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Neue jüdische Presse · 1904-10-14 · Heft 39 (14.10.1904) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 39 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 39 des Frankfurter Israelitischen Familimblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Was der Misrachi will. —Aus der zionistischen Bewegung.—Jüdische Literatur: Der jüdisch-deutsche Jargon und seine Literatur. — Bücherschau. — Vakanzen. Was der Misrachi will. In der letzten Zeit ist Misrachi zum Gegenstände verschiedener Angriffe, Beschuldigungen und Verdächtigungen in der „Welt" und dann in der „Jüd. Rundschau" gemacht worden. Daß Misrachi den Verfolgungen seitens der nichtzionistischen Orthodoxen ausgesetzt sein wird. — daraus waren wir immer gefaßt. Hingegen können wir uns nicht genug darüber wundern, daß wir auch von Zionisten scheel angesehen werden. Was die „Welt" anbetrifft, so ist es mehr als eine Inkonsequenz, wenn dieses offizielle Organ der zion. Weltorganisation sich jetzt dazu hergibt, einen großen Teil des jüd. Volkes und der zivil. Bewegung ' als klerikal und nichtzionistisch zu verschreien, während doch Herr Leopold Kahn der Misrachi-Konferenz in Prcßburg als Vertreter des Aktionskomitees, also des offiziellen Zionismus, beigcwohnt und sic wärmstens begrüßt hatte. Es liegt uns ganz fern, in unserer Erwiderung den scharfen und beleidigenden Ton unserer Ankläger einzuschlagen. Ter Misrachi ist aus den Prinzipien des Friedens lind der Eintracht gegründet worden und wird dieser Parole trotz der verschiedenen Versuchungen immer treu bleiben. Es kommt noch hinzu, daß wir die gegen Misrachi gerichteten Angriffe nur ans Mißverständnis und Unkenntnis seiner Grundsätze beruhend bcgrcijen — und einen Irrtum soll man doch verzeihen. Wir hoffen daher, durch Aufklärung 'mit Darlegung unserer Anschauungen, die Widersacher des Misrachi von dessen Notwendigkeit und Nützlichkeit zu überzeugen. Aber,im Grunde genommen ist das, was unsere in Frage kommenden Gegner fordern, nämlich die durch den Zionismus geschaffene Einigkeit — nicht minder unsere Forderung; vielmehr wurde sie gerade von Misrachi stets verfochten und hochgehalten. Er war immer bemüht, den politischen Zionismus als de» einzigen Weg zu bewachen, den alle Zionisten trotz der sonstigeil Meinungsverschiedenheiten znsammcngehen können. Wir wollen nur diesbezüglich auf den in der vorigen Nummer unseres Blattes gebrachten Auszug a,ls einem der letzten Zirkulare (nach der Prcßburger Konferenz) des Führers des Misrachi Hinweisen, der ausdrücklich sagt, „daß der Kongreß sich fernzuhalten hat von Angelegenheiten, die nicht im direkten Verhältnis zum politischen, praktischen Zionismus stehen. Auf,diesem Wege wollen wir die Tore des Zionismus für alle Kommenden offen halten, damit er sich zu einer wahren Volksbewegung gestalte. Wir waren stets bemüht, fernzuhaltcn von seinem Gebiete all' das, was im Stande ist, einen oder den andern Teil unseres Volkes von der Teilnahme an der zionistischen Bewegung ausznschließen. Ebenso verlangen ivir aber auch von den andersdenkenden Gesinnungsgenossen, daß sie nichts vornehmen, was jemand von dem politischen Zionismus zurückhalten könnte." Misrachi kam: darauf stolz sein, daß er zuerst die Notwendigkeit eines gemeinsamen Punktes anerkannt hat, der die gesamte Judenheit in allen ihren