Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 25 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 25 des Frankfurter Israelitischen FaMeublattes. Poesie der Bibel. Der itt dem letzten Viertel des 1l. Jahrhunderts lebende bedeutende jüdische Dichter und Lenker Mose ibn Esra aus Granada hat ein in arabischer Sprache verfaßtes Werk mit dem Titel Kitab Sohar Alriaz (Buch der Blumen des Gartens) hinterlassen, in welchem er sich viel mit der Frage beschäftigt, ob die Juden eine eigene Poesie besitzen. Er geht bei dieser Betrachtung von der Voraussetzung aus, daß die heilige Schrift neben ihrer gesetzlichen und ethischen Grundbedeutung auch einen hohen poetischen Wert aufweist. Die Sprache zahlreicher Stelle» weist eine eigenartige Metrik auf und verleiht den Worten einen unwiderstehlichen Reiz und vollendeten Schwung. Wenn der Geist Gottes den Propheten erfüllt, erhebt sich seine Sprache in die höchsten Regionen menschlicher Ausdruckssähigkeit und seine Weisheitsworte dringen zu dem Hörer in dem Wohllaute erhabenster Wortgestaltung. Seit dieser frühesten Zeit der Erkenntnis des poetischen Wertes vieler Bibelstücke hat man es sich vielfach zur Aufgabe gemacht, besonders in nicht jüdischen Kreisen, nachdrücklichst auf diese Nebencigenschaft der Bibel hinzuweisen. Ja man hat es für angebracht erachtet, manchen Stücken der Bibel nur dom poetischen Standpunkte aus gerecht zu Iverden und die tiefgründige in ihnen verborgene Gotteswahrheit negiert. Die zahllosen Uebertragungen, besonders der Psalnren, in welchen sich von altersher die Jünger Apolls versucht haben, lassen diese Art der Auffassung zur Genüge erkennen. Begnadetere Geister haben freilich den Unwert solcher Uebertragungen erkannt. So spricht besonders Geliert von der nnnachahmlächen Sprache der Bibel, von ihrer göttlichen Hoheit und entzückenden Einfalt. In diesen Tagen ist nun von jüdischer Seite der Versuch gemacht worden, anss neue eine zusainmengefaßte Uebertragung der biblischen Poesie zu schassen, um Freunde für die Bibel zu werben. Die vorliegenden 3 Bände von A M. Klausn e r' s „D iePoesieder Bibel" enthalten Teile des Pentateuch und der Propheten, sowie vollständig die Psalmen, Mischle, Jjob, Schir Haschirim, Ruth, Koheleth und Esther. Es kann sich bei diesem Buche naturgemäß nur um möglichst nahekommende Wiedergabe der poetischen Schönheit des Bibelwortes handeln, ohne tieferes Erfassen des Sinnes. Nach dieser Voraussetzung muß .man zahlreichen Partien des Werkes Anerkennung zollen, besonders denjenigen, die in metrischer Prosa dem Texttvorte nahezukommen suchen. Auch eine größere Zahl der übrigen gereimten Stücke läßt das Original durchschimmern. Im allgemeinen ist aber die Behandlung eine recht freie und weniger Vers zwang wäre unbedingt von Vorteil gewesen. Es drängt sich auch hierbei der Gedanke aus, der dem Betrachter fast aller unserer vorliegenden Uebertragungen hebräi scher Dichtungen unwillkürlich kommen muß. bald dem Uebersetzer einige Stücke unter dem ganzen ungeteilten Eindrücke des Originals glücklich gelungen scheinen, nimmt er die übrigen in Angrisf, ohne so vollständig unter dem Banne der von der Vorlar ausströmenden genialen dichterischen Kraft zu stehen, als es unbedingte Notwendigkeit und Ehrenpflicht ist Bei Uebertragung unserer heiligen Bücher sollte sich der Dichter aber auf keinen Fall mit Versuchen genügen lassen, umsomehr, wenn er, wie der Verfasser der „Poesie der Bibel" die Absicht hat, weitere Kreise auf unseren Nationalschatz hinzulenkcn. Wie unfertig sind z. B. folgende Verse, die sich beliebig vermehren lassen: Jesaja, Kapitel 1. .... In meines Heiligtumes Wänden Steht ihr gedrängt — wer hat's verlangt? Glaubt ihr, baß mir nach euren Spenden, Nach eurem Räucherwerk mir bangt? Ein Abscheu ist es mir, ein Gräuel! S(m Neumond und am Sabbattag Kommt ihr zusamnien. — Mir ein Scheuet (!) Ist, daß man sündigend beten mag . . . Vielfach sind die höchstpoetischen Stellen des Ori ginals direkt ignoriert, so sind z. B. in Schir hascht rim eine ganze Anzahl Verse weggefallen. Bei den tiicken aus dem Pentateuch fehlen vollständig die Scgensworte Bileams, deren poetischer Wert schon an Ort und Stelle mit den Worten „Wajisso m s ch o - au" (er Hub seine Spruch rede an) gekennzeichnet ist. Wir gedenken in den nächsten Nummern unseres Blattes einige Stücke aus Klausner's Buche zum Abdruck zu bringen. An der Hand des Textes wird dann ein jeder bestätigt finden, daß unsere Sprache zu arm ist, den Reichtum der biblischen Poesie ihrem Werte entsprechend zu erschöpfen, die dichterische Einkleidung aber nie und nimmer als der integrierende Bestandteil selbst dieser poetischen Stellen der Heiligen Schrift zu begreifen ist, vielmehr wahres Leben nur aus ihrem tiefen, gehaltvollen Erkenntnisquelle strömt. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Uebersetzter Auszug eines hebräischen Brieses, den ich dieser Tage an Se. Ehrwürden, Herrn Rabbiner Silberstein-Waitzcn gerichtet habe: Es werden 5 oder b Jahre her sein, da besuchte ich, einer Einladung Folge leistend, eine hier in Frankfurt abgehaltene Sitzung der Zionisten. Ich hatte dort Gelegenheit, meine Meinung über die zionistische Bewegung öfsentlich auszusprechen, und gebe ich hier inanches davon mit Zufügungen wieder. Unsere gesetzestreuen Glaubensgenossen fürchten ich, einer Bewegung beizutreten, deren Hanptleiter sich nicht um die Beobachtung des jüdischen Gesetzes k ii m m e r n und es sich genügen lassen, jiir die Hochhaltung der jüdischen Nationalität zu treiten. Müssen wir gcsetzestrenen Juden uns des halb fern halten? — Unsere bedrückten Brüder im Osten erwarten von dieser Bewegung Rettung und Hülse; und wenn auch diese Rettung und Hülse nicht sofort geleistet werden kann, so ist doch d i e Hoff n n n g , daß die Ziele sich erfüllen werden, ein Lichtstrahl, der in das trostlose Dunkel ihrer sozialen Lage hineinleuchtet. Dürfen wir — so frage ich — diesen Strahl in seiner Ge bnrt ersticken? — Aber können wir etwas Gutes von jenen Männern erwarten, welche Juden als Juden — als Nat^ .al-Jnden — zu helfen versprechen und selbst in ihrem Lebenswandel so weit von dem jüdischen Wege abweichen? Fragen wir lieber, wie kommen ein Herzl und ein Nordau dazu, sich Zionisten, Befreier des jüdi scheu Elends zu neunen; — sie leben nicht einmal jüdisch? Wir nehmen an, daß sie deshalb Zionisten geworden sind, weil ihre antisemitische Umgebung sie ausgestoßen hat. Ist das ein Grund gegen die zionistische Bewegung, oder muß man nicht gerade darin die Macht Gottes erkennen, welche sprach Fürwahr, mit mächtiger Hand werde ich über euch zu herrschen wissen!" Stellet euch Herzl und Nordan vor als Baalci Teschuwo, — jene Männer, die nie eine Synagoge besucht haben, werden nun plötzlich die jüdischen Lehr und Gebetshäuser besuchen mit Tallis und Tefillin be kleidet; würdet ihr wirklich in solchen Männern Baalei Teschuwo erkennen öder würdet ihr nicht vielmehr glauben, sie seien wahnsinnig geworden oder wollen die Heuchler spielen? Kennzeichnet sich ihre Rückkehr zum Judentume nicht darin, daß sie mit ihren jüdischen Brüdern fühlen, daß sie nicht eine Assimilation mit Nicht suden wünschen, und daß sie sich bei ihrer Beteiligung an der Judenheit eine Mizwoh wählten, von der es in „Sifrä zu Deuteronomium XII, 2:)" heißt: Tie Mizwoh, Erez Jisroel wieder bewohnbar zu machen, überwiegt alle übrigen Gebote. Der Baal Teschnwc, dem es aber mit dieser Mizwoh ernst ist, wird von diesem Gedanken aus all mählich zur Jnachtnehinung der ganzen jüdischen heiligen Lehre gelangen; denn ein solcher Baal De schuwo Wird doch am er sten überzeugt werden daß ein jüdischer Staat nur dann ein jüdischer Staat genannt werden kann, wenn in ihm die Wahrnehmung des jüdischen Gesetzes zur Geltung gelangt. Sind in der jüdischen Geschichte solche Fälle von Rückkehr unbekannt? Seht, der ganze jüdische Staat war in König Achas Zeit seiner Religion entzogen llnsere Weisen erzählen, dieser König wollte, daß seine Unterthanen sich nicht mehr als Gottcsdien bekennen; er schloß in seinem ganzen Reiche die Synagogen und Lehrhäuser, und schaffte die jü bischen Gebräuche ab. Selbst als Wissenschaft unter sagte er den Unterricht in der jüdischen Lehre. War es anzunehmen, daß dort jemals wieder jüdisches Leben würde aufblühcn können, wo ein ganzes jüdisches Geschlecht von Gott und seinen Lehren ent fremdet worden war? Und der Nachfolger von