Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. Fra«ksurter Asr««NtWS FamüienblM. Nr. 1s. — Doch das siel weiter nicht auf; fand man es doch ganz natürlich, daß eine Braut an ihrem Verlobungstage weinen und bei der Ungewißheit der Zukunft autf), ernst gestimmt sein muß! Nachme Klinker hingegen machte ein ganz vergnügtes Gesicht, ein breites, behagliches Lächeln lag auf seinen dicken Negerlippen, und seine kleinen Schweinsäuglein funkelten und blitzten vor Wonne. Dieser Eindruck wurde noch mehr verstärkt durch die verschwenderisch zur Schau gestellten knallroten Weste, die festgeprallt sein Bäuchlein umspannte und auf der eine dicke Goldkettc prahlerisch baumelte. Wie ein Kater warf er verliebte Blicke auf die neben ihm sitzende verschüchterte Braut und zermarterte sich' in: stillen den Puterkopf, warum sie jedes Mal so heftig zusammenschauert, wenn er es versucht, ihr samtweiches Händchen mit seiner großen Tatze heimlich, zu drücken. Er hätte die Ursache leicht am entgegengesetzten.Ende der Stube finden können, wo Refoel mit finstern Blicken und zusammengepreßten Lippen, am Ofen lehnte. — Armer, armer Refoel! Mit deinem feurigen Kopf, mit deiner großen Sprachkenntnis, mit deinem „durchgegangenen" Gymnasium hast du den Bäcker Benjamin nicht umkneten können, und jetzt mußt du es schweigend und geduldig mitansehen, wie der dicke Viehhändler deine zarte Blume pflücken wird. — Jetzt entstand eine große Bewegung. „Die Verstellten kommen! Die Purimspieler sind da! Na paßt auf, was' heute kommt!" so lärmte eine Rotte Jungen, die wild ins Zimmer stürmte und wie lachende und hüpfende Kobolde nach der Tür deutete. Melle mit Uschcr hatten zwar ihr Vorhaben streng geheim gehalten; aber sie waren geschüftsmännisch schlau genug, gerade duvch hingeworfene halbe Andeutungen die Neugierde aufzustacheln und die Erwartung aufs höchste anzuspannen. Mler Augen waren daher auf die Tür gerichtet, und ein unbändiges Gelochter brach los, als unsere zwei Helden sich dort zeigten. Doch ein solcher Enrpfang war ihnen nicht neu, sie waren daran gewöhnt, und weit entfernt, darüber beleidigt zu sein, waren sie im Gegenteil vollauf dadurchbefriedigt, — und ihre Hoffnung stieg nur noch' eine Stufe auf der Himmelsleiter höher empor: je fröhlicher das Herz, desto offener die Hand. Sie warteten geduldig, bis der Tumult sich' ein wenig gelegt hatte, und dann trat Melle vor, um folgenden Prolog zu sprächen: „Rabbossaj, ihr lieben Leute! Bisher haben wir Euch, mit gemeinen Spässen und dunnnen Närrischkeiten unterhalten und zum Lachen gebracht; doch von jetzt ab soll es anders werden. Wir wollen keine Marschaliks mehr sein, sondern richtige Komödianten, die Euch ein gutes Stück Vorspielen wollen, um Euch' zu belehren, wie Ihr Eure lieben Frauen behandeln sollt. Wir können dieses ganz gut, weil wir keine Frauen haben und sie nur manchmal sehen. Denn wie sagt doch das' Sprichwort: Ein Gast auf eine Weil', sieht auf eine Ntcil'. Und jetzt wollen wir beide gleich vor Euren Augen das feine Stück aufspielen, dem wir, freilich ohne „Mischeberach", den schönen Namen gegeben: „Die verlassene Frau"!" Er war mit seiner Litanei iwch nicht zu Ende, als das Lüchen mit verdoppelter Gewalt losbrach. Es war aber auch ein, Anblick, der dem Zwerchfell gefährlich werden konnte. Denn, war es schon komisch genug, Uscher anzusehen mit seinen emporgesträubten Haaren, mit fletschenden Zähnen, einen festen Lederriemen schwingend, um dadurch den herrischen, tyrannischen Hausherrn zu markieren, so war der Anblick Melles geradezu überwältigend. — Melle, mit einer schmutzig-weißen Nachtjacke, mit einem alten Weiberrock und dito blauer Schürze bekleidet, den kleinen Kopf von einem dreizipfligen Tuch eingerahmt, das unter dem Bärtchen zusammengeknotet war, wodurch dieses in eine horizontale Lage gedrängt war und bei jeder Lippenüewegung förmliche Luftsprünge machte. — Melle war also die verlassene Frau. Das Publikum konnte dieses auch, ohne Theaterzettel herausfinden. Die Lustigkeit stieg dabei höher und höher, und viele bekamen jetzt schon Seitenstechen, während andern die dicken Tränen über die Backen liefen; der grobe Gawriel mußte sichsein Bäuchlein mit beiden Händen festhalten, während sein Gesicht sich ganz blau zu färben begann. — Na, das wird wirklich ein lustiger Purim tverden! Selbst die vergrämte Braut konnte ein leises Lächeln nicht unterdrücken, wofür ihr Refoel, der alle ihre Bewegungen, jede ihrer Mienen mit Argusaugen bewachte, einen wildwütenden Blick zuwarf. Glücklicherweise wurden aber die Schmerzen des unglücklichen Liebhabers von keinem der Anwesenden bemerkt; denn die fröhliche Stimmung hatte sich von Minute zu Minute gesteigert, und das Lachen und Johlen wollte kein Ende nehmen. Uscher war rasend, außer sich. Was