Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 28 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage p Nr. 28 des Frankfurter Israelitischen Familieablaües. Inhalt -er Beilage: Artikel: Moses Heß. — Aus der zionist. Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Personalien. — Briefkasten. — Jüdische Jugend._ Moses Hetz. Von Dr. Ernst Müller, Wien. Das Merkwürdigste in der Entwicklung großer theoretischer oder praktischer Gedanken ist cs, daß sie zuerst ganz spontan, instinktiv, scheinbar ohne Beziehung auf das umgebende Milieu, oft von verschiedenen Seiten, unabhängig voneinander, austauchen, und daß erst später die Fäden sichtbar werden, welche solche Zukunstsgedanken an die Vergangenheit knüpfen. So Ivar cs auch mit dem Zionismus zu einer Zeit, die wir noch lange nicht als zionistische bezeichnen dürfen. Die Erstarkung des bewußten Nationalismus, der Eifer für die Erneuerung der hebräischen Sprache, das wachsende Interesse an der Besiedlung Palästinas reichen wohl mehrere Jahrzehnte - zurück. Das wissen wir längst. Wunderbarer aber ist cs, daß das zielbewußteste, tiefste und von einer ganzen Persönlichkeit durchwehte Buch jener Zeit mitten in Westeuropa geschrieben wurde von einem Manne, der wie Theodor Herzl ganz aus edelster europäischer Geisteskultur > herkam und zum neuen-alten Judentum nur auf dem Wege seiner inneren seelischen Entwicklung gelangte. Dieser Mann hieß Moses Heß, sein Werk „Rom und Jerusalem", geschrieben 1862, von den Zeitgenossen belächelt, bestaunt, vergessen, 37 Jahre später von des Verfassers nachgebornen Jdeengenossen ausgegraben, seither ein Schatz unserer zionistischen Literatur. Ein bewegtes Leben war es in einer geistig bewegten Zeit. Ungestümes Drängen trieb den Jüngling, der kein Kaufmann werden konnte, aus seinen: jüdischen Vatcrhause — die Mutter hatte er frühzeitig verloren — in die ferne Welt, durch mancherlei Lebensschicksale, in denen seine in sich geschlossene Individualität gierig den Hauch der Zeit einsog, uni erst in späteren Jahren sein eigenstes Lebenswerk zu gestalten. Zwei Gcisteselemente gewannen auf ihn nachhaltigen Einfluß: Hegels Geschichtsphilosophie und der erwachende Sozialismus. Daß die Geschichte nach geistigen Gesetzen fortschreitet und daß die Nationen soziale Gedanken verkörpern — diese Grundstimmung zittert durch fast jeden Satz seines Systems. Und gerade seine Zeit, in der Europa nach seiner Anschauung erst die geistigen Siege der französischen Revolution erleben sollte, erscheint ihm als eine Wende der ganzen Menschheitsgeschichte. Mit seinen: ganzen Denken und Wollen stellt er sich bald in den Dienst des Kommunismus, arbeitet mit Marx und Engels in den die Bewegung geistig und praktisch führenden Zeitschriften und entwickelt seine auf eine Umordnung der Gesellschaft gerichtete „Philosophie der Tat". Später, als der freie Geistesflug allmählich zu dogmatischen Programnien erstarrt, wendet er sich der Richtung Lassalles zu, den er in der Verwirklichung seines „Prinzips der sozialen Verbände", in der Gründung von Arbeitervereinen unterstützt. Gleichzeitig aber treiben ihn geistige und persönliche Enttäuschungen — von welch' letzteren z. B. Ruges Bezeichnung „Kommunistenrabbi" Zeugnis ablegt — immer mehr in die Einsamkeit. Er beschäftigt sich lange Zeit, Hegels spekulativem. System abschwörend, mit einpirischer Naturwissenschaft und sucht als Jünger Spinozas ein Weltgesetz im kosmischen, organischen und sozialen Leben. Und auf diesem Punkt seiner geistigen Entwicklung begegnet er der Nation als einer tiesbegründeten Maturtatsache, nachdem er sich schon in seiner ersten geschichtspolitischen Richtung mit der Rolle der verschiedenen Nationen beschäftigt und in der sozialistischen mit dem Gedanken der autonomen Entwicklung der