Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 16 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Vellage zn Nr. 16 des Frankfurter Jsmelitischyi FamiliMattes. SO Pfennig für die Monate Mai und Juni. kostet ein Abonnement rms das Frankfurter Israel. Familienblatt. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes nehmen Bestellungen entgegen. Mit der nächsten Nummer beginnt eine spannende Erzählung: —Ungleiche Bahnen von Jacob Levy. Der Kelch der Thränen. (Nach dem russischen Jargon-Original). v Mutter! ach wie soll verstehen Jene alte Mär' Dein Sohn, Daß hoch in des Himmels Höhen, Ein Becher stehet vor Gottes Thron. Trifft uns Kummer, Schmerz und Leiden, Bricht das Herz vor Sorg' und Pein, Aus Gottes Augen Zähren gleiten, Strömen in den Kelch hinein. Wird einstmals der Becher werden, Thränerfüllet bis zum Rand, Endet unser Leid auf Erden, Wird Moschiach rins gesandt. — Und die Mutter, tieferschüttert, Höret stumni die Frage an, An das Herze, schmerzdurchzittert. Zieht den Knaben sie heran. Kann es auch ihm nicht erklären, Und sie hält ihn fest umfangen. Und von. ihren heißen Zähren Feuchten sich ihm Stirn und Wangen. In Gedanken tief versunken Hat der Knabe nachgedacht, Plötzlich aber, schlummertrunken. Wie vom Schlafe aufgewacht Spricht er: Ach wie soll ich's deuten, Daß der Becher nie sich füllt, Ob bei unseren bangen Leiden Die Gottesthrün' auch ewig quillt? Kann der Kelch nie überfließen? Ist wohl unbegrenzt sein Raum? Ob sich die Thränen zur Erde ergießen? Oder versiegen — eiltronncn kaum? Aus aller Welt. Deutschland. Angermünde. 21. April. Nachdem die hiesige S y n a g o g e n g e m e i n d e auf deni Wege des Vcrwciltnngsstreitverfahrens die Aufhebung des Verbots der rituellen 3 ch ä ch t u n g im städtischen Schlachthause nicht hat erlangen können, hat sic am -8. Oktober 1903 beschlossen, ein eige n e s S chlach th a u s zu errichten, und bittet die städtischen Behörden, dein Gemeindebeschluß von 1903, der die Einführung des Schlachtzwanges in Angeriniinde anordnet, folgenden Ansatz zn geben: Das Verbot der Benutzung anderer als der in dein städtischen Schlachthause befindlichen Schlachtstätten findet keine Anwendung ans das von der Synagogen-Gemeinde Angeriniinde im hiesigen Gemeindebezirk errichtende Schlachthaus. Der Magistrat hat von der Petition Kenntnis, aber keine Veranlassung genoinnien, eine Aenderung des betreffenden GemeiudebeschlusseS vorzunehinen, da lein Bedürfnis zur Errichtung des Schlachthauses vor- . liege. Die Versammlung schloß sich einstimmig der Ansicht des Magistrats an. Oesterreich-Ungar«. Lemberg. Eine furchtbare Brandkatastrophe. Um Mitternacht brach in der Stadt Buczacz eine Feuersbrunst aus, die 200 Häuser einäscherte. 3000 Personen sind obdachlos. Zwei sollen verbrannt sein. — Buczacz ist eine «tadt in Galizien, an der Strypa und der Staatsbahnlinie Stanislau—Husiatyn, ist Sitz einer Bezirkshauptmannschast und eines Bezirksgerichts, hat ein schönes Rathaus, Schloßruinen, ein Obergymnasium, ein Basilianerklöster, Essig- und Pottascheerzeugung, Gerberei, bedeutenden Handel »nd etwa 12 000 Einwohner (darunter 7296 Juden). England. London. Die Bilanz der Jüdischen Kolonialbank pro 31. Dezember stellt sich wie solgt: Passiva: Aktienkapital Lstrt. 247 037.—.— Reservefonds „ 4140.1"». 9 Trattenkonto „ 1617. 8. I Kreditoren „ 37 189.—. 8 Roch nicht behobene Dividenden „ 4 339. 9.10 ltzewinn- und' Verlustkonto „ 2 563. 8. 8 Lstrl. 296 8*7. 3.— 'Aktiva: Kasse Lstrl. 4-'»9t. 7. * Wechsel und Devisen „ 155 426.19. 7 Debitoren „ 71 937. 5. 8 Mobiliar „ -",60.—.— Stempel auf Inh. - Eertisicate „ 888.19. 6 Effekten „ 63 397.18. 