Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 25 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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M Nr. 25 rfes FrEküer llmetififfa FamilienklaM. Inhalt der Beilage: Artikel: Epilog zum elften Delegiertentag der deutschen Zionisten. — Jüdische Bolkstheater. — Personalien. — Ausderzionistischen Bewegung. — Ans d er Lehrerw elt. — Sprechsaal. E-tlog zum elften Delegiertentag der deutschen Zionisten. Das Charakteristikum des elften deutschen Delegiertentages ist die „Gegenwartsarbeit". Doch nicht Gegenwartsarbeit als S e l b st z w e ck, sondern Gegenwartsarbeit als Mittel zum Zweck! Der Zukunft, der jüdischen Zukunft inr Lande der Väter, soll die Gegenwartsarbeit als Mittel dienen. Eine Zukunft ohne Gegenwartsarbeit kann nur ein Phantasiegebilde bleiben, und die Zionisten sind aus dem Stadium der Phantastereien längst heraus, sind schon längst zu der Einsicht gekommen, daß die Realisierung einer Idee in der Zukunst nur auf Grund einer rationellen, intensiven Arbeit in der Gegenwart denkbar ist. Der Zionismus erstrebt die friedliche Zurückeroberung der alten jüdischen Heimat. Doch zur Verwirklichung dieses Zieles muß das jüdische Volk zur nationalen Idee erzogen werden, damit der Wille zur Selbständigkeit in ihm lebendig wird; um aber dies zu erreichen, nrüssen die Zionisten in den Gemeinden, in den Anstalten der Jugend und der Erziehung, kurzuni in der ganzen Führung und Leitung Israels festen Fuß fassen. Aus alledem ergibt sich von selbst die Beant« loortnng der Frage nach dem Verhältnis der Zionisten zur Gemeinde und zu allen großen jüdischen Korporationen. :; Der Breslauer Delegiertentag hat nicht gezögert, es klar und deutlich auszusprechen, daß überall dort, " wo jüdisches Leben ist, wo im Interesse der Wohlfahrt und des Bestandes des jüdischen Volkes gearbeitet wird, die Zionisten sich an erster Stelle zu betätigen haben. Heute, da der Zionismus sich bei allen noch jüdisch Fühlenden Achtung und Beachtung errungen hat, wird die Mitarbeit der Zionisten überall begrüßt werden. So sehr aber jede jüdische Betätigung im Interesse des Zionismus liegt, da sie jüdisch erzieherisch wirkt, so sehr muß er sich jedoch vor einer Zersplitterung seiner Kräfte hüten. Und eine Zersplitterung jüdischer Kraft würde es bedeuten, wenn der ' Zionismus sich bei uns in Deutschland in das parteipolitische Leben mengen wollte; sind wir Juden hier in Deutschland doch noch nicht einmal 1 Prozent der Bevölkerung! Man wird deshalb dem Delegiertentag allgemein zustinnnen, daß er eine Beteiligung der Zionisten als Zionisten am parteipolitischen Leben Deutschlands ablehnte. Ein sehr erfteuliches Bild von der zionistischen Tätigkeit in Palästina entwarf in einem gediegenen Vortrage Herr Professor Marburg. Er konstatierte bei dieser Gelegenheit mit Recht, daß die Unterstützung seitens der westeuropäischen Zionisten im Verhältnis zu der großen Aufgabe des Zionismus in Palästina eine geringe ist. Diese Tatsache ist sehr betrübend, besonders angesichts der starken Konkurrenz in der Erschließung Palästinas seitens der anderen Nationen, sie dürfte in der nicht genügenden Beschäftigung der Zionisten mit der zionistischen Sache ihren Grund haben. Zum Schluß wollen wir auf zwei sehr erfreuliche Momente Hinweisen, und zwar in erster Linie auf die Tatsache, daß es auch den radikalsten Zionisten, nicht einfällt, eine Verletzung der Tradi- .tion seitens des Zionismus zuzulassen, daß es für jeden Zionisten als selbstverständlich gilt, daß die Leitung und deren Institutionen sich, was die Religion anbelangt, nichts zu schulden kommen läßt. — Hier ein neuer Beweis, daß die Befürchtung unserer geschworenen Gegner