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Neue jüdische Presse · 1905-08-11 · Heft 31 (11.8.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 31 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 31 des Frankfurter Israelitischen FamllieMMes. Inhalt -er Beilage: Artikel: Der VII. Zionisten-Kongreß. — Aus den Vereinen.— Sprechsaal. — Letzte Berichte. — Jüdische Jugend. Der VII. Zionisten-Kongreß. (Schluß aus dem Hauptblatt.) Dr. Max Nord.au eröffnet die Nachmittags-Sitzung und lenkt in seinen einleitenden Worten die Aufmerksamkeit des Kongresses auf die im Hintergrund des Saales aufgestellte Statue des berühmten Bildhauers Glicenstein, die von einem nicht genannt sein wollenden Juden seinem Volke mit der Bestimmung zum Geschenke gemacht worden sei, daß sie in einem jüdischen Nationalgebäude, wann und wo ein solches errichtet werden wird, ihre Ausstellung finde. Leon stellt den Antrag, der Familie des nordamerikanischen Staatssekretärs John Hay den Dank des Kongresses und des jüdischen Volkes für die freundliche Bereitwilligkeit und Teilnahme, die der verstorbene Staatsmann sür das jüdische Volk an den Tag gelegt hat, auszusprechen. Auf der Tagesordnung steht die Organisationsfrage, über die D r. O. K o k e s ch und Dr. Bodenheimer Bericht erstatten. Auf Eintrag R o s e n b a u m wird nicht in die Debatte eingegangen, sondern vorerst die Durchberatung des Organisationsstatutes einer Kommission überlassen. 2 r. G r o n e m a n n hält dann sein Referat über Propaganda und Agitation. Redner verlangt, daß bei der Propagierung des Zionismus der historische Werdegang und die nationale Grundlage der Bewegung nachdrücklich betont werde und baß der Schekel nur von denjenigen Juden entgegengenommen werde, welche sowohl die öffentlichrechtliche Sicherung der angestrebten Heimstätte wie deren Errichtung in Palästina als wesentliche Bestandteile des Programms anerkennen und auch über die nationale Grundlage des Zionismus unterrichtet sind. Redner beantragt die Einsetzung eines Agitationsausschusses, der eine Zeitungskorrespondcnz unter dem 'Namen „Jüdische Korrespondenz" heransgebc, einen jährlich neu zu redigierenden Agitationsplan ausarbeite und die agitatorische Arbeit fortdauernd überwache. Auch sollte das A.-K. monatliche offizielle Mitteilungen über den Stand der Bewegung an die Vertrauensmänner gelangen lassen. * *, * Der 5. Verhandlungstag' beginnt mit dem B e - richt der PalästinakomMission, erstattet von Professor D r. W a r b u r g. Die Arbeit der Palästinakommission litt, so führt der Berichterstatter aus, infolge der vom A.-K. zu genau zugemessenen Geldmittel: die Tätigkeit der Kommission bestand im wesentlichen darin, eine Reihe der der Kommission von Palästina her gelieferten Anregungen zu studieren, einige neue Expeditionen und Organisationen zur praktischen Erschließung Palästinas einzuleiten, die von dorther eingegangenen Produkte, Mineralien, Vegetabilien usw. zu studieren, sowie durch Vorträge, Herausgabe einer Zeitschrift und Zusammenstellung einer kleinen Palästina-Bibliothek anregend zu wirken. Dr. S. Soskin hält nunmehr gleichfalls sein Referat über die Tätigkeit der Kommission zur Erforschung Palästinas; er behandelt im Gegensatz zu Marburg die Details der von der Palästina-Kommission geleisteten Arbeit: die geologische Expedition nach Palästina; die Einrichtung meteorologischer