Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 8 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Sprechsaal.*) (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.,! Zn den Ihnen s. Zt. eingesandten Betrachtungen über die Makkabäer-Feier der hiesigen zionistischen Bereinigung äußerte sich ein Herr I. F. in Nr. 1 Ihres werten Blattes. Ich hätte nun darauf Verzichtet, ans 'die Aeußcrungen des betreffenden Herrn einzugehen, denn seine Behauptungen tragen ihre Unrichtigkeit zu klar in sich selbst, als daß sie der Widerlegung bedurften. Aber Herr I. F. spielt sich als ein gründlicher Kenner unserer Thauroh hakedauschoh auf, und macht dabei solche Schnitzer, daß sehr begründete Zweifel an seinem Bekius in mir aufgetaucht sind, denen ich mit folgenden Zeilen Ausdruck verleihe. »Wie Sie dazu gekommen sind, die Parschas Haasinu für sich sprechen zu lassen, ist mir nicht recht klar. Sie scheinen nicht zu wissen, daß P. H. die verhüllteste Stelle in der Thauroh ist, usw." Wie Herr I. F. dazu, gekommen ist, mir Parschas Haasinu streitig zu machen, und sie als die v e r h ü l l t e st e Stelle in der Thauroh zu bezeichnen^ ist m i r nicht recht klar. Er 'scheint nicht zu wissen, batz .es in unserer Thauroh von ihr selbst heißt: Lau Niftear hi mimcho, sie ist uns nicht verhüllt und liegt uns nicht fern, hi korauf eiecho Hadowor. sondern seHrnuhe liegt dir das Wort usw. (Dewormt Kap. 30, li). Er scheint ferner nicht zu wissen, daß es in Bezug auf Haasinu heißt: Weato Eiswu lochem es haschiro hasaus welamdoh es bene jisroel simo befihem lemaan thije li haschiro hasaus leed. biwne jisroel (daselbst Kap. 31, 19). Und nun schreibt euch diesen Gesang nieder und l e h r e ihn Israels Söhnen, l ege ihn in ihren Mund, und zwar zu dem einzigen Zwecke, damit d i e > e r G e s a n g m i r z u m Zeugen wider Fsrael's Söhne werde. Daß ein Wschnitt unserer Thorah, der der ganz besonderen Berücksichtigung empfohlen wird, und als Zeugnis für den Bestand eines ganze» Lölkes» einschließlich der M i n d e r b e g a b t e n ausgestellt wird, nicht der Verhüllteste sein kann, ist Jedem sonnenklar, nur wie es scheint, dem Herrn I. F. nicht. ' Nun scheint dieser Herr aber nicht einmal bemerkt zu haben, daß ich weiter nichts von der Schiroh angeführt habe, als den geraden Pschat, die schuö tfochim schebejad Mausche, die gerade tt.lt« deutelbare Uebersetzung, die keine Sandahs, kesne Geheimnisse aufdecken will, sondern sich darauf beschränkt, den ursprünglichen Sinn-und Zweck wiederzugeben. Ich sage Zweck. Denn hätte der Einsender die Einleitung Schiroh (Kap. 31) nachgelesen, dann hätte er erfahren, daß 'der Zweck derselben folgender ist. „So wird es geschehen, wenn es dann viele drängende Leiden tresien, so wird dieser Gesang vor ihm . als Zeuge aussagen; denn vergessen wird er nicht werden von feiner Kinder Mund usw., versammelt zu mir her alle Aeltesteu eurer Stämme und eure Amtleute, vor ihren Ohren will ich diese Worte sprechen, und will Himmel und Erde zu Zeugen wider sie bestellen: Denn ich weiß es, nach meinem Tode werdet ihr sehr in Verderbnis geraten, werdet von dem Wege den ich euch geboten hiabe, abweicheu und es trifft euch das Unglück am Ende der Tage, wenn ihr, was in Gottes Aug?n schlecht ist, übet, ihn durch eure Handlungen zu erzürnen. Und Mosche sprach vor den Ohren der ganzen Versammlung Israels die Worte dieses Gesanges bis zum Ende (folgt Schiras Haasinu)." Wahrlich, deutlicher konnte der Zweck und Inhalt der Schiraa Haasinu von Gott selbst und von Mosche nicht