9 Filialeii-Grüiidnngs-Konto „ 84.11.10 Lstrl. 296 887. 3,— London. Die Judenverfolgung in Limerick, dem „irischen Kischinew" dauert u » g e s ch w ä ch t fort. Bis jetzt hat sie sich auf einen strikten Boykott und Beschimpfung der Juden, die sich aus der Straße sehen lassen, beschränkt. Die Stinimuiig der Bevölkerung ist aber derartig, daß ein e r » st e r A ii f r n h r für u n v e r m e i d l i ch gilt, falls die Juden nicht weiche». Letzten Samstag war die Straße, in der die jüdischen Familien — einige 160 Köpfe — wohnen, militärisch besetzt, da ein A n g r i f s ans ihre Häuser voran s g e s c h e n w u r d e. Der Priester, Pater C r c a g h, der den Boykott inszeniert hat, ist der Direktor der „Brüderschaft des heiligen Erlösers", der in Limerick 5000 Männer und 1000 Knaben angehören, und hat in der Stadt ' enormen Einfluß. Er erklärt offen, er werde nicht ruhen, bis er die Juden aus Limerick ausgetriebeu habe, „nicht wegen ihrer Religion, sondern weil sie durch ihre geschästlicheu Methoden, ihr Kreditgeben »nd ihr Abzahlungssystem die Bevölkerung demoralisierten und ruinierten." Die englischen Juden sammeln für ihre verfolgten Glaubensgenossen und setzen alle Hebel in Bewegung, um die Entfernung des Paters Creagh aus Limerick zu erlangen. Sie haben in dem Herzog von Norfolk, dem ersten katholischen Pair Englands, einen wertvollen Bundesgenossen gewonnen, und auch Cardinal Logue, der Erzbischof von Armagh, soll ihnen seine Hilfe zugesagt haben. Amerika. - Newhork, 25 April. Das Unterhaus nahm die Resolution an, Rußland auszufordern, Israeliten mit amerikanischen Pässen keine Schwierigkeiten zu bereiten. Die Presse erwartet bestimmt Rußlands Nachgebcn. Personalien. Frankfurt a. M. lieber den vor wenigen Wochen verstorbenen Rabbi C h a j i m M e y c r H o r o - w i tz tragen wir noch nach, daß er ein Abkömmling der berühmten Familie Horowitz in Warschau war. Seine Großmutter Perl. Mirl Horowitz ist im Warschauer MagistratSgebände wegen ihrer selten großen Wohltätigkeit durch eine Gedenktafel verewigt. Breslau. Zur siebzigsten Geburtstagsfeier des Rentiers Eduard Sa ch s gratulierte für die hiesige Synagogengcmeiudc Stadtrat Pringsheim namens des Vorstandes und Bankdirektor Lyon »ameuS der Repräscnkantenversammlung. Für den Franenverciu brachte Stadtrat Markt dem Geburtstagskinde eine Adresse, und die Glückwünsche des Schwestern Heims sprach Landgerichtsrat Wollstein aus. Die israelitische Krankenverpslegungsanstalr ließ ihrem ersten Vorsitzenden durch Reedereidirektor Mugdan die Urkunde über die ihm verliehene 'Elsreumitglicdschaft der Anstalt auShändigen. Görlitz. Hier starb im 78. Lebensjahre Frau Kommerzienrat Henriette Ephraim. Elbing. Das Mitglied des Repräsentanten- Kollegium der jüdischen Gemeinde, Herr Joseph Goldberg, ist nach langem Leiden gestorben. Koblenz. Justizrat Seligmann ist der Königliche Kronenorden III. Klasse verliehen worden. Berlin. Dr. phil. et med. Hugo Liepmann. Privatdozent der Psychiatrie an der Universität Berlin und Arzt an der städtischen Irrenanstalt in Dalldorf, ist zum Professor ernannt worden. — Herrn Jnstizrat Jacobson, hier, wurde der Kronenorden UI. Klaffe verliehen. Ans der Lehrerwett. Königsberg. 