Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 19 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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'V?' r-v.-i; iettap zn Nr. 19 des Frankfurter WMslkm FamkmklMs. Die Tagung der badischen Zionisten. An? Einladung der zionistischen Gruppenverbände Badens fand letzten Sonntag eine Versammlung der badischen Zionisten in Baden-Baden statt. Zu Punkt 1 der Tagesordnung: „U n s e r e Stell» ngim jüdischen Gemeindeleben undzurjüdischenGemeindePolitik" referierten die Herren Dr. Julius Moses Mannheim, wtb Rechtsanwalt Dr. Pfälzer- Weinheim. Herr Dr. Moses gab eine prägnante Schilderung der Verhältnisse, durch die die badischen Zionisten gezwungen wurden, statt lediglich oer Heimstättenpolitik zu dienen, sich auch um die Gemeinde- Politik zu kümmern. Er forderte aber ein klares Gemeindeprogramm und die 'Festsetzung bestimmter Richtlinien der Arbeit. Herr Rechtsanwalt Dr. Pfälzer ergänzte diese Ausführungen. Er forderte zum Versuch einer Politik der Versöhnung auf im Sinne des zionistischen Aufrufs während der Wahl zur Synode, außerdem aber ein taktisches Zusammengehen mit der Orthodoxie, die neben uns der einzige Träger jüdischer Ideale sei. Ueberall dort, wo der Zionismus noch nicht Wurzel fassen könne, insbesondere auf dem Lande, müßten Vereine gegründet werden zur Erziehung der Bevölkerung, speziell der Jugend, zu jüd. Selbstgefühl. Nach einer sehr lebhaften Debatte, an der sich die Herren Rechtsanwalt Veit-Ofsenburg, Dr. Kaufmann - Freiburg, JuliusWertheim- Mannheim, Dr. S i m o u - Heidelberg, Wilhel m B ä h r - Karlsruhe, Rechtsanwalt Dr. H i r s ch und Liehling-Heidelberg und Daube-Freiburg, sowie die Referenten und ° der Vorsitzende Julius Simon- Mannheim beteiligten, wurde schließlich folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die Propagierung der zionistischen Ideen ist oberste Pflicht aller Zionisten. Wir erachten aber eine intensive Stellungnahme zu allen Fragen der jüd. Gemeindcpolitik als ein wertvolles Mittel zur Erziehung der jüd. Bevölkerung in zion. Sinne. Insoweit nicht taktische Fragen in Betracht kommen, soll diese Stellungnahme durch die zionistischen Organisationen als solche erfolgen auf Grund der ihnen zukommenden Pflege des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewußtseins. Zu diesem Zwecke schließen sich die badischen Zionisten zu einem engeren Landesverband zusammen." Ferner wurde auf Antrag von Herrn Dr. M o s c s die Schaffung eines für badische Verhältnisse bestimmten G e m e i» d e p r o g r a m m s beschlossen und Herr Dr. K a n f m a n n - Freiburg gebeten, einen Entwurf, evtl, gemeinsam mit ihm geeignet erscheinenden Gesinnungsgenossen, auSznarbeiteu. Herr Dr. Kaufmann- Frciburg referierte sodann über die Ausgestaltung dieses neuen Landesverbandes und legte ein vollkommen ausgearbeitctes S t a t u t vor. Die Vorsitzenden der Gruppe Mannheim und Freiburg wurden zur Bildung des provisorischen Ausschusses bestimmt, der das Statut der nächsten Tagung vorznlcgen und außerdem die Vorschläge des Herrn Dr. Kaufmann bezüglich der Propaganda sowie der Vereinfachung der Organisation zu prüfen hat. Es wurde beschlossen, alljährlich im Mai einen badischen Verbandstag abzuhalten. Herr Synodal-Abgeordneter W i l h e l m B ä h r - Karlsruhe referierte sodann über die Tagung der israelitischen Synode. Seine Ausführungen ergänzte das weiter anwesende Mitglied der Synode Herr Dr. Jonas