Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 33 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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zu Nr. ZZ tfes KMfnrler IjmekWm MmilimklMs. Soden i. T. — ein Badebrief. Von Maxime Le M a l t r e. . Zwischen den Bergen liegt immer der Winkel, wo alte, gebrechliche Inden senfzend umherirren. Und bis über die Berge trägt der Wind den Widerhall der Seufzer ans gebrochener Menschenblust. Hier in diesem Tale schleichen sie nmhcr, diese gebrochenen Gestalten. Nicht vier Wochen Ruhe und Erholung von 46 Wochen Arbeit suchen sie hier — hier int tiefen Tal, wo nur ein milder Südwind weht, >vo erquickende Sonnenstrahlen die Wiesen küssen und der Morgentau der Blume im Lichte der Sonne blinkt. Leisen Schrittes ziehen sie einher, gebeugten Hauptes und mit gefurchter Stirn — sie ziehen zu den Quellen des Heils und zu den Brunnen, deren Wasser Gesundheit spenden. Nicht Vergnügungssucht und Lust zu Schwelgerei hat sie in dieses stille Tal gebracht, sondern gebrochene Kraft — gebrochene Menschenkraft und des Lebens schwere Menschenplagen haben sie aus ihrem engen Gemäuer hierher gelockt, um Genesung für ihren Körper und Heilung für ihren Leib zu finden. — Jedem der hier mit dem Brunnenglas in der Hand schleichend Umherziehenden brennt irgend eine alte Wunde. Und diese brennende Wunde, glauben sie, löscht nur des Brunnens heilspcndendes Wasser. Wie oft ist diese Wunde ein Vorbote des Todes? Nicht Ivenn die Sonne den Zenith erreicht, sieht man sie ausziehen — fürchten sie des Tages höchste Glut? Bei Sonnenaufgang wagen sie sich erst aus ihren Gemächern heraus. Am frühen Morgen eilen sie zu den Wassern — an des Tages Schwelle. Und am Tage hoffen und warten sie. — Hat dir, gebrochener Jude, der Tag keine Genesung gebracht, die 'Sonne deine Schmerzen nicht gelindert, das genossene Wasser deine brennende Wunde nicht gelöscht, so ist noch die Hoffnung immer nicht verloren. Bald geht der Tag zur Neige. In der Vordämmcruug offenbart sich seinem Auge die untergehende Sonne in der Gestalt eines blutroten Feuerballes; bald ringt die Nacht ' sie nieder, schon ist der letzte Strahl hinter den Bergen verschwunden. Der Abend zieht ein nach einer farbenreichen, stimmungsvollen Dämmerung, und hieran der Schwelle von Tag und Nacht — Ttctdfj großem 'Wechsel und Geschehen regt sich wieder die Hoffnung in der kranken Brust des greisen, gebrechlichen, dahinschleich enden Juden. Und wieder zieht er zum Brunnen, denn Hoffnung und Zlhncn durchzittert sein wundes Herz. Und so sitzen sic in stiller Dänimerung an den Wassern der heilspendenden Brunnen und lassen sich vom nrilden Abendwinde Trost zusprechcn. Sind >vir am Tag nicht genesen, hat uns sein Licht kein Heil gespendet, so kann uns die Nacht Gesundheit bringen. In der Nacht wird alles geschaffen, alles Wachsen und Werden birgt sie in ihrem Schoß. Denn sie lispelt Rätsel, spinnt Träume, und in Älbwesenheit des Lichtes webet sie ihre Lebcnsgedankcn. Und >venn das Leben den Tod vertreibt, vielleicht vertreibt sic auch die Vorboten unseres Todes? * * * „Sie sind Wohl aus Rußland?" Und er antwortet: „Ich bin aus Rußland, habe Weib und Kind und Schwindsucht dazu. Ich bin aus Rußland, habe Weib und Kinder zu Hause und in Amerika, im Gefängnis und in der Fabrik, viele Kinder und wenig Geld, ich habe viel gearbeitet und hatte kein Brot, und meine beste Kraft verzehrte der Wind. Was ich gesehen, war Not; was ich geatmet, war Elend. Viel Arbeit und kein Geld, viel' Kinder und viel Armut! Sie sehen, jetzt bin ich grau, obwohl noch kaum vierzig — Armut und Sorge und Schwindsucht dazu. Und hierher bin ich gekommen — in der Hoffnung — keine jungen Waisen zu hinterlassen — in der Hoffnung." Und langsam bringt er das Glas an den Mund, tut einen schwachen