der man Staat machen konnte. „Nicht unterkriegen lassen,"' das war wohl tfjr erster Wahlspruch. „Uno Gott vertrauen," das war chre zweite Devise. „Aus vollem Herzen und aus klugem Kopfe spenden," war ihre dritte Gepflogenheit. „Und in diesem und jenem und allem Ihm zu Gefallen und Jhnr zu Willen leben," das war ihr oberster Leitgrundsatz. Das ganze Dorf vergötterte sie, von Groß bis Klein, von Alt bis Jung. Hatte einer Herzensnöte: die Edel Auerbacher mußte schlichten. Oder war der Beutel lcel — von der „Edel" — so traulich benannte man sie — nahm man gern, denn man wußte, daß ihr klarer Sinn Knoten leicht entwirrte, wußte nicht minder, daß ihre gütige Milde den Armen bereitwillig auf die Füße stellen half, ohne ihn vorher zu erniedrigen. Wie war's doch gleich mit dem Jörg Toni, von dem im vorigen Herbst die köstlichen Zwctscheu kamen, deren Erinnerung dem Knaben im Vorwärtslaufen das Wasser im Munde zusammentrieb? Der kam verzweifelt zur Mutter, jetzt um Pfingsten habe cs auf die Zwetschcnbäume geschneit, die in voller Blüte ständen, und das ganze Dorf schüttele den Schnee rasch ab. Und die Mutter: „Jörg Toni, wenn man den Schnee abschütteln könnte, ohne daß dabei die Blüten abgchcn, dann wärs schon recht, aber wenn Du den Schnee abschüttelst, bekommst Du ganz gewiß keine Zwetschen, wenn Du ihn aber liegen und zergehen lässest, wer weiß? Der über uns, der den Schnee hingelegt hat, wird ihn auch wieder wegtun. Laß ihn nur dafiir sorgen!" Und niemand erntete Zwetschen, als er. Hilf, Mutter! Bald hätte Berthold das laut hinausgeschrieen. Denn er war noch ein tüchtiges Stück von Horb entfernt, und die drei Buben, die ihm da entgegenkamen, sahen nicht eben aus, als ob sie Gutes im Schilde führten. So wars auch. Sic warfen ihn zu Boden und verlangten ein Glaubensbekenntnis von ihm, 'das er nicht leisten konnte und durste. Raubrittermanier. Spanische Folterart. Sie fesselten ihn mit Stricken und drohten, ihn so liegen zu lassen, wenn er ihnen nicht sofort zu Willen sei. Er weigerte sich. „Warum?" „Weil ichs nicht glaube," war seine seste und mutige Antwort. Das große Glaubenswerk wird vollbracht, er bleibt mutterseelenallein und gebunden in der Dämmermrg und noch bei Nacht auf der einsamen Landstraße, von niemanden gesehen und dank dem nahen, stark rauschenden Wasser von niemandem gehört. Mutterseelenallein! Die Mutterseele allein hatte ihm Kraft zu diesem kleinen Martyrium gegeben. Endlich ists überstanden. Der Hund seines Onkels hatte ihn gewittert und entdeckt. Und nun wurde er auf einem Bierwagen heimgefahren. Aber Nordstetten ließ so etwas nicht auf Ich sitzen. Nordstetten läßt seine Landsleute nicht ungestraft vergewaltigen und heimtückisch mißhandeln. Wie ein Mann rückte die ganze Dorfjugend, unterschiedslos welcher Religion angehörig, gegen üie verhaßten Horber zu Feld und zerblüuten den Rädelsführer des Ueberfalls gründlichst. Und das war ein glänzendes und unzerreißbares Band, das die Nordstetter damit in das Herz ihres größten Sohnes tmd nachmalig berühmten Erklärers und Verklärers geschlungen hatten. Und es war zugleich ein Keim für sein Universalgefühl und seine glühende Vertrauensseligkeit. * Bis zur Barmizwoh, int Februar 1825, vertieften und ergänzten sich die nachhaltigen Eindrücke Auerbachs. Tann schrieb der modern gebildete, vielleicht sogar verbildete, pädagogisch entschieden umsichtige Lehrer Frankfurter als erkorenen Beruf dem KÄaben wohl ins Abschiedszeuguis' Rabbiner. Hechingen, das 2310 Einwohner zählende „Kleinresidenzlingen" des erlauchten Fürstcngeschlechts derer von und zu Hohenzollerir-.Hechiugen, nahm ihn ins Beth Hamidrasch auf. Freiheitsdrang und Weitendrang vermeinte der geistig natürlich noch unfertige, erst weiterer Entwicklung harrende Knabe im Studium jüdischer Lehre nicht befriedigeir und erfüllen zu können — augenscheinlich weil sein Lehrer nicht der richtige Wegweiser zur wahren Freiheit und zur rechten Weite war. Inzwischen eingetretene Verarmung seiner Eltern machte ihm das Leben dort und mehr noch in Karlsruhe recht sauer. Von Karlsruhe stammt die bis zu seinem Tode währeitde innige Verbindung mit dem durch den gemeinsamen Briefwechsel zu sozusagen historischer Berühmtheit gelangten Jakob Auerbach. In Stuttgart vollzieht sich 1830 der Wendepunkt für sein Schicksal, ein beginnender innerlicher Bruch mit der jüdischen Tradition, ein reifender Entschluß, die Rabbinerlaufbahn zu verlassen. (Schluß folgt.) Palestine Land Development Company. Auf vielfache Anfragen teilen wir mit, daß laut beifolgender Aufstellung bis zum 1. September für die P. L. D. C. Lstr. 3613, und zwar von 1352 Aktionären gezeichnet sind. Wenn diese Summe mich zweifellos genügt, um die Lehrfarm in Kinereth (Duleika) in dem von uns beabsichtigten Umfange ausbauen zu können, so wird sie jedoch hierdurch erschöpft und kommt also zur Ausführung des Hauptpunktes unseres Programms nicht in Betracht. Unser wichtigster Zweck besteht bekanntlich darin, größere Terrains für eigene Rechnung zu erwerben, zu ameliorieren, zu parzellieren und sie stückweise wiederzuverkaufen oder auf langjährige Fristen zu verpachten. Selbstredend denken wir dabei nicht nur an die Zöglinge unserer Lehrfarm, sondern vor allem an die vielen vermögenden Bewerber, die sich täglich an uns wenden und ihr Kapital und ihre Arbeitskraft in den Dienst der palästinensischen Landwirtschaft stellen wollen, jedoch als Einzelpersonen oder kleine Gruppen nicht in der Lage sind, sich mit dem komplizierten Terrainerwerb zu befassen und außerdem nur in den seltensten Fällen passende kleine Grundstücke von den bisherigen Besitzern erstehen können. 4785