Simon-Heidelberg. Herr Dr. Moses kritisierte scharf die Haltung des Oberrats, durch die die Stellung der jüdischen' Reichsausländer in Deutschland weiter gefährdet erscheine, da hier eine jüdische Behörde eine Politik gegen unsere jüdischen Brüder geradezu guthciße. Er bedauerte, daß der Oberrat die Gegner jener Bestimmung in einen schweren Gewissenskonflikt gebracht hätte. Er hofft, daß der Beschluß dieser Synode, die Ausländer vom Wahlrecht auszuschließen, wieder aufgehoben werde. ' Eine Interpellation des Herrn Rechtsanwalt Veit-Offenburg über den gegenwärtigen Stand der zionistischen Bewegung beantworteten die Herren Dr. Moses und Julius Simon- Mannheim. Herr Rechtsanwalt Beit gab in Erwiderung der Ausführungen dieser Redner dem Wünsch Ausdruck, daß jede zionistische Tagung mit einer Schilderung des jeweiligen. Standes der Bewegung beginne und daß das A. - K. von Zeit zu Zeit vertrauliche Berichte an die Vertrauensmänner im Lande erlasse, die jene über den politischen Stand der Bewegung unterrichten. Schließlich wurde noch über den d e u t s ch e n Delegierten tagin Breslau gesprochen. Der Vorsitzende regte au, dem deutschen Delegiertentag eine Resolution vorzulegen, in der betont werde, daß man die Verletzung der religiösen Gefühle der orthodoxen Zionisten durch die Vorgänge im Zentralbnreau bedauere und es als wünschenswert betrachtete, wenn ein Beschluß möglichst in das Organisätionsstatut ausgenommen werde, der ausdrücklich sestsetzt, daß durch die offizielle zionistische Zentrallcitung und ihre Organe keinerlei zionistische Tätigkeit ausgeübt werden dürste, die dem jüdischen Religionsgesetz widerspräche. Man müsse die Propaganda der gesetzestreuen Zionisten unter den orthodoxen Juden nach Möglichkeit erleichtern. Die Versammlung beschließt, den Vorsitzenden und die Herren Otto Simon-Mannheim und Rechtsanwalt Dr. Pfälzer- Weinheim zur Abfassung einer entsprechenden Resolution zu ermächtigen. Jüdische Melodie«. Es war ein Kunstabend großen Stils. Die biblische Poesie hat in ihrer antiken Echtheit und dramatischen Erhabenheit die Philisterscelen der Berliner Inden und Jüdinnen mit unwiderstehlicher Gewalt gepackt und erbarmungslos niedergezwungen. Bemitleidenswerte Jüdinnen! In weibl. Harmlosigkeit ' lustwandelten sie, reich und köstlich toilettiert, nach dem großen Beethovensaal Der Philharmonie. Wie etwa zu einer althergebrachten Synagogenpredigt oder zu einem sonstigen Zermoniell, das sie so widerwillig auf traditionelles Geheiß unverdaut herunterschlucken. Und nun mußten sie die unerbittliche Wucht der jüdischen Muse mehr als eine Stunde auf sich wirken lassen. Diese rätselhafte jüdische Muse! Wie geschickt und siegessicher sie es verstand, sich in die von Toilettenstaub und Wirtschaftsschimmel umpanzerten Frauenseelen hincinzuschmeicheln, dort frohlockend herumznwühlen und den schließlich aufgefundenen reinen Kern so ganz zu erobern! Allerdings sie wurden hineingenarrt, verlockt, diese unschuldigen Toilettenseelcn. Verlockt durch die Kunstgewalt: eine nicht geringere Kunstgewalt, als es diejenige ist, welche wir an Irene Triesch so vielfach bewundern. Denn diese Musenfreundin war es, deren biblische Vorträge dem Alltagswesen durch Mark und Bei» gingen und — seltsam genug — sie erntete Dank. Jnr Deborahlied war sie Priesterin, diese Triesch. Dieses harmonierte so köstlich mit ihrer schneeweißen geschmackvollen Gewandung und der graziösen Physiognomie, die mit ihrem echt