soll denn das heißen? Daß sie lachen, ist ja ganz in der Ordnung; aber alle schreien, gröhlen, drängen sich, an sie heran und lassen sie gar nicht zu Worte kommen. — Der gibt ihm einen Stoß von hinten. dieser wieder zupft ihn vorn. Gesottene Erbsen, Papierkugeln, Bierpropfen fliegen ihnen von allen Seiten zu, und es ist ihnen rein unmöglich, zu Worte zu kommen. Ja, was soll denn das alles bedeuten? Verstehen es denn die Dummköpfe nicht, daß es sich hier um ernste Dinge handelt? Wie soll man dann solche Narren belehren? Man kann sich ja ihrer kaum erwehren, so "quälen sie einem mit ihren zudringlichen und albernen Neckereien. — Uscher war fast ganz kopflos geworden, und nur der Anblick des Bräutigams vermochte ihm einen gewissen Trost einzuflößen. Ja, er allein war der einzig Vernünftige unter der närrisch gewordener: Bande; — er fitzt wenigstens still ur:d ailständig da; — mit vollem Ernst wartet er auf das, was kommen wird; — ja, er war ernst und gelassen. — Wieso Uscher das lvußte? Nun, wenn man mit fester Hand eir: großes Glas Schnaps sich, einschenken und rnit einem Zug hinuntergießen kann, ohrre sich, dabei zu üerschluckerr, dann ist man nicht im geringsten aufgeregt. — Uscher verstand es, Schlüsse zu ziehen ur:d war stolz auf seine logischen Folgerungen. — Nein, Nachine Klinker ist kein Tölpel; er rvird bei dem ernsten Stück nicht lachen; er wird den künstlerischen Wert desselben zu schätzen und zu taxieren wissen — uiib dementsprechend auch die Künstler belohnen. Möge:: daher die andern lachen, so viel sie wollen; glücklicherweise ist der kunstverständige Chossen heute die Hauptperson. Uscher nahm sich daher ernstlich vor, sein ganzes Können, sein ganzes Herz und seine ganze Seele in seine Rolle hineinzulegen, um den großen Lohn, der ihm zufließen wird, auch ehrlich zu verdienen. Ja, Nachine Klinker soll für sein Geld auch eine wirkliche Freude genießen, damit er an seine Verlobung mit Blünüche bas ganze Leben denken soll, um mich Kindern und Kindeskindern von den: schönen Stück zu erzählen! — Wenn bloß diese dummen Menschen aufhören wollten, fortwährend zu brüllen, bannt man endlich doch anfangen kann! Und endlich, endlich war es so weit; durch Stoßen und Drängen war ein Plätzchen frei gemacht, das nun als Bühne dienen sollte. Jetzt konnte endlich die Sache losgehen. — Und sie ging los. Melle ließ sich; auf einem Stuhle nieder und fing an, mit dem Oberkörper pe:ck>elartig hin und her zu schaukeln, leidenschafUich sich die Haare zu raufen und sonstige Zeichen und Geberden zu machen, um große Verzweiflung zu bekunden. Freilich, passierte es ihm manchmal, daß er aus der Frauenrolle fiel und sich auch das Bärtchen heftig zerrte; doch wurde weiter kein Gewicht darauf gelegt; zumal Melle jetzt jammernd und Nagend zu deklamieren begann: „Ach und weh! Trauer ist'über mein junges Leben gekommen und Jammer und Elend über meinen armen Kopf hereingebrochen! Oh, ihr himmlischen Herschaaren steht mir bei und saget mir, womit idj’ mein Unglück verschuldet? Habe ich denn nicht alles gehalten, was geschrieben steht? Habe ich nicht jede Woche „Challe" genonunen, habe ich nicht jeden Freitag Licht „gebenscht", habe ich nicht immer das Fleisch richtig koscher gemacht, und wenn es schon dunkel war, sogar zwei Lichte dazu angezündet? Habe ich nicht zu Pessach das Chomez ausgebrüht und ausgeglüht? Dochweh! es war alles umsonst, und jetzt soll ich allein bleiben mit meinen zwei Kindern, die der Rabenvater von sich gestoßen! — Ein böser Geist muß in ihn gefahren sein! Ach, meine armen, armen zwei Würmer!" Das war das Stichwort für Uscher einzufallen. Doch es war nicht Uscher, der einfiel, sondern die ganze Versammlung, und zwar mit einem solchen betäubenden, brüllenden Gelächter, daß die Fensterscheiben klirrten und die Talglichter im Hängcleuchter tanzten und flackerten. Die Idee, Melle sichals Frau zu denken, die weiblichen Pflichten erfüllend — Melle, Mutter von zwei Kindern! .... Nein, das war zu köstlich,! . . . Und mittlerweile stand Uscher wütend da und konnte nicht zu Worte kommen. Verächtlich sah er auf die Menge. Was hat es für einen Zweck, solche Menschen belehren zu wollen und ihnen etwas vorzuspielen, da sie doch von der höhern Kunst keine blaffe Ahnung haben und nicht begreifen können, daß diese ganze Begebenheit dem wirklichen Leben entnommen ist? — Er sah wieder auf Nachme Klinker; ja, dieser schien wenigstens den Sinn zu erfassen, die schöne Moral herauszufühlen; — vor lauter Rührung sah er ja ganz bleich- und angegriffen aus. Darum unverzagt! Der Bräutigam wird schon die Narren später über das schöne Stück aufNären, so daß alle, beschämt über ihre jetzige Unvernunft, sicherlich bemüht sein werden, durch eine größere Gabe alles wieder gut zu machen.- — (Fortsetzung folgt.)