Schattierungen und Richtungen vereinigen soll. Als Vor etwa drei Jahren der sogen. Kulturkampf in der zion. Bewegung tobte und eine ziemlich große Partei die Behandlung und Lösung unserer kulturellen Fragen von den Kongressen forderte, da trat Misrachi mit der präzisen Forderung auf, daß der „Kongreß-Zionismus" von allen anderen Bestrebungen rein erhalten werden muß, die nicht in den Rahmen der politischen Tendepz des Zionismus gehören. Die Misrachisten motivierten diese ihre Forderung dahin, daß der Zionismus ein Betätigungsgebiet für alle Inden sein muß und daher nicht in andere Gebiete eingreifen darf, die eine gemeinsame Arbeit der verschiedenen Richtungen in unserem Volke unmöglich machen könnten. Diese gemeinsame Arbeit ist nur dann möglich, wenn der Zionismus ein politischer Zionismus sein wird. So schreibt auch der Führer des Misrachi in seinem zweiten Zirkular: „Ter politische Zionismus muß ein Gemeingut des jüd. Volkes sein und darf nicht den Stempel dieser oder jener Partei tragen. Der Kongreß-Zionismus muß derartig beschaffen sein, daß er für das gesamte jüdische Volk annehmbar und möglich wäre. Er muß. daher politischer Zionismus sein und soll nicht jene in Hülle und Fülle noch zu leistenden Arbeiten als in ihm inbegrifsen aufnehmen, die Anlaß zu Streitigkeiten innerhalb der verschiedenen Parteien in unserer Bewegung geben könnten. Es ist eine der Hauptaufgaben des Misrachi, den Kongreß-Zionismus von allen Arbeiten, die nicht in direkter Beziehung zum politischen Zionismus stehen, fernzuhalten." . . „Ter Misrachi erklärt ausdrücklich und betont ans das Entschiedenste, daß der Zionismus das ganze jüd. Volk, alle seine Parteien und Richtungen um« f a s je n m u ß." So genau und präzis hat Misrachi stets die Einigkeit hervorgehoben und sie als den einzigen Weg für die Erreichung unseres Zieles und als den größten Erfolg des Zionismus bezeichnet. Und so ist cs merkwürdig, wie die (Gegnerschaft des Misrachi im Laufe einiger Jahre eine so entgegengesetzte Wendung genommen. Während man vor einigen Jahren dem Misrachi entgegengehalten hatte, er sei kulturfeindlich, weil er den politischen Zionismus verfochten hat und die Knlturfragen vom .Kongresse ausgeschlossen wissen wollte, so wird gegen Misrachi jetzt der Vorwurf erhoben, er sei nicht zionistisch-politisch genug, — er, der immer den politischen Zionismus in den Vordergrund rückte und daher sogar von diesen Gesinnungsgeiiossen angefeindet wurde. (Schluß folgt.) Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Der .Israelit" gefällt sich loieder in Beschimpfungen über den Misrachi und unser Blatt. Anlaß dazu bietet ihm ein Vorgehen von uns, das ein jeder vorurteilslose, anständige Mensch gutheißcn muß. Bor kurzer Zeit veröffentlichtcn wir einen „Ungarischen Brief", in welchem ein Bericht über eine unerhörte Verletzung des Gaftrcchts, die ein „fremder Rabbiner" auf der Kanzeldes ehrwürdigen Herrn Rabbiners zu Papa beging, aus dem ungarischen „Zsido M-plap" übernonlinen wurde. Der Bericht über diesen beschüinenden Fall, den alle Ehrlichen mit Recht verurteilten, ist von einem verläßlichen, ehrenwerten Mann in der Rümmer vom -!