Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1904-02-12 · Heft 6 (12.2.1904) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 6 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692358-2692364--00725-2695142
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Beilage zu Nr. 6 des Frankfurter Israelitischen FaMMattes. Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! Wenn ich Ihnen heute nochmals einige Blätter ans meiner Mappe zur freundlichen Aufnahme in Ihr geschätztes Blatt übersende, so geschieht cs in der Absicht, in erster Reihe meinen Standpunkt zum Zionismus zu präzisieren: 1. Jede Art der Selbsthilfe zur Wiedererlangung u.n serer nationalen Selbständigkeit ist verboten und daher mitdemStandpunkt destraditionellen Judentums nicht vereinbar. 2. Die Wiederherstellung des jüdischen Staates ist nur mit den entgegengesetzten Mitteln möglich, welche seinen Untergang herbeigcführt haben. 3. Eine gegenseitige Unterstützung der Juden im Exil ist gestattet, ja geboten. Zur Beweisführung dieser beiden Behauptungen gestattete ich mir mit einem Vergleiche zu beginnen. — Ein Sünder wird vom König zu LOjährigem Kerker verurteilt, es wird ihm jedoch versprochen, daß er durch gute Führung und Besserung seine Strafe abkürzen kann. 1ö Jahre sind bereits verflossen, ohne dag der Sünder sich sonderlich gebessert hätte, aber trotzdem sehnt er sich aus dem Kerker und erhofft tagtäglich seine Begnadigung. Sic kommt aber nicht und der Sünder wird ungeduldig. Sein täglicher Appell an seine Kerkerwächtcr nützt nichts. Was tut er?! — Als der Wärter eines Tages zu ihm in die Zelle tritt, stößt er ihn beiseite, flieht hinaus, gelangt ins Freie, und — — läuft den Häschern des Königs in die Nctze, die ihn mit Stößen nnd Pfüssen in ferne Zelle zurürkexpediercn. Tie Gnade des Königs hat er nun 'gänzlich verwirkt, er wird das Maß seiner Strafe bis zur letzten Neige leeren müssen. — Wäre der Sünder vernünftig gewesen, hätte er sich gebessert, hätte Gnadengesuche an de» König gesandt, dann wäre ihm seine Strafe verkürzt worden, durch seinen tollkühnen, wahnwitzigen Ausbruch hat er seine Sache nur verschlimmert. — Tic Nutzanwendung liegt ans der Hand. Tas jüdische Volk ist von Gott, dem König aller Könige, unter die Völker hinausgestoßen und dazu verurteilt wor-' den, dort die furchtbarsten Leiden zu erfahren. Unsere Thora und Newiim sind voll von Prophezeiyungen, daß wir unsere» Ungehorsam gegen.Gott mit den schrecklichsten Strafen büße» werden. Ich führe nur an: die zwei Tanchochaus, Ermahnnngsreden, in Bcchukausai (Leviticus 26> und Ki Towau (Deuteron. 28), ferner Schiras Haasinu (Deuteron. 32) (trotz Herrn I. F.), ferner die beiden Prophetenbücher Jesaias und Jeremias u. a. m. . Die göttliche Verurteilung des jüdischen Volke» bestreitet wohl niemand. — Nun sctznt sich das jüdische Volk begreiflicher Weise nach Freiheit. Seine Fehler wieder gut gemacht, seine Frevel gegen Gott gesühnt, sich gebessert hat cS allerdings ■ nicht, das bestreitet wiederum niemand. Sein täglicher Appell an seine Kerkermeister, die Völker, verhallt ungehört. Was tut es daher um'in die Freiheit zu gelangen?! — Es plant einen Fluchtversuch und benutzt den Augenblick, da der Kerkermeister die Zelle öfsnet zur .Ausführung desselben, allerdings mit demselben Erfolg,, wie oben der «ünder. Es wird wieder gepackt, und hat nun für seinen Ausbruch um so schlimmer zu büßen. Anstatt der Freiheit hat cs nur eine Verschärfung seiner Strafe herbeigeführt und die Gnade de» Königs verwirkt. Gott behüte uns hiervor, und Gott sei Tank gibt es noch immer mehr Besonnene im jüdischen Volke als Unbesonnene. Tenn die Flucht in die Freiheit, die die Zionisten planen und