Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 30 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692358-2692388--01028-2695494- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Beilage zu Nr. 30 des Frankfurter Israelitischen FamiüeMattes. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.! Uebersctzter Auszug eines hebräischen Briefes, den ich dieser Tage an Set Ehrwiirden, Herrn Rabbiner Silbcrstcin-Waitzen gerichtet habe: (Schluß). Es ist ein bekanntes kabbalistisches Sprichwort: „Wenn die Erdbewohner den Himmel nicht schütteln, bewegt sich der Himmel nicht." Erst nachdem wir de» Becher der .Hülfe gehoben, ziemt cs uns, den Namen des Ewigen anzurufen. — Wir erwarten von dem Mlgütigen Hülfe, Rettung, Befreiung für unsere durch den Druck des Goluth leidenden Brüder und Schwestern. Wenn sic nach einem harten Kampfe mit rohen Gegnern ihr Hab und Gut verlören haben und ihre Wohnstätten vernichtet sind, dann können Mmosenspenden manches Leid lindern; — wenn aber die Frauen und Töchter geschändet, die Männer und Jünglinge ermordet und die licbrigbleibcnden verjagt werden und wenn (was Gott behüte) immer und immer wieder solche Szenen zu erwarten sind, ist es dann nicht Pflicht, ja mehr als Pflicht, sich tvenigstens zu bemühen, für diese, ihrer Abstammung wegen verfolgten Brüder, gesicherte Heimstätten zu erlangen? Liegt es da nicht sehr nahe, das für Israel bestimmte Land wieder anzukaufen zu suchen, dieses Land, das wir des inneren Streites wegen zu verlassen gezwungen waren, wieder für uns zu gewinnen und mit vereintem Sinne uns den Besitz dieses Landes eigen zu machen? Herzl, Theodor Herzl — das Angedenken dieses seitdem gefallenen Helden sei gesegnet — hat nichts anderes gewollt. Er war es, der den Zionsrus erlassen, durch den so mancher, der zu den Parteien der Judenheit gehörte, welche Zion und Jerusalem aus den Gebeten gestrichen haben, wieder für Zion belebt wurde und begreifen lernte, daß Israel stets sür dessen Herstellung — gebetet hat und betet. Die Führer der zionistischen Bewegung haben niemals daran gedacht und denken nicht daran, mit ihren Bestrebungen eine Messias-Mission zu erfüllen, nicht mal glauben sie, daß, wenn ihr Vorhaben mit Gottes Hilfe gelingt, diese Aktion der Bruder- und Menschenliebe eine schon durch eine Weissagung von unseren Propheten angekündigte ist. Aus dem Innern des Herzens heraus war es die Stimm des Unsichtbaren, des Allgegenwärtigen, die gesprochen, eine Gottesstimme, das Echo einer brennenden, fcucrigen Menschenliebe. Jedoch wir, die mil liebevollem Entgegenkommen die Bestrebungen der Zionswächter begrüßen, wir wagen es, in der Zionsbewegung einen Vorboten der Messias-Periode zu erblicken. Wir glauben jenen fanatischen Gegnern nicht, die vorgeben, wir dürfen uns den Zionisten nicht anschließen, weil wir in dem Talmud lesen, daß Gott uns beeidigt, nicht über die Mauer zu schreiten, welche das Golus einschließt; denn wir lesen und glauben die Erklärung unseres ersten Talmudforschers Raschi zu Kebuboth Folio lila: Nicht gewaltsam sollt ihr euch aus dem Golus zu befreien suchen! Wir wiederholen es, wir erblicken in der zionistischen Bewegung ein Heil für die Judenheit, eine Gesundung der gegenwärtig krankhaften Zustände des -Judentums. Die zionistische Bewegung wird Einheit und Friede bringe» in Israels Genieinden, in Israels geschiedene Gemeinden, in jene Kehillos, wo auf beiden Seiten die jüdischen Gemeinde-Institutionen gleichmäßig hoch gehalten werden, in jene Kehillos, wo Schechitoh, Kaschrus, Mikwoh, Unterricht ic. :c. gleichinäßig nach jüdischem Recht und nach jüdischer Tradition treu bewahrt werden. Und mehr noch, wenn der Zionismus durchdringt, werden auch die prinzipiellen Gegner, d. h. diejenigen Gemeinden, tvelche eine messianische Zukunft aus den Herzen ihrer Mitglieder zu verbannen suchen, diejenigen Gemeinde», welche aus ihren Gebeten Zion und Jerusalem gestrichen haben, wieder in den Schoß der nationalen Judenheit zurückkehren, und sich wieder zum pflichttreuen Judentum bekennen. Und so wird sich das Ezechiel'sche Prophetenwort bewahrheiten: „Ich werde das Land Israel wieder zu einem