Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 60 (31.12.1903)
- Date
- 1903-12-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage p Nr. 60 des Frankfurter Israelitischen FamiliMattes. Sprcchsaal. (Wir übernehmen für diese Rubrik nicht die redaktionelle Berantworttichkeil). Israelitische Religionsgesellschaft und Synagogenbausrage. l j In den nächsten Tagen findet die jährlich wiederkehrenoe General -Verjammluiig der Synagogengcmeinde „Israelitische Religionsgesell, schaft" )tatt, die voraussichtlich wi.oer teugnii ab» legen wird von dem fielen Wachetum ihrer Mi.gli.dcrzayl wie von der Festigung und Krä.tigung ihrer wohlbewährten Einrichtu» g n und Jnstitutione.k. Dies freundlich Helle Bild wird nur von einem einzigen Schatten getrübt: Die Synagogcnbau- Frage wird, wie zu befürchten steht, auch in des r Generalversammlung nicht zur Lösung kommen, w.il der Vorstand bezw. die Baukommifsion noch immer nicht in der Lage ist, einen geeigneten Vorschlag zu machen. Während es sonst im Leben häufig vorkommt, daß ein Bauprojekt mit allen Einzelheit m v:rhand:n ist, während die Gelder zu seiner Au.sührung fehlen und auch nicht zu beschaffen sind, ist eZ bei uns umgekehrt. Gelder sind längst vorha-den, aber das Proje't fehlt und will nicht kommen, trotz der alljährlich wiederkehrenden, stereotypen Versicherung des Vorstandes, daß er hoffe, „demnächst" in der Lage zu sein, einen geeigneten Vorschlag zu unterbreiten.' Wie kommt es nun, daß' Vorstand und Baukommission sich seit Jahren, v:rg:blich um di: Lösung dieses Problems bemühen, trotzdem es beiden Gremien weder an Eifer noch an Sachverständnis und Erfahrung mangelt? Wir glauben, daß das Haupthindernis für ei-e gedeihliche Lösung dieser Frage eine gewisse U - klarheit ist, dir unter unseren Mitgli d rn herrscht über das, was ein Synagogen-Neubou erreichen kann und erreichen soll. Es ist unser l bha't:r Wun'ch, mit diesen Zeilen zu einer Klärung der ganzen Frag? beizutragen;'da uns lediglich sachliche Motive leiten und wir wünschen, daß diese Aussührung'n g:n'> sine ira nt studio ausgenommen werden, so kommt es auf die Person ihres Urhebers hier nicht weiter an. Die Notwendigkeit der Schaffung neuer Synogogenplätze ist so. allseitig anerkannt, daß wir bei diesem Punkte nicht zu verweilen brauchen, es handelt sich nur um die Frage, wie es geschehen soll. Der erste.Gedanke ist natürlich der einer Vergr ößerung des bestehendenBaues, wo u der Umstand, daß die Häuser links und rechts der Synagoge Gemrindeeigentum sind, sörulich cinlldet. Indessen haben di: Fachmänner, mit den'n diese Idee besprochen wurde, sofort erklärt, daß si: unausführbar ist. In einem ents rrchrnd v:r - größerten Bau würden für einen Teil der Besucher, die auf das Hören angewiesenen gottesdienstlichen Handlungen — Tho avorlesung. Predigt u. s. w. — unvernehmbar sein, ein Umstand, der genügt, um diesen Plan endglltiz abzutun. In zweiter Linie kam ein Neubau auf den gleichen G.undstücken in Be rächt. Se bst ed'nd ließen sich hierbei günstigere all stifche Verhältni s: schuf en als bei einem bloßen Anbau und wenn es sich bloß um Hin'uiügung von 3—403 Pl tz:n handelte, wäre diese Lösung durchaus anne'mbar. Dr aber 'ein paar