Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 28 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beüage zu Nr. 28 des Frankfurter Israelitischen Famüienblattes. Inhalt -er Beilager Artikel: DerMisrachistensührer. — Ein Blick in die jüdische Welt Galiziens. — Aus der z i o n i st. Bewegung. — Jüdische Jugend. Der Misrachistensührer. Bon dlaxiws Le Maitre. Seitdem unser Tempel eingeäschert, unser Land verwüstet, unser Sternensirmament befleckt und unser Horizont mit dichtem Gewölk überzogen, sehen wir unser Volk von einen: Land ins andere ziehen, umherwandern, ziel- und planlos irren, und — darin steckt die herausfordernde Tragik — — — seinen Führern bleibt es trotz der wahren Volkslicbe und tiefen Einsicht versagt, durch das kluge Wort eine entscheidende Wendung zum Besseren herbeizu führen. Die Führer-die Rabbiner — wußten es, und es war jenen scharssinnigen und weitsichtigen Talmudgenien sicher klar, daß nur eine bewußte Gesamtjudenhcit mit vereinter Krast die Strapazen des Exillebens ohne große materielle und geistige Einbuße überdauern kann — — —, daß pur die Konzentration der Kräfte der ganzen Nation dein Judentum eine fördernd-krästige Entwicklung geben kann und — doch blieb der uralte, klassische Gedanke des Judentums graue Theorie und blasser Wunsch. Wie das wohl gekommen sein mag? Mir ist die historische Kontinuität der jüdischen. Nation ein Rätsel. Ich kann nur in kurzen Zügen die Folgen dieser „kait bistorigue" feststellen, und diese Feststellung räumt mir die Möglichkeit ein, einer der größten Ereignisse im heutigen Judentum in ein schärferes Licht zu rücken und den ganzen Charakter dieses Ereignisses klar und deutlich hervorzuheben. Einst, cs mag noch vor einem halben Jahrhundert gewesen sein, an vielen Orten, vor einem vollen Säkulum, da existierten noch die jüdischen Gemeinden, im Gegensatz zur heutigen „Kultusgemeinde". Der Rabbiner jener jüdischen Gemeinde ging zwar selten über seinen eigentlichen Wirkungskreis hinaus, denn er mußte neben dem religiösen Rektorat für die jüdische Erziehung sorgen, nicht für den „Religionsunterricht" — und war obendrein der Tröster und Berater der Einzelnen, gleich dem lieben, sorgenden Vater einer großen Familie, der aber von jedem Familienmitglied gleich geehrt und geachtet wird. Er war selten ein Führer der Nation, aber immer der treue, uneigennützige Führer seiner Genleinde, ein Träger der Thora und ihr eifrigster Verbreiter und wärmster.Verfechter. Es gab zwar kein bewußtes, organisiertes Gesamtjudentum, aber in den Händen der alten Rabbiner war der echt jüdische Charakter der Gemeinde gewahrt, drohte dem Judentum, solange die Juden des Westens unter den alten Bedingungen lebten, keine Gefahr. Mit dem Eintritt in das neunzehnte JUhrhundert begann es innerhalb der westlichen Judenheit zu gären, die resormatorischen und assimilatorischen Bestrebungen kamen aus verschiedenen Ursachen immer mehr in den ,Fluß, es entstand ein gewaltiger Kampf, und ehe die Kontreassimilation und Reformation die Bilanz ihrer Kämpfe festzustellen vermochte, war inzwischen aus ihren Reihen der Rabbiner des alten Schlages mit der jüdischen Gemeinde vom Weichbild verschwunden und aus dem Boden schoß die „Kultusgemeinde" mit dem Rabbiner, „dem Kultusbeamten", hervor. Die große Kulturgemeinschaft ward damit zu einer konfessionellen Genossenschaft herabdegradiert, und dadurch wurde die Wiederaufnahme des alten jüdischen Gedankens in eine weite Ferne gerückt. Da die Golusform des Judentums in der von Außen in das Judentum hineingetragenen und sozialpolitisch fast notwendig verursachten Differenzierung bis vollständiger Kraftzersplitterung der Judenheit sich osfenbart, so trat dieser Umbildungsprozeß im jüdischen Gemeindeleben auch in denjenigen Teilen der Diaspora zum Vorschein, wo man ihn nach menschlicher Voraussicht am Wenigsten erwartet hätte. Die Gärung in Rußland,hat einen großen Teil unserer Jugend dem Judentum entfremdet und die Anarchie innerhalb der russischen Judenheit nahm derartige Dimensionen an, daß sie unmittelbar folgenschwer auf die Lebensart der dortigen Stammesgeuossen einwirkte. Die russischen Machthaber haben diese Zerrissenheit und heillose Verwirrung im jüdischen Lager erkannt und machen nunmehr davon ausgiebigen Gebrauch.