predigen, ist Unbesonnenheit, Tollkühnheit, W a h n w i tz. — Leider sind die meisten dieser Herren nicht geneigt, unsere Leiden als Strase Gottes 'anzusehen» leiten dieselben vielmehr von natürlichen Ursache» ab, etwa als Mißbrauch der Gewalt des Stärkeren gegen den Lchwächerep und dergl. Sie wissen eben nicht oder wollen nicht wissen, daß diese Leiden nicht aus sozialen Ursachen entstanden sind, sondern von Gott dcni jüdischen Volke als strafe diktiert sind, und daß ein Auslehnen gegen dieses Urteil einem Auslehnen gegen Gottes Gesetz, also einer «ft nde gleichkommt. Wie die Entstehung nnd der Bestand der jüdischen Nation ein unnatürlicher, wunderbarer war, so war auch sein Untergang und sein nachfolgendes Exillcben u n n atürlich und wunderbar, und so wird auch seine lieuloli blinder bezouieinu, seine Erlösung unnatürlich und wunderbar sein. — Das Einzige was wir zu unserer Erlösung beitragen können, ist Tschuwoh, Tesilloh und Zdokoh, Rückkehr zum.Gottesgesetz, Gebet und Mildtätigkeit. Wenn wir, wie jener «ünder hätte tun sollen, von dem wir oben sprachen, unseru Lebenswandel nach dem Willen des Königs aller Könige gestalten nnd dann noch Gnadengesuche an ihit sende» würden, >oir richteten weit mehr aus, ja wir wären daun vielleicht heute längst erlöst und wohnten glücklich in unserm Lande. Sicher war es ein Gnadengeschenk Gottes, als er die Getthis, hinter denen unsere Väter Jahrhunderte lang schmachten mußten, niederfallen ließ und unsere Gefangenschaft erleichterte; aber wie haben wir die uns gewährte Erleichterung mißbraucht. — Statt uns Gott dankbar zu erweisen, um so fester an ihm zu hangen, um so inniger zu ihm zu beten, das; er unsere Fesseln' ganz löse nnd uns. wie verheißen, in Freiheit zurückführe in unser Land; statt dessen vermeint ein Teil unseres Volkes, jetzt durch eigene Kraft das Ende des Exils herbeiführen zu können. Und dazu sollen wir die Hand bieren?! — Nein! —.Dazu sind wir unserer Pflicht zu sehr bewußt. Wir werden weiter bestrebt sein, uns Gott zu nähern, werde» weiter Gebete und Gnadengesuche zu ihm hinaufsenden, und wir hoffen zuversichtlich, daß er uns erhören werde. Wir legen keineswegs die Hände in den Schoß, wir tun unsere, des lüdischen Volkes Pflicht. — Eines schickt sich nicht für Alle: — Was für Esaw gut und nützlich ist, ist eS längst nicht sür Jacob. Nun kredenzen uns die Zionisten eine andere Lockspeise, indem sic uns sagen: Wir wolle» ja nicht nur den Juden eine Heimstätte in Palästina geben, wir werden auch, und haben schon manchen^ der vonr Judentum nichts mehr wußte, oder wissen wollte, zum Judentum zurückgebracht. Ich bin nun nicht Optimist genug, an die Bekehrungskraft des Zionismus zu glauben, da es ein alter Erfahrungssatz ist, daß wohl „böse Beispiele gute mitten verderben," aber nicht umgekehrt. Unsere Welsen bringen iu Traktat Brochaus ein Gleichnis: Wer in eine Gerberei geht, er braucht dort nichts anzugreisen, oder mitzunehmen, den schlechte» Geruch nimmt er aus Heden Fall mit. So geht es uns, wenn wir uns in die Gesellschaft Wtrünniger begeben; viel eher, daß diese von uns lernen, werden wir von ihnen lernen. Tie Pflicht der. Zurechtweisung und Ermahnung, Üauobeacli taucbiaod es amisenho, liegt UNS ja auch nur da ob, wo wir etwas Positives erreichen können und das ist wohl nur in de» wenigsten Fällen in den Kreisen, die der Zionisnnis erobert hat, der Fall. - Tie Bekehrung 311111 Judentum, die der Zionismus bis heute bewerkstelligt hat, ist höchst oberflächlicher Natur. Tiefe Proseliten sind heute noch ebenso Namenjuden wie zuvor. Tie einzige Veränderung besteht darin, daß sie sich des Namens nicht mehr schänien wie vorher. Ter Zionismus hat dem Wort „Jude" einen