Achas war sein Sohn, der fromme Chiskia, der in jeder Hinsicht ein gesetzestreuer Jude gewesen ist und von dessen Regierung es heißt: Von Dan bi» Beer- Seba hat es keinen jüdisch Ungebildeten mehr gegeben. Von Gabatia bis Antipatris gab es kein Kind mehr, welches der Reinheitsgesetze unkundig war. (Sanhedrin 94b.) Und die Prophezeiung, daß es einmal so kommen wird, in dem folgenden Texte gedeutet, hat >ich bewährt: Dort geht, so sagt der Prophet Jesaja zu Achas, eine „Almo", d. h. ein Mädchen, welche unter und durch Deine Regierung nie etwas von Judentum und Judenheit gesehen oder gehört — sie wird einmal empfangen und gebühre» — und ohne jüdisches Bewilßtjein - wird sie das Kind Emanuel „Gott mit uns" nennen. — Ihr Frommen vertraut auf Gott! ruft König David den frominen Glanbcnsbrüdern zu. Bedürfen auch Fromme diese Mahnung? Ja doch, eben die Frommen sollen nicht meinen, daß sie allein die Religion gepachtet haben und nach ihrem Verscheide» die Frömmigkeit aufhört. — Jede jüdische Seele stand am Sinai Gebirge und in jeder jüdischen Seele leuchtet ein Funke des Gottesbewußtseins. In den Männern, welche die Väter des Zionismus sind, offenbart sich dieser Funke in glühender Leuchte in der Hülfebietnng, die sie den bedrückten und elenden Glaubensbrüdern zu Teil werden lassen. Und Sie wollen dieser Bewegung entgegentreten. Ist dieses fromm, ist dieses jüdisch? — Lipman Philip Prins. (Fortsetzung folgt.) Personalien. Frankfurt a. M. Am Montag verschied Frau I o l> a n na G o l d s ch m i d t ge b. Mainz, die Tochter von Rabbi M v s e s M a i n z f. A. Der tiefen, innigen Frömmigkeit, die diesen Großen in Israel zierte, als lreue Tochter gleichznkommen, war ihr nnermüdliches, ständiges Bestreben während ihres segensreichen Lebens gewesen. In echt jüdischem Sinne übte sie Wohltätigkeit. Die Armen waren stets ihre Hansgciiossen, sie sorgte unermüdlich wie eine Mutter für sie, sie war ihnen Beraterin in allen Lebenslagen. Ihren echt jüdische» Charakierzug der Wohltätigkeit bewies sie auch in der Gründung eines Vereins, dessen Aufgabe es ist, auf Schabbos und Jontof den Armen Naturalien, wie Fleisch, Mehl usw. zu verabreichen, damit dieselben besonders an diesen Tagen keinen Mangel leiden. Welche Verehrung die Verstorbene in den weitesten Kreisen genoß, davon legte das imposante Gefolge, welches sie auf dem Wege zu ihrer letzten Ruhestätte begleitete, ein beredtes Zeugnis ab. Berlin, 27. Juni. Am Donnerstag vollendet der Hauptkafsierer der jüdischen Gemeinde, Herr I. Rosenberger, das 2."». Jahr seiner Tätigkeit bei dieser Behörde. Berlin. Am lö. ds. starb hier im 54. Lebensjahre D r. j u r. I s i d o r C o s m a n n, der Redakteur der Deutschen Bersicherungsp.esse. Der Verblichene hatte stets für jüdische Angelegenheiten ein lebhaftes Interesse bekundet; so gründete er lti'JO in Amsterdam, wo er lange Jahre wohnte, die israelitische Begräbnisvereinigung. Hanibnrg. Herr L. Levyund Frau, geb. Samson, begingen anl Sonntag das Fest des 60jährigen E h e j u b i l ä u m s. Der Jubilar steht im 80. Lebensjahre, während die Gattin bereits das 92. Lebensjahr erreicht hat. Die Eheleute, die sich noch geistiger Frische und körperlicher Rüstigkeit erfreuen, blicken aus ein arbeitsreiches Leben zurück und beschließen jetzt in wohlverdienter Ruhe ihren Lebensabend im Samuel Levy-Ttift in der Bundesstraße. Die Verwandten, Nachbarn und Freunde bereiteten dem Jubelpaar herzliche Ovationen. Herr Oberrabbiner M. Hirsch überreichte mit einer herzlichen Ansprache im Aufträge des Senats die Ehejubiläums- Medaille. Die Verwaltung des Stiftes ließ eine schöne Bluineiispende überreichen. Wien. Herr Dr. Theodor Herzl, der bekannte Führer der Zionisten, ist. wie wir zu unserem Bedauern hören, nicht unbedenklich erkrankt. Ans der Lehrerwett. Krems tNieder-Oesterreich). Herr Rabbiner 0r. D. W e i ß begebt am 3. Juli seinen 80. Geburtstag. Wegen Raummangel erscheint der Schluß von .Die Bariwzwoh-Feier und ihre Vorbereitung" in nächster Nummer. Israelitischer Mädchenklub Fakrtame MC. Jeden Abend toh 71/*—10 Uhr geöffnet. Verein Montefiore, Seifecstrasse 22 pt Verein»-Loyalitäten geöffnet täglich von 12—3 und 6—11 Uhr. Samstag und Sonntag den ganzen Tag.