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Neue jüdische Presse · 1904-12-30 · Heft 50 (30.12.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 50 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Nr. 50. in diesem Fall muß sie zurückkehren. Scheidungen sind ziemlich selten; eheliche Untreue der Frau bildet keinen Scheidungsgrund; ja, das Verhältnis zwischen Frau und Gastfreund des Mannes gleicht dem altgermanischen auf das Haar. IX. - Ta jeder Stamm und jedes Geschlecht von einem Stammvater abgeleitet wird, betrachten sich Stammes- und Geschlechtsangehörige als Verwandte, in engerem oder weiterem Sinn. Tie engere Verwandtschaft bildet die Familie, sogar aufsteigend die des Vaters und der Mutter. Es herrscht Vaterrecht, d. h., das Kind folgt der Familie des Vaters. Verwandte sind nicht haftbar für Verbrechen und Bußen eines anderen Verwandten. Niemand ist rechtlich gezwungen, seinen Verwandten bei Verarmung zu unterstützen oder aus «der Gefangenschaft auszulösen; doch hat der Brauch es zu einer faktischen Norm gemacht, so daß sich ihm nie jemand entzieht. (Schluß folgt.) Briefe aus England. Tie letzte agitatorisch-politische Rede, die M r. Chamberlain vor kurzem in Edinburgh Castle Hall, Limehouse, gehalten, beschäftigt auch die Gedanken derje nigen Glaubensgenossen, die sonst nur wenig Sinn für Politik haben und dem großen Streit zwischen Protektion, Limitation, Retaliation und Free Trade nur ein Minimum von Interesse entgegenbringen. War auch Chamberlain als Anti-Alienist — wenn auch nicht in der allerstrengsten Form — bekannt, da dies ja logisch und ökonomisch in feine Protektionspolitik unbedingt hineingehört, so hatte man doch noch nie Gelegenheit, ihn persönlich über diese Frage sich äußern zu hören. In seiner letzten Rede aber, die er im Ostend Londons gehalten hat, wo diese Frage am lebhaftesten diskutiert wird, mußte er sie notgedrungen behandeln. Und dies tat er auch und zwar in der rücksichtslosesten Weise, wie sie nur ihm eigen ist. Haben auch die meisten Aussagen vor der kaiserlichen Fremdenkommission vom vorigen Jahr bewiesen, daß die Einwanderer keineswegs dem englischen Arbeiter Konkurrenz bieten, da sie fast ausnahmslos in solchen Berufen und Industriezweigen beschäftigt sind, die sie selbst hier ein geführt haben und die vorher in England ganz unbekannt waren, so wollte doch Chamberlain durchaus beweisen, daß nur die Fremden, d. h. die russischpolnisch-jüdischen Einwanderer, an all dem Elend und der trostlosen Lage der Arbeiter-Bevölkerung der Metropolis und anderer industrieller Bezirke, wie Leeds und Manchester, schuld sind. Tie einzig mögliche Rettung für die Not der Arbeiter und die ein getretene Krisis im Handel findet er daher nur in einem Verbot der Einwanderung, sei es strikte anzunehmen oder nur unter gewissen Bedingungen, wie sie etwa Amerika e'ingeführt hat. Was ihn jedoch von den anderen Anti-Aliens unterscheidet, ist die Achtung vor dem jüdischen Volke und die Meinung, daß England, bevor es daran ist, seine Tore vor den jüdischen Einwanderern zu schließen, verpflichtet sei, für ein Unterkommen für diese Unglücklichsten der Unglücklichen zu sorgen, die England nicht als Menteurer und Goldjäger aufsuchen, sondern von der bitteren Not und der Peitsche des Unterdrückers hierher verschlagen werden, während die anderen antisemitischen Anti-Aliens wenig dafür sorgen wollen, was aus den armen russisch-polnischen Flüchtlingen werden solle, wenn ihnen auch ihre letzte Zufluchtsstätte Schutz und Obdach verweigern sollte. Tiesen Unglücklichen muß ein sicheres Heim gewährt werden, das entweder eine englische Kolonie bilden oder dem Schutze eines europäischen Völkerkonzerts unterstehen soll. Dieser Gedanke war es, der ihn seiner Zeit veranlaßte, der zionistischen Organisation den bekannten Uganda-Vorschlag zu machen, von dem er noch immer die besten Resultate erwartet, obwohl die Sache durch den frühen Tod Tr. Herzls s. A. viel gelitten hat. Von unserem verstorbenen Führer sprach er in solch begeisterten Worten, wie man sie selten auch von einem geschworenen Herzlianer hört. „Tr. Herzl machte auf mich den tiefsten Eindruck; er war ein Mann, dessen Aufrichtigkeit, Patriotismus und Geschick