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Neue jüdische Presse · 1904-05-06 · Heft 17 (6.5.1904) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 17 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 17 des Frankfurter Israelitischen Familienblaltes. Die Memoiren der Glücke! von Hameln, einer Ahnfrau von Heinrich Hei n e. Die vorletzte Kummer dieses Blattes enthielt unter dem Titel „eine Ahnfrau von H. Heine" eine kurze Notiz über einen jüngst in Kopenhagen gehaltenen Vortrag. Es ist zn wünschen, daß der betreffende Redner dem Gegenstände desselben „den Memoiren der Glücket von Hameln" und ihrer Verfasserin in anderer Weise gerecht geworden ist, als jene Skizze es erkennen läßt. Denn die Bedeutung dieser Frau beruht wohl am allerwenigsten auf denk Umstande, daß sie die Stammmutter berühmter Dichter ist, sodaß man mit diesen Reklame für sie machen müßte — sie selbst bietet uns genug des Rühmenswerten. Und noch mehr, eine Frau, wie Glücke! von Hameln es gewesen, hat uns in ihren Denkwürdigkeiten mehr geboten, wie einen Familien- und Geschäftsbericht mit bilderreichen Parabeln durchwebt. Wohl hatte sie die einfache, bescheidene Frau niemals daran gedacht, der Allgemeinheit ihre Aufzeichnungen zu hinterlassen, nur dem engen Kreise ihrer Familie sollten sie bestimmt sein. Und lange mögen sie in deren Schoße geborgen ein Buch der Belehrung und Erbauung _ gebildet haben, bis die wxnigen noch vorhandenen handschriftlichen Kopien ihren Eingang in die Handschriften-Sammlniigen fanden. Erst Mitte der neunziger Jahre wurden sie von hier aus der Allgemeinheit übergeben, indem der so früh Heimgegangene Professor Dr. David Kaufmann, Budapest, sie zur Drucklegung bearbeitete und damit der Oesfentlichkcit ein Werk zugänglich machte, welches Zeugnis ablegt von dem regen Geistesleben der deutschen Juden in einer Zeit, da das deutsche Volk noch geistig und physisch unter den Nachwirkungen des dreißigjährigen Krieges litt. Geboren 1645 zu Hamburg als die Tochter eines der angesehensten dortigen Juden, Löb Pinkerle's, nahm Glücket schon in frühester Jugend in dieser .Metropole des iiiterilationalen Verkehrs die verschiedenartigsten Eindrücke in sich auf. Eigene Volksgeschichte und Wcltpolitik, jüdisches Familienleben und Geschäftsverkehr alles prägte sich ihrem scharf beobachtenden Auge ein. Kaum 13 Jahre alt, sehen wir sie als Gattin Chajini Hamelns in das Haus einer der ersten jüdischen Familien Deutschlands in Hameln einziehen. Es würde zu weit führen, wollten wir hier ihren gaitzen Lebenslveg genau zeichnen. Nur erwähnen wollen wir noch, daß wir sie einige Jahre später wieder in Hamburg finden, wo sie bald, noch eine Frau in den besten Jahren, den heißgeliebten Gatten in ein besseres Leben eingehen sehen mußte und mit zwölf unerwachsenen Kindern verlassen dastand. Wer Gott stählte die schwache Frau und gab ihr Kraft und Ausdauer, ihre Familie durch alle Fährnis hindurchzuführen und durch die Heiraten ihrer Kinder in Verbindung mit den besten jüdischen Familien zu treten. Wie sie schon bei Lebzeiten ihres Mannes ihm auch in geschäftlicher Hinsicht unermüdlich als treue Ratgeberin zur Seite gestanden, so sehen wir sie jetzt selbständig ihr umfangreiches Geschäft betreiben und die größten umständlichsten Reisen unternehmen. Und unser Herz schlägt wärmer, wenn wir aus ihren Schilderungen die altjüdische Gastfreundschaft und das jüdische Solidaritätsgefühl entnehmen, dem sie überall begegnet. Aber trotz diesem Unistande bot das Reisen in jener Zeit recht große Schwierigkeiten, die Parnoßo war auch damals etwas, was große Anstrengung und regste