Beobachtungsstationen in Palästina; die Herausgabe der Zeitschrift „Altneuland" und der Bibliothek der Palästina-, Orient- und Kolonisations- Literatur"; Broschüren; Vorträge; koloniale Kurse in Cöthen; die landwirtschaftliche Erkundung in Kleinasien und Syrien; die Gründung einer landwirtschaftlichen Versuchsstation in Palästina; Bodenkäufe in Palästina; Gründung der „Palästina-Handels-Gesellschast", der „Deutsch-Levantinischen Baumwoll-Gesellschaft", der „Gesellschaft zur Einführung jüdischer Hausindustrien und Kunstgewerbe in Palästina ,/8ezalel"; Institution der Oelbaumspende; Vorarbeiten für die Gründung einer Farm für die Kischinewer Waisen usw. Der Bericht Kremene'zki über den Jüdischen Nationalfonds konstatiert, daß sür den Nationalfonds vom 1. Jan. 1962 bis 1. Juli 1905 Lst. 47 324 (Ji 956 000) eingegangen sind. Es wurden in den letzten Jahren außer den Nationalsondsmarken, dem Goldenen Buch und sonstigen Spenden eine Anzahl neuer Sammlungsmöglichkeiten, wie: Sammelbüchsen, Sammelbogen, Oelbaumspenden eingeführt, und es werben in kürzester Zeit noch die im Drucke befindlichen Telegrammblankette und Marken im Werte von Fr. 1 folgen. Großen Wert legt der Berichterstatter auf die Selbstbesteuerung zu Gunsten des Rationalfonds. Nach sehr anregenden Debatten wird in der Montag-Sitzung die folgende Resolution Ussischkin mit der Abänderung Alexander Marmorek angenommen. „Ter VII. Zionisten-Kongreß beschließt: Daß parallel der politisch-diplomatischen Tätigkeit als reale Unterlage und zur Stärkung derselben, entsprechend dem Punkte 1 des Basler Programmes die systematische Ausgestaltung unserer Positionen in Palästina folgen müsse, und zwar durch folgende Mittel: 1. Mlseitige Erforschungsarbeit, 2. Förderung von Agrikultur, Industrie usw. in möglichst demokratischem Geiste, 3. Kulturelle und ökonomische Organisation und Hebung der palästinensischen Judenheit durch Heranziehung von neuen intellektuellen Kräften, 4. Erstrebung der für die Hebung Palästinas notwendigen Reformen in Bezug auf Verwaltung. Der VII. Zionisten-Kongreß lehnt jede planlose, unsystematische und philanthropische Klein-Kolonisation, die nicht in den Rahmen des Punktes 1 des Baseler Programmes fallen würde, ab." Dienstag Vormittag findet die General-Versammlung der Jüdischen Kolonialbank statt. Tie Kongreß- Sitzung beginnt deshalb erst 2 Uhr nachmittags. In dieser Sitzung werden folgende 'Anträge angenommen: Antrag Löwe, der Nationalbibliothek in Jerusalem vorläufig eine jährliche Subvention von Fr. 4000 zu gewähren. An trag-Marburg, der Familie Herzl's für die nächsten 10 Fahre jährlich 4000 Kr. auszuseyen. (In Parenthese sei bemerkt, daß das Nationalgcschenk für die Kinder Herzl's bis jetzt Jt. 150000 beträgt.) Antrag Barbasch, Fr. 2000 für die jüdische Mädchenschulein Jaffa zu bewilligen. Antrag Werner-Löwe, der Kongreß möge das A.-K. und die einzelnen Landesorganisationen verpflichten, für die Veranstaltung und Förderung alljährlicher jüdischer Palästina-Reisen Sorge zu tragen. Antrag Riemerowci, den 800. Jahrestag der Jahrzeit Raschi's vom Kongreß ins goldene Buch des Nationalfonds eintragen zu lassen. Antrag Tschlenow mit Abänder - ungenDr. Leopold Kahn: Der VII. Zionisten- Kongreß beschließt, daß für Rechnung d e s j ü d i - schen Nation alfonds so lange kein Boden angekauft werden darf, als es nicht aus sicherer rechtlicher Grundlage geschehen