Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 20 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage W M. 20 des Frankfurter JsmelWcheu FaMeMattes. MT“ Infolge des gestrigen gesetzlichen Feiertages: konnten in dieser Nummer eine Anzahl Einsendungen nicht mehr Berücksichtigung finden; ebenso mutzte deshalb die Beilage „Indische Jugend" znrückgeftellt werden., Inhalt der Beilage : Artikel: TheodorHerzl an die Delegierten in . Hannover. Aus den Vereinen..— Ans'der zionist. Bewegung. — Ans der Lehrerwelt. Theodor Herzl au die Delegierten in Hannover. I. Diplomatie und „praktische" Arbeit. „Wer die Sache ruhig bedenkt, wird sich doch sagen müssen, daß der Zionismus ans andere Weise, als durch eine rückhaltslose Auseinandersetzung mit den beteiligten politischen Faktoren sein Ziel nicht erreichen kann." Eröffnungsrede zum I. Kongreß. * ,Jn welcher Form die Einigung schließlich stat'tfinden soll, darüber heute viel zu reden, wäre ein müßiges Beginnen. Nur das Eine ist unverbrüchlich festzuhalten: Die Basis kann unr ein Zuv stand des Rechtes, und nicht d er Duldung sein." Eröffnungsrede |ura I. Kongreß. „Wenn man den Menschen, die wegen Verfolgungen auswandern,.eine neue Heimat — wäre es auch eine historische — anweist, so muß man ihnen doch Wenigstens versprechen können, daß sie aus religiösen und nationalen Gründen nie mehr verfolgt werden sollen." Rede im Mäkkabäerktub in London am 6. Juli 1896. * „Herr llfsischkin hat freilich ein Vorurteil gegen das „Diplomatisieren und Philosophieren," wie er wegwerfend sagt. Er erinnert mich an das Vorurteil, das viele einfache, brave Menschen gegen die studierten Leute haben. Me Ungebildeten wären demnach dem Gebildeten überlegen, und in einer Sache von politischem Charakter, die nur auf diplomatischem Wege vorwärts zu bringen ist, sollte man anders als diplo- . matisch Vorgehen?" „Die Welt", 1903, Nr. 44. * „Der Blick der Zionisten ist nur auf das öffentliche Recht gerichtet. Da suchen sie die Lösung des alten Uebels. Wenn ich das paradox ansdrücken dürfte, würde ich sagen: Ein Land, das nach öffentlichem Rechte dem Jndenvolke gehört, das aber bis zur letzten .Parzelle grundbücherlich im Eigentum von Nichtjuden ist, bedeutet die Lösung der Jndenfrage für immer. Hingegen ruft das Anwachsen des privatrechtlichen Grundbesitzes in jüdischen Händen überall den Antisemitismus hervor. Hier ist 1>er Kern der ganzen Frage." „Der Baseler Kongreß". Contemporary Review 1897. * „Die ernste Seite ist, daß hier wieder der alte Irrtum großgezogen wird, man könnte durch den Kauf von Grundstücken ein Land kaufen. Baron Edmund Rothschild konnte das nicht, Baron Hirsch konnte das nicht, und ebensowenig könnte des' letzteren Erbin, die Jca, es,^selbst wenn sie den guten Willen dazu hätte. Ich habe es tausendmal erklärt,' daß zwischen privatrechtlichem und völkerrechtlichem Erwerb ein Unterschied ist, und gerade auf diesen Unterschied kommt in unserer Bewegung alles an, alles!"*) Ich will es Herrn Ussischkin noch einmal, zum letzten Mal, erklären. Selbst wenn er in Ekateriuoslaw alle Grundstücke aufkauft, gehört Ekateriuoslaw politisch nicht ihm, sondern dem russischen Souverän, und wehe Herrn Ussischkin, wenn er cs sich einfallen ließe, irgend etwas gegen die Gesetze und Verordnungen des Reiches oder auch nur gegen die Verfügungen des Gouverneurs oder Polizcimeisters auf den Grundstücken zu tun, die er privatrechtlich erworben hätte. Genau dasselbe ist auch in der Türkei, ist in allen Ländern der Fall. Jeder Student der Rechte im ersten Jahrgang wird Herrn Ussischkin bestätigen, daß ich ihm die Wahrheit sage, *> Die durch den Druck hervorgehobenen Stellen sind rn den Originaltexten nicht gesperrt gedruckt, und daß das von mir kein „Politisieren oder Diplvmatisieren" ist." „Die Welt." 1903, Nr. 44. * „Nun gibt es aber Leute, die das Kausen von Grundstücken für „praktische" Arbeit halten, weil Kauf und Verkauf Vorgänge des praktischen Lebens sind. Auch hier liegt ein Irrtum vor, den ich aber nur insoweit ernst nehme, als er Verwirrung bei unseren Anhängern hervorruft. Daß