Nimbus gegeben, den es seit zwei Jahrtausenden nicht mehr gehabt und da gibt es nun viele eitle ^.oren. die sich mit diesem neuen Glanze krönen. Wäre mit dem Bekenntnis zum zionistischen Judentum irgend eine Verpflichtung von den 613 Verpflichtungen verbunden, ich glaube kein einziger Abgefallener hätte sich wieder zum Judentume bekannt. Tie Zugehörigkeit zum Zionismus, resp. die Spendung des Schekels und eines Beitrages zum Nationalfond machen den Abgesallenen wieder zum Juden! Ein höchst einfaches und billiges Verfahren, wahrlich!! — Aber nun einen -Schritt weiter. Tiefe Bekehrungsbestrebung ist ja nur ein ganz nebensächlicher Zweck des Zionismus. Ter Hauptzweck ist die Beschaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte. — Wenn Man ein Etablissement, das ruiniert ist, wieder Herrichten will, so muß man nach den Ursachen des Untergangs forschen und da einsetzen, wo früher gefehlt wurde. — Wenn wir uns nun fragen, warum verlor das jüdische Volk seine nationale Selbstständigkeit, eine Frage, die unsere damaligen geistigen Führer bereits vor 2000 Jahren in den Satz kleideten: Kl mo owrfo hoorez, so werben wir dieselbe Antwort zu geben haben, die unsere Weisen gaben: Llipene schlau berchu bathauro techillo, weit der Tauroh nicht sein erstes Interesse galt, weit es nicht die Tauroh als Ausgangspunkt für alle seine geistigen und materiellen Bestrebungen betrachtete. Rün setzen wir den Fall, der Zionismus besäße die Kraft, Abgcsallcnc zur Tauroh zu bekehren (ich bestreite es, wie gesagt), dann müßte diese Bestrebung, wenn man mit der Wiederausrichtung des. jüdischen Staates beginnen wollte, die erste Stelle einnehme». Aber das tut sie beim Zionismus ja in Wirklichkeit nicht. Mit d c m - s e l b e 11 M ittel, das den Untergang des Staates herbeiführte, nämlich, das in den Vordergrnndstellen der materiellen nnd sozialen Interessen des jüdischen Volkes, und das an letzte Stelle schieben der Thauroh, will Man den untergegangenen Staat wieder ausrichten. Etwas Widersinnigeres ist wohl niemals unternommen worden! — Fassen wir das bisher Gesagte noch einmal zujammen, so stellt sich das Walten des Zionismus wie folgt dar: Er will die Juden, die nach Gottes Urteil ins Exil gesandt sind, um dort unter dem Drucke der Völker ihre Sünde» zu büßen, befreien und nach Zion, ohne göttliches ttzehciß, zurücksnhren, anstatt die Mittel anzuwenden, die einzig und allein eine Beschleunigung der Erlösung herbeiführen können. Tas nennt man Auflehnung gegen Gott, S ü.n d e, U t 0 p i e. — Nun wird von zionistischer Seite eingewandt: Ja sollen wir denn ruhig mit ansehen, wenn man unsere armen Brüder hinschlachtet, wenn man sie hin- und herstößt, sie nirgends wohnen läßt, ihnen ledes Recht vorenthält, da müßte man ja gefühUos sein, wenn man da nicht helfen wolle. Längst ehe man an den Zionismus dachte, ist alle» getan worden, um das Los unserer östlichen Gläubensbrüder zu erleichtern. Hunderttausende und vornehmlich aus den Taschen der Orthodoxen, sind dahin gesandt worden, wo Not, Hunger und Krankheit war. Längst ehe der Zionismus geboren, hatte man Hilfskomitees errichtet, die auswandernden, russischen Juden mit Speis und Trank, mit Kleidung und Geld zu versehen, danrit sie sich, wo anders ein Heim gründen können. Gerne und reichlich wurde gegeben, wenn man damit auch iliir zeitweise das Elend 'lindern konnte, llnd wie vielen hat man dauernde Existenzen in Deutschland selbst gegründet, alles ehe man etwas vom Zionismus wußte. Nnd nun halten wir dem die Leistungen des Zionismus entgegen. Was hat der Zionismus für die Brüder im Osten getan? — Nichts! Nicht ein Pfennig ist bis heute für die Linderung der Armen verwendet worden. Man hat wohl eine Bank und einen Fonds gegründet, aber noch kein russischer Jude hat ein Stück Brod erhalten. Im Gegenteil! 