kann, lieber das Vorhandensein dieser Grundlage hat die Leitung nach ihrem Ermessen in jedem einzelnen Falle zu entscheiden. Antrag Rassig eine dreigliedrige Propaganda-Kommission, deren Wirkungskreis genau präzisiert wird, einzusetzen. Antrag Marburg, dem B e z a l e l für die nächsten 2 Jahre je Fr. 2000 zu subventionieren. Bericht über die S ch l u ß - S i tz u n g siehe vorige Nummer. Ans de« Vereinen. Dortmund. Am 30. Juli fand hier unter dem Vorsitz des Herrn Oskar Loewenstein-Gemen — in Vertretung des verhinderten Vorsitzenden Herrn Dr. Rubens -Gelsenkirchen — die Generalversammlung des „Verein zur Förderung der relig. Interessen des Judentums in W e st s a l e n" statt. Ter Vorsitzende konstatierte in seinem Berichte, daß der Verein seit der letzten Generalversammlung vor 3*/2 Jahren von 500 auf 800 Einzelmitglieder und von 25 auf 42 Gemeinden angewachsen ist. Diese glänzenden Fortschritte nach außen geben den besten Beweis von einer segensreichen Arbeit im Innern. Einrichtung, Subventionierung und Beaufsichtigung von Religionsunterricht, Gründung (gemeinsam mit der Schwestervereinigung in Rheinland). der periodischen Verbandszeitschrift ,^Volksfreund", Bau von vier neuen Mikwoth und Renovierung bestehender, Errichtung streng. ritueller Restaurationen in Recklinghausen, Dortmund, Borken und Bad Oeyenhausen waren die Resultate der inneren Arbeit, die seitens der königl. Negierung durch die Einholung von Gutachten, die das jüd. Gemeindeleben betreffen, und die Ernennung des Berbandsrabbiners Herrn Dr. M arx.-Recklinghausen zum königl. «chulinspektor, ihre wohlverdiente Anerkennung fand. Freiburg i. B. Am 24. Juli schloß der V erein jüdischer Studenten an der Universität Freiburg sein viertes Semester, dessen schöner Verlauf angesichts der kurzen Zeit seines Bestehens als der beste Beweis seiner Existenzberechtigung angesehen werden kann. Tie starke Präsenz des Vereins beweist deutlich, wie sehr seine Bestrebungen von der akademischen Jugend allmählich verstanden und gewürdigt werden. Aber auch bei der Bürgerschaft wußte sich der Verein jüdischer Studenten volles Verständnis sür seine Ziele zu erringen, die ihr Interesse am Vereine sowohl durch zahlreichen Besuch der Vortrags- und Tiskussionsabende, als auch durch Ueberreichung einer schönen Fahne an den Verein bekundete. Ter geistigen Ausbildung dienten Vortrags- und Tiskussionsabende, sowie der glän-end geleitete Fuxenunterricht, während die körperliche Ausbildung durch Turnen, Fechten und Ausslüge in den herrlichen Schwarzivald gepflegt wurde. Auf der Schlußkneipe hatten wir das Vergnügen zahlreiche A. H. A. H. bei uns zu sehen, die gern ihre Reise zum Baseler Zionisten-Kongreß unterbrachen, um in dem fröhlichen Kreise ihrer jüngeren Bundcsbrüder sich an ihre eigene Studentenzeit zu erinnern. Ten Glanzpunkt der Feier bildete die Weihe der von der Freiburger Bürgerschaft gespendeten Fahne. Ferienchargierte sind: eanck. med. Fritz Schlinger, cand. med. Leo Cohn (Karlstraße 4), wohin Briefe zu richten sind. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Hochgeehrte Redaktion. Ergebenst Unterzeichneter bittet im Aufträge vieler Gleichgesinnter um Aufnahme folgenden Artikels, für den er jede Verantwortung zu übernehmen sich hiermit ausdrücklich bereit erklärt: Am Mittwoch, den 26. v. M., hatte der hiesige sog. Volksverein eine Versammlung zu Ehren Dr. Th. Herzl's angesagt. Tie Trauerrede, so stand auf der offiziellen Karte, hält Herr Dr. Bleichrode. Die Gedenkrede Herr T> r. Z l o c i st i. Zur festgesetzten Stunde waren ziemlich viele Leute — meist Ausländer — im Saale versammelt, die Feier sollte beginnen, da auf einmal hieß es: Herr Dr. Bleichrode hat abgesagt. Man hatte, so erfuhr man als Grund, Herrn Tr. Bleichrode erst in der letzten Stunde erfahren lassen, daß er init Herrn Dr. Zlocisti aus einer „Karte" stand, und er hatte es daher oorgezogen, nicht zu erscheinen. Er hat gedankt für die Ehre, neben einem Redner zu stehen, der jetzt auftrat und — in Kürze gesagt — folgende Gedenkrede hielt: „Heute, ein Jahr nach dem Tode Herzl's, hätte man geglaubt, daß im jüdischen Volk alle Gegensätze geschwunden find. Sie sehen, meine Damen und Herren, ein orthodoxer Rabbiner weigert sich, mit mir zusammen zu spreche», weil er sich dadurch in eine schiefe Lage bringen könnte. Dieser spezielle Fall ist bezeichnend; er birgt verallgemeinert die Krankheit in sich, an der Herzl gestorben. Herzl starb an der Krankheit des jüdischen Volkes. Das jüdische Volk hat sein Herz gebrochen. Mit Schmutz und Kot hat nian ihn beworfen und sür die Pfaffen, die das getan, erfand er den gelinden Namen Protest rabbiner. Diese Führer der verschiedensten jüdischen Konfessionen, sie verstehen uns auch heute noch nicht, weil sie nicht über ihren verknöcherten Talmudismus hinauskommen, sie verstehen nicht einen Herzl, der das jüdische Volk aus diesem Ghetto befreien will. Sie verstehen ihn nicht, den Dichter des Kleinen, der seinem Volke die Schönheit der Natur und der Welt offenbaren wollte, der es die Aesthetik wieder lehren wollte, die das Ghetto ihm> geraubt und die in ihrer höchsten Potenz die höchste Moral in sich schließt. Wie weit er geirrt, können wir heute noch nicht übersehen, das. aber ist das Große und Bleibende an ihm, daß er in seinem Volte das Bewußtsein der Einheit und Zusammengehörigkeit wachgerufen. Seiner gedenken wir zum Segen." Das ungefähr sind die Stichproben und Hanptschläger aus der Gedenkrede und dies vor einem Publikum, das den Talmud mit der Muttermilch eingesogen, das ihm seinen Scharfsinn und seine ganze Bildung verdankt und das andachtsvoll versammelt war, einen seiner größten Toten zu ehren. Und ein Mann, der sich in einem solch wichtigen Momente nicht soweit mehr zu beherrschen weiß, das Persönliche vom Sachlichen zu unterscheiden, der sich nicht scheut, auch die Andachtsstunden zu gehässigen Ausfällen zu benützen, der wundert sich, wenn ein anständiger Mensch es für unter seiner Würde hält, als Vertreter einer heiligen Sache neben ihm zu stehen. Darüber wundert sich ein Mann, der in einem Atemzuge sagte: Ich bin Zionist und ich hasse und bekämpfe die Orthodoxie bis aufs Blut. Ein Mann, der die letzte Makkabäerfeier — nach ihm das Fest der Wintersonnenwende — dazu benutzte, sich lustig zu machen über den „verknöcherten" Talmud, in dem zwei so hirnverbrannte Menschen wie Hillel und Schammai sich darum streiten, ob man die Kerzchen von rechts nach links oder von links nach rechts anzünden soll. Wahrlich, wie klein erscheint Tir gegenüber, edler Vorkämpfer für dein bedrücktes Volk, ein R. Jochanan, der in seiner unbegreiflichen Kurzsichtigkeit seinen stolzen Bezwinger nur um die Gnade bat, eine Lehrstätte — für diesen

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