Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 29 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu M. 29 des Frauksurler Israelitischen FamllieMaües. Inhalt der Beilage: Artikel: Ein Blick in die jüdische Welt Galiziens. — Aus aller Welt. — Sprechsaal. — Aus der Geschäftswelt. — Jüdische Jugend. Ein Blick in die jüdische Wett Galiziens. Skala, den 23. Juli 1905. Der Erntemonat naht heran — Meister und Geselle sind vollauf beschäftigt. Zwischen dem Maschinen- .gerasfel und Hammergetöse mengt sich bald ein Barkochbäbald ein Zionsbald ein Arbeiterlied. Die Armen sind diesmal frohen Mutes, die Meister, weil sie nach langer, langer Zeit wieder einmal nicht bloß auf ihre eigenen zehn Finger angewiesen sind; die Gesellen, weil sie dem Zarenjoche glücklich entronnen sind. — Doch Satan verdroß, es, das; die Armen es einmal wagen, froh zu sein. Der Skalaer Gendarmerie-Wachtmeister Philepp Votruba alarmierte am 5. Juni seinen Posten zur Suche nach — r u(ji s ch c n Emigranten. Im Nu ist Totenstille in die Werkstätte eingekehrt. Meister und Gesell: sind vor dem Gemeinde-Amt versammelt, dieser, um an die k. k. Bezirkshauptmannschaft transportiert zu werden, jener, um vielleicht seinen Gesellen beim gnädigen Herrn Wachtmeister loszubitten. Aber der Herr Wachtmeister ist ein gar pflichteifriger Mann. „Wenn der Herr Leutnant kommt, soll er sehen, daß der Posten arbeitet." Und unerbittlich steht er deshalb da mit einem Verzeichnis aller Russen, die jemals Skala zum längeren Aufenthalte betreten haben und von denen sicherlich 90 Prozent bereits zur ewigen Ruhe gebettet sind. Wahrlich ein Wunder, daß er diese behufs Transportierung zur k. k. Bezirkshauptmannschast nicht habe eximicren lassen! — Noch sind nicht alle versammelt und der gestrenge Herr beginnt Langweile zu verspüren, also beginnt er zu schwatzen: „Die Jude», die fürchten sich vor einem Gewehr : den jüdischen Soldaten sollte man Sonnenschirme statt Gewehre geben". „Die Juden sind Feiglinge; Pie Juden sind Deserteure". Aber ach! Der Zufall will es, daß ein jüdischnationaler Student (Häsmonca Czcrnovitz) mit zu den-zahlreichen Zuhörern gehört und just Reserve- Kadett ist. „Herr Wachtmeister!" sprach er erregt, „Sie erlauben sich denn doch zu viel! Wie können Sie so etwas nur verallgemeinern?" „Sehen Sie nicht, daß ich im Dienste bin?" schnauzt dieser den Frager an. „Das sehe ich wohl," ist die Antwort, „und ich weiß, was Dienst bedeutet! Aber das ist doch wohl keine Dienstesangclegenheit! Solange Sie von dieser Angelegenheit reden, werde ich nicht schweigen." Nunmehr schlug der .Herr Wachtmeister den dienstlichen Ton an; — also blieb dem Studenten nichts übrig, als zu schweigen. Doch er ging und — erstattete an sein Regiment die Anzeige. Der Mut des Einen gibt auch den Andern Mut und so taten sich auch noch einige jüdische Reservisten zusammen und sandten eine Beschwerdeschrift an das k. k. Landes-Gendarmeric- Kommando ab. Die jüdischen Soldaten des Städtchens klagend gegen einen — Gendarmeriewachtmeister! — Wer die kleinstädtischen Verhältnisse Galiziens kennt, wird wissen, wieviel Erregung dazu gehört! Unterdessen war die Sonne auf den Höhepunkt ihres Zeniths gerückt und ihre Strahlen fallen senkrecht auf die 25 Emigranten, die nach Borszczow transportiert werden. Hier angelangt, werden sie dem , Herrn Bezirkssekretär Smierzyk übergeben. Doch dieser kann keine Zeit finden und läßt sie ein Paar Stündchen warten. Dann wird's zu spät, also läßt er sie cinsperren, soweit sie keine Kaution Won 20 Kronen hinterlegen. Der folgende Tag ist angebrochen und wieder warten die armen Opfer der „sekretären" Willkür, bis sich Herr Sekretär herbeiläßt, sic der Gendarmerie zu übergeben mit dem Aufträge, die Emigranten an die Grenze zu bringen. Der Auftrag ist rasch gegeben, aber die Vollziehung desselben nimmt den ganzen Tag in Anspruch. Am Grenzflüsse angelangt, sagt ihnen der Gendarm: „Hier