Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. rika-LinieB all in, — „Rote Wlerorden 4. Kl." Ren-' tier Felix S i m on « Berlin, —. „Rote Kreuzmedaille 2. Klasse" Direktor der Brauerei- und Mälzerei- Berufsgenossenschaft Max Schlesinger- Berlin, — „Rote Kreuzmedaille 3. Klasse" Dr. med. Richard M ü h s a m - Charlottenburg und Fräulein Marie F r i e d h e i m - Berlin. Berlin. Zum Prosektor am jüdischen Krankenhause ist Dr. Hans Kohn — geboren 1866 in Wassertrudingen — gewählt worden. Den Kronenorden 3. Klasse erhielten: Geheimrat Professor Pinncr-Berlin und Geheimrat Professor Dr. Mo sse-Königsberg. Den Roten Adlcr orden 4. Klasse erhielten: Oberrabbiner Weil-Colmar, Professor Schreiber - Königsberg, Geheimrat M a r c n s e, Amtsgerichtsrat B u k a - Graudenz, Bezirksrabbiner Dr. S i l b e r st e i n - Wiesbaden, Landgerichtsrat Dr. Marens und Geh. Sanitätsrat Dr. Marcnse- Berlin. . Berlin. Professor Mo ritz Steinschneider, der berühmte Orientalist und Nestor der Sprachwissenschaft, ist an de» Folgen der Influenza im Alter von 91 Jahren gestorben. Moritz Steinschneider ivurdc am 31. März 1816 zu Proßnitz in Mähren als Sohn eines Rabbiners geboren, ging 1832 nach Nikolsburg, studierte 1833 bis 1836 in Prag Philosopic, Acsthctik, Pädagogik und neue Sprachen, dann bis 1839 in Wien Geschichte, wo er auch von Leopold Dukes in die orientalische Literatur und Bibliographie eingeführt wurde. Sodann begab er sich nach Leipzig, wo er unter dem berühmten Professor der hebräischen Sprachen Fleischer weiter studierte: Er versuchte den Koran ins Hebräische zu übersetzen. Nach kurzem Studium in Berlin war er 1842 Lehrer in Prag an einer höheren jüdischen Töchterschule. Im Jahre 1850 promovierte er in Leipzig und leitete von 1869 bis 1699 di- Töchterschule der jüdischen Gemeinde in Berlin, wo er auch in der königlichen Bibliothek beschäftigt war. Im Jahre 1894 erhielt er den Professortitel. Die erste literarische Arbeit Steinschneiders erschien 1838. und ' seither ist kein Jahr vergangen, in welchem er nicht mehrere kleinere oder größere Arbeiten vollendet hatte. In einer Festschrift, die zu seinem achtzigsten Geburtstage erschien, sind die Titel seiner Werke und Mhaudluugen in kleinem Druck auf zirka vierzig Seiten Lexikon-Oktav verzeichnet. Nachdem er sich durch eine Reihe von Editionen hebräischer und arabischer Werke eingeführt hatte, wandte er sich mit großem Eifer der hebräischen und orientalischen Bibliographie zu. Die französische Akademie hat seine Werke „Die arabischen llebersetzungen aus dem Griechischen", „Die hebräischen Uebcrsetzungen aus dem Mittelalter und die Juden als Dolmetscher" und „Die arabische Literatur der Inden" preisgekrönt. Eine Bioliographie der europäischen Uebersetzungen aus dem Arabischen vom 11. bis 18. Jahrhundert ist in den Sitzungsberichten der kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien erschienen, deren korrespondierendes Mitglied Steinschneider gewesen ist. Köln «. Rh. Postvaurot Bing «hielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Hannover. Am 24. d Mts. fei-rten der penstonirte Schächter Pink ns Autor und seine Frau das Fest der goldenen Hochzeit. Landrabbiuer Dr. Gronemann überreichte die vom