25 jähriges Amtsjubiläum. . Herr Oberkantor Birnbaum feiert am 1. Mai er. sein 25 jähriges Jubiläum als Oberkantor. Mül-eim (Ruhr). An Stelle des in den Ruhestand getretenen jüdischen Lehrers Herrn Oppenheimer wurde Herr Lehrer Kaiser angestellt und dem System am Dickswall überwiesen. Herr Kaiser wird den jüdische» Religionsunterricht für die die Volksschule besuchenden israelitischen Kinder, ebenso den jüdischen Religionsunterricht an den höheren Lehranstalten erteilen, sonst aber an den Schulen vertretungsweise verwandt werden, wo durch Krankheit oder andere Ursachen Mangel an Lehrkräften ist. Ans den Vereinen. Hamburg. In einer stark besuchten Versammlung des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sprach Dienstag, den Ul. d. M., abends, Herr D r. Caesar Seeligmann aus Frankfurt über das Thema: „D e r W i l l e z n m I u d e n t u m." Der Redner begann mit der Betonung des Deutschtums: Alles in uns ist deutsch, unser Denken und Fühlen, unser Streben und Handeln: deutscher Kultur verdanken wir unser» Wert, deutsche Elemente sind die Hanptsaktoren der modernen Erziehung und Bildung der Juden. Deutsch sind wir in einem 'Maße, wie wir selbst nicht ahnen. Selbst diejenigen, welche dem theoretischen Zionismus huldigen, haben eine deutsche Seele. Noch vor 100 Jahren lebten unsere Väter in den ärmlichen Verhältnissen des Ghettos unter dem Druck mystischkabbalistischer Borstell niigen. Wodurch die vlötzliche Umwandlung'? Durch die Besruchtnng mit deutscher Kultur. Wenn man uns auch einen Mangel a» deutschem Empfinden vorwirst, wollen wir deshalb ein vor 2000 Jahren in Trümmer gesunkenes Reich wieder anfrichten? Unser Wille znm Dciitschtum ist nicht in Gefahr: wenn die andern nur die errichteten gesellschaftlichen Schranken fallen lassen wollen, so stürzen wir freudig in die uns geöffneten Arme der Liebe! 'Aber neben der d e u t > ch e n Seele wohnt eine j ü k> i s ch e in uns: diese ist in Gefahr. Der jüdische Glauben soll uns erfüllen. Das Judeiilnm macht uns zu dem, was wir find. Wir sind die Lehrmeister aller Kiilturnarioiicii. Bevor ein Hellas und ein Rom war, gab es ein jüdisches Gesetz. Was hat Vas Judentum erhalten? Der Wille zum Judentum: er war es, der eine Anpassung unserer Glaubenslehren in allen Zeiten und Länder» veranlaßt hat. Viele biblische itzesetze sind außer Kraft gesetzt, weil die Verhülinisse sich geändert haben! Ein großer jüdischer Lehrer gestartete eine nationalistische Bibelaussassuiig, Moses Mendelsohn tat den Ausspruch: Das Jndentüm kennt keine Dogmen und Glaubenslehre», es ist keine geoffenbarte Religion, sondern eine geosienbarke Gesetzgebung. Der Wille zum Judentum ist ver neutrale Boden, aus Vem sich alle Juden ziisainmenfinden könne»: der Wille zum Jiidcntiim ist und erklärt alles. — Das schöne Wort vom „Willen zum Jndentnin" kehrte unzählige Male wieder, ohne daß damit etwas Greifbares gesagt war. llnscr Wissen dürste wenig gefördert sein durch die philosophische Erkennriiis, daß die Erhaltung des Judentnins dem Willen zuni Judeiitui» zu verdanken sei. Woher kommr denn der Wille? Das Ende der Predigt vom „Willen znm Judeiitnm" war, daß trotz lauten Beiialls manch' einer unwillig war. Mit pastoraler Geschicklichkeit vermied der Redner die Erwähnung der Existenz eines jüdischen Volkes, das doch schließlich an dem vielgenannten Wiliensalle nicht ganz unbeteiligt ist. Ja, er ging soweit, ein klassisches Citar bewußt zu verändern, indem er begeistert ansries: ,)Nichtswürdig ist die — G cmei ii schuft, die nicht ihr Alles setzt au ihre Ehre." lind seltsam klang deshalb aus dem Munde dieses deutschen Maiines das heilige Wort: „Wenn ich Dein vergesse, Jerusalem, dann verdorre meine Rechte!"*» Dann trat der Berliner Rechtsanwalt D r. H o r v i tz auf und setzte, wie gewöhnlich, die Ziele des Z en t r a l v c r e i n s auseinäiider. Er erstellte die Hamburger durch einige Liebenswürdigkeiten, meinte, daß hier zn Lande die Taufen selten seien, was jedoch kundige Mitglieder der Tempclgemeinde durch Zwischenrufe berichtigten. Dann meinte er. Wir glauben uns einer Kritik dieser Phrasendrescherei enthalten zu dürfen. Aiim. d. Reduit.