ist Oesterreich — dort Rußland. Wohin ihr wolltet, gehet." Und um 10 Uhr abends kamen die Emigranten nach langem Herumirren, verhungert und zerschunden, nach Hause. Einige Tage ginge» vorbei, die Erregung hatte sich allmählich gelegt, da kam ein Gendarmerie-Oberleutnant herunter und vernahm die Zeugen. Auch der Wachtmeister stellte seine Zeugen auf, die aber nicht dabei waren und daher auch nichts aussagen konnten. — Erbittert darüber, daß man es gewagt, feiner Hoheit dem.Herrn Wachtmeister nicht mit einer falschen Aussage beizuspringen, geriet dieser in Wut und schwur deni Studenten Rache. Und dazu bot sich schnell Gelegenheit. Er erfuhr nämlich noch an demselben Tage, daß der Student einem Bürger gegen ein Psand von 200 Kr. irgend einen Gegenstand für eine Stunde geliehen und nach Zurückbringung desselben die 200 Kr. znrückgestellt hat. Da nahm er alle Kraft zusammen, „die Lust und auch den Schmerz", grübelte 2 Tage lang in seinem juristischen Gehirn, konstatierte einen Betrug seitens des Studenten und erstattete die Anzeige — ein zweifacher Strick hält besser — an die Bezirkshauptmannschast und das Strafgericht. Wenn ich schon eine Anzeige mache, dachte sich der Herr Wachtmeister, kann ich ja noch etwas dazu schreiben. llnd der Student wird auch beschuldigt, an jenem denkwürdigen Tage den Wachtmeister bei Verrichtung fernes Dienstes gestört und verspottet zu haben. (Zählt das Schinrpfen auf Juden auch zu den Dienstverrichtungcn eines Gendarmen?) So wurde denn am 14. d. Mts. über den letzter» Punkt vor der k. k. — Bezirkshauptmannschast, richtiger vor dem Bczirkssekretär Smierzyk, einem gewesenen Feldwebel, verhandelt. Der Student bestritt die Kompetenz der Bezirkshauptmannschast und verweigerte jede Aussage, zumal er eben in dieser Sache am 13. vor dem Untersuchungsrichter stand, llnd Herr Smierzyk verurrcilte ungeachtet dessen den jüdischen Studenten zu 10 Kr. Strase, sowie zum Ersatz! der Kosten von. Kr. 12. Glücklicherweise liegt aber Galizien immer noch nicht in Rußland, und so ist Wachtmeister Votruba von seiner Vorgesetzten Behörde bestraft worden. Nunmehr wird er die Verläumdungen zu verantworten haben. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Der »Verein Jüdischer Studenten" beging dieser Tage sein lOjähriges Stiftungsfest, das in seinem ganzen glänzenden Verlauf gezeigt hat, welcher Sympathie sich der Verein in allen Kreisen der Berliner Judenschaft erfreut. Die Anerkennung, die mau dem V. I. St. auf seinem Kommerse zur Feier seines 10jährigen Stiftungsfestes gezollt hat, übersteigt das Maß bloßer offizieller Lobhudeleien. Ganz besonders hervorzuheben ist da die Rede, die Herr Justizrat Dr. Timcndorfer als Vertreter der jüdischen Gemeinde und der Logen im Anschluß an die Festrede des A. H. Tr. Emil Cohn und die weihevolle Fahnenweihe hielt. Tie von den Chargierten sämtlicher im Bunde jüdischer Korporationen vereinigten Vereine jüd. Studenten flankierte Tafel durfte sich der Gegenwart hervorragender Vertreter des Jlldentums, wie Prof. Rosin, Rabbiner Tr. Eschelbacher, A. Levy u. a. erfreuen. Den gleichen würdigen, frohen Verlauf nahm auch der am Donnerstag erfolgte Tampferausslug nach Grünau, der unter reger Beteiligung donstatten ging. Hamburg. 59 mittellose Rückwanderer, die mit dem Hamburger Tampfer „Portia" von London hier eintrafen, sind vom israelitischen Hülfskomitee übernommen und vorläufig in einem Logierhause untergebracht worden. Bernburg. Der bei der hiesigen israelitischen Kültusgemeinde mit dem Einkassieren von Steuern Beauftragte ist nach Unterschlagung von 1000 bis 1260 J£ Kassengeldern flüchtig geworden. Man glaubt, ihm auf der Spur zu sein. Frankreich. Paris. Am 4 d. M haben die Wahlen zur Erneuerung eines Tritteis der Mitglieder des Zentral- KomiteeS. der Alliance stattgefunden. An den Wahlen die bei dem weiten AuSeinanderliegen der Wahlorte erst 40 Tage nach dem für die Wahl festgesetzten