Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ ♦ ( “. •.• > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurha. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post s abonniert im In« und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen; Deutschland und Oesterreich-Ungarn M. 1,50, : sonstige Länder Mk- 2.— i --—-.... ■■■* Frankfurt a. HK, Bleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße Hekefo« 10507. ■t-x t- KalL cheis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzelle..... 25 Psg. Die Reklamezelle. 100 Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 1—___ ' - ö Jahrgang. Freitag, den 18 Vvvss 5667 (4. Januar 1967). Ra. i. JMqlt des Hauptblattes. Artikel: Die Sehnsucht nach Schönheit, im älteren jüdischen Schrifttum — Die Woche. — Brief aus Breslau. — Aus aller W e l t. — Per so - nalien. — Feuilleton: Ein Jomkippur, von Ernst Schwarz. — Sp r echsaal. — K u n st und L itera tu r. — Wo ch en - Ka len der. — Fam i l i en-' Nachrichten. Die Sehnsucht nach Schönheit im öttern jüdischen Schrifttum. Dargestellt von H. Zeitlin, übertragen und eingeleitet von B o i a k. II. Wie ist das Weltenlicht entstanden? — Gott hüllte sich in seinen „Talcth", das Vorbetcrge- Ivand legte er an, und sogleich füllte sich der ganze Weltenraum mit Licht. („Pirkei D'rabi Eliasar"). Von: göttlichen Lichte ward nun die finstere Welt erfüllt und erhellt. Allzugroß aberwar das Licht, allzu hell leuchtete es, zu glänzend, zu prachtvoll war es. Die Welt war noch nicht seiner würdig. Es gebührte ihr eine solche Gabe noch nicht. Was tat nun Gott? — Er benahm sie des Lichtes, das in den ersten sechs Schöpfungstagen erleuchtete und bewahrte cs füx die zukünftige Welt der Gerechten auf, für kommende Zeiten, kommende Generationen. („Bereschis Raboh".) Wo aber hat es Gott aufbewahrt? — In den Buchstaben der Thora. (Rabi Israel, genannt Bescht.) Studiere also die „Torah", betrachte sie und versenke dich in ihre Tiefen, lese die Zeilen und zwischen den Zeilen, begreife ihren geheimen Sinn und enträtsele ihre Geheimnisse, erfasse ihre hohen Absichten und errate ihre universellen Ziele und Ideale, dann wirst du auch das in ihr anfbewahrte Licht, das. Licht der Zukunft, ersehen. Und noch ein Ort ist vorhanden, wo das geheime Zukunftslicht auffindbar ist — das ist das freie Feld, der fteie Wald. Wenn du eine lautere Seele hast, so erhebe dich recht ftüh. Verlasse die Stadt, ihr Gezänk und Taumel, ihren Kot und Schimmel, lustwandele nach dem großen und freien Felde, öffne weit deine reinen Augen und beschaue Gottes freie und lichte Welt — jo wird sich dir auch das geheime Zukunftslicht erschließen. ' Sieh ausgebreitet ist über alles die göttliche Gnade, alles ist so schön und mild, so gut und rein, alles atmet tiefste Weihe und ewige Güte, alles redet von ewigem Frieden und ewigem Glück, alles lispelt von großen. Geheimnissen, von weiten, weitest. Welten, von Zister lichten, lichten Zukunft. Sieh — die Stadt wird in Trümmern zerfallen, alles Falsche und Schmutzige und Unreine wird verschwinden, alles Kleinliche, Enge und Stumpfe wird keinen Boden haben. Frei und. licht- 'öoll wird sich alles erheben, groß und weihevoll wird sich alles gestalten. .Krieg wird ausschciden, ebenso das Geld, der Handel und das Eigentum. (Maseh Bebaal Tefilah.) Tiefe ,tiefe Zukunft! Das ganze Leben wird in ein (helles Licht aufgehen, in eine ewige Melodie, in seinen ewigen Tanz von Gerechten. Eins wird sein (Gott uni: Mensch, mit einander verschmelzen, werden für alle Ewigkeit Schöpfer und Geschöpfe. Gott 'tanzt mit den Gerechten im Paradiese und ist allen sichtbar. („Lekute Maharan".)! Sieben Gruppen der Gerechten werden die „Schechinah" (Gottheit) feierlich empfangen und (werden leuchten wie die Sonne, wie der Mond, wie (die Himmel und wie die Sterne, wie die Blitze (und wie die Rosen, wie. die glanzvolle „Meno-!rah", welche im Tempel war. („Wajikro Rabbo".) Sieh! Wie abgestorben ist im Winter die irdische Naturpracht, und wieder erblüht sie im Sommer. Das Tote 'wird dann belebt. Jedes Grstslein lispelt zu Gott ein Gebet, jedes Gräslein fleht und jedes Gräslein entsendet einen Lobgesang. Bete auch, du Mensch! Bete gemeinsam mit der: unbefleckt schönen Gräslein. Sic lieben dich und sehnen sich nach dir.