Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 23 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692358-2692381--00946-2695402- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Beilage zu Nr. 23 des Frankfurter Israelitischen FammeMattes. Ans bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution. Von R. Wie der Märzstnrm durch die Lüste saust, zerstört und niederrcißt, Bäume cutwurzelt und Dächer abdeckt, wie aber von ihm bereits ein Odem neuen Lebens ausgeht; so wurden auch in der Zeit der französischen Revolution und des ihr folgenden großen Corsen in den westeuropäischen Ländern Fürsienthrone gestürzt, Staatsgesctze annulliert, mit Jahrhunderte alten Anschauungen und Litten ausgeräumt, das Unterste zu Oberst und das Oberste zu Unterst gekehrt, so wuchs aber auch ans den Ruinen des Gestürzten eine neue Laat empor, eine Laat, in der der Keim lag zu einer neuen Periode in der Menschheitsgeschichte.- Auch an den dunklen Judcngassen ging die Revolution nicht spurlos vorüber; ja, man kann sagen, sie schüttelte auch hier Alles recht tüchtig durcheinander. Nur ein Bewußtsein hatte bis dahin in der Judengassc gelebt, das Bewußtsein, Jude zu sein; nur einen Stolz, nur eine Ehre, nur ein Ziel hatte man hier bis dahin gekannt: die heilige Lehre, ihre Kenntnis und ihre Betätigung. J-reilich hatte es auch hier stets Meyschcn gegeben, die nicht nach dem Gesetze lebten. Na, solche Menschen gicbt es überall, und wie überall, so waren sie anch hier nicht geehrt und > nicht geachtet, denn nur die treue Gcsetzeserfültnng galt als Maßstab des persönlichen Wertes. Mit der französischen Revolution war es nun anders geworden. Die Ghettomauern öffneten sich und cs drang fremdes Denken und Fühlen in die Reihen der in den schwersten Zeiten treu als Juden Ausgeharrten ein. Unmerklich und allniählich vollzog sich der Wandel. Selbst in den Lehrhäusern, wo die Talmudschüler zu Füßen ihres Rabbi saßen, war unbewußt und unbeabsichtigt der Geist nicht mehr, der frühere. Folge mir, lieber Leser, in die Lehranstalt des hochgelehrten Rabbi David .... Es ist eine mährische Landstadt mit einförmigen Häusern und arm an öffentlichen Gebäuden, in der Rabbi David einen großen Kreis Talmudjünger um sich versammelt hatte. Trotzdem dürstest Du Dich vergebens abmühen, wenn Du »ach einem imposanten Gebäude als dem Lchrhause suchen würdest. Ich weiß es: Du denkst sicher au ein dreistöckiges Haus mit einer Menge von Gängen, Lchulsälen, Aula, mit Direktor- und Lchuldieuerwohnnng. Doch nichts von dem Llllen! Das Lehrhans ist mir die ganze schlichte Wohnung des Rabbi, deren Hauptzierde ei» mit Folianten vollgcpropfter, ungeheurer Bücherschrank ist. Aber sicher stehen dem Rabbi eine Reihe von Lehrern zur Leite! — Auch da irrst du dich. Wie es nur einen Gott gibt, so gibt es für die Schüler nur einen Lehrer, den Rabbi. Und wenn du mich fragst: Wie hoch belaufen sich der Ltaatsgehalt und die Kollegiengelder, die dem Rabbi jeder seiner zahlreichen Zuhörer zu entrichten hat? so antworte ich dir: Monatlich vier Wochen: das beteutet in der jüdischen Volkssprache so viel als: 4! ichts. Der Rabbi unterrichtet um Gottes