Völftr berührt hatte. Zu dieser Zeft beginnt er auch, dem Judentum gleichsam von allen Seiten sich zu nähern: er studiert Bibel, Talmud, Sohär, moderne jüdische Wissenschaft und Grätz' Geschichte der Juden. Nicht als ob er wirklich erst jetzt Jude geworden wäre. Unbewußt trug die ganze Art seines Denkens immer schon ein eigentümliches jüdisches Pathos in sich. Und als im Jahre 1840 die Jndenvcrsolgung in Damaskus, bei welcher zun: crstemnalc die uralte Blutbeschuldignng wieder auftauchte — und noch mehr die bei dieser Gelegenheit sich äußernden Spuren europäischen Antisemitismus, die im Taumel der Enmnzipation gefangene Judenheit entsetzten — da schrieb Heß: „Die Art und Weise, wie diese Judenverfolgung in Europa und selbst im aufgeklärten Deutschland aufgefaßt wird, muß einen Wendepunkt in: Judentum Hervorrufen." Und im Zusammenhänge damit: „Solange der Jude seine Nationalität verleugnen wird, weil er eben nicht die Selbstverleugnung hat, seine Solidarität mit den: unglücklichen, verfolgten und verhöhnten Volke einzngestehen, muß seine Stellung mit jedem Tage unerträglicher werden." Erst jetzt aber erkennt er mit seherischem Blick, „daß das Judentum, welches im ersten Kontakte mit der modernen Bildung sich aufzulösen drohte, auch diese letzte, vielleicht größte Gefahr bereits übcrstanden hat." Und er betrachtet als die geschichtliche Folge der Freiheitsbewegung für das jüdische Volk die Emanzipation des Volkes, nicht die Flucht aus den: Volke. Gerade diese Zeit des „Frühlingsäquinoktiums" der Menschheit ist dazu bestimmt, die Frage der Nationen zu lösen, den großen „Gcschichtssabbat" herbeizuführen, wie Heß die Vollendung der nationalen Entwicklungen der Menschheit nennt. Und gerade mit der Lösung deS nationalen Problems überhaupt soll auch das jüdische, „die letzte Nationalitätenfrage", mitgelöst werden, und jenes Volk seine Stellung im Organismus der Menschheit erhalten, welches an jeder geschichtlich-geistigen Umwälzung mitgewirkt hat. Ja, das Judentunr steht gleichsam im Zentrum der Lösung, denn gerade seine weltgeschichtliche Mission hängt mit der Herbeiführung des Geschichtssabbats auf das engste zusammen. Und gerade seine religiöse Vollendung, wie sie durch die Propheten personifiziert wird, ist der vollkommene Gcschichtskrcktus, womit das alte Judentun: dem vollendete:: Naturkultus des Griecheirvolkes gegenüberstand. Für die soziale Regeneration genügt es sonach reicht, wenn wir an der Bewegung der modernen Gesellschaft als Individuen teilnehmen. „Als Individuen unterwerfen wir uns und lassen höchstens ihren Einfluß auf uns wirken, als Nation werden wir ihr einen mächtigen Jnrpuls geben,' als Individuen ziehen wir Nutzen aus der Mission der anderen großen historischen Rassen, als Nation erfüllen wir die unsrige,' als Individuen haben wir zahllose Rechte zu beanspruchen und Pflichten zu erfüllen, aber unsere heiligsten Rechte und Pflichten sind diejenigen, welche wir als Nation zu fordern und zu erfüllen haben." Den Grundgedanken des Judentums erblickt Heß in noch einem anderen Lichte, in seiner Beziehung zun: Materialismus und verflüchtigten Spiritualismus. Wie das alte Judentum das- „nngeschiedene Leben" öarstellt, so sei es die mit dem Namen Spinoza eng. verknüpfte Tendenz der neuen Zeit und vor allen: des neuen Judentums, die große Versöhnung der dualistischen Kluft zwischen Materie und Geist wiederherzustellen. Nicht soll das irdische Leben von einem geistigen Standpunkte aus erniedrigt, sonder:: es soll vergeistigt und erhöht werden. Und mit feinem Instinkte fühlt Heß gerade in unserer Zeit das Pochen eines neuen religiösen Bedürfnisses, dem weder der abstrakte Glaube noch die platte, negative Aufklärung des 18. Jahrhunderts genügen kann. (Schluß folgt). Aus der zionistische« Bewegung. Frankfurt a. M. Be: der Kommission für den jüd. Nationalfonds ging ein aus Büchsen: Selma u. Else Levigard 3,50 .