Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zuNr. 12 des Franksutter Israelitischen Famllimblaltes. Inhalt der Beilage: Aus der zionistischen Bewegung. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Kunst. — Briefkasten. — Bücherschau. — Schule und Haus. — „Jüdische Jugend." Aus der zionistischen Bewegung. Franksurt a. M. Am 15. März hielt Herr Dr. A. Sch apira in der hiesigen zionistischen Vereinigung einen einstündigen Vortrag „Dt o s e s H e ß, ein Vorkämpfer despolitisch enZionis- 111 u s." Einleitend bemerkte der Redner, daß Moses Heß ein Anhänger Spinoza's gewesen sei und nicht auf denr Boden des überlieferten Judentums gestanden habe. Wenn er ihn, resp. sein Hauptwerk dennoch zum Thema seines Vortrages innerhalb eines orthedoxen Kreises gewählt habe, so sei daS lediglich deshalb geschehen, weil Hes; der W i e d e r b e g r ü n d e r des jüdischen N a t i o n a l i s m u s ist und um zu zeigen, wie ein abgefallener Jude auf dem Wege des Nationalismus dem Judentume sich nähere und kraft seines nationalen Gefühles zu einer Akzeptierung des jüdischen Gesetzes komnien müsse. Zunächst legte der Redner die Heß'sche Grundansicht dar, daß es ursprünglich verschiedene Rassen- und Volkstypen mit verschiedenen Geistesanlagen gegeben habe und auch jetzt noch gäbe, die typische Lebensanschaiiungen erzeugen. Daß die Rassen ursprünglich und unvernichtbar seien, beweisen ältere egyptische Denkmäler, die uns schon Neger, Jndogermanen und Semiten zeigen, welche seit undenklichen Zeiten nebeneinander und auch in verschiedenen Ländern unter verschiedenen Klimaten zerstreut gelebt und sich vermischt haben, ohne daß sie durch diese Kreuzungen und klimatischen Einflüsse ihren ursprünglichen Grundtypus verloren haben. Namentlich sei der Typus der jüdischen Race unzerstörbar. Den Juden konnnt die Eigenschaft zu, sich in allen Gegenden zu akklimatisieren. Acltere egyptische Denkmäler stellen Juden dar, deren Aehnlichkeit mit den heutigen Inden leicht zu erkennen ist. Den besten Beweis für die Ursprünglichkeit der Rassen liefere aber die sehr frühe, in der Geschichte der Menschheit vereinzelt dastehende Kundgebung des jüdischen Geistes. Während die Griechen, Repräsentanten des indogermanischen Stammes, die Welt mit Einschluß des Menschen als ein ewiges Sein, als vollendet und harmonisch abgeschlossen faßten^ betrachteten die Juden die kosmische Welt einschließlich des Menschen als werdend, als eine Entwicklung die mit der Schöpfung beginnt und die ganze Geschichte der Menschheit umfaßt. Das Christentum hat weder den Naturkultus der Griechen noch den Geschichtskultus der Juden festgehalten. Das Christentum war eine Folge des Unterganges der antiken Nationalitäten und mußte vom nationalen Leben abstrahieren. Es heiligte das isolierte Individuum, es hatte bloß das Seelenheil des abgesonderten Individuums im Auge. Das Christentum hat eigentlich die Fusion der Kultur angestrebt und das Historische und Typische verkannt. Erst durch, die zum neuen Leben erwachten Völker ist es durch einen nationalen Geschichtskultus ersetzt worden, indem man eingesehen hat, daß die verschiedenen Rassen sich zwar im Verlaufe der geschichtlichen Entwicklung modifizieren, niemals vermag aber diese Entwicklung, den ursprünglichen Grundtypus wesentlich zu ändern. Man hat das Geheimnis des Judentums erkannt, daß jede Nation ihren nationalen Geschichtskultus habe» muß. Die höhere