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Neue jüdische Presse · 1908-06-12 · Heft 23 (12.6.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 23 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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p fit. 2Z des fcimfcfactec UrMWm #ami[ien6 Eaftes. Aus Bayern. Es gärt in Bayern. Wir stehen unzweifelhaft an einem bedeutungsvollen Wendepunkt der inneren und äußeren Verhältnisse der bayerischen Gcsamtjudenheit- Seit 50 Jahren war das allgemeine Interesse an der Entwicklung der Dinge nicht so rege, wie jetzt. Explosivstoff ist in Fülle aufgehäuft, es bedurfte nur eines Funkens, um ihn zu entladen. Das ist nun geschehen. Eine bedeutungsvolle Woche liegt hinter uns. Am Mittwoch, 27. Mai, tagte in Nürnberg die Freie Konferenz bayerischer Rabbiner. Nie vorher wurde mit solchem Eifer von hüben und drüben gekämpft. Alle öffentlichen z. Z. brennenden Fragen des bayerischen Judentums wurden behandelt, — es bedarf keiner Betonung, daß die augenblicklich am meisten im Vordergrund der eingehendsten Diskussion unterworfen wurden. Die Verhandlungen waren streng vertraulich, doch sei bervorgehoben, daß schließlich durch persönliches Entgegenkommen der verschiedenen Parteien ein einstimnnger Beschluß zustande kam, kraft dessen ein einheitliches Vorgehen der bayerischen Rabbiner für die kommenden Ereignisse gesichert ist. Die Rabbinerkonferenz bedeutete nur den Rasttag zu der Ausschußsitzung des bayerischen Landesvereins, die am 28. Mai stattfand. Die Beteiligung steht bisher beispiellos da. Sämtliche Raübinatsbezirke waren, z. T. durch mehrere Personen, vertreten. Die Beteiligung der Rabbiner war noch größer als tags vorher; ein einziger rechtsrheinischer fehlte. Das große Verdienst, das sich der 'Landesverein alljährlich um die kleinen Gemeinden erwirbt, ist bekannt. Zahlreiche Gemeinden wären nicht mehr existenzfähig, wenn ihnen nicht die alljährlichen Subventionen des Landesvereins zusiclen. Anderen, starkbclasteten, wird die Aufrechterhaltung religiöser Institutionen, Mikwah, Religionsschulegebrauchsfähige Thorarollcn usw. erniöglicht. Bauliche Reparaturen, Synagogenbauten, drückende Schuldenlasten übernimmt der Landesverein zum Teil. Daneben werden für Institutionen allgemeiner Art, Wohltätigkeitsanstalten, Lehrerkurse nicht unbedeutende Summen ausgeworsen. Alles in allem wurden dieses Jahr wieder ca. 11000 Mk. bewilligt. Nach Erledigung dieses Punktes folgte die Behandlung des Hauptpunktes der Tagesordnung, „Revision des bayerischen Judeuediktes 1813". Bei der prinzipiellen Wichtigkeit dieses Punktes und dem Interesse, das alle religiösen und gemeindlichen Faktoren an dem Ausfall einer etwa erfolgenden Aftion in der Richtung einer Revision des Ediktes haben, hatten in verschiedenen privaten Zirkeln Vorbesprechungen stattgefunden. Von den Rabbinern sprachen wir bereits. Aber auch die orthodoxen Vorkämpfer Bayerns, speziell aus München, Nürnberg und Fürth, nahmen Stellung zu dem einzuschlagenden Vorgehen im Landesverein, desgleichen auch die Liberalen. Besonders die letzteren hatten bereits alle Rollen siegesbewußt im voraus verteilt. Die Namen der auf 18 normierten Mitglieder der einzusetzenden Kommission brachte man in der Tasche mit. Die Herren scheinen der Ansicht gewesen zu sein, das Edikt scheine nur die liberale Judenheit anzugehen. Wenigstens glaubte man, mit dem einen auf der Liste figurierenden orthodoxen Mitglied (allerdings eine Zierde der bayerischen Orthodoxie, H. S. Fränkel in München) der Orthodoxie genugsam Rechnung getragen zu haben. Auch scheinen die liberalen Herren der Majorität der Ansicht gewesen zu sein, daß nicht in den Rabbinern die natürliche Vertretung des Judentimis zu suchen sei, sondern in den Juristen. Eine ganze Anzahl von Justizräten fungierte auf der Liste der Kommissionsmitglieder, während man den Rabbinern nur 6 Sitze großmütig zuerkannte. Daß es einen absurderen Gedanken nicht geben kann, als daß orthodoxe Rabbiner die Entscheidung über das künftige Wohl und Wehe unserer Emunoh hakedauschoh in die Hand von liberalen Justizräten legen — ist offenkundig. Darum lehnten denn auch alle als Kommissionsmitglieder oder deren