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Neue jüdische Presse · 1907-11-08 · Heft 43 (8.11.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 43 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Sfrurlitifdirs fainilimhlntt. (!“' - Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I _--- - edakliou rmd cheschäfrsft-ll Srsnlifurl s. m.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstvaße ^etefou 10507. HevausgeSsr: Aalg chei-s. Jnsertionspreise: Die viergespaltene PetitzeUe. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Dorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ' Freitag, de» 2. Lislolv 5668 <8. November 1967). 5. Jahrgang. . Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Brief aus England. — Aus aller Welt. —Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Des Schammes Tochter. — Sprechsaal. — Wochen-Kalender. — Kunst und Literatur. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Brief aus England. Daß der Antisemitismus auch in diesem als „Free Country" gepriesenen Lande nicht ganz unbekannt ist, braucht nicht bewiesen zu werden. Das Fremdengesctz liefert trotz aller „internationalen" Mäntelchen, die ihm seine Borkänipfer anhängen ' möchten, die deutlichste Demonstration hierfür. Die Engländer, deren nationaler Stolz keine Grenzen kennt, sind sonst nicht besonders geneigt, sich ihre Stammesgenossen jenseits des Atlantischen Ozeans als Vorbild zu nehmen; in Bezug, aus Antisemitismus jedoch erlauben sie sich manche Freiheiten. Jede Einschränkung der Jmniigration, die in Amerika bereits eingesührt wurde oder erst noch geplant wird, findet hier sofort einen sympathischen Widerhall und eine Schar von Patrioten, die unermüdlich an der Einführung derselben in England arbeiten. Ein gewisser Unterschied zwischen diesen beiden Ländern war jedoch darin zu finden, daß in Amerika der Judenhaß offen auftrat und keinen Unterschied zwischen in- und ausländischen Juden zuließ, während er hier noch gewissermaßen verschämt ist und unabläßlich eine dicke Linie zwischen dem „English Jew" und dem „Foreign Jew" zieht. In den letzten Jahren begannen jedoch auch hier diese Linien immer dünner und vertuschter zu werden. Freilich sind vorläufig die Beweise dafür noch ziemlich spärlich gesäet, aber wer ein „horouch eß hanoulod"" ist, darf sie unter keinen Umständen unbeachtet' lassen. Einer dieser Fälle verdient besonders beachtet zu werden, schon aus dem Grunde, weil er zur Genüge beweist, daß auch die gesellschaftliche Lage der hiesigen Inden, die doch bisher allgemein als unerschütterlich gegolten hatte, sich keiner besonderen Sicherheit ri'chmen darf. In der großen Industriestadt Leeds, die etwa 25000 jüdische Einwohner zählt, wurde ein jüdischer Arzt namens Dr. Friend als „medical officer for Health" für den Distrikt 4ir. 2, zu dem ein großer Teil des dortigen Ghetto gehört, gewählt. Diese Wahl — obwohl, nebenbei bemerkt, das Amt kein besonders wichtiges ist — erhitzte das Phlegma eines großen Teiles der Herren des dortigen Board of Guardians, die alsbald eine Petition an das Local Government Board entsandten, in der sie es ersuchten, die Wahl nicht bestätigen zu wollen. Als Grund für ihr Vorgehen gaben sie gewisse politische und lokale Umstände an, die absolut belanglos sind. Das Board of Deputies, das von Vertretern der jüdischen Gemeinden Englands beschickt wird und die offizielle Vertretung der englisch ehr Iudenheit bildet, schritt zwar bald ein und machte die Regierung auf den wirllichen Grund der Leedser Herren — das Judentum Dr. Friend's — ■ aufmerksam, aber die Herren ttaten bald wieder auf und rückten in den Vordergrund des Treffens andere Gründe, die, wenn sie auch ebenso haltlos wie die ersteren sind, jedoch stark genug sind, um der equanimity und Selbstgewißheit des Board of Deputies ernste Sorgen zu verschaffen. Zwei andere wichtige Punkte bildeten den Gegenstand der jüngsten Verhandlungen des Board of Deputies: die Alienbill und der Casa Bianca -Fonds. Zu letzterem bemerkte der Vorsitzende, Mr. D. L. Alexander, K. C., daß bis nun 954 Psiind Sterling zugunsten der marokkanischen Juden gesammelt wurden, eine Summe, die natürlich viel zu llein ist, um auch nur den notwendigsten Bedürfnissen der Unglücklichen abhelfen zu können. Gibraltar sei jetzt überfüllt mit marokkanischen Juden, und das dortige Komitee allein trage Sorgen für 500 Seelen, die es täglich zu ernähren habe. Die Alienbill, die in der letzten Zeit in einer Weise gehandhabt wird, die eher für Rußland Paßt als für das „freie" England, erfreute sich einer längeren Debatte. Zuletzt wurde die Resolution des Vorsitzenden angenommen, die, wenn