von der „nationalen Reform" nichts als' eine böswillige Mär ist. Die zweite Tatsache ist der scharfe Tadel seitens des Delegiertenlages an die Zionisten Badens ob ihrer Zustimmung zu der Entrechtung der ausländischen Brüder, die sich in Baden aufhalten. Dies beweist, daß wirkliche brüderliche Solidarität nur im zionistischen Lager anzutreffen ist. Jüdische Bolkstheater. Ueber die Jargongesellschaften, die durch ihre Gastspiele nunmehr auch dem westeuropäischen Juden bekannter werden, saß man jüngst in einem jüdischen Blatte hart zu Gericht. Der scharfe Kritiker ließ sich schließlich zu der Behauptung hinreißen, daß diese Bestrebungen dem Judentume zum wirklichen Schaden gereichten. Nun: es mag ja sein, daß ein Unternehmen, welches der Verfasser des Aufsatzes bei seinen Ausführungen vielleicht speziell im Auge hatte, nicht sehr segensreich wirkte. Und er mag im Recht gewesen sein, wenn er diese zur Zielscheibe seines Angriffs machte. Läßt er sich aber dazu herbei, seine Pfeile — statt diese einzelnen Gesellschaften zu treffen — auf die jüdischen Theater im allgemeinen zu richten, so müssen wir ihm den Bogen aus der Hand reißen und ihm bedeuten: „Bis hierher und nicht weiter". Und dies ans mehreren Gesichtspunkten heraus. Erstens heißt diese Kritik das Wesen von Scherz, Humor, ja Satyre und Ironie — denen doch dieser Kritiker den Schaden für das Judentum zuschreibt — deren ganze Bestimmung durchaus verkennen. Und loäre es zum Anderen nicht im Gegenteil sogar nützlich für uns, sehen wir Auswüchse verspottet? Ganz besonders, wo es in witziger Weise geschieht, die eine befreiende, das Lachen hervorrufcnde Stimnnmg auslöst. Das ist ja das Eigene am Humor, daß er den Betroffenen selbst veranlaßt, das, was ihn getroffen, zu vergessen. Muß ich wirklich des Weiteren da? Gleichnis von Wilhelm Busch herbeiholen: von dem Böglein, das auf dem Aste, der unter ihm zersägt ist, sein letztes und frohes Lied anstimmt? Nein! Im Gegenteil! Es muß uns Allen freudig das Herz bewegen, wenn der Jude einmal abschüttelt das allgewaltige Leid, das ihn erdrücken will, einmal von sich wirft all den Schmerz, der in ihm rast, den er geerbt hat durch die Jahrtausende, der ihm als Patengeschenk mit in die Wiege gelegt wurde — einmal lächelnden Mundes vergißt, daß der Ast unter ihm zersägt ist, und frohen Gemütes — die Träne noch im Auge — durch ein Lied sich erheitert. Es ist so schön, jene naturwissenschaftliche Beobachtung, die an verschiedenen Tierkörpern gemacht wurde, von der man jüngst lesen konnte. Daß nämlich bei Eindringen von Gistkörperchen sich sofort Gegenkeime entwickelten, die mit dem Wachsen der Gifte sich auch entsprechend vergrößerten. Dieselbe sorgende Hand der Vorsehung möchte ich auch hier erblicken. Was wäre geworden, hätte das Äfft eines tausendjährigen Wehs seine ganze verderbliche Wirkung auf die Juden ausüben können und dies ungehindert. Wer denkt nicht an Shylock, das Phantasiegebilde eines Shakespeare, der eben nicht den Juden kannte: das Beispiel dafür, was ein solcher Jude geworden wäre. (Am prägnantesten hat es wohl Heine ausgesprochen, der auch das Judentum nicht recht kannte: Das Judentum sei gar keine Religion, sondern ein Unglück.) Dies Mes hätte den Juden erdrückt, besäße er eben nicht diese beispiellose Elastizität des Geistes. Und gerade jetzt kann man gegen die Ansichten des genannten Kritikers hier am besten die Probe aufs Exempel machen. — Es gastiert int ehemaligen Kaufmännischen Verein eine solche „Theatergesellschaft". Auch nach anderen Seiten hin wird man hier interessante Studien machen können. Vor allem findet man, wie in den Liedern immer vibriert jener traurige Ton, der uns zeigt, wie intensiv jene Wehmut der Zeiten