Ersatzmänner gewählten orthodoxen Rabbiner das ihnen zugedachte Mandat ab. Rühmlichst sei hervorgehoben, daß auch sämtliche liberalen Rabbiner diesem Vorgehen sich anschlossen. Auch sie erklärten, eine Vertretung, die über die Entwicklung des Gesamtwesens des Judentums zu raten habe, könne als solche nur angesehen werden, wenn mindestens die Hälfte aus den natürlichen Vertretern, den Rabbinern, bestehe. Nur so sei von vornherein ein einseitiges Vorgehen verhindert. Aus dem geplanten bayerischen Judenparlament wurde somit gleich anfangs ein Rumpfparlament, da durch das Fehlen der Rabbiner dir geplante Kommission nur noch aus 12, statt 18, Mitgliedern besteht. Die Rabbiner streiken. Damit war die ganze Aktion auf einen toten Punft geraten. Der, wie hier ausdrücklich hervorgehoben sei, mft Sachlichkeit und Ilnparteiischkeit die Versammlung leitende Justizrat und Geh. Hoftat Josephsthal sah ein, daß das mit so großen Erwartungen eingeleitete Unternehmen nicht von Anbeginn ein solch klägliches Fiasko mit sich schleppen dürfe. Er brach mit Einwilligung der Anwesenden die Sitzung ab und vertagte sie auf September. Kommt Zeit, kommt Rat. Sieben Stunden hatte die Sitzung gewährt und trotzdem nmßte eine ganze Reihe äußerst wichtiger Punkte der Tagesordnung, wie z. B. Regelung der Gehaltsverhältnisse der Religionslehrer, der Lehrerkurse usw. unerörtert und für die kommende Fortsetzung im September verschoben bleiben. 11. Delegiertentag der deutschen Zionisten. Breslau, den 8. Juni 1908. Um kurz nach %10 Uhr eröffnete der Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Herr Rechtsanw. Dr. Bodenheimer, Köln, die Sitzung des 11. Deutschen Delegiertentages, welchem mehr als 100 Delegierte beiwohnten, mit einer Begrüßungsansprache und gab in einer großzügig angelegten Rede einen Ucberblick über den derzeitigen Stand der zionistischen Bewegung im allgemeinen unb speziell in Deutschland. Er hält es für notwendig, daß die Delegiertentage der Landesorganisationen sich über ein parteipolitisches Programm, ein Aktionsprogramm, in dem Stellung genommen wird zu allen Fragen der inneren und äußeren Politik der zionistischen Bewegung, einigen und über Resolutionen, die die Grundlage der Beratungen des Kongresses bilden können, verständigen; in dem Programm müßte erwogen werden die notwendigen politisch-diplom at i s ch e n « ch r i t t e, der Umfang und die Richtlinien der praktischen Arbeit in Palästin a und die Fragen sozialer und kultureller Natur, welche ihre Lösung in. der zionistischen Organisation suchen. Die Angelegenheit der Statutenänderung jder Jüd. Kolonialbank hält Redner mit dem Spruch des englischen Gerichtes für erledigt.. In das Büro des Delegiertentages wurden folgende Herren gewählt: Rechtsanwalt Bodenheimer, Köln (als Vorsitzender); Zahnarzt Schachtel, Breslau, Simon, Mannheim (als stellvertretende Vorsitzende); Lippmann Block, Breslau, Wiener, Kattowitz, Struck, Berlin, (als Beisitzende); Dr. Hoppe, Königsberg, Rappaport, Kattowitz (als Schriftführer. Der Vorsitzende verlas darauf ein Begrüßungsschreiben des Präsidenten der Zionistischen Bewegung, Herrn Wolsssohn, das mit lebhaftem Beifall zur Kenntnis genommen und durch ein Telegramm des Delegiertentages erwidert wurde. Wollsteiner (Berlin) 'bestätigte im Namen des Legitimations-Ausschusses die Gültigkeit aller vorgenommenen Wahlen. Von der benachbarten Organisation der westöflreichischen Zionisten war Herr Dr. Emil Mar - g u l i e s (Trautenau) erschienen, um den Delegiertentag zu begrüßen. Er führte unter lebhaftem Beifall aus, daß die Differenzierungen innerhalb des Zionismus keine Ursache abgeben dürfen, die gemeinsame Arbeit zu unterbrechen. Wir sind den östlichen Juden gegenüber weder als Juden, noch als Zionisten, zweiten Ranges. Der deutsche Zionismus hat gerade in den Fragen der materiellen Fundamentierung des Zionismus gezeigt, daß er Verständnis für eine große Idee auch, da Hat, wo diese an sich nicht geeignet ist, Begeisterung zu entzünden. Als erster Referent gab Herr Dr. Hantle (Berlin) den B e r i ch t für das abgelaufene Geschäftsjahr. Aus diesem Bericht, der ausführlich in der jüdischen Rundschau publiziert worden ist, und den wir in der vorigen Nummer auszugsweise Wiedergaben, ist besonders hervorzuheben, daß aus Deutschland seit dem letzten Delegiertentage vor 2 Jahren für zionistische Zwecke Mark: 128 000.