Termine geschlossen wurden, haben sich 3290 Mitglieder der Alliance beteiligt. Tie durch das Zentralkomitee für die Wieder- resp. Neuwahl vorgeschlagenen 25 Personen wurden sämtlich mit 2387 bis 3284 Stimmen gewählt. Neugewählt wurden in das Zentralkomitee die Herren Dr. Margulies, Rabbiner in Florenz, Louis Marjhall-Newyork, Moritz Philippson- Brüssel, Philipp Schiss-Frankfurt a. M., B. Dreyfus- Brettauer-Basel, Eugen Fellheni-Stuttgart, Edouard Masse-Paris und Tally Floersheim-Tortmund. Die übrigen 17, die aus der Wahl als Stöger hervorgingen, gehörten auch bisher schon dem Zentralkomitee an. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Baden bei Wien, 20. Juli 1905. „Ein Brief, der mich erreichte" — es ist ein im „Sprechsaal" des „Frksr. Jsr. Familienblatt" Nr. 27 erschienener, der mir mit Blaustift bezeichnet, direkt zugesendet worden ist — beschäftigt sich mit den „Randbemerkungen" zu meiner Broschüre „Nach Osten" in einer Weise, die eS mir zur Pflicht macht, mich aufklärend zu äußern. Ter anonyme Schreiber dieses Briefes erinnert mich lebhaft an den schielenden Richter, der drei zugleich vor ihm erschienene Zeugen zu vernehmen hat. „Wie heißen Sie?" stellt er die Frage an den ersten Zeugen. Sein schielendes Auge ist hierbei aus den nebenstehenden zweiten Zeugen gerichtet. Selbstverständlich antwortet dieser, und spricht: „Ich heiße Maier". Erbost wendet sich der Richter an diesen Zweiten mit dem Ausrufe: „Habe ich Sie gefragt!?" „Bei dieser Wendung schielt fein Auge auf den dritten nebenstehenden Mann und dieser ruft entrüstet: „Was wollen Sie von mir, Herr Richter, habe ich denn was gesagt!?" Wie dann die Entwirrung dieses wirklich peinlichen Verhöres geendet hat, darüber schweigt die Geschichte. Wieso nun der Herr Anonymus dazu koinmt, sich einer „ohne Mann reisende» Dame" anzunehmen, die mit so guter Frankfurter Atzung — nebenbei bemerkt, nicht als „Unbekannte", sondern als sehr fromme Hausfrau wohlbekannt — nicht nur mir, sondern noch einigen Mitreisenden —, aufgewartet hat, wird mir erst begreiflich, wenn ich mich dieses schielenden Richters erinnere. Es klingt an die Debatte zwischen Richter und Zeugen „habe ich 2 i e gefragt", „habe i ch denn was gesagt!?" Tenn wer das Prospekt durchlieft, in welchem die Namen der einzelnen Mitglieder der Reisegesellschaft verzeichnet sind, wird finden, daß es mehrere Tamen ohne männliche Begleitung auf dem Schiffe gegeben hat — warum also spricht gerade — Frankfurt!? Es ist auch in meinen „Randbemerkungen" keiner Tame als solche nahe getreten worden, in keiner Weise, die überhaupt geeignet wäre, auf irgend Jemanden „ein schlechtes Licht zu werfen", wie der Herr Anonymus sich auszudrücken beliebt, denn eS wurde keine andere Konklusion daran geknüpft, als: „Es ist dadurch den Veranstaltungen von gesellschaftlichen Zerstreuungen zuviel konzediert worden". Das ist vielleicht streng gedacht, aber als eine Aeußerung über eine fromme Pilgerf-ahrt von einem Rabbiner doch begreiflich. E-s fehlt also jedem Angriff, sowohl sachlich, als individuell, jede Grundlage. Was den „Separatismus" betrisst, ist es zur Beurteilung desselben gleichgiltig, ob er durch die Maß. nahmen der „R e i s e l e i t u » g" entstanden ist, oder sonstwie. Taß er sich „unangenehm" geltend gemacht haben muß, ist doch daraus erwiesen, daß beim letzten Abendinahle auf dem Schiffe, einerseits vom .Herrn R. aus H„ andererseits vom Herrn Iz. ausj Bp. Versöhnuirgstoaste von „Tisch" zu „Tisch" gehalten werden mußten, um als Brüder und Schwestern in Israel „wiedergeeint" auseinandergehen zu können, und Abschied ohne Mißton genommen werden konnte. Wo Rauch ist, muß also auch Feuer gewesen sein. Ter Hinweis aus den „Minhag Polen", erinnert mich wieder an den schielenden Richter, der beim Apostrophieren der Zeugen sich mit seinen Worten immer an eine falsche Adresse wendet, da ich bekanntlich fein polnischer Jude bin, sondern ein