vereinten Volke machen, und nicht mehr werden sie sich in zwei gleiche teilen." Bei der Erklärung des Capuii, worin dieser Text vorkommt (Kap. 37), erwähnen unsere Weisen, daß dieses Prophctcnwort ausgesprochen wurde, nachdem die toten Gebeine von jenen Ephrahamiten wieder belebt wurden, die es gewagt hatten, sich aus dem egyptischcn Golus zu befreien, ohne dazu eine göttliche Qualifikation eingeholt zu haben. (Wir bemerken das ohne weiteren Kommentar.) Wir haben zum Schluß dieses Schreibens, das sich unwillkürlich ausgedehnt hat, noch zu antworten, auf Ihre» an mich gerichteten Brief, worin Sie Mitteilen, daß der hochgeehrte Rabbiner von Brisk Ihnen geschrieben habe, daß manche Bachurim durch den Einfluß des Zionismus dem Bcs-Hamidrasch den Rücken gekehrt usw. — Wir glauben es, daß der Zionismus dazu bcigetragen — aber nicht der zionistische Geist, sondern die Streitsucht der Bekämpfer desselben — wenn sie sich auch fromme Fanatiker nennen —, die die Kühnheit haben, edle Gedanken zu bekämpsen und edlen Menschenfreunden Verachtung, Beschimpfung und Spott zuteil werden lassen. Wir sind fertig. Wir wiederholen: Streit, nur Streit raubt unsere besten sittlichen und religiösen Kräfte. Wird wieder Einigkeit und Liebe einkehren, dann werden wir mit Freude jubeln: „Gott, Israel und die Thora sind wieder vereint." Dem Zionismus verdanken wir es, daß die Hosfnung auf eine glückliche Zukunft sich in unseren Tagen gekräftigt hat, und unbrünstig beten wir: „Möge diese Hoffnung bald in Erfüllung gehen." Das walte Gott! Mit Versicherung von Hochachtung zeichnet ergebenst Liepman Philip Prins. Aus aller Welt. Deutschland. Könitz. Das Vorverfahren gegen die Familien Berg, Roß und Maßloff wegen vorsätzlicher Tötung des. Gymnasiasten Ernst Winter resp. wegen Begünstigung hierzu ist eingestellt worden. Friedlanv. Die Synagoge, ein Bauwerk aus der Glanzzeit Friedlands, soll demnächst abgebrochen werden. In dieser Woche waren, wie der Fr. Od.- Ztg. berichtet wird, die Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden Lieberose und Lübben hier, um dem Tempel die Weihegegenstände zu entnehmen. Der Vorhang ans persischem Samt kommt nach Lieberose, der bronzene Kronleuchter und die übrigen Heiligtümer kommen nach Lübben. Rußland. St. Petersburg, 29. Juli. Kam die Nachricht von der Ermordung des früheren Ministers des Innern Ssipjagin unerwartet, so kann das von Plehwe nicht behauptet werden. Schon lange befürchtete .Man, daß seine Tage gezählt seien und daß er dem gleichen Schicksal wie sein Vorgänger verfallen würde. Ganz eigentümlich ist die Stimmung in der Residenz; nur sehr wenigen flößte Plehwes Tod aufrichtiges Mitgefühl ein, sei es, daß die öfteren Attentate die Bevölkerung abgestumpft haben, sei es, daß die zwei Jahre drei Monate Tätigkeit des Ministers ihm unzählige Feinde geschaffen haben. Seine Position war von vornherein sehr gefährlich, schon durch die llebernahme der Erbschaft Ssipjagins. Er selbst verstand nicht, sich Liebe zu erwerben. Seine sprichwörtliche Strenge trug ihm endlosen Haß ein. Die Affäre Kischinew ist nicht nur der jüdischen Bevölkerung, sondern auch vielen gerechtdenkenden Russen äußerst peinlich gewesen. Immer hieß es: „In jüdischem Blute wollen wir die russische Revolution ertränken." Auch die Presse zählte zu Plehwes Ressort. Die Zensur waltete unter ihm ihres Amtes mit größter Schärfe, die harinlosesten Dinge durften . nicht bekannt gegeben werden. Die Blätter erhielten Strafen über Strafen. Selbstredend konnte da von einer Sympathie für den Minister des Innern nicht die Rede sein. Plehwe war gefürchtet, das charakterisiert alles, sehr gefürchtet von der revolutionären Partei, der der Mörder sicher angehört. Die Gefängnisse sind überfüllt von intelligenten Männern und Frauen. Der geringste Verdacht führte schon dahin. Plehwe war ein sehr kluger Mensch, als Jurist hervorragend, nur in den Mitteln, sein Programm dnrchzuführen, griff er zu dem Aeußersten. Personalien. Aus, Lberhessen. Am 24. August d. I. feiert das Ai. K a h u s ch e Ehepaar in G e d e r n das Fest der goldene» Hochzeit. Der Jubilar befindet sich im 79., die Jubilarin, eine