Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 46 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 22. Röschen.*) Skizze von A. Reisen. (Autorisierte Uebersetzüng aus dein Jüdischen von Arthur Freud.) (Schluß). Chaja uud Röschen starren einander an, ihre Gesichter bedeckt eine tödliche Blässe. Sie Wersen strenge Blicke auf die Höckerin, als wollten sie ihr Borwürfe ins Gesicht schleudern: „Mörderin! Tu willst tins trennen!" .... Röschen ist von der Mutter nicht mehr fortgegangen. Sie hat gewartet bis zum Anbruch der Dunkelheit, dann sind sie gemeinsam nach, Hause gegangen. Den ganzen Weg wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt, es war, als wären sie Plötzlich stumm geworden. Don Zeit zu Zeit faßte Röschen das Kleid der Mutter an, als würde sie sich vor etwas fürchten . . . Als sie im Stübchen anlangten, war es schon ftnster. Röschen erschrak, als sie die Lampe entzülidete: über der Mutter gelbes, dürres .Gesicht rollten zwei große Tränen. * „Mütterchen, Du weinst!" rief sie mit vor Schrecken bebender Stimme und eilte auf sie zu. „Was kann ich anders tun, meine Tochter. Soll ich etwa lachen? . . . Hat sie denn nicht recht? Weh mir, du bist schon ein Mädchen von zwölf Jahre» und hast nicht einmal ein Paar Schuhe, nicht ein Hemd auf dem Leibe und ich bin krank. Gott allein weiß, wie ich mich draußen am Markte aufrechthalte. Was wird das Ende sein?" „Wenn ich Geld verdienen könnte," erwidert Röschen, „ließe ich mir ein Kleidchen und Schuhe machen und Dir würde ich auf die Feiertage auch ein schönes Kiew kaufen." Die Mutter schweigt eine Weile, ihr Töchterchen mit warmen Blicken betrachtend. Tann fragt sie still: „Du, Röschen, möchtest Du Geld verdienen wollen?" „Oho!" antwortete Röschen schon munterer. „Wenn ich nur wüßte, auf welche Weise. Ich möchte eine Schneiderin sein. Lea Sarahs, die uns gegenüber wohnt, ist auch eine Schneiderin und sie verdient so viel Geld! Alle Samstag seh' ich, wie sie spazieren geht! Und welch schönes Kleid sie da anhat. Selbst an Wochentagen trägt sie einen Hut. Aber ich würde kein Hütchen tragen, ich würde Dir lieber eine neue Perücke kaufen, denn Deine ist schon stark zerrissen..." „Nein, meine Tochter," unterbricht sie die Mutter, „eine Schneiderin, das taugt nicht für Dich. Drei Jahre müssen vergehen, bis Du den ersten Lohn bekommst und ein Kleidchen kannst Tu Dir da nicht machen. Und bei der Aufnahme muß man der „Frau" noch zehn Rubel Lehrgeld zahlen." „Wie denn verdient man Geld?" fragt Röschen traurig. „Tu hast doch gehört, was „sie" gesagt hat." Röschens blasses Antlitz ist blässer geworden. In ihren tiefen Augen malt sich ein dumpfer Schreck. „Und ich soll Dich allein lassen, Mutter? Uud bei Nacht sollst Dll niemand haben, der Dir einen Schluck kaltes Wasser reichen kann?" Die Mutter erwidert gar nichts. Nur zwei Tränen fallen aus ihren matten Augen herab auf Röschens Antlitz... „Akutter, wein', nicht," bittet Röschen. „Tu wirst mich zu einer guten Frau geben, die läßt mich sicher alle Nacht zu Hause schlafen." „Nein, meine Tochter, gute „Frauen" gibt es nicht. Wenn sie Dir zahlen, wollen sie Dich ausuützeu Tag und Nacht." „Und sie haben gar kein Mitleid?" fragt Röschen erschrocken. Die Mutter schwieg; nein sagen wollte sie sie nicht, um ihr einziges, liebes Kind nicht zu erschrecken, das „jenen" unfehlbar in die Hände fallen wird, und um Ja zu sagen, hätte ihr die Zunge gewiß den Dienst versagt: Wie viel Frauen sie gekannt