>. Juli des erwähnten ungarischen Blattes mit voller Name u s n n t e r s ch r i f t erschienen. Wir hatten also absolut keine Veranlassung, ein Dementi des Herrn Sal. Maisberger, Geineindepräses zu Papa, zu dem sich derselbe erst nach mehr als sechs Wochen entschloß, um die Ehre des „fremden Rabbiners" zu retten, dessen Rainen wir nicht nannten, und .den erst der Herr Gemcindeprüses in der Person des Herrn Tr. Spitzer in Kun-Halas erkennt — ohne weiteres aufzunchmcn. Wir haben keine Ursache, an der Ehrenhaftigkeit des Herrn Sal. Maisberger zu zweifeln, aber ebensowenig an der des Herrn Berichterstatters. Sollte Herrn ksaf. Maisberger mehr Verläßlichkeit zuerkannt werden, so war dies auf keiner anderen Weise möglich, als durch eine e h r e n w ö r t - l i ch e Versicherung, um die wir de» Herrn Gemeindepräscs baten — die er aber uns nicht gab. — Wie kommt aber nun Herr Dr. Spitzer in .üun-Halas dazu, uns zu beschimpfen: warum hat der rührige Gemeindeprüses zu Papa, der sich seiner Sache bis jetzt annahm, nicht auch weiterhin seine Sache in der Weise vertreten, wie es gegenwärtig Herr Dr. Spitzer in seiner Zuschrift an den Israelit tut? Es ist klar: der Herr Gemeindeprüses mochte das nicht tun, was Herr Dr. Spitzer zu tun für gut befand. — Wir fragen aber jeden Menschen mit gesundem Verstand: was konnte den Herrn Berichterstatter im Zsido-Replap bewegen, einen Angriff gegen den Zionismus seitens des „fremden Rabbiners" zu erfinden? und welchen Vorteil hat der Misrachi, sich mit der ziemlich gleichgültigen Person des Herrn Tr. -Spitzer abzugeben, besonders, wenn er so zahm ist, daß er nichts, aber absolut nichts gegen den Zionismus gesprochen hat? Es kann doch nicht im Interesse des Misrachi liegen, Gegner zu erfinden? Auf die Beschimpfungen des Misrachi im Israelit wollen wir nicht antworten. Eins möchten wir aber den Herren vom Israelit zum Bedenken geben: Tie Hetze gegen den Misrachi ist nur im tausendsten Teile aufgedeckt. Gerade die gröbsten und für die Leute vom Israelit am stärksten blamierenden Tatsachen, wurden bis jetzt verschwiegen, um den Chillul .Haschem zu verhüten. Es liegt im Interesse der Leute vom Israelit die Notwendigkeit nicht herbeizuführeu, die Kampfesweise der Misrachi-Gegner rücksichtslos aufzudecken. Fürth. Nach einem Bortrage des Hern: cand. Phil. Benno Fischer, aus Bern hat sich hier ein Misrachi-Verein gebildet. Wie». Bülow über TheodorHerzl. Der bekannte Wiener Schriftsteller Sigmund Münz erzählt in der Neuen Freien Presse: „Tie Rede kommt auf den jüngst dahingeschiedenen Tr. Herzl und im Zusammenhänge damit auf die zionistische Bewegung, die namentlich unter de» Juden des Ostens platzgegriffen. Ter Reichskanzler erinnert sich, den nun Verstorbenen zweimal gesehen zu habe», einmal im kaiserliche» Zeltlager in der Nähe von Jerusalem, das zweite Mal in Berlin. Beide Male hatte Dr. Herzl dein Grasen Bülow seine Aufwartung gemacht, um zuerst den Staatssekretär des Aeußcren in ihm und dann den Reichskanzler für die Förderung des zionistischen Gedankens zu gewinnen. Graf Bülow war jedoch keineswegs in der Lage, Dr. Herzt in dessen Propaganda zu bestärke» und ihm irgendwelche verheißungsvolle Förderung seines Projektes in Aussicht zu stellen. Bei Anerkennung der hervorragenden schriststellerischen Begabung des Verstorbenen, dessen gefällige und eindrucksvolle äußere Erscheinung dem Kanzler in lebhafter Erinnerung geblieben, vermochte dieser jedoch nicht, dem Zionismus viel Geschmack abzugewinnen. Graf Bülow hat offenen Sinn für den Druck, unter den in Massen zusammen gepferchten Juden des Ostens leben, ja