geb. Aul, im 76. Jahre. Beide sind trotz des hohen Alters noch sehr rüstig. Bor mehreren Jahren bekleidete Herr K. noch das Amt eines 1. Vorstehers in genannter Gemeinde; er hat es verstanden, die Interessen der (Gemeinde nach allen Richtungen hin zu fördern. Auch an der Erbauung der neuen Synagoge hat er mitgelvirkt. Hamburg, 29. Juli. Die Beerdigung des früheren langjährigen Bürgerschafts-Mitgliedes Herrn Dr. H. B. Lev y sauü heute morgen unter großer Beteiligung weiterer Kreise vom Sterbehause Tesdorpfstraße aus statt. Unter den Leidtragenden bemerkten wir außer de» Berwandteu und Freunden viele ältere Bürgerschasts-Mitglieder und Berufsgenossen. Der Vorstand der Deutsch - Israelitischen Gemeinde war durch den zweiten Vorsitzendeit Herrn Jos. Schönseld und Herrn Alfred Levy vertreten. Als Vertreter des Qbcrrabbinats war der Rabbinatsverwcser Herr Dr. S. P. Nathan erschienen; auch die übrigen Gemeindeorganisationen waren durch Delegierte vertreten. Auf letztwillige Verfügung des Verstorbenen mußte von jeder größeren Tranerseier Abstand genoinmen tverden. Stratzburg i. Elf. Am Mittwoch wurde die im Kllter von 7V Jahre» verstorbene F r a u Witwe N a p h t a l i e I. Weilt, geborene Amelie Weill, beerdigt. Die Verstorbene war die letzte der Gründerinnen des 1860 errichteten israelitischen Waisenhauses, dessen Schatzmeistern, sie lange Jahre hindurch war und zu dessen Präsidenten sie nach dem Tode der Frau Weil-Goetz gewählt wurde. Auch war sie Präsidentin des israelitischen Wöchncrinnenvereins. Die große Beteiligung an der Beerdigung legte Zeugnis ab sür die große Achtung und Verehrung, die die Verstorbene genoß. War doch ihr Leben nur der Wohltätigkeit und der Armenpflege gewidmet. In, Trauerhause hielt der Oberrabbiner llry eine Trauerandacht, Dr. G. Levy widmete der Verstorbenen einen warmen Nachruf im Rainen des israelitischen Konsistoriums und des Verwaltungsrates des Waisenhauses; Rabbiner Bnttenwieser schilderte in bewegten Worten ihr segensreiches Wirke». An der osfenen Gruft sprach noch Rabbiner Glaser. Mit Frau Weill ist eine Frau zu Grabe getragen worden, deren Lebenszweck war, Gutes zu tun und deren Andenken bei den Armen der Stadt Stratzburg, auch bei. denen christlicher Religion, in Ehren gehalten werden wird. Auch im Jahre 1870 war Frau Weill Mitglied des Vorstandes des Krankenpflegerinnenvereins und hat in der schweren Zeit, während und nach der Belagerung manche Not gelindert. Paris. AlbinLMso ise, früher Chefingenieur der Brücken und Chausseen in Frankreich, ist im. 68. Lebensjahre gestorben. Derselbe war Mitglied des israelitischen Zentralkonsistoriums für Marseille. Der Hauptmann im 117. Sapeurregiment lt< rix ist zum Bataillonschef, der Oberstleutnant Ed. Mayer vom 12. Artillerieregiment zum zweiten Direktor der Artilleriefchule in Algier ernannt worden. Neapel« Hier ist vorige Woche das israelitische Hospital eröffnet worden, das der verstorbene Baron Adolph v. Rothschild gestiftet hat. Die Baronin Edmund von Rothschild hat aus diesem Anlasse noch 10000 Franks für die innere Einrichtung geschenkt. Der italienische Gesandte Graf H ie rsch al de Minardi, ist in oen Ruhestand getreten und hat bei diesem Anlässe den Grvßkordon des Kronenordens erhalten. Briefkasten. Nach München. Ihr Sohn wird Parschas Schemaus Barmizwoh. 2. . . . Rüpelhaften, bübischen Anremplungen anmaßender und eingebildeter Narren geht der anständige Mensch am besten aus dem Wege. L. Stratzburg. Den bisher erschienenen Teil der laufenden Erzählung „Aus bewegter Zeit" liefern wir gegen Einsendung der Abonnementsquittung gern gratis nach. _ Hebräischer Sprachverein. Wiederbeginn der Unterrichtsstunden: Sonntag, den 7. August, vormittags 8 Uhr in der Aula der Israel. Retigionsschule, Hermesweg 25/7. Frankfurter Zionistische» Bereinigung. Montag, den 8. August, abends 9 Uhr im Kaffee-Restaurant Kursaal M i t a n i. Seilerstratze 34. Tagesordnung: 1. Referat des Herrn Heinr. K o t k i n e r. Unsere Agitation. 2. Diskussion. 3. Gemeindewahlen. _ Famittetmachrichten. (Aufnahme in diese Rubrik kostenlos.) Geburten. Ein Sohn, Herrn Weiler (Ederheimer), Frankfurt am Main.