Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 30 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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xan&futfet Ifr<rlitifd)P9 louiilirnlilatt. l " » Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). ■ - He-aKtton und Geschäftsstelle.' Frankfurt a. m.. Leiliglreuzgasse 52, Ecke Llapperftldstraße (gegenüber der Neuen Zeit). -- Herausgeber: Kalg Geis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Wk. 8.- 2. Jahrgang. Freitag, den 24. Aw 5664 (5. August 1904). Ro. 30. Der Misrachi im Zionismus. Die »Jüdische Rundschau, Organ der zionistischen Bereinigung für Deutschland"" druckt in ihrer letzten Nummer die von uns veröffentlichten Statuten der Misrachi (Deutsche Abteilung) ab und bemerkt hierzu: »Der deutsche Zionismus hat es bisher mit Recht als sein nobile offizium betrachtet, alles Trennende aus seiner Organisation femzuhalten. Er hat sowohl das politisch-nationale Moment wie das religiöse immer am besten bewahrt geglaubt, wenn beide unabhängig von einander ihr Ziel verfolgten, das eine der gemeinsanlen Anstrengung der gesamten Judenschaft, das andere der innersten persönlichen Meinung des Einzelnen anheimgegeben. Wir geben indessen der zuversichtlichen Hoffnung Raum, daß die Unter-Organisation der »Misrachi" trotz der Betonung eines eigenen Standpunktes im Zionismus wohl eine Besonderheit, aber keine Absonderung bedeuten wird. Vor einem Hineintragen religiöser Gesichtspunkte in politische und wirtschaftliche Aktion, wie sie dieser anzukündigen scheint, wird sich freilich unsere Partei energisch bewahren müssen." Hierauf haben wir zu erwidern: Der Misrachi ist — wie seine Statuten ausdrücklich betonen — eine auf dem Boden des Baseler Programmes stehende und die vom Baseler Kongreß geschaffene Organisation anerkennende Fraktion innerhalb der zionistischen, bereits vor ihr vorhandenen Fraktionen-Gruppierungen; er ist entstanden n a ch der Bildung der demokratischen Fraktion und infolge Uebergriffe derselben, die die Interessen des überlieferten Judentumes verletzten. Der Misrachi ist der Zusammenschluß gesetzestreuer Zionisten zum Schutze dieser Interessen. Der Misrachi will nicht trennen, sondern vereinigen. Er verlangt, daß die Regenerierung des Mischen Volkes durch den Zionismus in die praktische Tat mit allen ihren Konsequenzen umgesetzt werde und so aus Assimilationsjuden jüdische Juden erstehen. Weite zionistische Kreise sind sich bis jetzt der Pflichten eines sich zum Zionismus bekennenden Juden noch nicht bewußt geworden, sonst dürfte die intensive Beschäftigung mit dem jüdischer: Schrifttum, dem Nationalschatze des jüdischen Volkes, und die Errichtung und eiftigste Förderung von hebräischen Sprachvereinen nicht mehr in den Kinderschuhen stecken. Der gebildete Mensch sucht aus dem Nibelungenliede den Jdealtypus des Deutschen, aus Homers, Epen den Jdealtypus des Griechen und aus Julius Casars, Odids und Tacitus' rc. Schriften den Jdealtypus des Römers zu erfassen; daß aber der ge-, bildete Zionist sich in Bibel und Talmud vertieft, um den Jdealjuden zum bewußten Begriff und zur lebenden Persönlichkeit in sich werden zu lassen, dazu mag er sich noch nicht verstehen, weil er in Wirklichkeit trotz seines Zionismus bisher nur den Rock, aber noch nicht das Hemd des Assimilationsjuden ausgezogen hat. Auch sollte ein Zionist, der den Nationalfeiertag des Passah nicht ausschließlich bei ungesäuertem Brote und den Nationalfeiertag des Suckosfestes nicht in der Laubhütte und mit dem Palmenzweige aus dem heiligen Lande in der Hand begeht, undenkbar sein, und er ist leider trotzdem unter den neologen Zionisten noch die allgemeine Regel. Jeder Zionist — sei er religiös oder unreligiös — muß sich dessen bewußt sein, daß — wie unser Theodor Herzl s. A. es ausgesprochen hat — der Zionismus die Rückkehr zum Judentume vor der Rückkehr ins Judenland bedeutet; das sagt, daß der zionistische Kampf in erster Linie ein Kampf um die jüdische Weltanschauung ist. Glücklicherweise ist das Judentum keine Konfession im landläufigen Sinne, sondern eine ethische, soziale und nationale Gesetzgebung, und es liegt deshalb selbst für den Unreligiösesten kein Grund vor, sich von diesem Judentume fern zu halten. Beiläufig wollen wir auch in Erinnerung bringen, daß Herzl selbst die Mitglieder des Misrachi als die zuverlässigsten Zionisten angesehen hat. G^jv Gedanke» zirm Misrachistentag. Von einen: gcsetzestreuen Juden. (Schluß.) An das tatkräftige und zielbewußte Wirken des großen „Misrachi" für die Wiederbelebung des Judentums knüpfen wir auch die uns allen teurste Hoffnung auf die Rettung und ErhaltungunsererJugendfürdasJudentum. Wir alte kennen die betrübende und unheilvolle Entfremdung unserer Jugend von