er sucht sogar in einem Gespräche den Ursachen nachzuforschen, die es bewirkt haben, daß sich gerade im Osten solch ein in trostlosen Verhältnissen befindliches jüdisches Proletariat hcrausgebildet: aber eS will ihm keineswegs ein» leuchten, daß eine Masseiiansiedelung der Juden in Palästina diesen Zustand zu. sanieren vermöchte. Wie leicht könnten so die armen Inden, deren Rot Graf Bülow während eines mehrjährigen Wirkens als deutscher Gesandter in Bukarest aus nächster Nähe teilnahmsvoll nachzugehen Gelegenheit hatte, ans der Skylla in die Charybdis geraten. „Ich habe nicht leicht," bemerkte der Reichskanzler, der im Herbst 18i)8 im Gefolge des Kaisers Wilhelm die Jerusalemfahrt mitmachte, „ein so unfruchtbares Land gesehen wie Palästina." Schon dies spricht gegen die zionistische Utopie. Dazu — woraus ich .dem Tr. Herzl gegenüber kein Hehl machte, und worauf er auch nicht viel einznwenden wußte — die Erwägung, daß der Zionismus höchstens das jüdische Proletariat, keineswegs aber die Wohlhabenden und Gebildeten unter den Juden Europas zur Auswanderung nach Palästina zu bewege» vermöchte. Schnorrer aber eigne» sich nicht zur Staatengründuna, und nicht einmal zur Kolonisierung. Tie. deutschen Juden zumal wären durch ihre ganze (beschichte und durch ihr von nicht gewöhnlicher Begabung und Zähigkeit getragenes Eingreifen in das deutsche Wirtschafts-, Geistes- und .Kunstleben zu sehr mit Deutschland verknüpft, als daß sie das Bedürfnis empsindeu könnten, sich in ein aussichts- und userloses Palästinaexperiment hiueiuzustürzeu. Gewiß, er könne und wolle sich nicht der Anschauung verschließen, daß der Rot der östlichen Juden gesteuert werden sollte — und zunächst vv» jüdischer Seite —, aber noch immer sei er der Meinung, daß ihnen trotz der bisherigen Mißerfolge durch Kolonisierung in Argentinien eher Heil erivachseu könne, als durch den mehr von sentimentaler Romantik und keineswegs von praktischen Eriväguirgen geleiteten Ausblick nach den Gestaden des Toten Meeres." Diese Acußeruugen des deutschen Reichskanzlers habe» allgemeines Erstaunen hervorgerufen. Einige Tage flüchtigen Aufenthaltes solle» genügen, um ein Urteil über Palästinas Bodenbeschaffenheit zu fällen, ein Urteil, das ini Gegensatz steht zu den Urteilen aller berufenen fachmännischen Kenner des Landes. Was nun die Qualität der für die Besiedelung Palästinas in Frage kommenden Juden anbelangt, so wollen wir bemerken, daß Geld noch nicht alles ausmacht; mit Intelligenz läßt »ich manchmal vielmehr erreichen, als mit Geld ohne Intelligenz. ^Lemberg (Galizien). Neue Zeitung. Seit denr 1. Oktober erscheint hier ein hebräisches Tageblatt mit dem Titel Hajo»,. Als Verleger und Herausgeber zeichnen die Herren I. Kräpel und Moses K l e i n m a n n. Das Blatt vertritt zionistische Tendenzen. Pozsony-Preßburg (Ungarn), den 11. Oktober. Heute begann die Einschreibung an der hiesigen Rabbinatshochschule (Jeschiwoh). Zu unserer größten Ueberraschung wurde gleich an den ersten Hörer, der sich immatrikulieren lassen wollte, die Frage gestellt, ob er Zionist sei. Er bejahte, und darauf wurde ihm erklärt, daß er in diesem Falle in den Verband der Jeschiwoh nicht ans ge nommen werde. Der erste von dieser Maßregel Betrossene war einer unserer besten und eifrigsten Gesinnungsgenossen, Herr Salomon Friedenthal.

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