orientalischem Hauch so eigentümlich anweht. In ungetrübten Klängen, mit bisweilen von einer leisen, ganz leisen Melancholie durchzitterten melodischen Stimme hat sie die Hymnen und Lobgesänge der Prophetin gegen Himmel hinaufgezaubert. Sie mag wohl nach unserem Empfinden aus manchen Versen etwas zu viel Blutdurst und Rachesreude hcrausgeholt haben. Was tut es, wenn es so echt und natürlich ist, daß' wir, ohne uns zu wehren, ihr alles glauben. In wilder Hast und unbändigem Zorn schreit' sie plötzlich mitte» in den Applaus hinein: Samson und Delila! Man sah es dieser musenbegnadeten Künstlerin an, wie willig, mit welchem reizvollen Wohlbehagen sie sich zu dieser Rolle anschickte. Hier, wo es gilt, durch krampfhafte Aufbietung der Weibesreize die Heroin zu spielen, den Mannesmut zu brechen und zu demütigen, ihm seine Ohnmacht und Schwäche teuflisch vorzuführen — ist sie unübertrefflich. Es verlohnt sich inr ein Weib, die Macht seiner Reize an der Robustheit eines so gewaltigen, alles nieLerschmettcrnden Naturmenschen wie Simson zu erproben. Immer fester schmiegt sie sich an ihn an. — Ihre ganze verführerische Weibeslist, das süße wonnigliche Lächeln, gepaart mit diabolischer Wohlgemutheit und erheuchelter Lüsternheit, alles bietet die Delilah auf, um diesem gewaltigen Athleten mit wildem Ungestüm das Mittel abzulocken, womit er selbst vernichtet werden könne. Die Diabolin bleibt Siegerin. Umstrickt von den aufgestachelten Reizen der Weibesgestalt verliert er jegliche Standhaftigkeit. Schließlich kann das Diabolische in berechtigtem frohlockendem Jauchzen und giftigem Haß triumphieren: Plistim über dich Simson! Und der königliche Athlete liegt zu Boden, unbeholfen, gebrochen, niedcrgcknickt. Aber groß hat er sich gerächt. Bewältigend, tief erschütternd wirkte dieser Vortrag. Das Publikum lauschte atemlos. Schließlich löste sich die Spannung in einem ftenetischen Applaus. Und nun weinte sie gar an den Ufern Babylons! Sie weinte so kindlich 'rührend, in so unglücklicher Verlassenheit. Und doch wies sie die Zumutung der Peiniger — wenn auch weinerlich, so nicht minder entschlossen — zurück, die Saiten der gottgeweihten Spielinstrumente üuf frenidem Boden zu entheiligen. Sie erhebt ihre zierliche Rechte und schwört feierlichst, Jerusalems zu gedenken. Und wiederum glauben wir es ihr!. Ich glaubte da oben auf der Tribüne einen Missionsprediger reinsten Wassers zu bemerken. Naserümpsend, sehr erstaunt, schlägt er die Augen zu, öffnete sie aber bald wieder und macht Miene, gegen die Abweisung der Lohen Herren, wie gegen den Schwur in heller Entrüstung zu protestieren. Hilst nichts, es ist 'geschworen! Nun wandte sich' die Gefeierte den hebräischen Melodien ihres Stammesgenossen Heine zu. Was nützt es Fürsten und sonstigen Weltmächten, wenn sie die marmornen Standsäulen Heines aus Korfu und drgl. verbannen lassen — solange es noch einer Triesch gestattet bleibt, Heinevorträge in Bethovensälen zu veranstalten? Auf der Straße noch wurden der Künstlerin große Ovationen gemacht. Sie vergaßen sich — diese Juden und Jüdinnen von Bellvue und Tiergarten. Ob' ie wohl am andern Morgen nicht zur Besinnung kommen und der Künstlerin den Prozeß machen? Es ist ja die reinste Berjudung! Dem Verein für jüdische Geschichte und Lüeratur, der uns mit diesem lilbend beschenkte und seelisch bereicherte, unseren herzlichsten Dank. ' _ Bojak. Personalien. Frankfurt a. M. Aus Anlaß des lüü jährigen Bestehens der