Kaiser verliehene Ehejnbiläumsmedaille, und die Vorstandsmitglieder Senator Fischer und Julius Behrend übermittelten die Glückwünsche der Gemeinde. Alzenau. Hier fand man am SamStag früh die Handelsmannseheleute Bernhard Hamburger nebst ihrem Kinde bewußtlos in ihrem Schlafzimmer auf. Sie waren durch Einatmen von Kohlcnoxydgas, das aus dem die Nacht über geheizten Ofen entströmte, an Vergiftungserscheinungen dem Tode nahe. Der Kunst der vier aus der Umgegend, sowie von Hanau und Frankfurt a. M. herbeigerufenen Aerzte gelang es, die drei Personen wieder zum Bewußtsein zu bringen. Wien. Mit dem dieser Tage verstorbenen Reichstagsabgeordneten Dr. Josef K o p p ist ein Christ dahingeggangen, der den Juden gegenüber stets die Gebote der Gerechtigkcft und Menschenliebe bewahrte und für deren Aufrechterhaltung ehrlich gekämpft hat. Bekannt ist sein Buch: „Zur Judenfrage nach den Akten des Prozesses Rohling-Bloch, Leipzig 1886", in welchem Prozesse er Dr. Bloch vertrat. Auch in dem Prozesse gegen die Antisemiten Paulus Meyer und Pfarrer Deckert im September 1893 vertrat er die Sache der Juden. i Paris. Dr. Emile Javal. Mitglied der Akademie der Medizin und Offizier der Ehren- Legion und ftüheres Mitglied der Kanimer, ist 70 Jahre alr und der Dramatiker William Busn a ch 75 Jahre alt gestorben. Stockholm. Im Alter von 68 Jahren verschied der türkische Generalkonsul Simon Sachs, langjähriger Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde. Rew-Aork. Die hiestge Judenheit bat einen schweren Verlust erlitten. E m a n ü e l Lehmann, der seit vielen Jahren an der Spitze aller Wohltätigkeitsbestrebungen stand, ist nicht mehr! — Lehmann, 1827 in Bayern als Sohn von Abraham L. Lehmann und Frau Hanna geb. Rosenheim geboren, kam bereits im Alter von 20 Jahren nach Amerika und hatte geschäftlich bald großen Erfolg. Er!var Frankfurt» Israelitisches Familienblatt. Direktor verschiedener Banken und industrieller Unter- »ehmungen und genoß geschäftlich wie privat das größte Ansehen. 0 0 Ei« Jomkippur. Von Ernst Schwarz. (Fortsetzung.) „Ich versündige mich, nicht," versetzte Benjamin in seiner bescheidene» ruhige» Weise, aber doch mit Bestimmtheit, „ich habe den Dajon Reb Wolf darüber befragt; ein Vater ist nicht berechtigt, den Sohn zu zwinge», daß er ein Mädchen heiratet, das er nicht inag, und der Sohn ist nicht verpflichtet, Rücksicht daraus zu nehmen, wenn der Vater ihm wehren will, ein braves Mädchen aus einwandfreier Familie zu heiraten." „Tausend Schock Schwerenot!" schrie Reb Meier, indem er mit der geballten Faust aus den Tisch schlug, daß die volle Tasse Kaffee umfiel und der braune Trank sich auf das weiße Tischtuch ergoß. — Das freilich kümmerte den Erregten nicht. — Doch daß er am Ere>v Jomkippur mit seinem Sohne so maßlos gcschricn hatte! — Wenn das seine Leute gehört hätten! 