präzisiert werden. — Allerdings dem Herrn I. F. wird es dunkel vor den Augen, wenn er die furchtbaren Strafprophezeihungen liest, die uns, wie die Schiroh sagt, „am Ende der Tage" treffen werden, und leider getrossen haben, buch, stäblich. getroffen haben, bis in die jüngsten Tage hinein, und vernimmtweouauchi Imster ‘ astir ponai bajanin hahu al kol horo ascher oso, daß Gott sich von seinem Volke, wegen all des Frevels, das. es begangen, abgewandt habe, und daß alle zionistischen Kongresse und Danken und Nationalsonds nicht dazu im stände sind, das Antlitz Gottes uns wieder zuzüwenden, sondern, daß'dies nur Tschuwoh bewirken kann. Und — Parschas Haasinu wird ihm die verhüllteste Stelle der Thauroh! i Ich kann dem Herrn und seinen Gesinnungsgenossen die Lektüre Und das Studium der Kapitel 31 und 32 in Deworim nur. sehr empfehlen, vielleicht lernen, sie ihre Bestimmung und ihre Pflichten hieraus etwas besser kennen. . Ich gebe dem Herrn I. F. zurück: Hätte e r mit mehr Verständnis die Thauroh gelesen, dann hätte er den Zionismus mit anderen Augen betrachtet. Nach «chema I. F. kann ich die Thauroh nicht *) Wegen Raummangel' konnten wir diesem Eingesandt erst verspätet Aufnahme gewähren. Auf das. jüngste Eingesandt des Herrn P. A. liegt uns bereits eine Erwiderung vor, die in unserer nächsten Nummer erscheint. Mt dieser Erwiderung schließen wir die Diskussion. Amn. d. - Redaktion. einen, das begreift man auch aus dem Folgenden: Der Herr bekrittelt meine llebersetzung, die Betonung im letzten Verse sei falsch, und er wünscht noch 2 weitere Verse (die letzteren standen im Manuskript und sind zu meinem eigenen Bedauern weggelassen worden). Dem Manne kann geholfen werden. Ich rekapituliere kurz den Inhalt der Schiroh: »Gott erwählte sich das Volk Israel, Hob es auf Wlersflügeln und hütete es wie seines Auges Apfel. Aber Jeschurun ward feist und schlug aus und verließ Gott, seinen Hort, da verbarg Gott sein Angesicht vor ihm, um zu sehen, was sein Ende sei. Alle Leiden und Nöte, Krankheiten und Bedrängnisse läßt Gott über es kommen. Einer der Fremden verfolgt Tausende von Israel und z.w e i schlagen Zehntausende in die Flucht, weil Gott sie preisgegeben. „Aber bei Gott liegt's verbrieft und besiegelt: Mein ist das Rächeramt und die Vergeltung; zur bestimmten Zeit wankt ihr (der Völker) Fuß, denn nahe ist der Tag ihres Sturzes und herbei eilr ihnen die ' Zukunft. Tenn Gott richtet sein Volk erst dann und erbarmt sich feiner Knechte, wenn er sieht, daß ihnen jede Macht gej'chwunden und fort ist,, was man bewahrt und verläßt." Ich folgte bei meiner Uebersetzung 'keinem Geringeren als Samson Raphael Hirsch |. A. Hirsch erläutert den Vers kurz folgendermaßen: »Darum, Jodin. haschem amau, wird Gott über die Behandlung, die „fein Volk" in der Mitte der Völker gefunden, zu Gericht setzen, weal awodow jisnechom, und zeigt sich in geändertem Ratschluß über „seine Diener" ki jire usw. sobald er sieht, daß sein Volk und seine Diener alles eingebüßt und nichts Beachtungswertes und nichts Geringes mehr haben, woraus ihm eine Stütze und eine Zukunft erwachsen könnte." lSiehe auch Sifri z. Stelle.) Und nun die 2 weiteren Verse: „Die ihr Mahlopfer sollten essen, trinken ihren Gußwein (ö. h. Israels bisherige Götter, auf die es sich verließ, als es Gott verließ-, laßt sie doch aufstehen und euch Helsen, daß euch Beschützuug werde! — Sehet nun, daß Ich Jr^bin und kein Gott neben mir; Ichtöteund Ich belebe. Ich habe verwundet. Ich heile «nieder. Meiner Hand entreißt man nichts! 