den Heiligtümern unseres Volkes. Wir übertreibeu nicht, wenn wir behaupten, daß der größere Teil der jüngeren Generation nicht mehr unser ist. Wie oft können wir die traurige Erfahrung machen, daß selbst in streng religiösen Familien die Söhne und Töchter in Gesinnung und Lebensführung dein Judentum den Rücken kehrten. Die Assimilation hat die Jugend fast ganz zu sich hinübergezoge», sie raubt uns die besten unserer Söhne, die Bürgschaft unserer Zukunft. Selbst diejenigen, die vor ihr noch bewahrt blieben, stehen täglich und stündlich in Gefahr, ihrer Herrschaft zu verfallen. Und was noch schmerzlicher ist, das ist der Umstand, daß die frommen Väter selber die Handlangerdienste leisten müssen zum Abfall ihrer Kinder. Auch der frömmste Vater wird heute bestrebt sein, seinen Söhnen eine allgemeine Bildung zu teil werden lassen, sie alles das lehren, was in der heutigen nichtjüdischen Gesellschaft unter den bestehenden von den der früheren Zeiten verschiedenen Lebensbedingungen nötig erscheint, mit Hintansetzung der jüdischen Wissenschaft, der Tauro. Uird das verursacht ihren Fall. Der fremde Geist, den sie in sich ausgenommen, zersetzt alles, was uns heilig ist — und fein jüdisches Wissen ist da, das sie in ihrem inneren Kampf für das Judentum noch retten könnte. Wer, dessen Herz noch warm für sein Volk und das Gottesgesetz schlägt, wird nicht die große Pflicht fühlen, die auf ihm lastet und gebieterisch fordert, daß er mittue und mitwirke, um Mittel und Wege zu finden, auf welchen die Herzen der Jugend wieder für die alten, heiligen Ideale unseres Volkes zurückzugewinuen seien? Welcher gute Jude würde nicht alles dafür geben, die Verirrte» wieder in unser Lager zu bringeu und die Gefährdete» darin behalte» zu dürfen? Die Erfahrung, die unsere russischen Brüder gemacht haben, lehrt bereits, daß unter allen Mitteln, die angewandt wurden, die Jugend für das Judentum zu erhalten und zu begeistern, nur der Zionis - m n s das allein wirksame ist. Er allein besitzt, vermöge seines hohen und erhabenen, den einzelnen aus dem beschränkte» egoistische» Gesichtskreis heraushebenden idealen Gehalts die Wunderkrast, der Jugend gegen die Assimilation, als eine ekelhafte Feigheit, als ein Verbrechen gegen das jüdische Volk, die gebührende Verachtung einzujlößen und ihr die heiße Liebe für das jüdische Volk, die helle Begeisterung für seine Heiligtümer und die brennende Sehnsucht nach dem Lande unserer Väter zu entfachen. Dieses Mittel hat den unvergleichlich hohen Vorzug, auch als Selbstzweck eine große ethische Wahrheit und das einzig wirksame soziale Hilfswerk zu sein. Der Misrachistentag wird nun sicherlich nicht versäumen, als eine seiner vornehmsten Aufgaben anzusehen, die frischen Kräfte, die im Zionismus pulsiere», in den Dienst dieser großen Sache zu stellen. Der organisierte allgemeine große „Misrachi" wird auch sicherlich — das erwarten wir mit Recht von ihm — wie schon der russische „Misrachi" mit Erfolg begonnen, die Taurokenntnis fördern und verbreiten. Er wird dafür Sorge tragen, daß unsere Fronunen nicht bloß fromm durch Erbauungsbücher, sondern gesetzestreu durch Gesetzesk e u u t n i s werden. Die Verfassung, in welcher die Frommen in den westlichen Ländern, besonders in Deutschland und seit letzter Zeit auch in Ungarn sich befinden, ist wahrhaft beschämend. Die prangende Aeußerlichkeit, mit welcher die Frömmigkeit in tyegenden, wo dieselbe modern geworden ist, auftritt, wird den genauen Beobachter nicht täuschen, um, die grobe Unkenntnis der Tauro nicht zu sehen, J>ie hinter jener Aeußerlichkeit sich verbirgt. Die Gesetzestreuen sind einer Regenerierung bedürftig durch "mehr Thorakenntnis, damit aus unwissenden Nachbetern wissende und überzeugungstüchtige Jehudim werden. Den in Pozsony (Preßburg) sich Versammelnden wird eine große Mission aufgetragen. Der vom Organisationskomitee des „Misrachi" erlassene, die Ziele des Misrachi und die Notwendigkeit, wie die Heilsamkeit seiner Organisation klar und überzeugend aussprechende Aufruf wird sicherlich die besten und eifrigsten der Gesetzestreuen, besonders aber unsere Rabbiner zur Mitwirkung angespornt haben. Besonders unseren Rabbinern, die ihre wahre Aufgabe in der Sorge für die Gesamtheit, für Klal Jißroöl erkennen, liegt es ob, die Größe des Augenblicks zu würdigen und die großen Erwartungen, die man an den Misrachistentag mit Recht knüpft, vornehmlich durch t h r rechtes Verständnis und ihre frische Tatkraft, zu fördern. Schon berichteten diese geschätzte» Blätter, daß bereits zahlreiche Anmeldungen zur Teilnahme an dem Misrachistentag beinr Organisations- Bureau besonders von Rabbinern eingelanfen sind. An ihnen, die nun am Misrachistentag in Pozsony teilnehmen werden, an ihnen, die als wahre, opfer-