Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 3 des Frankfutter Israelitischen Familiellblattes. Inhalt der Beilage: Aus der zionistischen Bewegung.— Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Jüdische Jugend. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M., 19. Januar. Eine 2000 Jahre alte Wahrheit war es, die sich Herr Dr. I. Moses-Mannheim in seinem gestrigen Vortrage in der hiesigen Zionistischen Ortsgruppe als Grundlage seines Themas ,,'D ie Juden not und der Zionismus" gewählt hatte; trotzdem verstand es der Referent mit seiner glänzenden Rednergabe und seiner tiefen Begeisterung, das Interesse der zahlreich erschienenen Zuhörer bis zum Schlüsse zu fesseln und sie zu immer neuem Beifall zu enthusiasmieren. In kräftigen, lapidaren Zügen schilderte er die verzweifelte Lage der Juden, deren einzige Ursache in dem.Fehlen de- Stückchen eigenen Bodens zu suchen ist. Treffend und überzeugend, wenn auch sarkastisch bitter, beleuchtete er den lächerlichen, übertriebenen Optimismus, der sich damit begnügt, das Schicksal eines Volkes von der guten Laune anderer Völker abhängig machen zu wollen. Zwei Wege gibt es zur Lösung der Judenfrage: die Assimilation oder die R e k» n st r u k t i 0 n des jüdischen Volkes. Daß der Weg der Assimilation nicht gangbar ist, braucht nicht erst gesagt zu werden, denn in Wirklichkeit sind wir ja assimiliert. Bei all der redlichen Mühe, die wir uns gegeben haben, uns den Völkern anzuähneln, hat uns dieses Streben in der Tat nichts genützt. Was von uns gefordert wird, ist ein Aufgehen ohne Rest, das Aufgeben unserer Ehre und unserer Ueberzeugung. Sogar diejenigen, die zu diesem moralischen Selbstmorde sich in ihrer Verblendung bequemen, erreichen damit ihr Ziel nicht, denn man ist jetzt selbst bei den Regierungen der kul.ivierten Staaten so weit, das; nian Beamtenlisten über „Christen,, getaufte Juden und Juden" führt; auch die Synoden verwahren sich neuerdings gegen die Taufen der Juden. Redner geht nunmehr auf die Kritik der jüdischen Wohltätigkeitssysteme ein. Während man bei anderen Völkern die Wohltätigkeit nur als Notbehelf beim Eintritt von Katastrophen kennt, ist sie beim jüdischen.Volke zum feststehenden Systeme, zum Mlheilmittel für alles und alle geworden. Sie soll die Lösung aller Fragen und die Heilung aller Uebel bringe». Wohl ist die Wohltätigkeit eine Tugend, auf die wir Juden mit Recht stolz sind, aber sie darf kein blind geborenes Kind sein, wenn sie wohltätig wirken soll. Eine richtig angewandte Wohltätigkeit muß indieZukunft schauen und darf sich nicht mit momentane» Er'olgen begnügen. Wenn man eine Bilanz der jüdischen Wohltätigkeit seit 1800 Jahren zieht und dabei das mit ihr Erreichte überschaut, dann muß man ihren Bankerott auf allen Linien der jüdischen Volkspolitik eingestehen. In der neueren Zeit hat die Wohltätigkeit mit allen ihren Millionen nur das Eine erreicht, daß in Ncwyork ein Ghetto von 700 000 Juden und in London ein solches von 150 030 Juden entstanden ist, von denen der größte Teil in derselben Notlage sich befindet, wie in seiner früheren Heimat. Ueberdies sind nunmehr alle Toren für eine weitere Einwanderung geschlossen.*) Der Zionismus nun unterscheidet sich von den Wohltätigkeitssystemen darin, daß er für die Zukunft uns dauerndes schaffen will. Wenn nun gesagt wird, der Zionismus erstrebe utopistische Ziele, so ist das nur so zu erklären, daß eine radikale Heilung für unsere Juden in ihren eigenen Augen als ein Ding einer Unmöglichkeit, als Utopie erscheint. Glücklicherweise ist dieser Pessimismus ebenso unbegründet, wie der früher gerügte Optimismus. In den 7 Jahren zionistischer Tätigkeit, wo eine kleine, von innen und außen angefeindete Schar die Leitung einer rationellen-jüdischen Politik in Händen nahm. *) Siehe den heutigen Leitartikel. ist