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Neue jüdische Presse · 1908-07-31 · Heft 30 (31.7.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 30 (31.7.1908)
Date
1908-07-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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" " .. M Nr. ZO des Frankfurter WMslKm #ami(ien6(atfes. Warum wir trauern. Zum 9. Aw. Es war ein Tag voll Sonnenschein und voll Glück. Die Reben dufteten und prangten in grüner, labender Pracht. Das Getreide wogte ringsum in stolzer, sicherer Fülle. Liebliche Jungfrauen tanzten einen züchtigen Reigen. Bedächtige Männer und kraftvolle Jünglinge ivalltcn in Scharen zum Tempel, heilige Glut im Herzen, heiligt Glut ini Antlitz. Wer sie von weitem sah, neigte sich ehrfurchtsvoll vor ihnen. Und sie neigten sich vor ihrem Herrn und Gebieter, dem sie eine köstliche Ruhestatt auf Erden bereitet hatten. Eine Ruhestatt, so fein und so edel, so leuchtend und so geborgen. Da flohen Schatte» hinein in den Sonnenschein. Da ballten sich Wolken am Himmel. Schwere, schwarze Wolken. Wetterkundige hatten sie voransgesagt. Männer, die dem großen Wettermachcr droben nahcstandcn. Männer des glühenden Ernstes und der nrächtigen Liebe. Hatten geiveint und gefastet und gezürnt und gefleht, man solle dein steten Sonnenschein nicht zu viel vertrauen. Man solle nicht zu üppig werden und solle sich läutern. Läutern, um klar und lauter des klaren, lauteren Sonnenscheins würdig zu bleiben. Umsonst. Und immer massiger türinten sich die Wolken und inlincr dräuender umlagerten sie das Heiligtiinr. Das Heiligtum, das Fundament und zugleich Giebel der ganzen Welt war. In dem der Baumeister der ganzen Welt einen Thronsitz aufgeschlagen hatte. Und plötzlich — ein Blitz! Ein greller, langer, furchtbarer Blitz' Wie keiner vor ihm und keiner nach ihm! Und er drang in den Gottestempel, dem der Baumeister mit weinendem Herzen entwich. Und er leuchtete scharf und hell in alle Ecken und in alle Winkel. Und er ließ in düsteren Flammen anslodern den gewaltig ragenden Bau. Der das Glück und die Kraft eines ganzen Volkes cingeschlossen und bewahrt hatte. In den Flammen tanzten jubelnde, grauenhafte Nachtgcstalten. Heidnische Frevler und Buhler. Die zu Boden geschnicttert worden wären, hätten sie sich früher nur in de» Umhof des Heiligtums gewagt. Und die nun das Recht hatten, es zu betreten, es zu entweihen, weil der Baumeister hatte zu Grunde gehen lassen und gehen lassen müssen, was Er gebaut. * Und Er? Der Baumeister? Der alle Menschen baut und beseelt? Der den Lehm formt zum Gebilde? Der ihm dann mit Seiner schöpferischen Werdekraft Geist und Seele einhaucht? Und der mit so besonderer Liebe und Umsicht, mit so besonderer Weisheit und Gnade Israel geformt und beseelt hat? Und nun? Muß zusehcn. wie Sein Lieblingswcrk, an dem Er Jahrhunderte geknetet und genieißelt hatte, an dessen Anblick Er sich geletzt, an dessen Seclenausdruck Er sich ergötzt hatte, zerschlagen und zertrümmert wurde. Wie rohe Fäuste cs in Stücke hieben. Wie viehische Lust ihm die Eingeweide herausriß. Welcher Schmerz! Welcher unfaßbare, menschlich unausdenkbare Schmerz! — Und welcher fortgesetzte, nimmer endende, zum mindesteu noch nicht beendete Schmerz: „Demi cs. gibt keine Vergeßlichkeit vor Ihm!" Daß Ihm, dem Meister, die Blüte 'Seiner Arbeit vernichtet wurde. Mehr noch, unendlich mehr noch: daß Ihm, dem Vater, tausende und abertausende von Kindern grausam erschlagen wurden. Kinder, die selbst und noch in ihren Kindeskindcrn Ihm hätten unsägliche Liebe erweisen, unsägliche Freude hätten machen können. * Und in Seine Trauer mischt sich die unsere. Denn auch wir lieben unseren Vater, lieben Ihn mit ganzer Glut und mit ganzer Innigkeit. Und wir sollten an Seinem Schmerze nicht teilnehmcn? An Seinem großen, unermeßlichen und nie verwundenen Schmerz? Und sind ivir denn nicht