1 — Jeder Kommentar hierzu, würde die Macht dieser Worte beeinträchtigen, wie jener Herr dieselben gegen mich gebrauchen will, ist mir ein Rätsel. Desgleichen das folgende: Er führt als Beweis für die erlaubte Selbsthilfe im 6olus, Masse Krias Jam suf an. .und bekundet sich damit, als Am hoorez in der höchsten Potenz. Wo ein direkter Befehl Gottes vorliegt, etwas zn unternehmen, wie es bei sämtlichen Masoaus der Fall war. und speziell auch bei Kriaa Jam Suf. sowie überhaupt bei milchomaus chauwo, da ist selbstredend Zaudern eine Sünde und Handeln erlaubt und geboten. Aber schaue sich der Herr doch einmal den Vorgang des eigentlichen jezias mizrajim an Da waren die hen8 Jisroel während der Stunden in denen sie zur Freiheit hinauszogen, direkt zur Untätigkeit verpflichtet. Ihr Gottvertrauen hatten sie. n i ch t dadurch zn bezeugen, daß. sie -furchtkos auf ihre Feinde losstürzteu und sie niedermachten, oder furchtlos ihren Herren entflohen, sondern dadurch, daß sie sich nicht fürchteten Juden zu sein, daß sie das Blut des „egyptischen Gottes" an die äußeren Pfosten ihrer Häuser spritzten, und gegürtet und gerüstet zur Ab reise ruhig in ihren Häusern blieben, bis um Mitternacht Gott die Erstgeborenen erschlug und Pharao und seine Diener aufstanden, um Israel aus dem Lande zu treiben. — Wenn der Herr I. F. nur eine Stelle kennt, wo Gott sich das Volk Israel passiv verhalten läßt, so zeugt das eben von seiner bedeutenden Unwissenheit. Ich könnte ihm noch ziemlich viele solcher Stellen zeigen, die ledes eigenmächtige Handeln direkt verbieten, und ihm zeigen, daß ein llebertreten dieses Verbotes die unmittelbare Strafe der Uebertreter zur Folge gehabt hat. Er wolle nur einmal Deworim Kap. 1 Vers 41—45 Nachlesen. Auch schesches jomim taawaud weosiso kol me- Iachtecho ist ein Gottesgebot, möchte ich dem Herrn erwidern, wenn er mir vorwirft, ich greife „eigenmächtig" ein, wo es meine Privatinteressen anbetreffe. Von Eigenmacht ist hier keine Spur, davor schützt mich Schmiras schabdos, die mich nicht sagen lägt: kauchi weaazem Jodi, wie die Zionisten. Wer der Herr I. F. soll mir seine Gottesbotschaft zeigen, soll mir zeigen, wo der „Bote" ist, der vor dem großen Tage kommt. P. A. Aus de« Vereinen. Frankfurt a. M. Der Zentral-Berein jüdischer Gemeinde-Mitglieder hielt am Sonntag seine Hauptversammlung; der Vorsitzende, Herr Hermann Schwab berichtete über die Tätigkeit und den Erfolg im abgelaufenen Geschäftsjahr; verschiedene Anträge wurden angenommen; nachdem man dem Vorstand Decharge erteilt hat, erfolgte die Neuwahl des Vorstandes; die Serien Alfred Geiger, Hermann Schwab, I. Earlebach. li Michael, wurdenwiederdie Herren Josef Mrsloch und Dr. I. Heinemann neugewiihlt. Berlin. Die seit längerer Zeit zu Tage tretenden Bestrebungen zur Erforschung der verborgene» Schätze der hebräischen Musik habe» seit einigen Tagen durch Begründung eines „Vereins zur Pflege hebräischer M u s i k" einen Sammelpunkt erhalten. Der Verein, der sich in jüngster Woche konstituiert hat und zunächst im Wesentlichen den Lharakter eines Chorgesangvereins tragen wird, har sich in erster Reihe zur Aufgabe gestellt, Kompositionen aus deni Bereiche der hebräischen Musikliteratur zur Aufführung zu bringen. Maßnahmen zur Förderung und Organisation inusikhistorischer Forschungen aus dem gleichen Gebiete sind für später in Aussicht genommen. it der musikalischen Leitung ist Herr Kapellmeister Albert ikellermann betraut worden. Tie Chorproben finde» allwöchentlich am Dienstag von 5—7 Uhr in der Aula des