Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 3 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 3 des Frankfurter Israelitischen FamiliMattes. Herder und das Judentum. Zum hundertsten Todestage Herders. Von Benno Fischer. (Schluß.) Herder hat auch nicht wenig dem jüdischeil Volke vorgeworsen. Tiefe Vorwürfe gründen sich teils auf Tatsachen, teils aber aus'Mißverständnisse, die auch bei dem klarsichtigen Humanitätsphilosophe» nicht unmöglich waren. Das wundert lins nichts Wir müssen dessen eingedenk sein, daß auch Herder, wenn er auch im großen und ganzen weit, nicht nur den Anschauungen seines eigenen, sondern in vieler Beziehung auch den des gegenwärtigen Zeitalters vorauseilte — so konnte er doch nicht inimer und überall die Vorurteile seiner Zeit überwinden. Dann kam noch die Voreingenommenheit seines Standes hinzu, die er Loch nicht stets zu unterdrücken imstande war; und es ist ein alter Brauch 'in christlich-theologischen Kreisen, bei Gelegenheit das Judentum zu erniedrigen, wenn nian glaubt dadurch das Christentum zu heben und einen Wahrheitsbeweis für das letztere zu erbringen. So mag es manchmal vorgekoinmen sein, daß der Konsistorialrat dem Humanitätsphilosophen ein Schnippchen geschlagen hat. Aus diesen Umständen heraus müssen jene das Judentum oder die Juden erniedrigende Aeußerungen erklärt werden. Wie beispielstvcise wenn er von „dem drückenden Joch des Gesetzes" spricht, das bewirkt habe, daß die Juden „nie zu einem Ideal erheben konnten, das freiere Tätigkeit und mehrere Wohllust des Lebens fordert." Oder wenn er den Pharisäismus in der uns schon gewohnten Weise charakterisiert, seine Gelehrsamkeit wäre nur „ein grübelnder Silbenwitz, der nur an einem Buche nagte, sein Patriotismus eine knechtische Anhänglichkeit an's mißverstandene alte Gesetz" gewesen. — Wir wissen wohl, daß die hier getadelten Eigenschaften gerade unsere Vorzüge ausmacheu, welche in Fehler uniz»- wandeln die scharfen unpassenden Epitheta beabsichtigen. Oder wenn er Nachteile nachzuweisen sucht, die durch die heiligen Schriften der Juden dem menschlichen Verstände erwachsen seien, tveil beispielsweise „merkivürdige Kosmvponien" aus dem Schriftworte konstruiert worden sind oder „manche harte Lehre und unbefriedigende Hypothese aus den: Apfel- und Schlangenbiß hervorgesponnen worden" ist; so haben wir diesen Vorwürfen nichts entgegcnzusetzen als die Worte der Schrift: „Gerade sind die Wege Gottes, Gerechte wandeln darauf, nur Böse straucheln!" Die „merkwürdigen Kosmoponien", die das Christentum des Mittelalters und vielleicht noch der Neuzeit, aus der Bibel herauslas, lehrte das Judentum als religiösen Lehrsatz nie, das darum die Entdeckung Galiläis nicht zu fürchten hatte und nicht zu den traurigen Waffen zur Bekämpfung jener Entdeckung greifen mußte, >oie das Christentum. Vollends der Zorn Herders über die „Erbsünde", die aus unsrer Bibel „hervorgesponnen" wurde, kann doch am allerwenigsten dieses Buch selbst treffen. Wenn Herder aus seiner optimistischen Weltanschauung heraus ein Widerwillen gegen die christliche Lehre der Erbsünde hat, die aus einer falsch verstandenen Stelle unserer Bibel entstand und er sogar eine so große Abneigung gegen dieses christliche Dogma hat, daß er auch Kants „radikales Böse" mit griminiger Heftigkeit befeindet, weil er darin eine Verwandtschaft mit jenem Dogma vermutet; so kann man die Schuld dafür dem niißverstandeneu Buch und demgemäß dem Judentum, dem recht- - mäßigen Erben jenes Buches, das eine solche „harte Lehre" und unbefriedigende Hypothese in demselben nie gefunden, vielmehr aus der gleichen optimistischen Anschauung, die die Grundstiinmnng des jüdischen Geistes ist, stets geleugnet und verpönt, wahrlich nicht zuweisen. Uebrigens bekennt ja auch Herder, daß