Handelskammer erhielten Auszeichnungen : Direktor Zacharias H och schild (Titel Kommerzienrat), Maklerkammerpräsident Sa» lomon Epstein, Bankier L. A. Hahn (Roter Adlerorden 3. Klasse), Professor Bernhard Salomon und Bankier Otto Höchberg (Roter A d l e r o r d e n 4. Klasse). — Dr. Nathan Weilt wurde von dem Reichskanzler nach Berlin in die Kommission für die Reichsbank-Enguöte berufen. Berlin. DasgotdeneDoktorjubiläum feierte Dr. med. Salomon Heinrich Belgard, geboren 1834 zu Filehne. — Willy Levin, der Inhaber der bekannten Mäntelkonfektionsfirma, erhielt den Charakter eines Kommerzienrates. Köln. Tödlicher Unfall. — Im Augusta- Hospital stürzte der im 32. Lebensjahre stehende Oberarzt Dr. med. Ernst G o t t st e i n in den Schacht eines Personenfahrstuhls und wurde am anderen Morgen als Leiche aufgefunden. Worms. Zu Vorstehern der Jüdischen Gemeinde wurden gewählt: Salomon Honig, Max L e v y, Jakob B e r l i n e r, Rechtsanwalt B a - r u ch und Dr. N i ck e l s b u r g. Metz. Das Jo s ep h Worms'sch e Ehepaar feierte seine Goldene Hochzeit. Dinslaken^ Am 11. ds. Mts. verschied Herr Leffmann Stern in Hagen, der dem Kuratorium des hiesigen Israel. Waisenhauses fest dessen Begründung angehörtc. Züschen i. Waldeck. Rentier Speier, der älteste Bewohner des Fürstentums, ist im 'Alter von 102 Jahren verschieden. Rachod (Böhmen). Der Präsident der jüdischen Gemeinde Jakob Pick feierte mit seiner Frau Charlotte geb. Mautner das Fest der Goldnen Hochzeit. Kotzman (Bukowina). Im Alter von 65 Jahren verschied der Großgrundbesitzer Wolf Tennenblatt, Mitglied des Gemeinderates und des isr. Kultusrates. Indianapolis (Amerika). Zum Andenken an Nathan Morris, der ein Dutzend Menschen vor dem sicheren Feuertode rettete und dann selbst in den Flammen umkam, wurde hier ein Monnmentalbrunnen errichtet. Ans der zionistischen Bewegnng. Frankfurt a. M. Bei der Expedition des ^rankst. Isr. Fmlbl. gingen ein: R. N. für die Misrachi-Mittelschule 5,— Jfc Die Vorstandsmitglieder der Zionistischen Ortsgruppe spenden ihrem ersten Vorsitzenden Herrn Rechtsanwalt Dr. Siegfried Schwarzschild anläßlich seiner Verlobung mit Frl. Bertha Birnbaum 2 Oelbäume im Herzlwald 12 — D. W. anstatt Depesche zur Hochzeit «aly Nnßbaum, Frankfurt, mit Elise Halle, HockenhSim j Familie S. H. Goldmann gratuliert ' " Herrn Rechtsanwalt Dr. Schwarzschild zur Verlobung _ Köln. Anr 9 dss. Mts. sprach im Jugendverein „H e r z l - K l u 6" der erste Vorsitzende des Vereins über „Zwecke und Ziele des Misr a ch i". Redner sprach zunächst über das Wesen des Zionismus und gab dann die Hauptgründe an, weshalb eine Organisation wie die des Misrachi unbedingt notwendig ist.' Er führte in sachlicher Weise ans, daß sowohl ein von der Religion losgelöstes nationales Judentum, als auch ein vom nationalen Judentum losgelöstes religiöses Judentum keinen Bestand haben können. An der Debatte beteiligten sich die Herren Wuhrmann, D r. Ortstein. Kaufmann, Gold reich, stud. Kahn, E t t l i n g er und Louis Kahn -Frankfurt. Hamburg. Am 7. ds. Mts. fand die Wahl der Delegierten der hiesigen Ortsgruppe für den Delegiertentag in Breslau statt. Gewählt wurden Dr. Victor, Michael, Frl. Ella Cohen, Dr. Israel Auerbach als Delegierte, Frl. L ü b k e, Rechtsanwalt David, Dr. Frank und Dr. W a - schitz als Ersatzdelegierte. Der für den Abend angekündigte Bortrag Dr. Victors über die Beteiligung der Juden an der Deutschen Landespolitik konnte nicht stattfinüen. Um eine