Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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zil Nr. 4 rfes Imnfcfiitfet MmesiMm Familien KMes. InhaU der Beilage: Artikel: Jüdisches aus Bayern. — AuSder zionistischen Bewegung. — AuS der Lehrerwelt — Aus den Vereinen. — Bereins-Kalender. — „Jüdische Jugend/ Jüdisches aus Bayer». Vor einiger Zeit haben eine Reihe tonangebender Zeitungen teils referierend teils kritisierend zur Abänderung des bayerischen Judenedikts vom Jahre 1813 Stellung genommen. Inzwischen hat der Landesvercin für israelitische Kultusgemeinden und haben auch andere Persönlichkeiten, Rabbiner, Vorstände von Ojroßgemeinden und auch andere einflußreiche Größen, an maßgebender Stelle ihren Einfluß geltend zu machen versucht. Die Sache befindet sich zur Zeit im Stadium der Vorbereitung. Tie Kgl. Staatsregierung sucht sich eingehend zu informieren. Sie hat zu diesem Zweck 15 Rundfragen, welche die gesamte Einrichtung der Judengcmeinden berühren, an ihre äußeren Organe zur Beantwortung zirkulieren zu lassen. Nr. 2 der Frage zeigt, daß die Entschlüsse der Kgl. Staatsregierung vom Judenedikt 1813 wohl ausgehen, daß sie aber in Riicksicht auf den gegenwärtigen Stand und die zukünftige Entwicklung darüber hinausgehen werden. Rabbinat und Schule, die Verwaltung von Kultusgemeinden und deren Vermögen, Umlagen, Gehälter und Stiftungen usw. sind Gegenstand der Rundfragen und des Studiums. Die Kgl. Staatsregierung dürste es aber auch freudig begrüßen, wenn aus der Mitte der Landgemeinden die Jnteressenteir ihre Klagen und eventuell die Angabe von Mitteln zur Abstellung derselben bekannt geben möchten. Nicht nur Vertreter von Großgemeinden oder Rabbiner, welch' beide in der Verwaltung des israelitischen Landcsvcreins zu Gehör konrmen, sollten sich rühmen, das Ohr des Ministers zu haben, die Kgl. Staatsrcgierung dürste Wert darauf legen, auch aus der Reihe der Kleinge mein den zweckdienliche Mitteilungen zu erhalten. Ta dieselben zur Zeit ediktgemäß nicht organisiert werben können, weil das Edikt so viele „Rcligionsgcsellschaften" zuläßt, als es Kultusgemeinden gibt, so dürfte es sich empfehlen, entweder in Sondereingaben oder durch die Presse, jüdische oder politische, der Kgl. Staatsregierunz die einzelnen .Gcmeindesorgen zur Kenntnis zu bringen. Wir verbinden mit der Bekanntgabe dieser für alle Juden in Bayern sowohl als auch außerhalb Bayerns hochwichtigen Zeilen die dringliche Aufforderung an alle Gemeindevorstände und Lehrer, zum Wähle der Gesamtheit rührig und tätig zu sein. Unser Blatt stellen wir allen Interessenten gern zur Verfügung. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Für die Misrachi-Mittelschule gingen ein: Teilbetrag des Benschen - Erlöses am Jahresessen der Chewra „Ez-Chajim" in Basel 20 — M L. H. 200 — ., Sammlung 60.— Herr R. Rosenheimer l.— „ Fürth, 21. Januar. G-stenl Abend fand unter dem Vorsitz des Herrn EmilOberndoerfer eine öffentliche Misrachi-Versammlung statt. In seinen einleitenden Worten sprach der Vorsitzende die Hoffnung aus, daß die Versammlung die Gründung einer Misrachi-Gruppe in die Wege leite und stellte als Motto die Worte Jesajas „Zions wegen will ich nicht schweigen, Jerusalems halber mich nicht beruhigen" hin. Das Reserat hielt Herr Dr. Bamberge r; er schilderte in großen Zügen die Beziehungen des gesetzestreuen