& Familie Wolpe . 2,54 „ Isaak Goldschmidt 2,60 „ Nathan Sondheimer 3- „ E. Lion 1/20 „ Dr. I. Mayer 4,30 „ 17,14 J6 Ferner Materialien von Frl. Lotte Wolpe, Toni u. Martha Goldschmidt, Seppel Levigard. Frankfurt a. M. Bei der Geschäftsstelle dieses Blattes gingen ein: S. H. Goldmann gratuliert Leopold Schwab zur Verlobung und I. Hellmann zum Doktor 1,— JL Bafel. Als Delegierte zum 8. Kongreß sind gewählt worden: in Biel: Dr. med. Camille Levy. in Bern: Dr. Israel Rubin, in Basel: Maurice Levy-Liestal, kn Zürich: Meier-Fogall. New-Nork. Am uv. Juni und 1. Juli fand in Tannersville die 10. Jahresversammlung der zionistischen Föderation von Amerika statt. Dr. Harry Friedenwald präsidierte. Dem Berichte des' Sekretärs Reo. Dr. Magnes entnehnien wir, daß die Föderation 208 Vereine'umfaßt, die Zahl der Schekelzahler dürfte etwa 12 000 betragen. Ans der Lehrerwett. Berlin. Herr RabbinerDr. Ludwig A.Rosent h a l in P r e u ß i s ch - S t a r g a r d ist einstimmig zun: Prediger und Reügionsschul-Direktor des Religionsvereins Oranicnbnrger Vorstadt gewühlt worden. Seesen am Harz. An Stelle des im Dezember v. I. verstorbenen Prof. Dr. E. Philippson ist Herr Dr. N. F r i e d l a n d, bisher Oberlehrer an der städtischen Realschule in Bromberg, zum Direktor der Jacobson-Schule (Realschule und Realprogynrnasiuin mit Alumnat) gewühlt worden und hat nach Bestätigung durch das Braunschweigische Staatsministerium an: 1. Juli sein Anrt angetreten. Wien. Aus dem soeben erschienenen Jahresbericht der Baron Hirsch'schen Stiftung für das Schuljahr 1905/6 ist zu entnehmen, daß die Stiftung^ 48 Volksschulen unterhalten hat, an denen 76,5 Schüler von 196 Lehrpersonen unterrichtet wurden. Das Vermögen der L-tiftung beträgt 18Vi Millionen Kronen. Von den Jahreseinnahmen von 544 000 Kronen wurden 455000 Kronen für Volksschulen verausgabt. Die Stiftung hat auch 17 Abendkurse abgehalten, welche unter Leitung von 48 Lehrern von 769 Schülern besucht wurden und eine Ausgabe von 3250 Kronen beanspruchten. - Personalien. Bremen. Herr Dr. Klatzkin hat im Aufträge der I t o die Fürsorge für die Galveston-Emigranten hier übernommen. Am 11. Juli ist die 3. Gruppe — 71 Mann — Emigranten, welche die Jto in Gemeinschaft mit dem Hilfsverein der deutschen Juden nach Galveston befördert, von hier abgefahren. Briefkasten. D r. Wenn wir auch die Auffassung Hermann Cohens in zahlreichen grundlegenden Fragen des in seiner Schrift „Religion und Sittlichkeit" behandelten Themas nicht teilen, glaubten wir doch einem solch' hervorragenden Gelehrten wie Cohen es schuldig zu sein, seine Arbeit eingehend! zu würdigen. Sie haben recht: Zwischen dem Cohen'fchen prophetischen Judentum und dem geoffenbarten Judentum nach traditioneller Auffassung besteht vor allem der Unterschied darin, daß Cohen's , prophetisches Judentum das Judentum durch die Propheten läutert, während nach unserer traditionellen Auffassung selbstverständlich von einer Läuterung des Judentums, das geosfenbart und deshalb unveränderlich ist, nie die Rede fein kann, höchstens von einer geläuterten Au ft fassung. M. R.» Dr. W., I. B. Wir begrüßen eine Organisation der Orthodoxie aufs freudigste, denn es ist die höchste Zeit, daß die Zerklüftung einer allgemeinen Verständigung Platz macht. Wir wünschen, daß die Diskussion in unserem Blatte zur Klärung der Angelegenheit beiträgt; doch meinen wir, daß der praktischste Weg wäre, einen allgemeinen Tag der deutschen Orthodoxie einzuberufen, auf dem die beiden Richtungen sich anssprechen können, damit die noch vorhandenen Bedenken beseitigt werden. L. in Czersk. Ein Kittel'darf auch von einer Nichtjüdin genäht werden. M. 5 dankend empfangen.