'Man erhebt den Schekel, den sich der am Hungertuche nagende Bruder am Munde absparen muß, man sammelt Beiträge für den Nationalfond, den sich der Unglückliche mit Schweiß und Blut erringen muß. Und dies alles natürlich, nur in der besten 'Absicht, um diesen ausgejogenen und ausgezogenen Menschen zu helfen. Aber es bleibt bei der Absicht. Man inszeniert jedes Jahr großartige Kongresse und macht Propaganda für Zion, mit dem Gelbe der Armen. Mer diesen geholfen wird nicht. Tie Nicht- Zionisten üben ihr Liebeswerk indessen ruhig weiter. An einer Sache, die in erster Reihe gegen Gottes Gesetz ist, und die außerdem Zedolcod und I i-milns Chesed nur mit dem Munde übt, kann sich die jichischc Orthodoxie natürlich nicht beteiligen. Mit Fürsten und Ministern verhandeln die Zionisten, und als man ihnen ein Laich anbot, und die Hoffnung vorlag. den armen Brüdern eine «tätte zu erwerben, wo sie ihr müdes Haupt niederlegen könnten, da schrie man „Zion und sonst nichts aus der Welt." Man wollte von nichts anderem wissen, und nicht um die schnelle Hilfe war's einem zu tun, sondern um „Zion." — Für diese Art Wohltätigkeit haben wir Orthodoxen wenig übrig, da üben wir unsere alte von Abraham ererbte Zedokoh ruhig weiter und kaffen uns von zionistischen Großsprecherei nicht beeinflussen. Die Mittel, die uns Gott zur „Mwendung der Härte des Verhängnisses" gewiesen, Tschuwo,' Tfilloh und Zdokoh. werden wir anwenden, und vielleicht: ljis'ebussian jowan hagauel wesibone wesikaunen hoir hakodansch bimhero bejomena omen! P. A. Aus dem Geschaftslebe«. Versicherung gegen Wasserleitungsschäden. Ein Dersicherungszweig. der leider bei vielen Leuten immer noch nicht die Beachtung findet, deren er würdig ist. ist die Versicherung gegen Wasserleitungsschäden. Neuerdings hat diese Versicherungsart beini Publikum bereits mehr Anklang gefunden als bisher, aber nichtsdestoweniger wollen wir auch an dieser Stelle allen Hausbesitzern. Mietern und Geschäftsleuten den Abschluß solcher Versicherungen dringend an's Herz legen. Die häufigen Schäden rechtfertigen den Abschluß, zumal die dafür geforderte Prämie eine sehr niedrige isk. Man hört in neuerer Zeit fortgesetzt von größeren Wafferleitüngsschäden: Bor kurzem erst wurde ein solcher aus Eschersheim in der Neumannstraße in der hiesigen Lokalpresse erwähnt, der auf mehrere hundert Mark geschätzt wurde. In den letzten Tagen ist in dem Hause Zeit 43 ebenfalls ein großer Wasserschaden durch Rohrbruch passiert Es ist den davon Betroffenen zu wünschen, daß ihr Schaden durch Versicherung gedeckt ist. Die Versicherung hat Wert zu jeder Jahreszeit, denn es passieren nicht nur im Winker Schäden durch Frost, sondern auch häufig-.im Sommer durch Offenlafsen der Krahnen. Ueberlaufen der Bäder und dergleichen. Besonders gesährlich ist die Frühjahrszeit, weil in Folge des nach dem Frost austretenden Tauwetters Rohrbrüche trotz größter Vorsicht außerordentlich oft Vorkommen. — Uebrigens betreibt auch unsere als coulant bekannte .Frankfurter Transport-, Unfall- und Glas-Bersicherungs-Aktisn- Gesellschaft" die Versicherung gegen Wasserleimngsschäden. Wir können diese Versicherungsart garnicht wann genug enipfehlen. Vorsichtige Leute sollten versichern! Vakanzen. Perleberg. Borbeter. Schächter und Lehrer. Ge-, halt 1200 Jk. Antritt nach llebereinkunft. Breslau. Zweiter Kantor sür die alteGemcinde- «ynagoge. Anfangsgehalt 3000 J& und steigt von 3 zu 3 Jahren um 200 bis zu 4000 J£ Meldung Reichsangehöriger bis 3. März an den Vorsteher der Synagogengemeinde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.