Tätigkeit verlangte. Wir möchte» unsere modernen Superklugen hierauf grade Hinweise», die da wähnen, in unserer Zeit sei der Geschäftsbetrieb schwieriger als jemals besonders siir gesetzestreue Juden. Jedoch, aus der Schilderung Glückels erkennen >vir es unzweifhast, litt man damals viel weniger darunter wie heute und aus leicht erklärbaren Umständen. Während bei uns der Materialismus jede geistige Regung zu überwuchern droht, war damals der Geschäftsbetrieb, wie sehr er auch in Anspruch nahm, doch nicht Selbstzweck. Der freie Blick für die jüdische Lebensaufgabe blieb stets gewahrt, wie wir es in allen Lebenslagen bei unserer Heldin sehen. Elf Fahre haltsie so ihrer Familie vorgestanden und während dieser Zeit fast ihre sämtlichen Kinder verb-ftatct, als sie sich auf deren Drängen entschloß, ihren Plan sich im heiligen Lande niederzulassen, aufzugeben und die Gattin des reichen angesehenen Metzer Banquiers und Gemeindevorstehers, Cerf (Hirz) Lcvy's zu werden. Doch diese neue Heirat brachte ihr nicht das gewünschte Glück, ihres neuen Gatten Geschäft brach zusammen und riß sie, die gehofft hatte, nunmehr aller materiellen Sorgen ledig zu sein, mit in die Not. Im Hause ihrer Kinder sehen wir sie 7 t Jahre alt ihren Lebensabend beschließen. Es war kurz nach dem Tode des heißgeliebten Mannes Chajim Hameln, da in schlaflosen, schmerzbewegten Nächten sie znr Bewältigung ihrer melancholischen Stimmung zuin ersten Male zur Feder griff, um für ihre Kinder ihre Lebensgeschichte und die darin gesammelten Erfahrungen nicderznschreiben. Und cs tvar iviederum der Tod des zweiten Gatten, der sie die 7 Bücher ihrer Memoiren sortführen und beendigen ließ. Wenn wir einer großen jüdischen Frau den Ehrennamen „Eni bejisroel" beilegen, so ist Glücket von Hameln nicht die letzte, der er gebührt. Zeigt sie sich uns doch in ihren Aufzeichnungen als auf den höchsten Zinnen jüdischer Lebensauffassung stehend: beseelt vom Vertrauen aus den .Höchsten sehen wir sie, die die Licht- und Schattenseiten des Lebens dnrchgekostet, stets geraden gottessürchtigen Sinnes ihren Lebenspfad wandeln. Getreu der Aufgabe jüdischer Frauen findet sie ihr höchstes, ihr einziges Glück in ihrem Familienleben, als Wächterin des Hauses als Gattin und Mutter! All' dies trübte aber ihren Blick nicht sür die Vorgänge der Außenwelt, überall setzte ihr scharf beobachtendes Auge ein und befähigte sie, in ihren Memoiren ein kulturhistorisches Werk ersten Ranges;u schaffen. In die Geschichte vieler Gemeinden Deutschlands und des Auslands, wie überhaupt in das gesamte jüdische Gemeindcleben jener Zeit, gewähren sie uns Einblick und auch auf die allgemeine deutsche Geschichte fallen ihre Streiflichter. Eine Ethik reinster Art giebt sich uns in ihren Atorallehren kund und wie die Stimme der mahnenden, sorgenden Mutter klingen ihre Wort an unser Ohr. Und dann die Fülle von jüdischem Wissen, gepaart mit allgemeiner Bildung, wie wir es bei ihr vorsinden. lleberall begegnen wir Citaten aus der heiligen Schrift und der rabbinischen Literatur, die sie mit einer Geläufigkeit in ihre Aufzeichnungen einflechtet, die ihre Vertrautheit mit diesem Stoffauf das deutlichste erkennen lassen. Die Sprache der Memoiren ist ein Deutsch, welches, wie Prof. Kaufmann in seinen einführende» Worten bemerkt, in seiner dialektischen Färbung den Hamburger Ursprung verrät, vollständig verwebt mit hebräischen Worten, Sätzen und Citaten. Wir könnten noch Spalten über dieses Werk schreiben, es lvürde dies jedoch den Rahmen dieser Ausführunge», die nur eine Berichtigung sein sollten, überschreiten; vielleicht bietet sich später noch