einige wackere Leute Geld auf törichte Weise ausgeben, ist nicht allzu schlimm. Geldverluste sind nicht tragisch zu nehmen. Schlimm wäre es nur, wenn unsere zionistische Bewegung daran irgend eine Schuld hätte." . - „Die Welt", 1903, Nr. 44. * „Bon zwei Augen eins: Entweder .Herr Ussischkin weiß einen kürzeren und besseren Weg, um das jüdische Volk in den öffentlich-rechtlichen Besitz Palästinas zu bringen — dann ist es von einem so guten Zionisten Nicht schön, daß erdiesen Weg nicht schleunigst angfBt. Oder er weiß keinen — dann lnögeer nicht «mit leeren Redensarten di« Einigkeit 1|m Zionismus stören, die mehr wert ist, als ein paar Grundstücke in Palästina." „Die Welt", 1903, Nr. 44. * „Es handelt sich für uns nicht um einen Momentersolg, nicht darum, irgend eine scheinbare Tätigkeit zu entwickeln, die vielleicht darin besteht, daß in an den Güter- und vielleicht auch den Menschentransport etwas lebhafter gestalte t, sondern uns handelt es sich, wenn wir ernste Leute sind und diese großen Fragen so aussühren, wie es unsere Pflicht ist — uns handelt es sich darunr, dauernde Zustände zu schaffen, und daran arbeiten wir jeden Tag." Protokoll des II. Kongresses, S. 65. (Schluß folgt.) Aus den Vereinen. München. Der Israel. Verein für Kr ankenpflege, Bestattungswesen und religiöse Belehrung (Chewra Kadifcha) feierte Lag b'Omer sein hundertjähriges Bestehen. Die Chewra ist älter als die hiesige Gemeinde, denn seit 1442 durften nur einzelne privilegierte Juden hier wohnen, und wenn auch die ersten urkundlichen Aufzeichnungen, daß hiesige Juden ihre religiösen Angelegenheiten gemeinsam pflegten, aus dem Jahre 1801 stammen, so kann von einer eigentlichen Gcmeindebildung doch erst etwas später gesprochen werden. Damals durfte hier noch kein Kind einer jiid. Mütter das Licht der Welt erblicken — die Mütter mußte sich nach auswärts begeben — und ebenowenig konnte ein Jude hier die letzte Ruhestätte linden, die Leichen wurden nach Kriegshaber bei Augsburg (ca. 70 Kilometer Entfernung) gebracht. Der hiesige jüdische Friedhof datiert aus dem Jahre 1816. Die Geschichte der Chewra wurde in einer Festschrift, versaßt von Herrn Dr. Ehrentreu, niedergelegt. Zur Vorfeier fanden am Samstag, den 12. d. Mts. in deil Synagogen Festgottesdienste mit Predigten statt. Am Sonntag, dem Gründungstage, wurde eine Gedächtnisfeier auf dem Friedhofe abgehalten. Nach einleitendem Chor hielten Herr Rabbiner Dr. Werner und Herr Dr. Ehrentreu Reden, entsprechende Gebete wurden für die verewigten Gründer und Leiter des Vereins, sowie für die lebenden, tätigen Mitglieder gesprochen, verschiedene Psalmen rezitiert und mit dem Ehorgesang Figdal schloß die sehr würdig verlaufene Feier. Monds versammelte ein Festessen ca. 100 Teilnehmer. Herr Moritz Fe ucht w a n g e r, der ein Drittel-Jahrhundert Vorstand des Vereins ist, begrüßte die Anwesenden, Herr Jüstizrat Ofner brachte ein Hoch auf den Prinzregenten aus, Herr Kommerzienrat Kirchdoerfer betonte namens der Verwaltung die Sympathien, die dem Verein entgegengebracht werden. Die Herren Dr. Werner, Dr. Eh re »treu, Sigmund Frankel und andere Redner wetteiferten in geistsprühenden Gedanken, so daß sich der Abend auch zu einem Geistesgenuffe gestaltete. Die handschriftlichen Original-Statuten und einige Kostbarkeiten des Vereins waren im Saale ausgestellt. Auf ein Huldigungstelegramm, das noch nachts an Se. Kgl. Hoheit den Prinzretzenten nach Berchtesgaden abging, kam andern Tags ein Dankielegramm an den Vorsitzenden. Stratzburg i. Elf., 22. Mai. Letzten Samstag fand die Antrittskneipe des Vereins jüd. Studenten Straßburg statt. Zu derselben waren nicht nur Bbc. aus Freiburg in stattlicher Zahl erschienen, es hatten sich auch neben den alten Herren des Vereins zahlreiche Gäste eingcfnnden. Das Präsidium des ofsiziellen Teiles führte der Erstchargierte des Straßburger Vereins, Karl Mayer, der die Anwesenden mit warmen Worten begrüßte. Die Festlichkeit nahm den fröhlichen Verlaus, den man von dergleichen Veranstaltungen des V. I. St. Straßburg gewohnt ist, sie legte aber auch Zeugnis dafür ab, wie