Judentums zum Zionismus. An der Diskussion beteiligten sich die Herren Kaufmann -Stuttgart und Heinemann-Fürth. Das Ergebnis der Versammlung war die Begründung einer Misrachi-Gruppe, der sich 10 Herren anschlossen, die bisher noch keine Anhänger der zionistischen Bewegung waren. Eine Sammlung für die misrachistische Mittelschule in Palästina schloß die Versammlung. Herr Waisenhaus-Direktor Dr. Deutsch, der verhindert war, der Versammlung beizuwohnen, hatte schriftlich seinen besten Wünschen für die Bestrebungen des Misracht Ausdruck gegeben. Budapest Preisausschreiben. DieUngartisrael. Gesellschaft (Adresse: Budapest V, Nüdor-ntrzo 3s erläßt aus den Mitteln der ihr nntersteheuden Kunewaldcr-Stiftnng ein Preisausschreiben über das Thema: „Geschichte Palästinas von der Zerstörung des zweiten Tempels bis zu unserer Zeit mit besonderer Berücksichtigung seiner jüdischen Bevölkerung und seiner Beziehung zur jüdischen Diaspora." Der nur an Juden zu vergebende Preis beträgt 100 Dukaten. Endtermin der Einreichung ist der 1. Juni 1911. Die Arbeit soll volkstümlich gehalten sein, das jüdische Wissen fördern und das religiöse Gefühl heben. Die Arbeit bleibt Eigentum des Verfassers, doch muß er sie innerhalb eines Jahres herausgeben. Zloczöw jGalinen). BeidenKultuswahlen unserer 6000 Seelen zählenden jüdischen Gemeinde sind 4 Zionisten — Dr. Eidelberg, Dr. Alter, Dr. Großkopf und Nathan Schorr — gewählt worden. Aus der Lehrerwett. Emmerich. Uebern'abme der jüd. Schule auf den städtischen Etat. Da das mit dem 1. April 1908 in Kraft tretende Bolksschulunterhaltungsgefetz die llcbernahme der Israel. Schulen ans den Gemrindehanshalt nicht vorsieht, hat die Stadtverwaltung die schon vor vieleil Jahren geflogenen Unterhandlungen mit der israelitischen Gemeinde wegen der Kommunalisierung der jüdischen Volksschule wieder aufgenoimnen, um die jüdischen Mitglieder, die jetzt doppelte Schullastcn zu tragen haben, mit den anderen Steuerzahlern gleichznstcllen. Die Stadt hat sich nunmehr verpflichtet, die jüdische Schule mit dem Bermögensstande vom 1. April 1965 schon am 1. Januar 1908 zn übernehmen. Die jüdische Gcmciude muß dem von der Stadt aiizusteklendeu jüdischen Lehrer 'für Kultnszivecke eine jährliche Vergütung von Mk. 300 bewilligen. Miskolc.; jNngnrn». Zum Rabbiner derkü'sigen jüd. Gemeinde ivnrde einstimmig Rabbiner S a in u Schlesinger in Aranjosmarot gewählt. AuS den Vereinen. Frankfurt a. M., 21. Januar. Eine jener seltenen Stunde, die zur Offenbarung werden, erlebten die 400 Besucher des vom Verein f ü r j ii d i s ch e Geschichte und Literatur veranstalteten I>ibischen Bolksliederabend gestern. Denn das Gebotene wuchs weit über die Bedeutung einer von ersten Küiistlcrkräften gegebenen gesanglich-musikalischen Soiree hinaus und zu jener ungewöhnlichen Höhe hinauf, wo der Ton dem sehenden Auge zum Geschauten wird. Etwas, was die meisten nie gekannt, ja nie geahnt hatten, stand nun plötzlich vor einem jeden, und dieses Etwas rief einem jeden zu: Hier bin ich, ich die jüdische Volksseele, — und wo eine Seele lebt, da ist auch ein Körper, — das jüdische Volk, es lebt noch'; sorgt, daß es nicht sterbe! Und noch ein iveiteres sähen wir: Inden dichten als Juden für Inden! Von Israels Vergangenheit berichteten sonst die Darbietungen des Literaturvereins; diesmal znm ersten Male zeigte er seinem