-Und diese Zersetzung schadet dem Judentum mehr denn der Judenheit und man braucht gar nicht auf den: Boden der materialistischen Geschichtsauffassung zu stehen, um diese nackte Wahrheit einzusehen. Das Judentum ist für das jüdische Volk bestimmt, und, wenn die Inden im Kampfe um ihre elementarsten Menschenrechte aufgerieben und vom Zahn der Zeit zerfressen werden?- Daß eine Disharmonie heute zwischen einem großen Teile der Juden und dem Judentum herrscht, haben viele erkannt, es hat sich schon niancher der Mühe unterzogen und dafür gearbeitet, dieser Dekadenz entgegenzuwirken, nur waren nicht immer die Mittel die geeignetsten und der Erfolg blieb aus. — Der erste, der nicht nur die Gefahr mit scharfem Blick erkannte, fand er n dem es auch gelungen ist, das richtigeMittel zum Kampf und Abwehr gegen diesen schnellnm sichgreifenden Ze rsetzungsyrozeß angewendet zu haben, ist Rabb. Reines-Lid a, der Schöpfer und Führer des M i s r a ch i. Einen Kampf innerhalb der eigenen Volkskreise gegen Kurzsichtige, Rückständige und oft auch gegen Böswillige zu führen, nach Außen für die Interessen der Nation im Geiste des Judentums zu kämpfen und diesen schweren Doppelkampf unter solchen unsäglich schweren Umständen zu führen -zu einem solchen historischen Werke gehört eine Persönlichkeit, der es nicht nur an dem guten Willen fehlen darf, sondern in erster Reihe muß ein solcher Riesenkämpser Macht, d. h. Autorität besitzen.-Und Rabbiner Reines, der Greis mit dem Jünglingsmut, der große Patriot und die große Persönlichkeit — — — Rabbiner Reines besitzt die Macht, d. h. die Autorität. Ich mache mich keiner Uebertreibung schuldig, wenn ich behaupte, der Rabbiner der kleinen Stadt Lida hat auf dem Gebiete dertalmudischen Literatur, sowohl für die Halacha als für die Hagadah mehr geleistet als alle orthodoxen Rabbiner Westeuropas zusammen in den letzten 50 Jahren. Ein Mann, der schon mit 17 Jahren unsere Responsen-Literatur mit einem Werk von unschätzbarem Wert bereichert, ein Mann, der mit genialem Scharfsinn sein ganzes Leben sich dem Studium der Thora kn des Wortes weitgehendster Bedeutung gewidmet, ein Mann, der durch seine methodologischen Neuerungen des Talmudstudiums so bahnbrechend gewirkt und eine völlige Umgestaltung auf dem Gebiete der talmudischen Methode herbekgeführt, ein solcher gewaltiger Thoraträger und verdienstvoUer Förderer des Thorastudiums besitzt nnehr denn mancher „Rabbiner einer orthodoxen Kultusgemeinde" die Autorität, an der Lenkung des Geschickes des jüdischen Volkes teilzunehmen. Und seine Anteilnahme an der Lenkung der Geschicks unseres unglücklichen Volkes besteht nicht in der Vermehrung von Ge- und Verboten, sondern sie besteht darin, dast dieser Talmudgenius dem uralten, klassischen Gedanken des Judentums, die Schaffung einer bewußten GesamtjudenheitimSinneundnachden Lehren des Judentums die Sammlung und Konzentration aller nationalen Kräfte auf der Basis der Thora, mit weiser Kühnheit und Mut ausgenommen. Und für die Verwirklichung dieser jüdischen Idee hat er bis zum Aufblühen des politischen Zionismus gearbeitet, seit dem Bestände des Zionismus bewußt und methodisch gearbeitet. Dieser große Talmudosoph hat mehr denn seine ihm ebenbürtigen großen und bedeutenden Männer seiner Zeit die gegenwärtige Gefahr, die dem Judentum und der Judenheit infolge des heutigen Kulturlebens und politischer Konstellationen droht, erkannt. Er vergewisserte sich vom Niedergange des Judentums durch die unerträglich gewordene