hat, alle waren sic schlecht. Und so hat sie denn geschwiegen. III. Nach acht Tagen ist Röschen bei Madame Glotzmann eingetreten. „Du sollst nur recht tüchtig sein," hat ihr Madame Glotzmann den ersten Unterricht erteilt, „denn ein braves Mädchen haben alle lieb. Und folgen sollst Du, was man Dich heißen wird, jedermann, auch der Köchin; dann wirst Du's bei uns gut haben." Röschen richtet ihre Augen auf die große, dicke Madame. Sie kann ihre Worte nicht verstehen. Wie kann fie's hier „gut" haben, wenn die große, dicke Madame ihr Essen geben und ihr sagen wird: „Ges¬ und leg Dich schlafen," wenn die dicke Madame ihr „befehlen" wird, eine Arbeit zu tun, und ihr niemals sagen wird, „mein Kind", „meine Tochter"; selbst „Röschen" wird sie sie nicht rufen, sie wird sie beständig rufen: „Du". „Nein, 'Du bist eine Lügnerin, eine schlechte Person!" denkt Röschen in der ersten Nacht, während sie auf ihrem Bette in der Küche liegt. „Gut kann's *) Aus „Unsere Hoffnung", Monatsschrift für die reifere jüdische Jugend, Wien m/2, Abonnementspreis Kr. 4,50 das Jahr. mir hier nicht gehen; gut istes dort im kleinen Stübchenneben der kranken Mutter. Hier bin ich wie ini Gefängnis. Bei Nacht wird dort die Mutter husten und ich werde hier arbeiten müssen . . . Und wozu braucht sie mich, die dicke, große Madame? Hustet sie vielleicht wie meine Mutter, was? . . •. Sie ist doch gesund ... . Und würde sie einmal husten, so hat sie doch so viele Leute um sich, die ihr sicherlich Wein reichen würden. Und dort liegt Mutter allein und hustet, hustet und ruft: Röschen, Röschen . . . ein wenig Wasser . . .! Röschen, ein >venig Wasser..." Und Röschen erhebt sich vom Bett, geht ans Fenster, sucht mit den Aeugleiu das kleine Stübchen — wo die Mutter einsam liegt und nach ihr ruft. „Mutter, Mutter, teure Mutter!" Rösche» kann nicht an sich halten und beginnt zu schluchzen, den Kopf in die Kissen vergrabend. * ' * *• Aber ihr Weinen weckt niemand. Alles schläft ruhig weiter. _ Der Wegweiser. Eine Chanukaträumerei. Bon E l l y K u r r e i n. Teplitz. Tic Abenddämmerung war schon längst über unfer stilles Städtchen hereingebrochen, und noch immer stand ich am Fenster und blickte hinaus in das Schneegestöber. Ter eisige Sturmwind blies fast wie ein Orkan und trieb die großen weißen Flocken in wirbelndem Spiele. Die wenigen Leute, die vereinzelt ihren Weg gingen, schienen kaum weiter zu kommen. Vor. einigen Augenblicken noch war der lehmige Straßenschmutz zu sehen; nun breitete es sich wie ein blendend weißes Tuch über die Erde hin. Es war ein echtes, rechtes Winterwetter. Vergnügt trat ich ins dunkle Zinnner zurück und ein angenehmes Gefühl erfaßte mich, als ich ganz unwillkürlich mit einem einzigen Handgriff den ganzen Raum fast taghell erleuchtete. Tann nockrasch ein Scheit Holz in den Kamin! Still lächelnd beobachtete ich nun wie es aufflackerte, knisterte und knackste. Lange blickte ich in die Flammen. Erst durch eine ängstlich besorgte Frage meines lieben Mütterchens wurde ich ausgeschreckt: „Wo nur der Vater heute so lange bleibt, gerade vor dem Auzllnden der Chanukalichter und dazu bei so einem Wetter; es wird ihm doch nichts begegnet sein?" Ich blickte nach der alten Pendeluhr an der Wand und versicherte beruhigend: „Es ist ja erst fünf Minuten später als sonst." Um die durch diese Frage auch bei mir erwachte Unruhe zu verbergen, trat ich an deu gedeckten Tisch und richtete dies uud jenes, schob einen Teller oder