1 „Schau Benjamin, Du mußt doch ein Einsehen haben, daß Du Dich versündigst, daß Tu den Vater, den Roschhakohol, dazu bringst, daß er flucht, und noch dazu au Erew Jomkippur! — Schau, ich verlange doch nicht von Dir, daß Du Eine heiraten sollst, die Dir nicht gefällt, — ich habe Dir doch gesagt, lern' Fräulein Glogau kennen, und wenn sie Dir nicht gefällt, so reden wir weiter. Aber daß Du justament die Tochter von meinem Todfeind mir ins Haus bringen willst —" „Du bist im Irrtum," siel Benjamin ei», „ihr Vater ist nicht Dein Feind." . „Was weißt Du davon!" rief Reb Meier, sich aus's neue erregend, „ihr Vater ist mir noch viel, viel ärger als ein Todfeind. — Ihr Vater —" Er rang sichtlich nach Mäßigung und fuhr weniger laut fort: „Hör' inir zu, Benjamin, ich will Dir sagen, wovon ich noch zu keineni Menschen geredet habe, nicht einmal zu Deiner Mutter. — Ich bin auch einmal jung gewesen, frisch und jung wie Du, und ich habe noch mehr Schneid gehabt als Du. — Mir ist's nicht so gut geworden wie Dir, mir sind nicht die gebratenen Tauben in's Maul geflogen, ich habe arbeiten und schaffen müssen von in der Frühe bis in die Nacht, aber frisch und wohlgemut bin ich gewesen, und oft bei der schwersten Arbeit habe ich die lustigsten Lieder gesungen. — Du kannst Dir das nicht denken? — ich kann's ja selber kaum glauben — und doch ist es wahr. — Und weißt Du, durch luen ich so geworden bin, wie ich bin? so'n, wie mau zu sagen pflegt, „miser ben Odom"? — Durch den Vetter, einzig und allein durch ihn." „Das weiß ich, er selbst hat mir gesagt, daß er sich an Dir versündigt hat, an Dir und 'an seiner ältesten Tochter. — Aber er hat Dich doch um Verzeihung gebeten." „Bagatelle! daß der Dalsen den Oscher um Verzeihung bittet, da ist viel darauf zu geben." „Entschuldige, lieber Väter, der Vetter hat Dich gleich nach der Schiwoh am seine Tochter uni Entschuldigung gebeten, da warst Du noch kein Oscher und er noch kein Dalsen. — Aber Du hast ihm nicht verzeihen wollen." Reb Meier warf ärgerlich den Kopf zurück. „'Natürlich wollte ich ihm nicht verzeihen, nie und niinincr werde ich ihm verzeihen, denn er hat schlecht gehandelt an ihr und a» mir. — Aber er ist auch! dafür gestraft worden! — Und wie ist der gestraft worden! — Seine erste Frau ist ihm gestorben und alle seine Kinder sind ihm gestorben, und dalm ist ihm die zweite Frau gestorben, und dann hat er Pleite gemacht. — Und ich, der ich damals nichts gehabt habe, bin ein reicher Man» geivorde». — Gott ist gerecht. — Und auch ich bin gerecht, wen» ich die Tochter von solch' einem Manne nicht in's Hans konimen lassen will." Ein unartikulierter Laut entrang sich der Brust des. jungen Mannes. Weil ihr Vater Dich ungliick- ■ ' t 5. lich gemacht hat, darum willst Du Deinen °Sohn unglücklich machen, das soll gerecht sein? —'- Sv schrie cs auf in Benjamius Herzen, aber die Lippen, die er geöffnet hatte, schlossen sich, ohne ein Wort hervorgcbrachr zu haben; er sah ei», es war alles, alles vergebens:: „Ich darf die Großmutter nicht warten lasse»," sagte er gepreßt, „gut Jomtow!" „Gut Jomtow!" erwiderte der .Vater- und sah dem sich Entfernenden sinnend nach. Es gewährte ihm doch, eine. Art, von. Gcnugtuuug^daß. sein Vetter,., es rückhaltlos anerkannte, daß er sich gegen ihn versündigt hatte/ daß' all' das Unglück, das ihn gctrosseu, eine göttliche Strafe für diese Versündigung war. Daß er sich mit dieser Genugtuung hätte begnügen sollen und das Lebensglück seines Sohnes seiner Unversöhnlichkeit nicht hätte opfern dürfe», das kam ihm nicht in den Sinn. Im Gegenteil, es tat ihm wohl, den Vetter seine