auch überlebende Brüder und Schwestern? Brüder und Schwestern der Gemordeten, der Verstümmelten, der Zerstückten? Brüder der ehrwürdigen Träger und Helden der Thauro, deren Leichname dem Gewild des Feldes zum Fraß hingeiovrfen wurden? Der hoffnungsvollen Jünglinge, die den festen und markigen Stamm unseres Volkes hätten werden können? Schwestern der sittenreinen Jungfrauen, die vertierter Wollust zum Opfer sielen? Der keuschen, sanften Frauen, aus denen ganze Geschlechter Judas Hütten entsprießen können? Und wir sollten nicht auch trauern an der Bahre der Dahingeschiedencn? Sollten! nicht Hcrzblutzähren vergießen und jammern über ihren Tod? Und dazu noch das herbe, bedrückende, peinigende Gefühl unserer eigenen Sündhaftigkeit! Das Bewußtsein, daß 'wir allesamt uns bei Weitem noch nicht genügend cmporgcrnngen haben, um dem Baumeister Gelegenheit zur Wiederaufrichtung Seines Heiligtums zu geben. Tenn kein Sterblicher ist der Baumeister, der Zerschmettertes zerschmettert lassen muß. Er ist allmächtig und allkräftig. Miriaden von Toten kann er Glied an Glied wieder anreihcn, Glied zu dem dazu gehörigen Glied fügen, und dieselben Trümmer kann Er wieder zusammensetzcn, herrlicher und leuchtender und dauerhafter zusammcnsetzen als je. Aber ach! die Hände sind Ihm gebunden durch unser Tun. Er hat nicht freien Spielraum, kann nicht schalten und walten, wie Er möchte, wie das Herz drängt und treibt, kann nicht ausbauen die Trümmer zu ragendem Palaste, kann nicht Erschlagene neu beleben, kann nicht unser geächtetes und getretenes Volkstum wieder geachtet und gefürchtet hinstellen, weil wir dessen noch nicht wert sind. — Und nicht zum mindesten darüber wollen wir trauern. Und wenn uns die anderen Arten von Trauer, die Trauer um den ungeheuren Schmerz des -Vaters um seine grausam gemordeten Kinder, die Trauer um unsere heißgeliebten Brüder, fesseln und lähmen und zu Boden ziehen, diese letzte Art der Trauer soll uns spornen und aufrichten. Spornen zu mannhafter Tat an uns selbst, in uns selbst, aufrichten zu einem freieren, reineren Leben, damit bald n n r n o ch E r i n n er u n g uns wird, w a s jetzt harte, fur ch tb arc Gegcnw art ist. P. AuS den Vereinen. Frankfurt a. M. Das „Mäd chenstift" »Borsitzender: Almtsgerichtsrat Dr. Ernst Levi) versendet seinen Rechenschaftsbericht für die Jahre 1905/07. Wie 'Bei den meisten jüdischen Wohltätigkeitsinstitntionen ist anch hier eine Bermindernng der Mitgliederbeiträge zu' verzeichnen; diese betrugen 1905 3026 Jk, 1906 2964 Jk und 1907 2840 Jk Als Vermächtnis seiner am 1<. November 1906 verstorbenen Ehrenvorsitzenden Frau Charlotte Speyer geb. Stern fielen dem Mädchenstift 80000 Jk zu. Von den Mädchen, die in dem Stift Aufnahme fanden, bildeten sich 17 zu Comptoiristinnen, 6 zu Putzmacherinnen, 4 zu Verkäuferinnen, 4 zu Schneiderinnen, 2 zu Sängerinnen, 1 zur Kindergärtnerin und 1 zur Lageristin aus. Bochum. DerZentral-Armen-Verband der Synagoge »gemein den Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Hanrm, Hoerde, Mülheim-Ruhr, Steele, Ruhrvrt, Wattenscheid und Witten hielt hier seine 27. Generalversammlung ad. Liebenfeld -Bochum referierte über das Hilfswerk für die russischen Rückwanderer, er gab Kenntnis von den Verhandlungen, die in Gemeinschaft mit maßgebenden Herren aus Hannover und Ko»» von Vorstandsmitgliedern verschiedener größerer Gemeinden Westfalens gepflogen waren, um eine wirksame Hilfeleistung für die rückwandernden Russen in die Wege zu leiten. — Feilchenfeld-Köln teilte die Gründe mit, die es wünschensivert erscheinen lassen, eine Organisation zu schaffen, welche die Beförderung der Rückwanderer von der rheinischen Anslandsgrenze durch direkte Fahrkarten von Alachcn bezw. Köln bis Hannover in die Wege leiten soll. Für die Rheinprovinz ist eine derartige Organisation bereits geschaffen, die von der Alliance Jsraelite und dem