eine Tasse weiter; doch bald war es auch mir, als ob Vater viel länger als sonst heute ausblieb. Ich trab an's Fenster und spähte hinaus in die menschenleere Straße. Endlich kam der so sehnlich Erwartete wohlgemut heim: „Ist das ein Wetter, schauerlich, keinen Hund soll man vor die Tür stoßen," und schüttelte den nassen Schnee ab. „M-! ihr habt es euch gemütlich da gemacht" und leuchtend flog sein Blick durch die helle Stube. „Jetzt lasset uns aber gleich die Channkalichter anzünden!" Räch altem Brauch zündete Vater das erste Lichtchen an; Mütterchen trat gerade so wie einst, als ich es als ganz kleines Mädchen von 4 Jahren zum erstenmal sah, an den großen Flügel und spielte nun die frohe alte Weise des Mooszur; wir sangen mit, als fühlten wir uns eins mit den Siegern, aus jener Heldeuzeit. Jetzt ging es zu Tisch. Eine kleine Weile saßen wir essend und plaudernd beisammen, als Vater nach seinem Buche griff und zu lesen begann. Mutter rückte ihren Lehnstuhl näher an das Feuer, putzte ihre Brille und fing nun an, in Heften der „Welt" zu blättern. Auch ich nahm ein Buch und ivollte lesen, doch heute konnte ich nur wenige Blätter lesen, heute vermochte es mich nicht zu fesseln. Ich legte es wieder hin, und begann mit offenen Augen zu träumen. Der glänzende Leuchter mit seinen kleinen Lichtchen erinnerte mich so deutlich an die alte Makkabäergcschichte. Ich sah im Geist den greisen Priesterhelden und seine ' tapferen Krieger, die - blutigen Schlachtfelder und auch die vieltausendköpfige Kriegerschar; ich sah das Schlachtgetümmel und hörte Kriegsgeschrei. Doch bald erklang die Siegesposaune mit ihrem Jubelton in Israel. — Und dann wieder zog an meinem Aug' ein traurig Bild vorüber. Das, was jene glorreich uns gewonnen, verloren war's für lange Zeit. Unser Staat war von Römerhaß vernichtet, verbrannt unser Gotteshaus von rohem Kriegervolk und unsre Macht in den Staub getreten. — In raschem Lauf eilen die Bilder der Jahrhunderte vorbei; greifbar deutlich seh ich auf Spaniens blühenden Landen die Schrecken und die Greueltaten zur Zeit der Inquisition, da stehn die Richter und die Schergen, die Folter und der Marterpfahl, und lichterloh seh' ich die Scheiterhaufen brennen; die Flammen schlagen hoch empor, und deutlich klingt ein jeder Seufzer und jedes Stöhnen an mein Ohr. Und Ströme unschuldigen Blutes seh' ich fließen der Edelsten, der Besten unsres Volkes. Und Tausende und Wertausende Märtyrer beweinte ich, die unter Spott und Hohngelächter des rohe» Volkes ihre reine Seele aushauchten. Mrgends eine Hilfe oder Rettung! — Weiter eilt die Zeit aus Adlerflügeln. Ich sehe Frankreichs größten Helden, Napoleon, erstehen, und seine Parole klingt in jüdischen Ohren wie eine Zauberformel. Begeistert treten viele in seine Scharen, schwärmen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Alle preisen in ihm den neuesten Makkabäcrhelden. So, träumten sie, wird das Golus enden. Es kam das Jahr der Freiheit, das stürmische 48er Jahr. Tie Mauern des Ghetto fielen. Alt und jung enteilte den engen Gassen, nicht lvenige ließen mit den alten Leiden auch das alte jüdische Leben zurück. Nun ist das Golus doch wohl zu Ende! — Wer nie wird das Golus für uns enden, rufen mir verzweifelte Jammergestalten, die noch vor meinem geistigen Auge so deutlich stehen, zu, deren Jammer uns allen fast das Herz zu brechen scheint. — Und da bricht, wie die Sonne aus düstern schwarzen Wolken, ein Lichtstrahl in Hcrzls Gestalt