Lachen willen: fein schönster Lohn ist, daß seine Schule recht zahlreich besucht ist, denn je mehr Schüler er hat, desto höher steigt der Ruf seiner Gelehrsamkeit. Jede größere Gemeinde besitzt eine solche Schule, hebräisch I e s ch i w a genannt; keine zu besitze», wirst entweder ein schlechtes Licht auf den Rabbi, daß seine Kenntnisse nicht so weit ansreichen, um eine Schaar wißbegieriger Jünger an sich locken zu können, oder auf die Gemeinde, daß nämlich kein Talmudjünger sich durch Freitische oder Erteilung von Privatstunden dort erhalten kann. Wenden wir uns nun zu den Jüngern! — Diese, „Bachurim" genannt, sind zuweilen Löhne reicher Eltern, welche einige Jahre an der Schule zubringen und sich dann dem Geschäftslebcn widmen, größtenteils sind sie aber Kinder armer Eltern, die sich dem Rabbinat weihen und ihr Dasein an der Schule teils durch Nachhilfestunden mit minder vorgerückten Jüngern, teils durch Privatstunden oder Lreitische fristen. In der Unterrichtsweise, die an der Schule üblich ist, haben wir uns keinen trockenen Bortrag zu denken, bei welchem die tiefste Stille herrscht und sich recht gemütlich einschlasen läßt: sondern eine fortwährende Unterhaltung des Rabbi mit den Jüngern über den Lehrstoff, wobei jeder Zuhörer Stimmrecht hat und den Rabbi ganz offen eines Irrtums überweisen darf. Zuweilen erheben auch mehrere ans einmal ihre Stimme, wobei sich der Rabbi in die Notwend,gleit versetzt sieht, sein Recht als Vorsitzender zu gebrauchen und zur Ordnung zu rufen. (Fortsetzung folgt.» Der Fasttag. Bild von I. L. P e r e z. Aus dem Hebräischen von I. M. 2 a l k i n d. Nacht! Sarah sitzt am Lämpchen und jlickt ein zerrissenes Hemd. Aber die Arbeit geht nicht gut von statten. Schon zwei Tage, daß sie nichts gegessen hat, und die Finger sind schwach und entkräftet. In einem Bette aus einem Strohsack schlafen vier Kinder, zwei auf jeder Seite. Einige alte Kleider bedecken die niagereu ausgehungerte» Leibercheu. Von Beit zu Zeit erwacht ein Kind, erhebt das Köpfchen und ruft mit schwacher kläglicher Stimme: „Mama, Essen!" „Wartet ein wenig, Kinderchen," tröstet Sarah, „Papa kommt gleich und bringt etwas zum 'Abendbrot. Ich werde Euch alle aufweckeu." ■ „Und Mittag?" fragen die Kinder weinend, „mir haben doch 'auch noch keinen Mittag gehabt." „Miltag auch, meine Täubchen." Aber sie glaubt selbst nicht daran. Ihre Augen spähen nach allen Seiten, ob sie nicht noch etwas zum Versetzen finden könnte .... Aber vergebens . . . Leere, feuchte vier Wände! Ein halb eingefallener Ofen! Zwei Betten ohne jedes Bettzeug! Ans dem Kamin stehen ein paar zerbrochene Töpfe, aus dem Ofen eine alte verbogene Chanukah - Lampe ans Blech und in der Zimmerdecke steckt nur noch ein Nagel zum Andenken an eine Sabbatlampe. Nichts! Gar nichts mehr! . . . Es dauerte lange bis die Kinder recht eingcichlafen waren. Beklommenen Herzens und mitleidvoll schaut Sarah auf sie — die armen Würmer. Plötzlich erwacht sie wie von einem Traume und wendet ihre Blicke der Türe zu. Sie hörte Schritte. Schwere Schritte aus der Treppe, die in die Kellerwohnung führt und das Geklapper von zwei Blechcimern, die im schmalen