Sophien-Gymnasiums, Weinmeisterstraße, statt. Dortmund. Der vom Verein Israelitisches Altersheim ausgeschriebene Wettbewerb zur Erlangung eines Entwmss für daS Allersheim in Unna hat zur Einreichung von 13 Entwürfen geführt. Dieselben werden nach Erledigung der Tätigkeit der Preisrichter, hier öffentlich ausgestellt werden. Aus der Lehrerwett. Berlin, 17. Februar. Heute Vormittag fand in der Synagoge des Rabbinerseminars die feierliche Entlassung zweier Hörer statt, der Herren Edmund W c y l und Moses Auerbach. Unter passender Ansprache überreichte Herr Rektor Dr. Hoffman» den Entlassenen ihr Rabbinatsdiplom. Stuttgart. Eine Abordnung des Israelitischen Lehrervereins wurde gestern vom Kultusminister Dr. v. Weizsäcker behufs lleberreichung einer Petition in A u d i e n z empfangen. Infolge des rapiden Rückgangs der Seelenzahl israelitischer Landgemeinden stehen mehrere israelitische Bolksschulstellen vor der Auflösung, und mangels neuer Stellen droht den Lehrern der betreffenden Schulstellen im besten Mannesalter wenigstens vorübergehende Zuruhesetzung. Die Petition machte deshalb Vorschläge, wie durch anderweitige Organisation die betreffenden Lehrkräfte im heimischen Schuldienste Verwendung finden oder in den ausschließlichen israelitischen Kirchendienst als Vorsänger und Religionslehrer übernommen werden könnten. iAbänderung des Art. 53 des Jsraelitengesetzes vom Jahre 1823.) Der Mnister versprach, die vorgebrachten Wünsche in wohlwollende Erwägung zu ziehen. Stratzburg. Lehrer Karl Leopold ln Struth wurde mit der Verwaltung der Lehrerstelle an der israelitischen Elementarschule zu Hatten beaufttagt. 0. Königsberg i. Pr., 22. Febr. Als Nachfolger des Herrn Rabbiner Dr. Silberberg wurde in gestriger Sitzung Herr Dr. Liebermann, z. Zt. Rabbiner und Religionsschulleiter des Vereins Ohel Jizchok in Berlin zum Rabbiner und Schuldirigenten der hiesigen Adass Jissroiil gewählt. Prag. Rabbiner-Verband inBöbme». Ain 13. und 16. d. M. fand im Hotel Bristol die ordentliche Generalversammlung des Rabbiner-Verbandes in Böhmen statt. Ten Vorsitz führte der Obmann des Verbandes Rabbiner Tr. Kurrein (Teplitz). Gegenstand der Beratung bildete» Fragen auf dem Gebiete der Lithurgik und Pädagogik, u. a. sprach sich der Rabbiner-Verband gegen jegliche Veranstaltung von Musikansinhrungen in Lffnagogen aus. Vorträge. Ueber Frankfurter Inden undJndenfamilien sprach letzten Samstag Abend Herr Rechtsanwalt Dr. Dietz-Lejeune in dem großen Saale der Frankfurt. Loge. Wir entnehmen dem intereffantenBortraa. der ausführlich in Broschüren- Form erscheinen wird, folgendes: Um 1416 waren nachgewiesenermaßen nur drei jüdische Familien hier. Bon 1500 bis 1614 aber ist die Zahl der jüdischen Einwohner bis auf 2800 gestiegen, eine Zahl die unwahrscheinlich erscheint, jedoch aber als richttg bezeichnet werden dürste. — Die Judengasse bildete einen Bürgerstaat im Bürgerstaate, sie hatte ihre Bildungsanstalt in der Synagoge und als die Juden die Zuden- Sasse frei und ungehindert verlaffen durften, konnten e sich auch mit der übrigen Bürgerschaft zu nicht geringem Teil an Bildung und Besitz gleichstellen Bon den im Jahre 1850 hier lebenden Familien konnte eine ganze Anzahl ihre Zugehörigkeit 300 Jahre zu» rückdatieren, das heißt; ihre direkten Borfahren hatten .sich schon um 1550 und ftüher Hier niedergelaffen; von christlichen Familien können jetzt nur noch die Familie Lersner und Hvlzhausen ihre Zugehörigkeit zu Frankfurt soweit zurückdatieren, sodaß das eigentliche All-Frankfurt von jüdischen Familien repräsentiert wird.