hervor, und eine ferne Stimme hör' ich rufen: „Das ist der wahre Makkabäerheld, der kommt und wird uns helfen, der Ivird das Golus enden. Ich sah seine Taten, in Basel sah ichlihn, sah jedes Hindernis vor ihm wie Wachs zerfließen, sah wie ein Volk aus Nichts vor ihm entstand, ich sah — und sah, und endlich erblickte ich einen düst'ren Zug in Wien, eine viel tausendköpfige Versammlung, die hinter seinem Sarge schweigsam und traurig in sich gekehrt folgte. Ich hörte an dem offnen Grabe den heiligen Schwur, sein Werk zu vollenden, nicht zu ruhen noch zu rasten, Gut und Blut daranzusetzen, bis es vollendet ist. Ich sehe viele, viele Menschen begeistert seiner Spur soltzen und arbeiten an seinem, an unserm Werk. — Ein schriller Glockenton, ich wache auf aus meinen Träumen. Ich eile zum Tor, doch ach, was für ein schauerlicher Anblick bot sich da meinem Blicke, das überstieg noch alles, was ich geträumt, es spottete jeder Beschreibung. Ein Greis, ein kleiner halb erfrorner Knabe stehen zitternd am Tor, ein Weib liegt quer am Boden, eben war es zusammengebrochen, als ich die Tür öffne und liegt nun leblos am Boden. Der Greis er spricht, er bittet, ich seh es, wohl, doch keinen Laut verstehe ich; was .braucht ich auch da erst viel zu verstehen? Ich ließ sie ein; der Greis schleppte mühsam nun die Tochter ins Haus und ach der Knabe! er trug ein Keines Bündel, die einzige Habe der Armen. Der Sturm schlägt schnell die Türe zu, kaum daß sie'eingetreten; da kommt auch schon der Vater, um zu sehen, was es giebt. Cr hört und versteht sofort, was der Ate spricht, und ruft mir zu: „Schnell schass' etwas zu essen herbei, bring' sie ins Zimmer." Rasch Hab' ich was zur Hand, um sie mit etwas Warmen zu laben. Als sie nun gegessen und getrunken hatten, erzählen sie uns ihre Leidensgeschichte; es ist das alte uns allen nur zu wohlbekannte Reisebild der Auswanderer. Sie waren hier spät am Tage an« gekommen und durchirrten einsam und verlassen, von Kälte und Hunger getrieben, verzweifelt nach einem jüdischen Haus suchend schon die ganze Stadt. Da sahen sie mit einemmal die Chanukalichter in unserem Fenster, ein neuer Hoffnungsstrahl durchzuckte die Unglücklichen, sie.spannten die letzten Kräfte an und gelangten so zu Hilfe und Rettung. Unterdessen hatte ich Zeit, sie genauer zu betrachten. Da sah ich erst den 80jährigen Greis, von Mter, Sorge und Krankheit gebeugt, halb erblindet, notdürftig bekleidet. Das junge Weib, seine Tochter, ihr abgemagertes, verhärmtes Gesicht zeigte noch immer Spuren einstiger Schönheit. Der Knabe ein Keines, schwaches Würmchen, kränklich und ausgehungert, mit so wunderbar schwermütigen Augen; er blickte in einemfort starr nach der Wand, bis er plötzlich mit der Hand hinweisend ausrief: „Schau, unser Herzl, der bringt uns nach Zion, dort wird es besser sein!" Rätsel. 2. Unser Sinnen, unser Fahlen Ist ja stets dorthin gerichtet Und auch unser Antlitz ist es, Wenn der Geist zu Gott sich fluchtet. Der Sinaigebote Zahl In einem Zeichen füge dran ' Und es entsteht zugleich der Band, Der jenem Geltung schaffen kann. Aaflösiing des Rätsels Nr. 1: meine Zeit; mit mir; meine Sichel. Wir bitten unsere jungen Leser, ihre Lösungen spätestens stets bis zum nächsten Donnerstag einsenoen zu wollen. Der Name des Lösers von 10 Rätseln wird veröffentlicht; außerdem erhält der junge Löser ein gutes Buch als Geschenk von uns. Mit der ersten Lösung ist die Abonnements-Quittung mitzusenden. Die Redaktion.