Hilfsverein deutscher Inden durch größere Zuwendungen gefördert wird. Die im vorigen Jahre ausgesprochene Befürchtung, daß sich die Zustände in Rußland und Rumänien vorab nicht bessern würden und dadurch eine Albnahine der Rückwanderer anzunehmen sei, hat sich in vollem Umfange bestätigt. Die Zahl der Unterstützungsnehmer blieb die gleiche wie im Vorjahre und betrug 2197 Personen, und zwar 1667 Männer, 257 Frauen und 273 Kinder. Die Ausgaben betrugen im abgelaufcnen Geschäftsjahr 5085 Mark, macht für jede Person durchschnittlich 2,31 Mark. Ihrem Berufe nach waren 821 Handwerker, 270 Arbeiter, 250 Kaufleute, 212 Hausierer, 94 Lehrer, Rabbiner und Künstler und 550 ohne Beruf. Heimatsberechtigt waren hiervon 273 in Deutschland, 379 in Oesterreich-Ungarn, 1456 in Rußland und Polen und 89 in anderen Ländern. Bei Festsetzung der Geschäftsführung für das nächste Jahr wurde dem Vorort .Bochum die Befugnis zugesprochen, falls der aufgestellte Etat nicht ausreichen sollte, von den Gemeinden des Verbandes eine Erhöhung der bisherigen Pflichtsumme von 15 Prozent zu erheben. - Aus der Geschäftswelt. Die bekannte Firma M. M. Rapp-Frankfurt am Main ist als General Vertreter der neubegründeten Singer-Werke, G. m. b. H. nrit einer neuen Pflanzenbutter „Al r t o l“ auf den Markt gekommen. Der reiche Absatz, den dieses Produkt in der kurzen Zeit seines Bestehens in den nreksten jüdischen Familien gefunden hat, verbürgt schon allein seine hervorrageild gute Qualität. „Artol" entspricht den 'weitgehendsten rituellen Alnsprüchen, da es die einzige Pflanzenbutter ist, die dem Rabbinat der Frankfurter israelitischen ReligionSgesellschast (Dr. S. Breuer) untersteht, eicthält keinerlei tierische Bestandteile, sodaß sie sowohl für Milchals auch Fleischspeisen verwendet werden kann und hat sich zum Braten, Backen und Kochen glänzend bewährt. Auch wird allenthalben freudig begrüßt, daß dies Produkt, seiner weichen Beschaffenheit wegen, auf Brot streichbar ist, und dem Geschmack von Naturbutter fast gänzlich gleichkommt, obwohl cs dieser gegenüber die Hälfte Geldersparnis bietet. Zahlreiche Gutachten ärztlicher Alutoritäten empfehlen die neue Pflanzenbutter auf Grund ihrer leichten Bekömmlichkeit, und dürfte „Artol", das so viele Vorzüge auszeichnen, bald in jeder jüdischen Familie ein unentbehrlicher Gebrauchsartikel werden. Briefkasten. F. G. Ihre Vermutung, daß Rußland infolge seiner Geldnöte die öffentliche jüdische Meinung wieder günstig fiir sich stimmen will und aus diesen Motiven heraus seine Verhandlungen mit dem Präsidenten der zion. -Organisation zu erklären sind, mag manches für sich haben. Der eigentliche Grund wird jedoch der sein, daß Rußland z»l einer Lösung seiner Judeufrage mit Macht gedrängt wird und von der zionistischen Bewegung diese Lösung, die es durch Pogrome vergeblich erstrebte, erhofft. Kunst und Literatur. „P a l ä st i n a". Monatsschrift für die wirtschaftliche Erschließung Palästinas. Zeutralorgan der jüd. KolonisatiouSbewegung im Orient. Felix Teilhaber, München, Pettenkoferstraße 25. Inhalt des 4. Heftes: Dr. med. Rahel Straus: Frauenarbeit in Palästina — Pastor Eberhard: Die Bedeutung der Palästiuaforschung für die Bibel — Dr. Josef Carlebach: Ein jüdisches Lehrerseminar — Die jüdischen Hotels — Vom jüdischen Frauenbund — Vom Herzlwald — Neue Wege — Aus den Kolonien — Handel und Verkehr nsw. usw. Vereins-Kalender. Bergnügungs-Club junger Leute. (Gegründet 1907). Samstag, 1. Alugust, abends 10 Uhr: MonatS- Verfammlung im Hotel König von England, Battonstraße 70 I. Berguüguugs-Gesellschaft junger Leute. (Gegründet 1893). Samstag, 1. August, abends 10 Uhr, Restauration Jos. Seligmann (Bereinslokal), Klingerstr. 28: Monatsversannnlnng. Carl (»rebenan, f069. 3unelen. Übten, sollu. Silbetmaten. Auswahlsendungen gerne zu Diensten. 4785

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