es ihr gelungen, ein Stück jüdische Geschichte zu schaffen. Die Zionisten haben die Jndenfrage vor aller Welt aufgcrollt und ihr die ernste Aufmerksamkeit der maßgebenden Faktoren zugewendet. Sie haben init ihrem Kongreß eine jüdische Tribüne geschaffen, sie haben aus den Mitteln der Aermsten der Armen eine große Kolonialbank und einen Nationalfonds gegründet und eine Palästina-Kommission ins Leben gerufen, welch' letztere schon jetzt eine sehr ersprießliche Tätigkeit im Orient entfaltet. Auch ist ihnen die Neubelebung der hebräische» Sprache und der jüdischen Literatur, sowie das Erwachen des jüdischen Selbstbewnßtseins zu verdanken. Wenn man die Geringfügigkeit der Kräfte in Erwägung zieht, und das Erreichte betrachtet, so muß man sagen: „Wahrlich Großes ward geschaffen" und wir ho gen zuversichtlich, daß mit dem Wachsen der zionistischen Organisation auch die Erfolge entsprechend sich vermehre» werdem Der Weg 'ist von unserem unvergeßlichen großen Führer vorgezeichnet, es bedarf nur eines festen Willens. Redner schließt unter brausendem Beifall, dem der Vorsitzende, Herr I. L. G o i t e i n , in beredten Worten seinen Dank anschloß. Fürth. 16. Januar. Gestern Abend wurde im im Restaurant Kurländer in Fürth eine zionistischeOrtsgruppeNürnberg -Fürth konstituiert und die Herren Dr. med. Blöde- Nürnberg (Vorsitzender), S. B. He in ein an »-Nürnberg (Schriftfü5r:r) und Emil Oberndörser (Kassie') in den Vorstand gewählt. Die wöchentlichen Versammlungen finden vorläufig am Samstag Abend in Nürnberg Cafe Habsburg und am Dienstag Abend in Fürth Cafe Kurländer statt. Hamburg. Die Zionistische Ortsgruppe von Hamburg-Altona hielt im „Logenhcim", ^artnngstr. 9/11, eine MitgT'dcrversammlnng un e" Vorsitz des Herrn D r. med. Frank-Altona ab Das Referat hatte He-r L. E st e r m a n n übernommen; er sprach über Jüdische Kultur, und entnehmen wir seinem Vortrage Folgendes: Mit dem Worte „Kn!tur" wird viel Mißbrauch getrieben, so beispielsweise, w-nn die Herren Temperenzler von „alkoholfreier Kultur" sprechen, als ob die Ausschaltung des Alkohols an unseren Lebensgewohnheitcn eine Kulturumwälanng herbennführen imstande wäre. Auch die Vccichnuna , etkiische Kultur" ist zum mindesten ungenau. Ethik besitzt jede Kultur, sie ist die Krönung des gesamten Kn't'-rbanes, es ist daher nicht gcrechtser'igt, die ethische Kultur der unscrigcn als etwas ihr Eickgegenaesetzes ge enüb-r ustellen. Eine n^ti-nule Knl- 'nr kann es geben, aber nur da, wo Völker rönmftch von einander getrennt und gci'i-r »n6erimfir't ’itr Entwicklung gela"g-n Bei den zivilisierten Völker findet dageaen ei'? so sie iger und vollkommener Austausch der Ku't'>rgüt-r statt, daß man höchstens nnr nock, von einer nationalen F-rb'-na ein'e'ner Knlturprodukte. wir der Literatur und Kunst, svrechen kann. Eine besonders jüdische Kultur hat es 'iir Zeit des Bestandes des jüdischen Staates sicb-r gegeben, cirnelre Zionisten folgern dab-r, daß b'i der Wizdererrick-tnng eines nationalen j"di'cbcn Gemeinwesens in Palästina auch die alte iüdi'ch- K»'- 'ur.' oder wenigstens eine neue sheniisck-jüdEch" Kultur wieder erstehen werde. Dies sei. so siib-t Redner aus. weder wünschenswert, noch möglich Das südliche Ideal war es.niemals, «ine obge'chlo'se"? lperifisch-nationale Kuftnr zu scharfen. Zu der Zeid als dem iüdi'chen Vo'ke die allaemeine Erke"ntnf' Eot'es als der höchste Gipfel der Kultur erschien, da eriebnten s-ine Vrovketen diese allgemeine Gotte?