Hundert neue Plätze höchstens für d n Augenblicksbedarf genügen und den ganzen in der Zukunft zu erwartenden Zuwachs außer Acht lassen, so müssen wir uns auch gegen dies: Lö.ung aussprechen. Wir kommen hier schon zum Kernpunkt der ganzen Frage, denn was in dieser Ve iehung gegen einen Neubau auf der sei.herigen Stelle ein uwenden ist, läßt sich auch gegen j d n Neubau d. h. gegen die dauernde Lösung der Platzfrage durch eine einzige Synagoge, stehe sie wo sie wolle, einwenden. In Wirklichkeit ist auch von allem Anfang an die Schaffung einer zweiten Gemeindesynagoge, neben d:r bisherigen in Frage gekommen. Diese Idee hat zahlreiche und sehr entschieden auftretend: Cegn r gesunden. Man macht vor allem ge.tend, daß der ^u'ammenhang in der Gemeinde leiden müsse, w:nn si: nicht mehr in ihrer Mehrzahl allsabbathlich sich am g'eich:nLrte einsinde, um dort im g:mci:isamen Geb t: Stärkung und Kräftigung zu suchen;dieEinheitdesRaumes sei es, die auch die Einheit der Gesinnung befördere und bedinge. Dem möchten wir entgegenhalten, daß auch heute : schon eine ganze Anzahl Mitglieder, s i es aus Platzmangel, sei es der Entfernung wegm oder ans and - ren Gründen, die Synagoge in der Schützenstraß: nicht oder nicht regelmäßig besuchen, dafür aber in dcrClaus Waisenhaus-, Königswarter-, Hermesweg-, Träubehen-Synagoge und wie sie all: heißen, Sammgäste sind. Man braucht sich nur zu v:ra> genwäi ttsteu, f baß unsre Synagoge nur 600 Männer itz lätz: enthält, währendschon über 800 -Mitglieder Vorhanden sind, j ätt denen noch Söhne, sonstige Angehörige und eine Anzahl Sitze innekabndr Nichtmitglieder kommen, um fest^ustellen, dag auch heute schon ein ziemlich hoher Prozentsatz der Gemeindemitglieder die Synagoge nicht benutzen kann. So sehen wir denn heute schon, daß die „Einheir im Raum" nur ein schöner Traum ist, daß sie in der Praxis ersetzt werden muß und 'ersetzt werden kann durch die „Einheit im Geiste", die sich glücklicherweise au rech, erhalten läßt, wenn jene schon längst undu.chführbar geworden ist. Die einfache Erwägung also, daß es technisch unmöglich ist eine Gem inde, di: rüstig an; das erste Tausend an Mitgliedern lo steuert, ti umlich in den Schranken ei nes Gotteshauses festl,a.'t n zu wollen, sie zeigt uns den Weg, d.n wir g Yen müssen und selbst dann gehen müßten, wenn die,er oben angeführte Umstand nicht vorhanden w.,r:. Für die Schassung einer räumlich getrennt.», zweiten Synagoge spricht nämlich noch ein an. rer, mindestens ebenso gewichtige G und; Di: immer weiter und weiter wachsende Au dehnung unseres Gemeinwesens. M» vor^me>,r als 50 Jahren unsere Gem.inde gegründet» di: Synagoge in der Schützenstraße erbaut wurde, da hatte Frankfurt etwa 60000 Einwohner, von denen nur eia für uns gar nicht in Betracht kommender Bruchteil außerhalb der Innenstadt und ihrer wichtigsten Umgebung wohnie. Als vor ca. 30 Jahren eine Erweiterung der'Synagoge nöti.z wurde und sie ihren h:utigen Umfang erhielt, hatten sich diese Berhältnifse noch nicht wesentlich geändert. Wie ganz anders heute! Die Einwohnerzahl Frank'u ts ist auf über 300000 gewachsen, ein Netz von Trambahnen überzieht die Stadt nach allen Richtung:» und e möglicht es, daß die Innenstadt immer