jene Nachteile, die die Bibel für den menschlichen Verstand gebracht' haben sollte, eigentlich nur durch „Mißdeutung und Mißbrauch" möglich war — also durch die finsteren Mächte, vor denen ja am Ende keine Wahrheit und gerade die tiefste, gerade die Wahrheit unserer seit uralter Zeit von Außenstehenden mißverstandenen Bibel gesichert ist. An einer andern Stelle bezeichnet er einmal die Juden als eine „parasitische Pflanze, die sich beinah allen europäischen Nationen angehängt unu mehr oder weniger von ihrem Saft an sich gezogen hat." Doch verschließt er sich auch da der Erkenntnis nicht, daß der den Inden so viel vorgeworfene Handel und Wucher im Mittelalter eine natürliche und notwendige Folge der Unterdrückung und Ausschließung von aUem sonstigen Gewerbe war. Er deckt auch die Tatsache auf, daß man „grausam mit ihnen umging, und tyrannisch erpreßte, was sie durch Geiz und Betrug, oder durch Fleiß, Klugheit und Ordnung erworben hatten." Zur Zeit, als die Emanzipation der Juden in Deutschland zum erstenmal Tagessrage war, sprach sich Herder über die Erteilung von Bürgerrechten andie Juden in sehr zurückhaltendem Tone aus. Er betonte, daß diese Frage nicht, wie manche zu jener Zeit ineinten, als eine religiöse Frage, sondern als. eine Nationalität-- und Staatsfrage zu behandeln sei. Tie Religion der Juden besteht ja sowohl aus religiösen, wie aus sozialen und Staatsgesetzen. Diese Gesetze sind aber nach dem eigenen Bekenntnis der Juden ewig und unaufhebbar, und stehen mit dem alten jüdischen Lande Palästina in engem Zusämmenhang, sie achten sich selbst „in. ihren Gebeten als ein von allen Völkern unterscheidendes Volk" und also auch „von anderen Nationen nicht anders geachtet werden" können. Die Frage sei also: „inwiefern dies Gesetz und die aus ihm entsprechende Denk- und Lebensweise" in die europäischen Staaten hineingehöre. Es ist das eine Frage, die die jüdische Geschichte der jüngsten Vergangenheit vollständig gelöst und gezeigt hat, -daß das jüdische Gesetz nirgends hindernd bei der treue» Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichte» auftrat, vielmehr überall, wo man den Juden ihre Rechte gewährte, gerade dieses Gesetz sic zu eifrigen Staatsbürgern machte. Herder wollte damals aber noch erwäge» und die Angelegenheit nicht als eine allgemeine sittliche Forderung der Menschlichkeit behandelt wissen, da hierüber am allerwenigsten der Philosoph a. priori zu entscheiden" habe, vielmehr „jeder Staat habe sie für sich zu beantworten." Er scheint damals die Zeitverhältnisse noch nicht reif gehalten zu haben zu dieser wichtigen Neuerung. Er sagt auch einmal, daß eine allgemeine Besserung dieser vorangehen müsse, die gerade bei den Christen beginnen muß. Erhofft aber zuversichtlich, daß „es wird eine Zeit kommen,' daß mau in Europa nicht mehr fragen >oird, wer Jude oder Christ sei: Denn auch der Jude wird nach europäischen Gesetzen leben und zum Beste» des Staates beitragen. Nur eine barbarische Verfassung hat ihn daran hindern oder seine Fähigkeit schädlich machen können." lieber die Zukunft des jüdischen Volkes finden wir bei Herder zwei verschiedene Aeußeruugen. Wir geben sie hier ohne begleitende Bemerkung wieder. Die Zeit, die für Herder noch Zukunft war, ist vielleicht schon unsere Gegenwart, und man braucht nur ein aufmerksames Auge für die Gegenwartsgcschichte zu haben um zu erfahren, welche der beiden Prophezeiungen eingetroffen ist, oder etwa wie man von beiden ein Bild konstruieren kann. Das eine Zukunftsgesicht sinket dieses „so scharfsinnige Volk, der Kultur, den Wissenschaften, dem Wohl des Staates, der sie schützt und anderen der Menschheit allgemein nützlichen Zwecken treu ergeben." „Abgelegt die alten stolzen Nationalvorurteile, weggeworsen die Sitten, die für unsere