- etfenniri; nicht leAg'ich f"r d"s jüdische Volk, sondern für die gesamte Menschheit, „auf daß voll werde die Erde von der Erkenntnis Gottes, wie di" Wasser den Meeresarnnd bedecken", so rnrt d-r V-nphet Jesaija aus. Und so muß auch jetzt das Ideal lauten, daß dem jüdischen Volke durch die Scha'r- 'ing eines nationalen jüdischen G?meinwes"ns di" Mögli^ikeit gegeben werde, auf nationaler Ba>is on dem wcit-ren Anrbau der allgemein menschlichen Kultur mit'narbeiten. in steter Wechselwirkung mit dieser, sie befruchtend und von ihr befruchtet. Aber auch schon in der Gegenwart hat der Zionismus für die Juden eine hohe kulturelle Bedeutung, nicht allein in Osteuropa durch die Gründung zahlreicher Schulen und die Schaffung einer guten Volksliteratur, sondern auch für die kulturell hochstehenden westeuropäischen Juden, indem er vielen von ihnen das fehlende jüdische Nationalgesühl verleiht, ihre seelifche Ze.risfenheit b'sciigt und sie so zu höherem kulturellen Schaffen befähigt. - Enorme Auswahl Facher — jeder Art zu billigen Preisen bei Mook & Schöndnbe, Stein wes No. 7. Aus aUer Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Unser Landsmann Alfred A n e r b a ch, Mitglied des hiesigen Schauspielhauses, erzielte mit seinem neuen Stück, betitelt ,,D'Erbschaf t" (Dialekt-Komödie) einen großartigen Erfolg. Das Stück wurde nrehrmals am königlichen Hofthcater in Stuttgart zur Aussührung gebracht, und entnehmen wir dem „Berliner Börsen-Courier" hierüber jolgendes: T'Erbschast ist eine frisch und fröhlich gedachte, slott und lustig hingeschriebene, schwäbische Dialektkomödie; der Beifall, den dieses Stück fand, war ein überaus herzlicher, zumal es in allen seinen Schattierungen in der Charakteristik bestes Verständnis fand. — Wir wünschen dem Autor, der schon mehrfach schriftstellerisch mit gutem Gelingen tätig war, gerne weitere Erfolge. Oesterreich-Ungarns Wie». S t a t i st i k- Bon Daten, welche die Bewegung der jüdischen Bevölkerung in Wien im abgclanfencn Jahre betreffe», seien folgende hervorgehoben: Die Anzahl der Geburten betrug 2927, worunter 364 uneheliche sich befinden, und die Zahl der Eheschließungen 874. Zivil-Ehen, bei welchen ein Teil mosaischer Konfession war (also Mischehen), fanden im abgelaufenen Jahre 108 statt. Austritte ans dem Judentums erfolgten 617 gegen 638 im Vorjahre, die Zahl der Eintritte stieg von 105 im Jahre 1903 auf 147 im Jahre 1904. Die Anzahl der Todesfälle belief sich auf 1959. Personalien. Wien. Kaisers. Rat Heinrich Klinger, einer der hervorragendsten Industriellen Oesterreichs — er besaß mehrere Fabriken der Leinen- und Jurewarenbranche in Oesterreich und Ungarn mit nahezu COOO Arbeicern — ist am 12. Januar im Alter von 72 Jahren gestorben. Klinger saß fast 20 Jahre im Vorstände der Israeli ifchen Kultnsgemeinde und war o Jahre lang ihr Präsident. Aus oen Vereinen. Frankfurt a.M. Im Verein Montefiore hielt am Mittwoch Herr Oberlehrer Tr. Caro einen Vortrag über Möllere; er gab ein Lebensbild über den bedeutenden Schriftsteller und erklärte einige seiner Hauptwerke. — Am nächsten Mittwoch, 25. Januar, wird Herr Tr. Caro über Shakespeare sprechen. Tie mit so großem Beisalk aufgenommenen religiösen Borträge werden am Freitag, 20. er., abends 8V» Uhr fortgesetzt; Herr Lehrer Einstädter wird den Wochenabschnitt behandeln und den Inhalt einiger Psalmen erklären. Ter Unterricht für erste Hilfe bei Unglücksfällen nn'er L itung der Herrn Tr. Jacob Mayer und Dr. Felix K r a e m e r findet Donnerstag, 26. er. statt. Zu allen Veranstaltungen des Vereins können Nichtmitglieder cingeführt werden. o © o o Schuhmacherei L. Liebl, Fenerbachstrasse 25, Erke Kettenhofweg. Anfertigung nach Mass in allen Fagons. Spezialität für Fussleidende. Separatoren. Billige Preise. o o o o Kranke und abnorme Fiisse werden nach ärztL. Vorschrift unter Garantie lür guten Sitz bekleidet bei J. Reinhardt, Schuhmacher Telefpn 1371. Frankfii't a H« <-r. Eschenhelmerstr. 16. Spezialität: Anfertigung feinster Massarheit in den allerneuesten Fonnen. ff'itsssA mm Borsdorfer f Aepfclwein. HDD "*1220 Unter Aufsicht Sr. Ehrw. Herrn Rabb. Dr. Breuer. 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