Publikum den Weg zu Israels Zukunft. Und das war eine Tat zu einer Zeit, in der gar viele von uns der Zukunst der Judenheit gleichgültig gegenüber stehen. Darum sei dem Vorstand des Literaturvereins gedankt und darum sei diesem Dank die Bitte beigefügt, den Abend zu wiederholen, damit auch andere die Stunde erleben, die wir erlebten. lieber die Veranstaltung als solche möge hier die „Franks. Ztg." sprechen: „Einleitend charakterisierte Dr. Zepler jede der drei Gruppen: die ausgesprochenen Volkslieder, Mischungsprodukte des in der Tonart allmählich abgewandelten orientalischen Eigenbesitzes und der Musik der Wirtsvölker, reizvoll durch die Vereinigung dieser beiden Elemente; die Kunstlieder, ans deren Prinzip sich auch zwei Bühnenwerke ausbauen: die „Makkabäer" von Rubinstcin und Goldmarks „Königin von Saba"; schließlich die volksliederartigen Weisen, die den russischen und polnischen Einschlag stark hervortreten lassen und die neuerdings unter den jüdischen Emigranten in den Bereinigten Staaten starke Verbreitung gewonnen haben. Als Interpreten der Lieder 'traten dem Vortragenden, der die Begleitung ans Klavier und Harmonium ausführte, zwei trefsliche Berliner Solisten zur Seite. Herr Leo Gollanin, ein Tenorist mit ungewöhnlich schönem, ausdrucksfähigem Organ, und Fräulein Vera Goldberg, eine Sopranistin von beachtenswerten Qualitäten. Die Fülle verschiedener Stimmungen: Trauer, Sehnsucht, Erhebung, Liebesleid und -sreude und neckische Munterkeit, sprach aus dem lebensvollen Bortrag beider Künstler so unmittelbar und eindringlich, daß die Zuhörer immer wieder enthusiastischen Beifall spendeten." Aus der Fülle der Lieder seien hier noch besonders hervorgehoben: Sehnsucht nach Jerusalem, das Peckele (Esau hat des Inden Thora zerrissen und ihm seine eigene aufzwingen wollen; der Jude aber hat die Thora wieder zusammengesucht, sodaß nicht ein einziger Buchstabe zurückblieb, beim er 'will seine Thora ganz in das Land seiner Väter zurückbringen), Rätsellied, War ein kleines stilles Haus und das stürmische Lustigkeit entfesselnde chassidische Simchasthora-Lied „Kinderlach, mir haben Szimchas Tauro. Szimchas Tanro auf der ganzen Welt. Tauro ist 'der beste S'chauro, A' soi hat der Rebbe mit uns geknellt." Frankfurt a. M. Das BereinSieit des „Tifereth Bachuri in", welches die Darbietungen seiner jungen Künstler und sein stets harmonischer Verlauf vielen Freunden des Vereins von jeher wert gemacht haben, findet nächsten Sonntag, 7 Vs Uhr abends, im Hotel Dielst, Hanauerlandstr. 38, statt. Trotz eines vielversprechenden Programnis wird der Gepflogenheit des „Tifereth Bachurim" gemäß ein E intritts geldnichterhoben; auch ist der Besuch von Damen angenehm. Für koscheres Buffet hat der fürsorgliche Vorstand selbstredend Sorge getragen. Frankfurt a. M. Der Jubiläums-Bericht des Israel. H ü l f s v e r e i n s. erstattet von dessen - Schriftführer Herrn Dr. Leopold Walter, ist soeben erschienen. Wir entnehme» hem Bericht: Der Verein verdankt seine Gründung der Anregung des Herrn Rabbiner Dr. M. Horovitz. Ter erste Vorstand des 1882 konstituierten Vereins setzte sich aus solgenden Herren zusammen: Adols L. A. Hahn, Adolf Baer-Goldschmidt, I. Bermann, H. Ä. Franklin, I. Snattich, Henry Selignian, L. Eklinger, Alfred Geiger, Fritz Auerbach, Sal. Cahn, L. Mainz und S. Uhlfelder. 