ihre Spuren hinterlassen hat. Und man kann auch hier wieder die Beobachtung machen, die ich bei diesen Vorstellungen sür typisch finde, daß, kehrt einmal in der bunten Rechenfolge des Programms eine ernste Nummer wieder, auch der westeuropäische Jude, der das alte Judenleid hier in den „gesegneten Gefilden" fast nur noch vom Hörensagen kennt, wunderbar ergriffen wird. Diese Weisen lösen verwandte, wenn auch schlummernde Töne in seiner Seele. An dem jüdischen Humor ist ferner typisch diese Beharrlichkeit, mit der der Wch stets zum Gegenstand seines Spottes zurückfiihrt. Es würde zu weit führen, würde ich einige besonders charakteristische Beispiele anführen. Es waren vergangenen Sonntag viele Juden da, die kein Jargon verstehen. Diese Kenntnis ist aber fast gar nicht nötig. Man findet bald heraus, daß das Wesentliche die Empfindung ist, das Ringen, welches nach Ausdruck sucht. Die übermittelt sich jedem. Dafür ist typisch ein Lied: „As Moschiach wett kimmen". Ohne vielleicht die einzelnen Worte zu verstehen, fühlt wohl jeder das Eigentliche heraus, die große Sehnsucht tritt aus den Tönen hervor, aus dem ganzen leidenschaftlichen Bortrag. Die Mnstler, Herr Wassermann und Frau, Herr Mattüsar und besonders Herr Berger, erzielen trotz der einfachen Weise ihres Vortrags ohne jedes Hllfsmittel die überraschendsten Wirkungen. Die Figuren, die sie darstellen, sind plastisch durchgcarbeitete Typen, die jedem guten Lustspiel, woran es bekanntlich heute mangelt, die größte Ehre machen würden. Vielleicht habe ich Gelegenheit, von diesen Typen im Einzelnen noch ausführlich zu sprechen. Zu meiner lebhaften Genugtuung bemerkte ich unter den Zuhörern viele bekannte angesehene hiesige Juden. Hoffentlich folgen bald noch mebr diesem Beispiele. Die Leute, die aus Amerika kommen und auf einer Tour durch Deutschland begriffen sind, treten nämlich, wie ich höre, nächsten Sonntag wieder arff. Sie sind wirklich zu empfehlen. Denn sie sind Mnstler. Und ganz besonders, wo man heute so manche dilettantenhafte Darbietung über sich ergehen lassen muß, wird man dem zu Dank sein, der einmal etwas Besseres bietet. Will man also einmal einen von dem Wasser des Dllettanffsmus unberührten Wein genießen, dann gehe man zu "diesen Leuten. Es ist wohl auch noch Most dabei. Man wird nicht mit allem einverstanden sein. Dafür ist's aber auch Wein, und nicht Wasser. Perl... Persoiralieir. Berlin. Emil Hehmann. Jnbatzer beS Bank- Kaufes Meyer Cohn, erhielt den Charakter als Kommerzienrat. Professor Dr. Otto Pniower, Bibliothekar des Märkischen Museums, erhielt den Roten Adlerorben 4. Klasse. Der Deputierte Elio Mopurgo zu Rom, llnterstaatssekretär der Posten und Telearapüen a. D., erhielt den Kronenorden 1. Klasse. fL.) Posen. In Bleichen stark der Rentier Lipvmann Solinger im 71. Lebensjahr. Groß waren des Verschiedenen Verdienste um die Stadt und ganz besonders um die Svnaaogengemeinde. Bon Kindheit an war das Thoraitüdium seine Lieblingsbeschärtiaung. Auch dem Vaterlandwidmete er seine Kräfte und machte als Avancierter die Feldzüge mit Auszeichnung mit. — In Kosten feierte der Köniql. Kreisarzt, Geh. Mebizinalrat Dr. Lißner sein 50jähriges Doktorjubiläum. Neuß. B»rnhard C-bn. da? äfteste Mitali-d des hiesigen Kriegervereins, feierte in Rüstigkeit seinen 9 0. Geburtstag. Metz. 8. Zeliaznn Professor am biestaen Lyzeum, feierte sein 25jähriges Amtsjnbiläunt. Der Entwurf des Regiernngsbaufübrers Divl- Jngenieur Lucian Cromback in Zabern für das Gymnasium in Zabern wurde von dem Preisgericht für 500 Mk. anaekanst. Breslau. Landae-ichtsrat Dr. Weil seit keiner 1874 erfolaten Ernennung zum Assessor am Breslauer Amts- und Landgericht wirkend, ist in den Ruhestand getreten. 4780