Gang abwechselnd an den Wänden stoßen. Ein Hoffnungsstrahl beleuchtet ihr mattes krankes Gesicht. Mit einem Rucke springt sie von ihrem Sessel auf und eilt auf die Türe zu, die sich bald öffnet. „Nun?" fragt ^arah leise Er stellt die Eimer hin, seufzt schwer und antwortet noch leiser: „Nichts, Sarah, gar nichts! Niemand wollte zahlen. Morgen, sagen sie . . . Alke sagen Morgen . . llebermorgen . . . Rosch-Ehodesch . . ." „Aber die arme» Kinderchen haben noch nichts im Mund gehabt. Noch gut, daß sie schlafen . . . meine armen Kinderchen .\ . Die Worte ersticken ihr in der Kehle und sie beginnt leise zu weinen. „Sarah, wozu das Weinen?" fragt er zerknirscht. „Ach, Mendel, Mendel ... die Kinder sind so hungrig!" Sie versucht die Tränen zu unterdrücken. „lind was wird das Ende sein? Mit jedem Tage wird es schlimmer und schlimmer." „Schlimmer? Nein, Sarah! Das darfst Tu nicht sagen! Voriges Jahr war es noch viel schlimmer. Weder Brot, noch Wohnung. Am Tage irrten die Kinder auf den Straßen und des Nachts schliefen sie in den Höfen . . . .Heute schlafen sic, gottlob, auf einem Strohsack und unter einem Dach!" Sarah bekommt immer stärkere Weinkrümpfc. Sie erinnert sich, wie ihr damals ein Kind umgekoiumcn war. Es erkältete sich, wurde heiser und starb bald darauf. „Gestorben wie im Wald. Es war unmöglich, es zu retten. Das arme Würmchen ist wie eine Kerze ausgegangcn." Mendel tröstet sie. „Höre doch auf zu weinen, Sarah, ich bitte Dich. Sündige nicht vor Gott!" „Ach, wann wird er sich unser schon erbarmen?" „Erbarme Dich doch Deiner selbst! Sieh, wie Du aussiehst! Es werden bald zehn Jahre, daß wir uns geheiratet haben. Schau Dein Gesicht! Weh ist mir! Du warst doch die schönste in der ganzen Stadt!" „Und Du? Tu erinnerst Tich doch. Du hießest Mendel Gibbor. Und jetzt bist Du krank und ganz gebrochen, wie ein zerknickter Strohhalm." „Oh, Gott!" entreißt sich ein verzweifelter Schrei ihrer Brust. - Die Kinder erwachen und rufen: „Mama, wir wollen essen, Brot!" „Was? Essen? Heute darf man ja nicht essen," antwortet Mendel plötzlich. Die Kinder setzen sich erschrocken aus. „Heute ist ein Fasttag," erklärt weiter Mendel mit finsterer ernster Miene. Es dauerte einige Minuten, bis die Kinder verstanden, was der Vater ihnen sagte. „Was für ein Fasttag?" fragen sie weinend. Und Mendel erzählt mit zu Boden niedergeschlagenen Augen, daß heute beim Morgengebet während des Leienens die Thora vom Pult hcruntergefallen sei und der Rabbiner infolgedessen einen allgemeinen Fasttag für die ganze Gemeinde festgesetzt habe, von dem nicht einmal Säuglinge ausgeschlossen werden dürfen. Die Kinder schiveigeu und er fährt fort: „ES ist ein Fasttag wie Jom-Kippur, wie Tijchoh- Beab: er beginnt schon mit dem Abend." Die- Kinder springen schnell ans dem Bette und beginnen in ihren zerrissenen Heindchen und barfuß auf dem kalten Boden zu tanzen. „Heute ist ein Fasttag! Wir wollen anch fasten!" rufen sie in kindlicher Freude über das neue unverstandene Ding. Mendel tritt vor Sarah, damit die Kinder nicht bemerken, wie sie uiinnterbrocheii und immer heftiger weint. „Nun, genug, Kinder, genug!" befiehlt Mendel, „an einem Fasttag darf man nicht tanzen. So Gott will, simchaß-Thora." Die Kinder kehren zurück in's Bett — und der Hunger ist vergessen! Das jüngste Töchtcrchen beginnt zu singen „Orinn-Melech", „Aus'm hohen Berg." Mendel spürt einen Frost alle' seine Glieder durchlaufen. „Singen darf man auch nicht," bemerkt er mit erstickter Stimme. Die Kinder werden still und schlafen bald ein, müde vom Hunger. Tanzen und Singen. 