Gelegenheit, in diesem Blatte auf einzelne Teile des Buches zurückzukommc». Darauf Hinweisen möchte» wir nur noch, daß im vergangenen Winter der hiesige Verein zur Pflege jüdischen Wissens „Tiferes Bachurim" sich zwei Wende mit unseren Memoiren beschäftigte und daß der Eindruck, den dieselben auf die damals Anwesenden machte, ein tiefer und dauernder war. „Alles was Gott geschaffen, hat er nur geschaffen zu seiner großen Ehre", es ist der Erkenntnissatz, mit dem Glücket von Hameln ihr: Menioiren einleitet, dem entsprechend sie ihr Leven erfaßt und geführt und dem sie auch Treue gehalten weit darüber hinaus, indem sie uns in ihren Memoiren ein Denkblatt gespendet „zu seiner Ehre." Aus aller Wett. Deutschland. Hamburg. Der Israelitische Unterstützung s v e r e i n für Obdachlose stand seit längerer Zeit mit der H a in b n r g - A m e r i k a - L i»i e darüber in Verhandlungen, ob sich nicht eine rituelle Berpslegung der Auswanderer ermöglichen läßt. Die höheren Organe der Gesellschaft standen von Anfang an diesem Bestreben mit großem Wohlwollen gegenüber und jetzt ist es gelungen, die nötigen Einrichtungen, in Gemäßheit der von dem Herrn Oberrabbiner Hirsch gestellte» Anforderungen zu treffen: bereits seit März d. I. sind auf allen nach Nordamerika führenden Schiffen genannter Eiesellschaft besondere Küchen mit besondere m Geschirr eingerichtet. Personalien. Budapest. Ein jüdischer General. In der österreichisch-ungarischen Armee ist kürzlich ein Jude zum General ernannt morden. Es ist dies der aus Gyöngyös gebürtige Ritter EdnardvonSchlveitz e r,der bisher als Oberst der Infanterie in Raab (Ungarn) stationiert war. Ritter von Schweitzer ist der erste jüdische General in der Armee Oesterreich- Ungarns. Vakanzen. Al ü n st e r m a i f e l d (Rheinprovinz). T" Lehrer und Borbeter, eventuell auch S^ 1. September. Gehalt 300 ,lk Meldung fauchet bis stand. -<-n an den Bor- A l t e n a i. W e st f. Leh>' düngen an den Vorstand. . -ct Borbetcr. Mel- I AnS dem Geschiistsleben. » Herr Albert «chönhals, der langjährige erste Damenfriseur der Firma A. Steglehner, hat im Hause der Gebr. de Givrgi, gegenüber von Gebr. Robinsohn, ein Damenn n d H e r r e n - Frise u r g e s ch ä f t eröffnet. Dasselbe ist auf das Gediegendste mit den neuesten und besten Apparaten der Branche eingerichtet und darf deshalb aufs wärmste empfohlen werden. ffiumriurieT MvmfUfiye Berenngimg. Dienstag, den 10. Mai, im Restaurant Kursaai Mtlant, Seiler,trage 34, abends 8-/. Uhr präzise- M i t glied er Versammlung, l) Bericht über die Kar^ruher Konferenz der süddeutschen Zionisten 3) Wahlen zum Hamburger Delegiertentag. Barmizwohs. (Ohne redaktionelle Verantwortlichkeit. Wir bitten um gefl. Mitteilung der Barniizwohsdie Aufnahme geschieht kostenlos.) Samstag, den 7. Mai, Barmizwoh des Sally Michel, Sohn des Herrn Max Michel, Langestr. 61, und des Leopold Heilbronn, Sohn des Herrn Max Heilbronn, Rotlintstraße 40. in der Genieinde-Synagoge der Israel. Religionsgesellschaft (Schabenstraße). Wochen-Kalender. Samstag, den 7. Mai. Wochenabschnitt: Ueliar ösebulcausoi. Sabbath-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 40 Min., Berlin 8 Uhr 29 Min., Straßburg 8 Uhr 35 Min. Omer 38. Sonntag Abend: Omer 39. Montag Abend: Omer 40. Dienstag Abend: Omer-41. Mittwoch Abend: Omer 42. Donnerstag Abend: Omer 43. Luna-Sect-Perle bestes alkoholfreies Erfrischungs-Getränk, lleberall erhälttfeh. Preis pro Flasche 20 Pfennig excl.- Bei Bezug für den Hausbedarf durch die Verkaufsstellen 15 Pfg. excl. L. W. Wagner & Co.» Frankfurt a. M. Telephon 6899.

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