Zeit und Verfassung, selbst fiir unser Klima nicht gehören, arbeiteten sie nicht als Sklaven an einem Colisäum, wohl aber als Mitwohner gebildeter Völker am größten und schönsten Kollosseum, dem Ban der Wissenschaften, der Gesamtkultur der Menschheit. Nicht auf den nackten Bergen Palästinas, des engen verheerten Landes, allenthalben stünde da g e i st i g ihr Tempel aus seinen Trümmer» empor: alle Nationen verehrten mit ihnen, sie mit allen Nationen verehrten den Weltenschöpfer, indem sie sein Bild, Vernunft und Wahrheit, Großmut und Wohltätigkeit im Menschengeschlecht ausbildeten und erhüben." Das andere Gesicht gründet sich auf eine Ausführung des englischen Philosophen David Hartley, der seiner Schrift „Betrachtungen über den Menschen" die Wiederherstellung eines jüdischen Staates in Palästina protektiert hatte. An diese Ausführungen Hartley's fügt Herder scheinbar spöttisch, aber im Grunde doch die Hartley'schen Vorschläge ernst erwägend und die große weltgeschichtliche Bedeutung des Projektes — wenn auch nur leise berührend — doch klar genug erfassend, die Worte an: „Glück also, wenn ein Messias-Bonaparte sieghaft sie dahin führt. Glück zu nach Palästina! Schwerlich würde aber der reichen bewerbsamen Nation das enge Palästina gefallen, wenn ihr nicht zugleich der allgemeine Mittelhandel der alten und neuen Welt zugestanden würde. Für die alte Welt wäre ihr Land dazu wohlgelegen." Wollen wir den Schluß aus unserer Betrachtung über die Beziehungen Herders zum Judentuni ziehen, so können wir sagen: Herder war mehr ein Freund des Judentums, des jüdischen Schrifttums, als der Juden. Er hat uns aber trotzdem zu großer Dankbarkeit verpflichtet, weil er der erste war, der eindringend in das Wesen des jüdischen Schrifttums seinen Wert und seine vielseitige Bedeutung in den feurigsten Worten glühender Begeisterung, wie sie fast nur ihm zu Gebote standen, zur Anschauung za bringen und zur allgemeinen Ueberzengung zu heben suchte. Er war mit dem Geiste des Judentums vertrant, und sein Geist toar ihm verwandt. Er stand in dieser Eigenschaft einsam auf dieser Höhe und blieb fast bis zum heutigen Tag. Sein Geist eilte seinem Jahrhundert voraus, und wir gewahren diesen gewaltigen Vorschritt seines Geistes umsomehr, als wir heute, trotz Herderschen Glaubens an den Fortschritt der Menschheit, in der Anerkennung des Wahren und Guten einen Rückschritt wahrnchmen müssen. Hundert Jahre sind seit dem Tode des Humanitätsphilosophen und -Apostels verflossen, aber diese hundert Jahre bedeuten an dem ttzeiste Herders gemessen einen hundertjährigen Rückschritt. Doch das Leben eines Großen, wie Herder, kann nicht umsonst gewesen sein. Das sind die Segnungen eines wahrhaft weisen und guten Menschen, daß er Saat wird für ferne Geschlechter, lind das Andenken des Frommen ist — so lehrt die jüdische Anschauung — wird zum Segen, weit die Erinnerung an ihn beispielgebend wirkt, Nachfolge weckt, und so Gutes schafft, Segen bringt! Aus Ser Lehrerwett. Berlin. Der hiesigen jüdischen Lehrerbild u n g s a n st a l t, die unter der Leitung des Direktors Dr. H o l z ni a n n steht, ist vom Reichskanzler die Befugnis eingeräumt worden, Zeugnisse für den Einjährig-fre iw il ligen Militärdienst auszustellen. So viel wir wissen, haben dieses Recht bisher nur die staatlichen Lehrerseminare in Preußen besessen. Budapest. (Todesfall.) Am 11. d. M. starb hier der langjährige Beamte des Landes-Rabbiner- Seniinars. Adolf G e st e t n e r im hohen Alter voir *5 Jahren. Das Leichenbegängnis .hat heute unter großer Beteiligung des Prosefforenkörpers und der Zöglinge der Seminars, sowie zahlreicher Familienangehörigen und Freunde des Verstorbenen stattgefunden. Bunte Chronik. Ei» interessantes Na r u r b i l d aus London gibt der „Berliner Börsen - Courier": Whitechapel, das Viertel der Armen, die Zufluchtsstätte zahlloser Schiffbrüchiger aus aller Herren Länder, namentlich aber jener unglückliche» unter den Kindern Israels, die sich vor der Knute und beiit russischen Pöbel hierher gerettet haben, als Heim der Künste! Es scheint kaum denkbar, dennoch ist es wahr. Tie klassischen Freikonzerte, die von der sogenannte» Sunday League in alleir Teilen Londons an Sonntage» veranstaltet werden, und bei denen die Vortragenden sich aus den besten Künstlerkreisen rekrutieren, finde» gerade in Whitechapel das dankbarste Publikimr. Ich sah da am letzten Sonntag den großen Saal eines FreidenkervereineS bis auf den letzten Platz gefüllt,. und selbst in der Vorhalle standen die andächtigen Milsikfreunde dicht gedrängt, um wenigstens ei» paar Klänge zu erlauschen. Es war eine schlichte, teils recht ärmlich, aber sauber gekleidete Menge, meist junger Männer und Frauen, deren bleiche, von schwarzem, oft gewelltem Haar umrahmte Gesichter und dunkel brennende Augen ihre Herkunst nicht verkennen ließen. Wie andächtig sie lauschten und wir stürmisch sie applaudierten! Was Wunder, daß inan unter solchen Umständen darauf bedacht ist, den Juden von Whitechapel noch weitere Kunstgenüsse zugängigju machen. Ich hatte mir von einem großen jüdischen Volksstück erzählen lassen, das dort kürzlich zum ersten Male aufgcführt worden war, und nicht in der Erwartung, daß cs etwas darüber zu berichten geben könnte, sondern lediglich ans Reugier ging ich hin. Aber alles, ivas ich sah, war des Erzählens >vert. Das Stück, die Schauspieler und die Zuschauer ließen mich nicht bereuen, daß ich die „große Reise" nach dem Eastend unternahm, „linder the Canopy" (Unter dem Baldachin) heißt das Stück. Das „Pavillon Th-atre", wo es aufgeführt wird, war an jenem Abend zum Erdrücken voll. Wie mit einem Schlage verstummte das Stiiniiiengewirr, das alle Anstrengungen des Orchesters zum verlorenen Liebesmühen gemacht hatte, als das Glockenzeichen das Ansgehen' des Vorhanges antündigte. Ein bewunderndes, schnell verhallendes „Ah", wie aus einem Munde kommend, begrüßte die erste, eine prächtige Synagogenszene. Ta gab es eine malerische Eheschließungs- Zeremonie mit den Symbolen vom Wein und dem zerbrochenen Glas, die so ergreifend klagend klingenden Gesänge und die schönen sinnigen Worte, die lehren, daß die Liebe in ihrer Unendlichkeit das Geheimnis des Fortbestandes der jüdischen Rasse bildet. So weihe- und stimmungsvoll war dieses Schauspiel, daß das ganze Haus zum Tempel und die Zuschauer zu Andächtigen zu werden schienen. Gar zu lange vermögen die Londoner Ostender indes nicht in feierlicher Stille zu verharren, und gar bald machten sie ihrem Entzücken in einem Ausbruch stürmischer Begeisterung Luft. An Anlässen zu solchen fehlte es nicht, denn wir sahen noch gar manch.' treffliches Bild aus dem Alltagsleben der'Juden von Whitechapel, unter denen eins der lebenswahrsten in einer ungemein realistischen Darstellung von Pettincoat Laue, einer typischen Straße des geschäftsreichen Judenviertels, bestand. Erst sahen wir die Juden in Rußland unterdrückt und verfolgt, und unschuldige Menschen unter der grausamsten Knute jammernd. Aber Held und Heldin des Stückes entkamen schließlich glücklich nach England, nach dem Lande, das der Herr segnen möge um seiner Freiheit, seiner Menschenliebe willen. England, das die Juden als Menschen behandelt, und das ihre Zufluchtsstätte und ihr Hasen ist, und das den Mann nach seinen Taten, nicht nach seinem Glauben schätzt. Ter Jubel, mit dem solche Worte von den anwesenden Christen wie Juden begrüßt wurden, spottet aller Beschreibung, und selbst der kritische Beobachter sah sich, trotz dieser oder jener Unvollkommenheit des Stückes, unwillkürlich mit sortgerissen.