einem jeden, der seine nähere Bekanntschaft machte, ^Ehrfurcht abzwingen mußten." Unsere Protestler und Oppositionelle sollten sich in Zukunft von diesem eminenten Staatsmann eine Lehre nehmen, wenn sie wiederum auf die Person Herzl's zu sprechen kommen. Von den vielen liberalen Rednern, die es vergebens versuchten, den tiefen Eindruck der Rede Chamberlains abzuschwächen, verdient Sir Campbell-Bannermann, das Oberhaupt der radikalen Parteien, besonders hervorgehoben zu werden. An der Hand statistischer Beweise demonstrierte er, wie lächerlich und unbegründet die Furcht vor den Fremden ist in einem Lande wie England, das nur 7 Ausländer auf jede 1000 Bürger zählt. „Das einzige Land in Europa, das noch ärmer an Ausländern ist, ist Spanien." (Gelächter.) England verdankt bisher seine Größe und seinen Wohlstand nur dem Prinzip des freien Handels, an dem es seit der Einwanderung der Hugenotten treu und fest gehalten hat und läuft Gefahr, von der Bühne der Weltgeschichte zu verschwinden, sobald es diesem Prinzip untreu wird und die Chamberlain'sche Zollpolitik einführt. Wie erfreulich es auch ist, den ehrwürdigen Führer der Liberalen als entschiedenen Gegner der Einwanderungsgesetze kennen zu lernen, so ist es doch kaum zu erwarten, daß auch diesmal die Entscheidung über die Fremden-Frage zugunsten unserer verfolgten Stammesgenossen ausfallen sollte, wie es vergangenen Sommer der Fall war, da diese Ansicht die vrivate Meinung Sir Campbell-Bannermans ist, und Ae Majorität der Liberalen Anti-Aliens sind, wenn auch mit gewissem Vorbehalt. Zu unserer großen Schande sei es bemerkt, daß auch unter den jüdischen Parlaments-Abgeordneten eine große Zahl von Fremden-Hassern vorhanden ist, wie Harry Samuels und der neue Abgeordnete von Thanet Marks, der berüchtigte Sohn des greisen Rabbiners Professor Marks, der den Reformdusel in England eingeführt hatte. Im Routledge'schen Verlag erschien soeben die neue englische Machfor-Uebersetzung in P r o s a u n d V e r s e n. Es ist ein stattlicher Band mit einem prachtvollen Titelblatt von dem bekannten jüdisch-englischen Maler Solomon D. Solomon. Noch prachtvoller sind die Dichtungen der Frauen Mrs. Redcliffe Salaman, Mrs. Nina Salaman und Miß Elsie Davis. Am meisterhaftesten sind die einigen Dichtungen Israel Zangwills, die in den meisten Fällen has Original an poetischer Kraft und rythmischem Klang bei weitem übertreffen und neben dem glänzenden Ruhm, der ihn als Erzähler umgibt, ein großartiges Zeugnis auch für sein dichterisches und übersetzerisches Talent oblegen. Der Streit zwischen der Hauptgemeinde und der orthodoxen Kehillah „M achsikei Hadaß" endigte damit, daß die letztere der ersteren sich ergeben mußte. So wünschenswert die Einheit auch ist, zumal zu einer Zeit, wo dem englischen Judentum ein schwerer Kampf mit den Tierschützlern bevorsteht, die es auf die jüdische Schechitah abgesehen, und ein Zusammenwirken aller Juden ohne Unterschied der Parteien und Anschauungen durchaus notwendig ist, so ist es doch tief zu bedauern, daß die letzte Burg der strengen Orthodoxie in London 'bre Selbstständigkeit verlieren mußte. Tie Mittel für ihre Existenz schöpfte diese Gemeinde aus der Schechitah, die sie unabhängig von der Hauptgemeinde führte und die, da die meisten Ostendjnden es vorzogen, ihren Bedarf an Fleisch von denjenigen Metzgern zu beziehen, die unter der Aufsicht der „Machsikei Hadaß" standen, dem Board of Schechitah der United-Synagogue nolens volens starke Konkurrenz bot. Jahrelang hielt die kleine Gemeinde stand gegen den Goliath der Hauptgemeinde und focht mit Energie gegen das seichte Gewässer der United Shnagogue, bis die letztere auf Veranlassung Sir Samuel Montagus die Geflügel-Schechitah auf eine Art, die der Marktschreierei der Händler mit alten Kleidern nicht unähnlich ist, feilbot und die erstere nach einem harten Kampfe der Gewalt der stärkeren unterliegen mußte. Tie Machsikei Hadaß erklärt sich bereit, sich der United Shnagogue anzuschließen und ihren Chief Rabbi als ihren Oberrabbiner anzüerkennen, verlangt aber dafür eine Anleihe von 1000 Pfund St. die Anerkennung ihres Rabbiners und eine autonome Verwaltung ihres Schechitah-Wesens. Tie Unterhandlungen sind im