segensreich die Tätigkeit der Vereine jüdischer Studenten im B. I. C. für die Fortentwicklung eines lebendigen Judentums ist. Das kam zum Ausdruck in der Tendenzrede von stud. jur. Marcel Le v y, der an seinem eigenen Beispiele zeigte, wie sehr die Mitglieder des B. I. St. diesem zum Danke verpflichtet sind. In das weitere Programm, bestehend aus jüdischen und andern Liedern, und feinfühlig ausgesnhrten - Musikvorträgen, fügten sich Reden von Gästen ein. So sprach unter anderen sind. phil. L. Drehfuß über die in unserer reaktionären Zeit doppelt anerkennenswerten fortschrittlichen Bestrebungen des Bü I. C., M ü l l e r - spreviae drückte den Wunsch aus ein gutes Einvernehmen zwischen dem K. C. und freut- B. I. C. aus, Mr. Nußbaum -B. I. St. Frei-- bürg betonte das jüdische Verhältnis, das zwischen den einzelnen Cartellvereinen im B. I. C. besteht» der Kaufmann Max Levi wies auf das Interesse der Bürgerschaft für den B. I. St. hin, A. H. Dr. Heimendinger dankte für die freundlichen Wortedie stud. Phil. Schwab an die alten Herren gerichtet hat. — Nach 12 Uhr trat die Fidelität in ihr Recht Aus -er zionistischen Bewegung. New-Aork. Rev. Dr. Judah Leon Magnes,, Rabbiner zu Brooklyn, ist zum Nachfolger des verstorbenen Rabbiner Dr. Gottheil an dem Tempel Emanu—El gewählt worden. Diese Wahl ist nicht allein wegen der Jugend des Gewählten — er ist 1877 in San Francisco geboren und promovierte 1902 in Heidelberg zum Doktor —, sondern auch deshalb bemerkenswert, da er der Führer der hiesigen Zionisten ist und das Publikum des Tempels Emanu—El durchweg nicht zionistisch sein dürste^ Aus der Lehrerwelt. Mewö-Keweschd(Ungarn). Amts-Einführung. Hier fand am 13. fr. Mts. die feierliche Einführung des neuen Rabbiners Jungreis, der bisher in Nady-Schallu amtierte, statt. . - Kunst und Literatur. Kind und' Kunst. Monatsschrift für die Pflege der Kunst im Leben des Kindes. „Kind und Kunst", die ausgezeichnete und weithin rühmlichst bekannte Darmstädter Monatsschrift, hält sich unentwegt aus der Höhe und entwickelt immer buntere und anmutigere Mannigfaltigkeit. Sie unterscheidet sich von allen sonstigen Zeitschriften vorteilhaft dadurch, daß sie auf Grund eines sorgsam durchdachten, klug abgewogenen und reiflich vertieften Planes stets ihre eigenen' Geleise geht und den Kindern geradezu eine ganz neue Welt erschließt. Eine neue Welt in allen Beziehungen, im künstlerischen Sehen und im praktischen Tagewerk, in durchgeistigter Naturbetrachtung und in erhöhter Gemütsverfeinerung. Dabei perlt alles, was sie. sagt, frisch, ursprünglich und ohne jegliche Anmaßung heraus, steht alles, was sie zeugt, klar, holdselig und Volk Reinheit da. Men Elternstets Genuß, keinem Kinde je Verdruß: so mag sie ihre Bahn weiter wandeln und diese immer mehr ausdehnen. Der Berg der Wunder und andere Märchen. Heraldos Söhne. Beides von Eorbelia. Aus dem Italienischen übersetzt von G. Schürmann, Leipzig, Dürr'sche Buchhandlung. Eine große und vernünftige Bereicherung unserer Jugendliteratur. Die ein wenig romantisch gefärbten Geschichten regen die jugendliche Phantasie an, ohke sie zu überspannen, wecken reine und ruhige Mi» pfindungen uüd umschließen allesamt einen festen und gesunden moralischen Kern, besonders die Mzähkung von Heraldos Söhnen, deren jeder seiner Natur» anlage und Neigung gemäß sein Glück erstrebt, während es nur der Mann der stillen Selbstbescheidnng und des begrenzten heimischen Friedens findet, ist schlechthin meisterlich. Spiele aus meiner Jugend für die Jugend. Bearbeitet und verfaßt von Louisa Cor» tin-Gehr. Verlag von F. A. Körner, Leipzig. Sozusagen ein Handbuch für ratlose Eltern. Gar manche gescheite Mutter wird sich schon oft vergeblich den Kopf zerbrochen haben, wie sie ihre kleine Gesellschaft auf die Dauer ansprechend und ausfüllenk - mit Schielen beschäftigen soll. Da ist denn das Buch eine wackere und nieverfagende Hülfe, was das Kinder» herz nur wünschen und begehren kann, wird ihm die liebe Mutter aus diesem Spielzauberbüchlein» das unendlich viele Anleitungen enthält, künden können. Also, ratbose Mütter!