Einheit der historischen Kultur ist nur in dem zur wissenschaftlichen Genesis des kosmischen, organischen und sozialen Lebens erhobene Bibelreligion, zu deren Ausbildung das Genie der Juden nach der Wiedergeburt des Judentums als selbständige Nationalität berufen zu sein scheint. Daraus ist ersichtlich, daß es ursprünglich verschiedene Rassen mit verschiedenen Anlagen giebt, die verschiedene Lebensanschauungen hervorbringen. Die Einheit des Menschengeschlechtes ist demnach keine ursprüngliche, von Natur gegebene, sondern sie setzt vielmehr die Mannigfaltigkeit der Rassen und den Kampf der gegensätzlichen Anschauungen voraus; aus diesem Kampf erst geht das harmonische Zufanimenwirken hervor. Kurz die Einheit des Menschengeschlechtes ist ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung. Die Einheit der Menschheit setzt einen Plan in der Geschichte voraus, den das jüdische Volk sehr früh erkamit hat. Das Judentum hat das eine Wesen im Kosmischen trotz der Mannigfaltigkeit seiner Phänomene und die Einheit der Menschheit trotz der Mannigfaltigkeit der Rassen erkannt. Das Judentum ist Geschichtsreligion, Geschichtskultus im Gegensatz zum heidnischen Naturkultus. 7 Das nationale Judentum schließt die Humanität und Zivilisation nicht aus, ja diese sind aus dem Judentum hervorgcgangen. Das jüdische Volk hat zuerst vor allen Nationen einen nationalen Humanitären Kultus erzeugt. Das Judentum hat vom 33.'- ginne an die Geschichte als einen einheitlichen organischen Entwicklungsprozeß aufgesaßt, der mit der Familie beginnt, erst vollendet sein wird, wenn die ganze Menschheit eine Familie sein wird, ohne daß die verschiedenen Rassen die typischen Merkmale abschütteln. Seit der französischen Revolution hat sich uns Frankreich durch seine Humanitären Bestrebungen angeschlossen, indem es die alten und gesunkenen Völker zu erlösen sucht und überhaupt an der politisch-sozialen Umgestaltung arbeitet. Die Versöhnung der Rassen geht allmählich nach Gesetzen vor sich. Diese sind Gesetze Gottes, die der Mensch mit Bewußtsein befolgt. Sowohl die kosmischen als auch die geistigen Phänomene sind an Gesetze gebunden, dennoch herrscht kein äußerlicher Mechanismus in der Natur, sondern vielmehr steilen eben die göttlichen Gesetze, die sich in Natur und Geschichte geltend machen. Plan und Gesetzmüßigkcit dar. Tie Gesetze des Kosmischen können wir schon feststellen, weil die kosmische Welt bereits vollendet ist; die Menschheit hingegen ist noch in der Entwicklung, in der Produktion ihres Organismus begriffen, infolgedessen können wir das Gesetz des soziale» Lebens und dessen letztes Ziel noch nicht erfahrungsmäßig feststellen. Deshalb scheint der Mensch, daS schöpferische Wesen des sozialen Lebens in seinen Handlungen unberechenbar und ungebunden zu sein. Wenn aber auch die Wissenschaft dieses Gesetz noch nicht festzustellen vermag, hat es das jüdische Volk längst verkündet: das ist die Mcssiascpoche, in welcher die harmonische Vollendung der Geschichte eintreten wird. Frei sein heißt, nach den Gesetzen des eigenen Wesens, der Vernunft gemäß, ohne Einwirkung von außen handeln. Je entwickelter die Erkenntnis Gottes beim Menschen ist, desto mehr handelt er der Vernunft gemäß, desto weniger läßt er sich von den Affekten leiten. Die Geschichte der Menschheit stellt nun die fortschreitende Erkenntnis Gottes dar. Wenn die Menschheit am Ende der Entwicklung die höchste Erkenntnis