mehr zum Ge'chä tsviertel wird, während die wohlhabende Bevölkerung nach der Peripherie drängt. Der Zug nach dem Westen, ohnehin fast allen europäischen Großf ä ten g - mein, tritt seit der Hinautlegung des Haup bahnho es bei uns in erkö'tnn Maße auf. Prachtvolle, breite Sttaßen, mit allem modernen Eomfort äu gest t>.t: Neubauten, di: Nähe des Hauptbahnho'es, der Theater und Museen haben dazu geführt, daß in unserer Stadt in den letzten 25 Jahren der Westen zum b vorzugten Aufenthalt der Wohlhabenden g'worden »ft. Dem entsprechend ist das -Ostend in der allg m in:n Wertschätzung entsprechend gesunken. — „Nur eitr hohe Säule zeugt von entschwundner Pracht!" Ti: jüdi che -Oit'odo i: und di: von i'r unter^a'tenen Anstalten, sie stützen den Rest des Ansehens, d'n das Ost'nd noch genießt. Aber wie lange noch? Wie lange noch n ird es möglich sein, unsere Gemeinde im Ostend und d m angrenzenden nördlichen Gebiete zusammen zu la'trn? Schon mehren sich die Anzeigen, daß ge'chä'tl'ch: und andere Interessen den einen und anderen bewege'«» diesen Ravon zu verlassen und sich dem Zug: d:r aü gemeinen Entwicklung an'uschließen. Mäq tas Tempo auch vorläu'ig ein langsames sein, ti: nächsten Jahre werden sicher eine starke Beschleunigung und Vermehrung bringen. Wir haben nun den hier geschilderten Ums'and — die Concentrierung unserer Gem:indeansta't:n i.n Ostend — noch unter einem anderen Gesichtspunkte zu betrachten. Es ist bekannt, daß alljähräch ein bedeutender Zuzug jüdischer Familien stattsindet. Dieser Zuzug stammt fast ausschließlich aus Hessen, Na sau und Süddeutschland. In allen diesen Gebieten hat sich, im Gegensätze zu Norddeutschland, das jüdisch-: eiigiöfe Gefühl noch vielfach erhalten. Tie Ursachen sind natürlich nicht überall die gleichen. Die klare E kenntnis, daß allein das g:setzestteue Judentum eine Zukunft hat, mag bei den meisten nicht vorhanden sein, aber ein lebha'tes jüdisches Gefühl. Pietät gegen das, wo'ür unsere Ahnen gekämpft, und gelitten haben, ist wol bei der Mehina^l vorauszusctzen. Wi: kommt es nun, daß unsere Gem'inde von jenem auswärtigen Zu'ug so wenig prosittert, daß mehr als 60 Proz. von ihnen der Hauptgemrinde beitreten? Die Erllärung ist sehr einfach. Was können wir den neuen Zu'üglern bi'» ten? Plätze in unserer Synagoge? Es sind s it Jahren keine mehr zu haben! Aumahme ihrer schulpsiichtigen Kinder? Ti: Lage der Schule im äußersten Osten erschwert ihre Nenutzung all den Famili'n. die sich nicht gerade im Osten oder Nordosten niederlassen. Die meisten von auswärts kommenden Familien siedeln sich aber aus den geschilderten Ursachen im Westen und Nordwesten an; sie suchen und finden Anschluß bei der Hauptg-meinde, weil unsere Gemeinde ihnen nach der prakttschen Seite nichts zu bieten vermag. Daß sich auch einige rühmliche Ausnahmen finden, Leute, die ihren Anschluß an unsere Gemeinde aus ideellen Gründen vo lsiehen, kann an jener Tatsache wenig ändern. Es ist unberechenbar, was hier an gutem brauchbarem Material für uns schon verloren gegangen ist, und so lange die heutigen Zustände dauern, noch verloren geht! Wie anders würde sich das alles gestalten, wenn unsere Gemeinde über eine zw:ite, mittelgroß:, schön ausgestattete