— cingelaufcn sind. Für den Parteifond hat der deutsche Zionismus schon jetzt die seiner Mitgliederzahl entsprechende Summe an die Leitung abgeführt. Herr Dr. Klee (Berlinsprach über das Verhältnis des Zionismus zu den großen jüdischen Organisationen. Herr Dr. Kollenscher (Posen) referierte über „unsere Stellung zur Gemeindepolitik": Hieran schloß sich die Generaldebatte über die Eröffnungsrede, den Bericht des Zentral- Komitees und die 3 Referate der Herren Klee, Ascher und Kollenscher. Friedemann beantragt namens des Zentral- Kom. folgende Thesen: 1. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland lehnt, ohne die Stellungnahme der einzelnen zu beschränken, für sich als Organisation jedes Eingreifen in die innerpolitischen Kämpfe Deuschlands und daher jede Unterstützung einzelner politischer Parteien ab. 2. Der 11. Delegiertentag begrüßt das Wirken der anderen großen jüdischen Organisationen, soweit es der Gliederung und Zusammenfassung der gesamten Judenschaft, sowie der Stärkung des jüdischen Selbstgefühls und Bolksbewußtseins dient. Der Delegiertentag spricht die Hoffnung aus, daß es gelingen werde, alle jüdischen Organisationen in gemeinsamem Handeln im Gesamtinteresse der Judenheit, insbesondere in Bezug auf Palästina, zusammenzufassen. Auf Antrag des Herrn Dr. Friedemänn (Berlin) wurde eine Kommission zur vorläufigen Besprechung dieser Thesen und zur Vorbereitung ihrer Diskussion auf dem zweiten Verhandlungstage eingesetzt, bestehend aus den Herren Pinkus, Heimann, Wagner, Kollenscher, Barth. Die Vormittagssitzung wurde um 1 Uhr abgebrochen. Der größte Teil der Delegierten n. zahlreiche Gäste nahmen an der gemeinsamen Mittagstafel Teil. Eröffnung der Nachmittagssitzung um 3Ve Uhr. Herr Rechtsanwalt Ascher (Dessau) nahm das Wort zu einem Referat: Die Juden in der inneren.Politik Deutschlands. Dienstag vorniittag 10 Uhr: Referat von Prof. Warburg, über die wirtschaftliche Erschließung Palästinas. Referat von Dr. Schemarja Lew in über die kulturellen Arbeiten in Palästina. Dr. P i n c u s berichtet über die Kommission zur Beratung der Kvllenscher'schen Thesen. Diese wurden in zwei Teile zerlegt, nämlich Thesen für heutige Arbeit und dann solche, die eine Aeuderung der Judengesetze anstreben. Diese Thesen sollen nur Richtlinien bilden, die Ausführung im Einzelnen muß den einzelnen zionistischen Arbeitern überlassen bleiben. Die Gleichberechtigung der In- und Ausländer als prinzipielle Forderung ist von der Kommission besonders hinzugefügt. Im Anschlüsse hieran und die folgende Debatte wurde eine Kommission zur Bearbeitung der Gemeindeangelegenheiten unter dem Vorsitz von Dr. Kollenscher gewählt. L r n legt eine Resolution btr. die Erziehungstätigkeit der Zionisten Deutschlands namens der Berliner Bnei Zion vor, die dieser Kommission als Material überwiesen wird. Die Resolution Auerbach - Löwe- Becker gelangt zur einstimmigen Annahme in folgendem Wortlaut: Der elfte Delegiertentag in Breslau mißbilligt aufs schärfste die Stellungnahme der zionistischen Mitglieder der badischen Synode, in der Frage des Gemeindewahlrechts der ausländischen Juden und sieht in ihrer Haltung einen Verstoß gegen die nationaljüdischen Grundsätze des Zionismus. Es folgt die Debatte über die Resolution Struck-Friedemann inbetresf der Sabbatruhe. Während die ersten beiden Wsätze allgemeine Zustimmung finden, entspinnt sich über den dritten Punkt, welcher von der offiziellen zionistischen Presse neutrales Verhalten gegenüber allen religiösen Fragen verlangt, eine lebhafte Debatte unter zunehmender Erregung. Nachdem die Antragsteller diesen dritten Absatz auf die Erklärung des Präsidenten Dr. Bodenheimer hin, daß es für selbstverständlich gehalten würde, in der in der Resolution gewünschten Richtung zu wirken, zurückgezogen haben, gelangen die beiden ersten Abschnitte in folgender Form zur einstimmigen Annahme: 1. Der deutsche Delegiertentag bedauert aufs lebhafteste, daß in den offiziellen zionistischen Büros 4785

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