erlangt hat, muß sie sittlich, heilig werden, weil wir nur dann unsittlich sein können, wenn uns an Erkenntnis mangelt, hingegen, wenn wir die höchste Erkenntnis erreicht haben, können wir nicht unsittlich sein. Das Sittlichseinmüssen ist Heiligkeit. Diese notwendige Heiligkeit bedeutet das Gesetz Gottes in der Geschichte, nach welchem dieselbe einen bestimmten Verlauf nehmen muß. Dieses Gesetz hat das Judentum vom Beginne seiner Geschichte an offenbart. Das Reich des Geistes, welches die Propheten verkünden, tritt demnach schon im Diesseits ein, nicht wie nach dem Christentum. (Schluß folgt.) Frankfurt a. M. Mitteilung der Nationalfondskommission der Zion. Vereinigung Frankfurt. An der Selbstbesteuerung zu Gunsten des jüd. Nationalfonds haben sich beteiligt, und zwar für die Monate War I und Adar ll die Herren: B. Stern, Sally Geis, Selmar Geis, F. Sondheimer, I. L. Goitein, W. David, 3l. Reinhardt, B. G., 2r. Hanauer, I. Gans, I. Feingold, I. Hirsch, Referendar E., K. Rosenheimer, Di. Wolf, M. Markus, 3l. Grünblatt, H. Friesländer, James Levi, I. van der Walde, S. S., B. Jsaaksohn, D. Wolf, S. Niederhofheim, ferner Frl. L. Stern, Frl. R. N., Frau Th. B., Frl. C. Seligmann, Frl. H. Reinhardt, Frl. G. Steigerwald, Frl. R. «eckig, zusammen 31 mal 60 Pfg. — JL 18,60 für den Monat 3ldar I. Dr. I. Mayer, S. Grünebaum, Joseph B. Schimmon, I. Oppenheimer I, H. Kolliner, N. Liebes, Frl. Rom, zusammen 7 mal 30 Pfg. — JL 2,10. Nachzutragen für den Monat Schwat: M. Wolf, S. S., B. Jsaaksohn, zusammen 3 mal 30 Pfg. — M 0,90. Ferner gingen ein: D. Pineas JL 1, Sammelbüchse HotelRies JL 6,50, Frl. Sulzbach JL 1, I. Goldschmidt JL 2, Frl. Jda May JL 1,50, durch Frl. Rahe! Winter, gesammelt im Cafe Bristol JL 2,50, Herr Sally Geis, statt Telegramm zur Hochzeit Weil-Lewin 30 Pfg., Verschiedene N. N. JL 2,15. Erlös durch Verkauf von Staniol JL 1,50., zusammen JL 18,45. Seit unserer letzten Abrechnung wurden bereits an dieser Stelle quittiert JL 15,82. Gesamtsumme also JL 55,87. Frau Th. B. Fritz Weinberg, M. Halle, Marken. Wegen Weggang unseres bisherigen Geschäftsführers Herrn 3lbr. Reinhardt wird Herr Selmar Geis, Heiligkreuzgasse 32, die Geschäfte der Nationalsondskommission übernehmen und bitten wir, alle Zuwendungen für den Nationalsonds an dessen Wresse gelangen lassen zu wollen. Nürnberg. Vergangenen Mittwoch, den 15. cr. hielt die Ortsgruppe Nürnberg-Fürth in Nürnberg Hotel „Goldener Adler" ihre erste öffenkliche Versammlung ab, in welcher der Vorsitzende D r. Blo e de über Pro gramm fragen referierte. Dem Referat schloß sich eine sehr lebhafte Debatte an, da die Nürnberger Staatsbürger jüdischen Glaubens uns garnicht verzeihen konnten, daß wir ihren guten Schlaf gestört haben. Der Leiter der Versammlung, Herr 2r. H eym an n-M ünch en mußte verschiedene Male an das parlamentarische Gefühl der Herren appellieren. Der als Diskussionsredner anwesende Herr D r. H a l p e r u - Dl ü n ch e n' mußte durch seinen hervorragenden Vortrag selbst von den energischsten Gegnern anerkannt werden. Personalien. Charlottenburg. Der Charlottenburger Stadtrat und Syndikus der Aeltesten der Berliner Kausmannschaft 2 r. Ignaz I a st r o w, ist endlich znin außerordentlichen Professor ernannt worden. Zwanzig Jahre lang hat Jastrow au der Berliner Friedrich Wilhelms-Universität als Privatdozent gewirkt. Er hatte als Privathistoriker begonnen und sich dann der Nationalökonomie .zugewandt; auf beiden Gebieten leistete er gleich Vortreffliches; an seiner Gelehrsamkeit war 'ebenso wenig ein Zweifel möglich, wie an seiner Lehrbefähigung. Trotzdem hat cr, wie gesagt, offenbar nur, weil er Jude war, zwanzig lange Jahre im Schatten stehen müssen; erst als 3lchtundvicrzigjähriger erreicht ihn jetzt die Würde des Extraordinarius. London. Hier starb Rüben David S'asson, der Sohn des „Rothschilds des Ostens" in Bombay, im 71. Lebensjahre. Paris. Im Alter von 85 Jahren ist der frühere Anwalt am Appellgericht zu Paris, Abraham See, ein Bruder des Generals See und "Mitglied des israel. Zentralkonsistorinnis, gestorben. Aus Sen Vereinen. Frankfurt a. M. Die Pur im feie r des Vereins „N a ch a l a t h Z w i" verlief wie stets in schönster Harmonie. Herr Jacob R o s e n h e i in, der Vorsitzende des Nachalath Zlvi, stellte in seiner Eröffnungsansprache den Abend gleich auf die Höhe des mit Geist gewürzten Humors und übergab dann den Vorsitz an den Vorsitzenden des mitwirkenden und mitseierndeu Gesangvereines Jeschnrun, Herrn Klib a n s k y. In dem Saale wechselten Tischlicder mit den Toasten der Vereins-Dozenten Herren Professor D r. S u l z b a ch, Oberlehrer D r. F i n k und D r. B o n d i, und auf der Bühne spielte sich ein reiches Programm — bestehend aus den Gesängen des Jes ch l! rnn, des Herrn Oberkantor P e s s a ch o w i t s ch und Herrn Kantor Schwarz, aus einer von Herrn M. R e u b e r g e r verfaßten und einen Lachsturm entfesselnden Komödie „Im Lesezimmer des Mekor-Chajim-Verein" und aus einem von Herrn Oppenheimer vorgetragenen, die jüngsten Ereignisse der großen Politik und Momente aus dem Leben der Israelitischen Religionsgesellschast glossierenden Couplet — in bunter Aufeinanderfolge ab. Mit dem Gefühle der höchsten Befriedigung verließ das sehr zahlreich erschienene Publikum um 12>/e Uhr den Saal. Mannheim. Hier hat sich ein Zweigverein des „Hilfsverein der Deutschen Juden" gebildet. Dem engeren. geschäftsführenden Komitee gehören n. a. an die Herren: Julius Ettlinger, Emik Hirsch, Sally Reiß, Julius Bensheimer, I. Darmstädter, I. Hartog, Dr. I. Moses, Dr. 3k. Staadecker> Stadtrabbiner Dr. M. Steckelmacher. Im K u n st s a l o n Hermes, Goetheeck, am Opernplatz, sind neu ausgestellt: Gemälde von F r i tz. 3l. v. Kaulbach „Des Meisters Töchterlein", I. v. Kowalsky „Lustige Fahrt", ein Bismarckportrait von F. von Lenbach und ein größeres Gemälde von A. Fenerbach. Ter Altheim-Ausstellung, die sich eines regen Besuches erfreut, wurden neue Gemälde eingereiht. Verein „Mekor Chajiur". Sonntag, den 26. März 1905, abends 6>/2 Uhr (Schützenstraße 2) Vorlesung des Herrn Julius Hirsch aus „Jesaias". _ Bereinigung zur Pflege jüdischer Lebensauschauuug (Nachalath Zwi). Mittwoch, den 29. März 1905, abends 83/t Uhr präzis, Schluß des Wintersemesters, Literatur- Abend. Tagesordnung: 1) Hehermanns, Diamantstadt. Referent: Herr «. van M a a r s s e n. 2) Mendelssohn, Jerusalem. Referent: Herr Leop. Schwab. 3) Freie 3lnssprache. Misrachi-Berei». Dienstag, den 28. März, abends 8% Uhr, im Rechneisaal, Langestr. 29: Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Kahn-Eßlingen über: Die Staatsverfassung in Ifrael. Verein zur Pflege jüdische» Wissens (Tiseres Bachurim.) Sonntag, den 26. März. Schluß dieses Semesters. Bortrag von Herrn Max N e u be r g e r: Rabbi Herz Wesel (Hartwig Messelly) zu dessen 100. Todestag. Gäste willkommen.