Schluck und seufzt — in der Hoffnung. — Sein Knrgenosse aber ist ein junger Mensch, ans dessen fahlem, hagerem Gesicht der Tod schon seiit Siege! aufgedrückt. Das Auge ohne Leben, das Antlitz ohne Ausdruck. Er sitzt in sich zusainmengekauert, als wenn ein Alp auf seinen Schultern lasten würde. Ein zerknirschtes, gebrochenes Geschöpf. Die Hand zittert, wenn er das Glas an den Mund bringt, inid er gehört zu jenem Stamm, die nicht mehr gehen, sondern schlottern. Gleichgültig hört er die Rede des Alten, ohne jedes Mitgefühl, ohne jedes Bedauern. Kennen Tote Mitleid? Tot ist er, nur noch nicht gestorben. Aber die Alten flüstern sich zr>: „Er ist verheiratet und Vater von Kindern, und lvenn er stirbt, treten seine Kinder ein Erbe an — seine Schwindsucht." Jüngst, es war an einem regnerischen, kalten Dienstag, begegnete er mir am Brunnen und sprach zu mir: „Ich lvcrde bald sterben. Sehen Sie, dieser dicke Herr, der augenscheinlich vor Gesundheit strotzt, ist ein Graf und ein Würdenträger, und auch er wird bald sterben; vor dem Tod sind w i r alle gleich, das ist mein Glück. Ja, ivenn ich allein sterben müßte? Alle«! sterben und alle am Leben lassen?" Sprachs und verschwand. So hat auch der Tod seinen Trost und das Elend seine Majestät. ~ -i- * * Jmmcr tiefer sinkt die Nacht. Ihr Himmel ist tiefbelvölkt, sternenlos und gleicht einein schivarzen Leichentuch. Eine schaurige Einsamkeit, cm rätselhaft stummes Schweigen verbreiten ihre Schrecken. 'Die alten, ziveigereichen Bäume längs der Chaussee und des Kurparks stehen stumm und unbeweglich, als wären sie 'vor der Angst nächtlicher Einsamkeit erstorben. Die Erde ist schivarz und 'feucht, und banges Walte» ist ausgegossen auf dieses "stille Tal. Stumme Nacht — bange Nacht. Aber die törichten Menschen, sie wollen den Lauf der Dinge andern, und Friedhöfe wollen sie umwandeln in Horte der Lust und des Gesanges. Da oben am Berge leuchten zivei Lampen, deren durch die Finsternis der Nacht matt getvordcnes, gebrochenes Licht vom nächtlichen Dunkel verschlungen wird, gleich dem spärlichen Kerzenlicht in einem großen, finstern Keller. Aber nicht genug damit; oben schmettern die Fanfaren, und im Lichte — der Nacht hört es sich so bizarr, so grell, so katzenjämmerlich an. Was wollen die Husaren in dieseni schivcigsamcn Tal? Wozu Glühlampen auf dem Friedhof? Menschentorheit, Eitelkeit der Eintagsfliege. Dumm, dumm, gottlosdumm — so die großen Herren und schönen Damen, die nicht Tuberkulose und Herzkrankheit hierhergebracht, sondern die Schwelgsucht hierhergetrieben. „Lustig" ist ihre Parole. Mag eine Totenstille über dem Tale ruhen, mag nächtliches Dunkel und nächtliche Verschwiegenheit Schweigen gebieten, mögen mit dem Tode Ringende sich nach Ruhe sehnen — geflötet muß werden. Husar! Du trommelst, oder ich reiße ans! Aber den Bewohnern des Tales sind diese banalen Ruhestörer lieber und tvillkonlniener als die Kranken und Gebrochenen, die Hier Heilung und Genesung suchen. Daher wird niusiziert, und sie musizieren so elend, so husarenmäßig, daß die Musik zur Ortsplage ivird. Und im Rausch dieses Trommelns und im kleinen Kreise dieses spärlichen matten Lichtes lustwandeln große Herren und schöne Damen als gelte es, gegen die Natirr zu rebellieren. Aber auch die verstehe ich. Vor Langeweile und Trägheit sucht man die schweigsame bange Nacht in einen Palast der Lust nmzuwandeln, um die Schauer der Friedhosseinsamkeit mit Licht zu begießen. So ist der Winkel zwischen den Bergen ein Hort der Hoffnung und der Genesung für gebrochene Menschen, für kranke, dahinschlotternde Juden aus dem Lande, >vo das Elend von den Wänden schwitzt, aber auch eine Stätte des Müßigganges und der Trägheit für Menschen, die vor lauter Langeweile ani Trommeln der Husaren sich ergötzen. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Für den Nationalfonds gingen bei der Expedition ein: Selmar Geis statt Depesche Hochzeit Edmund van Cleef / Else Löb, Emden 0,50 JL Dr. Leczynsky und Frau, Berlin statt Depesche Hochzeit Dr. Siegfried Schwarzschild/Bertha Birnbaum!,— „ Beim Festessen gesammelt aus den Namen des Herrn Oberkantor Fabian Ogusch 3 Oelbäume 18,— ,, Z. N. gratuliert Frau Lea Bamberger zum Geburtstage 0,30 ,, Saly Geis statt Depesche Hochzeit Gella Fromm/Simon Sacmann 0,30 ,, S. H. Goldmann gratuliert Oberkantor Ogutsch zum Jubiläum 0,50 ,, Materialien: (U/i Kilo feines Staniol) Eugen Gumpcrt, Wongromitz, Poststr. 2 und Josef Foerder, Wongrowitz, Markt. Bei der Nationalfondskommission gingen für den Nationalfonds ein: S. Kaufmann, anläßlich der Geburt eines Sohnes 20,— JL N. Schiratzki, anläßlich der Barmizwoh seines Sohnes 6,^ „ Für die Misrachischule von Leopold Oppenheimer statt Depesche Hochzeit Hermann Eschwege, Frankfurt / Paula Wertheimer, München 1.— „ Köln a. Rh. Die am 11., 12. und 13. August hier getagt habende Zionistische Ja hreskon seren z hat folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Die in Köln versamnielte Jahreskonferenz begrüßt freudig die von Sr. Majestät dem Sultan gewährte Neuordnung der Verhältnisse inr türkischen Reiche, indem sie der Hoffnung und dem Wunsche Ausdruck gibt, daß diese zur Festigung des Reiches beitragen und das Wohl seiner Völker fördern wird. 2. Die S ch e k e l s a m m l u n g hat überall sofort mit dem Beginn des neuen Schekeljahres einzusetzen und spätestens bis zum 1. Mai beendet zu sein. 3. Sämtliche Landesorganisationen und Föderationen sind verpflichtet, ohne die andere zionistische Arbeit einzuschränken, die Sammlungen für den Parterfonds in ihrem Bezirke in kürzester Frist auf die Höhe zu bringen, die der Zahl ihrer Scheketzahler entspricht. 4. Eine ständige Finanzko in Mission aus den Herren Dr. Wolf Friedemann, Boris Goldberg, Dr. 'Arthur Hantle, Dr. Hans Gideon Heymann, Professor Dr? Arthur Mahler und Friedensrichter Jakob Moser, die das Recht der Kooptation haben, wird eingesetzt, um der nächsten A.-K.-Sitzung einen Plan zur Ausgestaltung der zionistischen Finanzen zu unterbreiten. 5. Die Jahreskonferenz beauftragt den Aufsichtsrat und das Direktorium der I ü d. Kolonialbank» dem engeren Aktionskomitee einen Betrag von 2000 Lstr. aus ihrem „Reservefonds II für Inhaber von verfallen erklärten Aktien" zur Verfügung zu stellen. 6. Die Jahreskonferenz verlängert das 11. Kongreß-Schekeljahr bis zum 1. Oktober 1808 und fordert die Landsinannschasten auf, die Schekelsammlung für dieses 11. Jahr bis zu diesem Termine energisch fortzusetzen und deren Ertrag dem Engeren Aktionskomitee abzuführen. 7. Der Finanzkommission wird zur Erwägung überwiesen: Die Jahreskonferenz ersucht das Direktorium der I ü d. K o l o n i a l b a n k, die Statuten derart zu modifizieren, daß die drei Fahre nach Dividendenerklärung nicht abgehobenen Dividenden zur Berfallung erklärt werden und zur Verfiigung des Aufsichtsrates stehen sollen. 8. Die Jahrcskonferenz beschließt, einen Palästinakulturfonds zu begründen. Derselbe soll 1. aus einem eisernen Fonds bestehen, welcher erst dann in die Erscheinung zu treten hat, wenn 100000 Mark beisammeir sind; die einzelnen Beiträge zu diesem Fonds müssen sich auf inindestens 100 JL belaufen, und es dürfen nur seine Zinsen anfgebraucht werden; 2. aus einem anderen Fonds» der die kleineren Beiträge umfaßt, von welchen nur 50»/« der jährlichen Eingänge verbraucht werden dürfen. New-Aork. Teilnehmer an der jüngst stattgehabten Jahreskonferenz der amerikanischen Zionisten haben ein Programm für eine Palästinareise von 100 Kaufleuten auf gemeinschaftlicher Basis aufgestellt. Es sind bereits zahlreiche Anmeldungen eingelausen^ und es 4785