sie auch bescheiden und ersuchend abgefaßt ist, dem Ministerium des Inneren alle Mißstände in diesem unglückseligen Gesetz aufdecken und es um Beseitigung derselben angehen soll. — Das „Jewish Chronicle" veröffentlicht eine Serie von Artikeln über die Alienbill, die durch ihre Ausführlichkeit und Gediegenheit zweifellos der Sache der Freiheit und Gerechtigkeit große Dienste leisten werden. Der „Kongreß" des „Indischen Frauenbundes", der vor ein Paar Wochen in Frankfurt stattgefunden hatte, scheint hier ansteckend gewirkt zu haben. Nach einer elfjährigen Panse kamen die Vertreterinnen der Union of Jewish Women diese Woche zu einer Konferenz zusammen, die im Royal Museum in Manchester stattfand und an der sich unter anderen 80 hochgestellte Damen, wie die Gräfin Desart, Lady Battersea, Mrs. N. L. Cohen, The Hon. Mrs. E. L. Franklin, Mrs. L. Lucas, The Hon. Lily Montague (Tochter des Lord Swaythling, früher als Sir Samuel Montague bekannt), Mrs. Claude Montefiore und Mrs. Meyer Spielmann beteiligten. Die Konferenz zeichnete sich zwar nicht durch die gespreizte Geschwätzigkeit, die in Frankfurt an den Tag ttat, aus, aber das ist vielleicht auch der Grund, warum die Manchester Konferenz von größerer Bedeutung ist und zweifellos Tüchtigeres und Gesegneteres leisten wird. Unsere Damen protzten nicht und berauschten sich nicht an den wohlfeilen Phrasen, mit denen sich die „gebildeten" Damen gewisser jüdischer Kreise in Deutschland gerne schminken. Sie sind schlichte, wohltätige Frauen, die als solche wirken und als solche auch gelten wollten. Jüdische Frauen, die I am Gesetze festhaltend ' oder nicht, dein jüdischen Ro. 43. Ideal der Frau doch mehr oder weniger treu geblieben sind. Es fehlte dort auch nicht an Referaten, die, wiederum bemerkt, recht schlicht und daher praktisch und anmutig abgefaßt waren. Besonders interessant war das „paper" der Lady Battersea, die über „Frauen, die ich gekannt habe" sprach. Lady Battersea war intim befreundet mit der Königin Viktoria und sprach über die Beziehungen derselben zu ihrem großen Onkel Sir Moses Montefiore und zu, anderen jüdischen berühmten Persönlichkeiten in England. Einen hochinteressanten Psak veröffentlichte diese Woche der „ChiefRabbivon England und den Kolonien" in der letzten Nummer des „Jewish Ghronicle". Anläßlich eines Falles, wo ein Jude einen Gerichtshof ersuchte, seinen Prozeßnoch einmal zu verhandeln, da man chn den Eid ohne Kopfbedeckung leisten ließ, ersucht der Oberrabbiner Dr. H. Adler das genannte Blatt um die Aufnahme folgender Entscheidung: Ein Eid sei bindend, auch wenn ein Jude chn absichllich ohne Kopfbedeckung geleistet hat. Dasselbe sei auch der Fall, wenn er auf das Neue Testament geschworen hat, welches chm irrtümlicherweise anstatt der hebräischen Bibel dargereicht wurde. Der Chief Rabbi kann auch liberal und tolerant sein, wenn er will. Seine justitia hat keine Binde um die Augen; sie sicht sich vielmehr jeden Fall genau an und beurteilt ihn nach seinem Börsenkurs.. In Angelegenheiten der „ausländischen" Juden ultra» orthodox und rücksichtslos, gegen den Zionismus wird der Strahl des großen erzbischöflichen Bannes geschleudert; im Umgänge aber mit Westend-Juden äußerst tolerant und rücksichtsvoll, und wenn es sich gar darum handelt l'haraus hoamim wehassorim, da kann das jüdische Quecksilber noch viel tiefer sinken als der Frierungspunkt Dr. Emil Hirsch's. ... In dem weder Fleisch noch Fisch seienden, durch und durch verfaulten englischen Judentum werden diese Jongleur-Kunststücke bewundert und vergöttert. Das Judentum sei dadurch orthodox erhalten geblieben, obwohl in den orthodoxesten Synagogen die Vorsteher mechallel Schabbos befarhessio sind. . . . Doch darüber mehr bei einer anderen Gelegenhett. Der Zionismus befindet sich hier in derselben ungünstigen Lage wie ein Jahr zuvor. Der Wechsel des Regimes scheint die Erwartungen derjenigen, die ihn im Interesse der Sache anempfehlen zu müssen glaubten, nicht gerechtfertigt zu haben. Die Jnaktivität der Vereine wird fortgesetzt, und die Uneinigkeiten zwischen den verschiedenen Führern scheinen wirflich chronisch und nnausmerzbar geworden zu sein. Die Ursache des ersteren Zustandes ist darin zu finden, daß wir hier blutarm sind an einer intelligenten Jugend, die begeistert für die Sache auftritt und sie aufopferungsvoll propagandiert, wie es in Deutschland, Oesterreich und Rußland der Fall ist. Daß darin jemals eine Aenderung eirttreten wird, ist nicht vorauszusehen. Der Strom der Emigratt'on aus Osteuropa treibt unsere bessere« Kräfte nach den Vereinigten Staaten und läßt

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