Lage der großen Mehrheit des jüdischen Volkes und als einzige» Ausweg aus dieser Misere erkannte er die Notwendigkeit der selbstbewußten Sammlung des Volkes zu einem gemeinsamen Zwecke. — — — Das Judentum kann sich nur auf ökonomisch und politisch normalem Boden entwickeln und um die Erreichung dieses Zieles kämpft er f ü r de» Zionismus, für die Rückkehr z u in Judentum vor der R ü cf - kehr ins I n d e n l a n d, kämpft er in: Zionismus. Seine M ü h e und sein Strebe u, seine K ü m p f e u » d seine politische B e » t ä t i g u n g g e l t e n d e r S ch a s f u n g e i n e r u atürlichen Ebenmäßigkeit, einer Harmonie z w i s ch e n I u d e n h e i t u n d I u d e n t u m. Da dieses nur nach jeder politischen Berechnung und historischen Konsequenz auf einem jüdischen Boden möglich ist, von der tiefsten Erkenntnis durchdrungen, daß sich unser« unterdrückten Brüder nur auf jüdischem Boden mit jüdischem Recht als Juden auslebe» und entwickeln können, so gab der jetzige Führer des Misrachi noch vor Jahre» die Parole aus, mit vereinten Kräften die Erreichung des zionistischen Ideals anzustreben. Und heute ist es uns klar, daß das Werk dieses großen Patrioten und Gaons ein segensreiches war. Ju der kurzen Spanne Zeit seiner politisch-zionistischen Betätigung ist es ihm gelungen, einen ansehnlichen Teil des Volkes für seine Pläne zu gewinnen und zu begeistern, und seine Schöpfung, der Misrachi, hat schon manches Nebel innerhalb der zionistischen Organisation überwunden. Ich war bemüht, in knappen Zügen die kulturhistorische Bedeutung des Misrachistensührers als Nichtmisrachist objektiv abzuteiten und zu erklären. Was ich vom Leben, Wirken und Verdienste dieses Gaon weiß, gedenke ich bei einer anderen Gelegenheit zu erzählen. Ei« Blick i« die jüdische Wett Galiziens. In Galizien wohnen in 252 Kultusgemeinden 810000 Juden, eine im Verhältnis zu der Gesamtzahl der Juden sehr imposante Ziffer. Trotzdem Galizien durch keine russische Grenze von Westeuropa getrennt ist, ja als ein Teil Oesterreichs politisch noch zn Westeuropa gezählt wird, ist dieses Land, weil es arm und rauh ist, und nichts Anziehendes in sich birgt, für uns eine Terra inoognita. — Gern benutzen wir deshalb die Gelegenheit, unseren Lesern den Inhalt eines für das Leben unserer Brüder in Galizien charakteristischen Briefes mitznteilen, den ein Korrespondent der „Allg. Jüd. Ztg." anläßlich der Beerdigung des am -1. d. Mts. in Nauheim verstorbenen Rabbiners S a l o m o n H a l b e r st a m m aus Bobowa veröffentlicht hat. Der Brief lautet: Schon auf der Reise trafen wir unzählige Personen in düsterster Stimmung, deren Ziel ebenfalls Bobowa war. Als lvir am Donnerstag Morgen in Bobowa anlangte», begegneten wir auf der Bahnhosstraße einer großen Menschenmenge und erfuhren, daß der Zug mit der körperlichen Hülle des Entschlafenen um 3 Uhr nachmittags eintressen werde. Wir gingen in die Stadt. Hier bot sich unsere» Augen ein herzzerreißendes Bild des allgemeinen Jammers; überall standen langbärtige Männer tränenden Auges, während Frauen und Kinder sich förmlich aus der Erde wälzten und laut weinten. Witwen und Waisen schrieen schluchzend: „Wer wird uns nun wöchentlich geben?" Und arme Väter riesen: „Wer wird das Schulgeld an die Lehrer für unsere Kinder bezahlen?" Bis zum Nachmittag brachten die verschiedene» Züge noch mehrere tausend Trauergäste aus den verschiedensten Gegenden. Schon lange, bevor der Zug anlangte, hatten sich Tausende von Personen auf dem Bahnhofe versammelt. Anfangs wurden Bahnsteigkarten ausgegeben, doch bald waren sie vergrisfen und die Menge drängte sich ohne Bahnsteigkarten durch. Als nun der Zug heranbrauste, erhob sich ein allgemeines Schluchzen und verstärkte sich noch, als die Menge in einem Salonwagen den von brennenden Kerzen umringten Oraun (Sarg), sowie die näch». sten Verwandten des Verschiedenen erblickte und sein