Gange und werden bald zu einem Schlüsse gelangen. Einstweilen versprach Lord Rothschild 500 Pf. St. zu leihen, wenn Montagu die übrigen 500 borgt. Dr. I. M. Salt. Eine jüdische Gesellschaftsreise nach dem heiligen Lande im Jahre 1905. In Budapest hat sich unter dem Vorsitze des Rabbiner Tr. M. Kayserling ein Komitee gebildet zur Veranstaltung einer Reise nach dem heiligen Lande. Dem Komitee gehören aus Deutschland die Rabbiner Dr. Rosenzweig-Berlin, Dr. Werner- München, Dr. Leimdörfer-Hamburg und Redakteur Karpeles-Berlin als Mitglieder an. ES wird beabsichtigt, die gemeinsame Reise am 7. März 1905 ab Budapest zu beginnen und am 7. April wieder in Budapest cinztitrefsen. Besucht sollen werden: Fiume, Alexandrien, Jaffa, Mikwoh - Jisrael, Petach - Tikvah, Rischon - Lezion, Jerusalem, Oelberg, Jericho, Jordan, Totes Meer, Port Said, Suez, Jsmailia, Kairo, das Grab Maimonides, und die Pyramiden. Außerdem sind die Separatausftüge Jerusalem—Beyruth—-Damaskus— Baulbek—Cedernwald—Jerusalem; Hebron—Machpeda; Jerusalem—Noblus (Sekte der Samaritanerin Aussicht genommen. Die Kosten der Teilnahme betragen 1. Klasse 855 M., 2. Klasse 685 M. und 3. Klasse 460 M. Mit diesen Beträgen sind bezahlt: sämtliche Eisenbahn- und Schifssbillets von Budapest bis Budapest, oie gänzliche Verpflegung auf der Fahrt und aus dem Lande, die Kosten der Ausflüge, der Wagenfahrten, die Ein- und Ausschiffung und die Trinkgelder. Tie Aufsicht über die Verpflegung hat Oberrabbiner Tr. Elias Adler in O.-Buda (Alt-Ofen)- übernommen. Das technische Arrangement der Reise untersteht der Leitung des Fahrkarten-Zentralbureaus der königl. nngar. Staatsbahnen in Budapest. Aus afXex Wett. Deutsches Reich. Frankfurts.M. Das Weihnachtsfest, das heiligste Fest der Christenheit, ist nunmehr vorüber; aber der Schmerz, in Hunderten jüdischen Familien den Weihnachtsbaum brennen zu sehen, wird noch lange in der Brust derjenigen Juden, die noch einen Begriff von dem Judentume und noch Gefühl für ihr Volk und dessen Daseinsberechtigung haben, nachhalten. Es wirkt geradezu tragikomisch, wenn grade die für den Antisemitismus empfindlichsten jüdischen Kreise in unglaublicher Verblendung dem Antisemitismus am meisten Nahrung und am ehesten einen berechtigten Grund für sein sonst so unberechtigtes Handeln geben. Empfindet man denn nicht, daß es für den Christ etwas außerordentlich Verletzendes haben muß, wenn er z. B. von einem jüdischen Bankhause — ein solcher Bericht liegt uns von einem Frankfurter Bankhause vor — einen Wochenbericht erhält, der beginnt „Der Friede, der durch das heilige Weihnachtsfest in alle geschäftlichen Transaktionen eingreift" oder toenn er eines der sogenannten liberalen Judenblätter in die Hand bekommt und sieht da eine Unmenge Verlobungsinferate von Juden mit der Bemerkung „Weihnachten 1904!" Wenn das so weiter geht, dann sind wir auch in Deutschland bald so weit wie in Oesterreich, wo man in gewissen Kreisen schon bereits jede Spur von jüdischem Ehrgefühl verloren hat. Dann werden wir auch bald in deutschen Blättern Inserate finden, wie sie zur Weihnachtszeit in österreichischen Blättern nicht selten sind, Inserate, wie wir eines im Prager Tagblatt vom 25. Dezember fanden: „Fröhliche Weihnachten und ein glückliches neues Jahr wünschen ihrem geehrten Englischlehrer, Herrn Emil Weis (— Jude! —seine dankbaren Schüler Hugo Altschul, Ing.; Otto Bloch, Buchhalter: Max Brod, Emil Karpeles, Edm. Kohn, Beamter; H. Kohn, Student; Max Pick, Beamter usw. usw."; wohl 20 Juden haben hier öffentlich dokumentiert, daß ihre Zugehörigkeit zum Judentume in Wirklichkeit eine Lüge ist. Dann wird aber auch in Deutschland bald der österreichische Antisemitismus nicht mehr fern sein, und gerade der neologe Jude wird ihn dann hier, wie es dort der Fall ist, verschuldet haben. Wer ist denn daran schuld, wenn in einer großen Wiener Tageszeitung in ihrer letzten Weihnachtsnummer ein antisemitisches Feuilleton stehen konnte, das so be- „Jch sag' Ihnen, einen solchen Weihnachtsbaum, wie meine Frau gekauft hat, hat die Welt noch nicht gesehen. Gut'n dritten Teil hab'n m'r abschneiden müssen, damit er in unfern Salon hinein- Seht." , .

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