'Rur das eine bleibt noch wach. Es ist der älteste Knabe. „Papa, wann werde ich Bar-Mizwoh?" fragt er nachdenkcud. „Noch sehr lange bis dahin, Chaim'l, noch ganze vier Jahre." „Wirst Du mir dann ein paar Tephillin kaufen, Papachen?" „Na, gewiß!" „Und auch ein Tephillin - Säckchen?" „Wahrscheinlich anch das." „Und eine Tephillah auch? eine ganz kleine mit goldnem Schnitt, was?" „So Gott will, mein Sohn. Bete, Chaim'l, jeden Tag ernst und inbrünstig." „Dann werde ich alle Taanejsim fasten, nicht wahr, Papachen?" „Ja, mein Kind alle." Mendel bleibt erschüttert und ohnmächtig stehen. Er erhebt seine Augen gegen den .Hinimcl und fügt leise hinzu: „Ribbouno-schel-Olom, alle — nur nicht solche wie heute!" Die Leserin. Bild von I. L. P e r e;. Ans dem Hebräischen von I. M. S a l k i n d. Freitag abends. _ In j3em engen Zimmerchen ist schrecklich schwül, sieben Seelen schlafen darin. Der alte Wasserträger hatte heute nichts, weder Fleisch, noch Fische, weder SchnapS noch Barches. Er machte Kiddusch über ein Stück Brot. Er hatte zwar ein paar Groschen, aber dafür mußte man Kerzen zum Lichtbensche» kaufen. Nicht einmal ei» frisches Hemd konnte er heute „zu Ehren Labbats" anziehen. Das einzige „Sabbatvergnügen", das ihm geblieben, war — für die ganze Woche einmal ordentlich schlafen und sich ausruhen. Das gleiche „Vergnügen des Sabbats" hat auch seine Frau. Die ganze Woche rennt sie in den nahen Dörfern herum, wo sie Lumpen, Knochen und Eier aufkauft. Diese Woche ging sie auf die Reise ohne jedes Geld. Sic glaubte, aus dem Lande bei ihren Bekannten Kredit zu haben. Sie wurde aber in ihrer Hoffnung enttäuscht und kehrte vor Abend in die Stadt zurück ohne Ware, hungrig und totmüde. Kaum hatte sie Licht gebenscht, warf sie sich aus das Bett nieder und schlief ein .... Gewöhnlich schläft der Wasserträger mit den drei Knaben zusaininen und die Frau i»it den zwei Mädchen. Heute sind sie beide früh cingeschlasen, und da die Kinder sie von ihrem Schlaf nicht stören wollte», legten sie sich auf den nackten Boden und schnarchten jetzt aus aller Kraft. Bon den Benschlichtern flackert noch eine Kerze und von der ganzen Familie wacht noch eine Person — die älteste Tochter. Die zerzausten Haare sind rot, das Elejicht — gelb: das Resultat einer ungenügenden Kartoffelnahrung. Aber in den Augen lodert es, die eingefallene Brust hebt und senkt sich stürmisch und die mageren, dürren Hände zittern . . . Sie liest am Scheine des ausgehende» Lichtes einen Schomer'schen*» Roman. Sie ist aufgeregt und ihre Lippen zittern vor Ungeduld. Sie fürchtet, daß nicht das Licht erlösche, bevor sie das Ende des abenteuerlichen Helden erfahren habe. *j Ein populärer übernatürlich produktiver jargonischer Romancier in Amerika.