55 Jahre fortdauernd dem Vorstande angehörend ist allein Herr Henry Seligman. Ebenso steht Herr M. Kahner als Beamter von der Gründung des Vereins an in dessen Diensten. — Nahezu 52000 unter der Rubrik „Wanderbettler" bezeichnete Personen sind in den 25 Jahren unterstützt und weiterbesördert morden — die summe von 210000 M. war hierzu nötig —, während 5170 Personen abgewiesen wurden. Ferner wurden in Dieser Zeit sür spezielle hiesige Unterstützungen 650000 Jt. verausgabt. Frankfurt «. M, 23. Januar Herr Rabbiner Tr. Lazarus setzte gestern abend im Verein B-ontefiore seinen Bortrag über „Jüdische Geschichte im Zeitalter der Entstehung des Christentums" fort. Diesmal beschäftigte sick, der Redner mit der „religionsgeschichtlichen Entwicklung jener Epoche". Er führte aus: Ein Volk, herausgerissen aus seiner Heimat, begraben im fremden Land inmitten fremder Nation, sein Heiligtum ihm genommen, keine Propheten mehr in seiner Mitte — und trotzdem erwacht zn neuem Leben; — diese Tatsache drängt uns die Frage auf: Wieso ist die Kraft der Propheten in Israel lebendig geblieben? Die Christen behaupten, daß das Christentum seine Religion aus dem Jdealgehalt der prophetischen Gedanken gegründet, daß die israelitische Propheten seinen Stifter geboren haben; doch wenn diese Behauptung richtig wäre, so hätten die Propheten im Andenken des Volkes vermodern müssen; statt dessen blieben ihre Worte im Volke lebendig und wurden sogar Gegenstand der Lektüre des sabbatlichen Gottesdienstes. Israel hatte das Gotteswunder der Befreiung aus dem babylonischen Exil erlebt, hatte, indem es vom Tode ausgestanden war, die gewaltige Kraft eines lebendigen Gottes erfahren; — darum hielt es Gott die Treue. Damals hatte sich der Gottesgedanke in Israel durchgesetzt; was vorher die Propheten vergeblich erstrebt hatten, war nun auf einmal Gemeingut des Volkes geworden. Und der praktischen Tätigkeit Efra's und Nehemias und ihrer Nachfolger war diese Umwandlung zn verdanken, die in der Religion und aus Religion eine Heiligung des Lebens herbeizuführen suchten. Man hat sich bemüht, die einzigartige Nation Israel mit dem verächtlich hingeworfenen Wort „Gesetzesreligion" abzutun. Thora heißt aber nicht „Gesetz" v sondern „Lehre", und die Thora gibt neben einer Fülle von Gesetze» religiöse und soziale Probleme, sittliche und ethische Lehren, Erzählungen nsw. Das Judentum bindet nicht die Religion an eine bestimmte Stelle abgesondert vom Leben, sondern Moral, Recht, Soziales, alles gehört unter dem Gesichtspunkt des Ewigen in die Religion. Diese» Einklang zwischen Lehre und Leben herzn>tellen, war das eifrige Bestreben der Pharisäer (— Abgesonderte). Das Neue Testament hat diesen, gegen die es als Tendenzschrist polemisieren mußte, den Namen „Heuchler" verschasst. Es ist den Pharisäern, den Rettern des Judentums, damit Unrecht geschehen. Die Pharisäer hatten als ihr Ideal, das Gute mis Liebe zn Gott zu tun; sie sonderten sich — deshalb ihr Name — vom Heidentumc möglichst ab, standen den luxuriösen Bestrebungen, die durch das Heidentum bei den Vornehmen in Israel Eingang fanden, fern und strebten als Männer des Volkes die Demokratisierung der Religion an. Den Pharisäern war die Religion Hauptsache, die politischen Momente traten für sie in den Hintergrund. Ganz anders die Saduzäer, die ans dem Adel und den vornehmen Priestersamilien sich »i» 1985