Macht fühle» zu lassen, gleich viel, wer außer dem Schuldigen noch darunter leiden mochte. Doch jetzt war es höchste Zeit, sich zu dem Bordeten auf morgen vorzübereiten. Er griff wieder nach seinem Machsor, doch da kam die Magd und sagte, seine Frau ließe bitten, er möge sich hinüber bemühen zum Essen. Er erhob sich rasch und begab sich hinüber in das Speisezimmer, wo der Tisch bereits gedeckt war. Schweigend nahm er mit seiner Frau die letzte Mahlzeit vor Beginn des Fasttages ein, dann zündete sie die sog. Sabbatlampe an, die von der Mitte des Plafonds über den großen eichenen Tisch hernicderhing, nachdem sie zuvor in dem Zimmer ihres Mannes die sog. Jomkippurkerze angezündet hatte, die die ganze Nacht hindurch und auch am morgigen Tage bis zum Einbruch der Nacht brennen sollte. Dann begaben sich beide in die Synagoge, die bereits in Hellem Lichterglanz erstrahlte. Die Gemeinde war vollzählig versammelt, die verheirateten Männer in den weißen lang'herabwallende» Sterbegewändcrn mit den iveißeu mit Silberborten besetzten Kappen auf den Häuptern. DerMabbiner, ei» ehrwürdiger Greis mit-langem schneeweißen Bart, gleichfalls im Sterbegewaud, hatte die Kanzel bestiegen und erläuterte in feurigen Worten der andachtsvoll lauschenden Versammlung die hehre Bedeutung des beginnenden heiligen Tages, den die Gnade Gottes seinem irrenden Volke gesendet, um au ihm Sühne zu findcu für alle ihre Sünden. Er forderte sie aus, Rückschau zu halten über ihren Wandel während des ganzen verflossenen Jahres, ob ein nnfrcuiidliches Wort gefallen zwischen Gatten, ein liebloses zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern zwischen Herrn und Diener, zwischen Reichen und Armen, zwischen allen, mit denen sie in Verkehr getreten; prüfen sollten sie ihren Wandel auf dein Markt des Lebens, ob auch kein Kreuzer in ihrem Besitz, der einem andern rechtlich zukomiire. Und wenn auch nur ein unrechtmäßig erworbener Kreuzer in ihrem Besitz sich finden sollte, so sollten sie eilen, denselben zurückzugeben, und wenn sie auch nur durch ein unbedacht gesprochenes Wort einen ihrer Nebenmenschen gekränkt hätten, sollten sie eilen, dessen Verzeihung zu erlangen, sonst könnten sie nimmer hoffen auf Gottes Verzeihung. Und keiner, der auf Gottes Verzeihung hoffe, möge sich unversöhnlich zeigen, auf daß für alle das Gotteswort ertöne: „Solachti!" ich habe verziehen. In diesem Sinne sprach der ehrwürdige Redner noch lange, und die Worte, die voin Herzen kamen, drangen in die Herzen seiner Hörer. Als er geendet hatte, sah man manche, diesem oder jenem die Hand reichen und abbitteude Worte flüstern. Viele waren cs nicht; cs ist nicht Sache eines Jeden, vor aller Augen derartiges zu tun. In mancher Herzen waren auch die Worte des Redners gedrungen, ohne daß sic selbst es sich hätten gestehen wollen. Als der Gottesdienst, zu Ende war, strömte die Menge ins Freie; nur wenige waren noch in der Synagoge gebliebe», ihre Andacht fortzusetzen. ES war ein Schwirren und ein Summen, nicht überlaut; doch wenn mehrere hundert Menschen auch nur gleichzeitig halblaut flüstern, gleicht cs dem Rauschen des wogenden Meeres. Viele lrechselten Glückwünsche, inanche.klagten, über die drückende Hitze ft»l Gottes-