- Mit dir gemeinsam möchten sie Gebete an Gott richten. („Magid Sichaus 34". Lekute Ezaus.") Eigentümlich ist die Grazie eines jeden Grashälmchens, eigenartig seine Schönheit, in das es gehüllt ist. Jede Art hat' ihre eigene Pracht und Zauber. Als der Weltenlenker alle Arten Grashälmchen erschaute, da ries er ungehalten aus: Möge die Ehre Gottes ewig andauern, möge sich Gott mit seinen Taten freuen. („Mesichto Chulin 60".) höre! Alles läßt Lobgesänge zu Gott erklingen: Der Tag und die Nacht, die Sonne und der Mond, die Wolken und die Blitze, der Wind und der Tau, der Regen und das Wasser, die Bäche und die Seen, die Quellen und die Wüste, die Felder und die Wälder, die Bäume und die Aehren, die Vöglein und selbst das kleinste Geschöpf. („Perek Schiroh".) Alle Bäume reden miteinander, alle Bäume reden mit den Menschen. (Bereschis Raboh".) Höre! Alles singt, lauter Musik sind die Himinelssphären. Blos muß man ein Ohr besitzen, um sie zu vernehmen. Des Menschen Seele stammt vor: oben. Droben war sie an der Engel Melodieen und die Hinimelsfphären gewöhnt. Und deshalb wenn die Seele jetzt im Körper weilend, eine Melodie vernimmt, so erinnert sie sich an jene himmlischen Melodieen. frohlockt sie und ist göttlich erhaben. („Avaudas Hakaudesch le' Rabbi Meir ben Gabbaj, Perek, 9".) Frisch und rein, göttlich-fröhlich, und göttlichentzückt war die - ganze Welt, als der Schöpfer sie, fertig geformt, aus seiner Hand ließ. Gott, erfteute sich an ihr, und sie erfreute sich an Gott. O, mein Weltchen, ries ihr Gott damals zu, ich wünschte, di: fändest immer bei mir den Beifall, den du in diesem Momente bei mir hast. („Bereschis. Raboh".) Schmaus".) Dies ist die Entstehungsgeschichte der Himmel und der Erde. Ihr Schöpfer preist sie. wer erkühnt sich, sie zu schänden, ihrem Schöpfer sind sie erhaben, wer vermag an ihnen etwas auszn- 'setzen? Oh, schön sind sie, erhaben sind sie. Schön und weihevoll war die Welt nach der Schöpfung, noch schöner und weihevoller wird sie in der Zukunft sein. Die Schöpfungsgeschichte bedeutet die Verlobung Gottes mit dem Universum. In der Zukenst wird beider Vermählung gefeiert werden. Bei der Verlobung hat Gott mit nur wenigen! die Welt beschenkt, bei der Vermählung aber wird alles, alles der Welt geschenkt werden. („Midrasch Raboh".) III. Schön und erhaben war die Welt. Nun aber wurde der Mensch geschaffen. . . Der. Mensch kam zur Welt und brachte: Kenntnisse, Sehnsucht, Schmerz, Wahres und Falsches, Gutes und Schlechtes, Schönes und Häßliches, Reines und Unreines, Gebote und Verbote, Kämpfe und Schlachten, Neid Haß, Auftegung, Beleidigung, Grobheit, wilde Genüsse und wilde Instinkte (Bereschis Raboh Schernaus). Der Mensch schritt fort und immer grauenhaftere. und abscheulichere Formen nahm das Leben an. Die ganze Welt wurde zum Kampfplatz, der Tempel Gottes in ein großes Blutbad verwandelt. Noch weiter schritt der Mensch fort und schlecht erschienen ihm Schöpfer wie Schöpfung. Ueberall fand er ewige Unzulänglichkeiten, entdeckte er ewiges Leiden. Nicht nur der Mensch, sondern die ganze Welt ist sündhaft und elend. Alles ist bedingt. Ewig muß Blut fließen, Mles muß klein und häßlich sein. So ist eben die Welt, so ist die Natur. Die Welt erzitterte, zerspaltete und zerbröckelte. Alles ist leidend, durstig, sinnlich und klein und düster. . (Fortsetzung folgt.) Die Woche. Und der Herr der Allmächtige sprach wiederum zu mir und sagte: Erdensohn, stehst du auf der Warte.? Und ich rief: Herr! Auf der Warte stehe ich immerdar, auf meinein Posten bleibe ich am Tage, bleibe auch, in der Nacht. — Und er sprach zu mir also: Gehe und verkünde! Verkünde, was du siehst, wie der Wächter, der was er sieht verkündet: über das wundervolle Volk von Anbeginn und weiter, über das Volk des Höffens und Harrens, — mb doch zertreten, gefobtert, wie Wild gejagt, gehetzt, das Volk, dessen Kindlein vor dessen Augen zerfteischt, dessen Weib geschändet und dessen Haus ansgeraubt; über mein Volk, das auserwählte Volk, verkünde! Und siehe, eine weite Ebene, bewachsen mit menschenhohem Wildgras schwebt vor meinen Augen, auf wilden Rossen galoppieren halbnackte rote Reiter mit Klinten und Beil, fliehen, wie vom Blitz getroffen. Don der Ferne sehe ich wilde Flammen zum Himmel emporsteigen, das hohe Gras brennt, die ganze Ebene steht in Flammen. , . In einer weiten Zukunft werden alle Strei- Schön ist die Welt, gesegnet sei der, der sie tigkeiten aüfhören, jegliche Gewalttat und jeder^ mit seinem Worte geschaffen. („Midrasch Raboh