Synagoge verfügte, deren Lage am zweckmäßigsten etwa in die Nähe des P e t e r s t o r s zu setzen wäre. Ein Tell der Besucher würde sich rek.mieren aus MUglieüern unserer Gemeinde, die in der Nähe wohnen, wodurch sofort eine Enttastung der Synagoge Schützenstraße einträte. Der größte Teil aber würde aus Leuten bestehen, die heute noch unserer Gemeinde fern stehen. Gehören diese erst einmal zu den regelmäßigen Besuchern eines nach alt Lisch:» Prinzipien geleiteten Gottesdienstes, und kommen si: infolgedessen fortgesetzt mtt begeisterten und über^eugungs-treuen Gesinnungsgenossen in B:rü.,rnn^, dann können wir iyre völlig: Gesinnung ruhig der werbenden Kraft unsrer Prinzipien und der Macht des Bispiels überlassen. Dann können wir sicher sein, daß aus diesen Besuchern Mitglieder werden, die auch ihre Kinder trotz alter Ent,ernung in unsere Schuten entsenden werden. Ja, wir Hallen noch Wetter ausschauende Pläne für ausführbar. Wir glauben mtt aller Besttmmtheit, daß auch eine zweite Synagoge, eine günstige Lage vorausgesetzt, in 4, 5 Jahren gefüllt sein und daß man dann eine dritte Synagoge im Westen zu errichten gezwungen fein wird. Hier mag der Platz sein, einen Einwand zurückzuweisen, den man gegen unsre Darlegungen in d:r bevorstehenden Generaloersammlung voran sichllich erheben wird. Der Vorstand hat eine Art Enquete über die Wohnverhältnisse seiner Mitglieder veranstalte» und als Resultat ergab sich, daß nur ein Bruchteil außerhalb jenes Rayons wohnt, der noch einen bequemen Besuch der Synagoge gestattet.. Gu'em Vernehmen nach ist der Vorstand grneigt, aus diesm Ergebnis den Schluß zu ziehen, daß nun keinerlei Bedürfnis vorliegt, eine Synagoge außerhalb jenes Rayons zu errichten. S.immt das, so liegt eine bedauerliche Verwechslung von Ursache und Wirkung vor, über die nach unsren obigen Darlegungen kein Zweifel mehr f in kann. Wir dürfen nicht schließen: „Weil wir aukerha b eines bestimmte» Rayons wenig oder keine Mitglieder haben, brauchen wir dorthin auch keine Synagoge zu stellen", sondern umgekehrt muß der Schluß lauten: „Weil wir dort keine Synagoge haben, geht der reiche Zuzug, der sich in jenen Gebieten niederläßt, unsrer Ge meind« als Mitglieder verloren!" Wir möchten zum Schlüsse als warnendes E empel die Hamburger Verhältnisse erwähnen. Dort stehen am Sabbath cie großen, tzrächttgen Synagogen in Kohlhöfen und E bestraß: leer und v:rödet, während eine Anzahl kleiner Synagogen im Grindelviertel gefüllt und überfüllt sind. Auch dort hat sich die Leitung des Synagogenverbandes Jahrzehnte hindurch gesträubt, der Entwicklung der Wohnverhältnisse durch Schaffung neuer Synagogen Rechnuna zu tragen. Jetzt endlich bequemt sie sich dazu; die Synagoge Elbestraße wird geschlossen und vor dem Dammtor eine neue errichtet werden. Aber der Schaden, den diese Verzögerung anrichtete, ist, wie alle Kvnner der Hamburger Verhältnisse wissen, ein ungeheurer; die vielfach unerquicklichen Verhältnisse, die in der Hamburger Gemeinde herrschen, sie dürfen zum großer» Teil auf Rechnung der verfehlten Politik in der Synagogenfrage gesetzt werden. Hoffen wir, daß der gleiche Fehler bei uns vermieden wird, daß Vorstand und Generalversammlung sich entschließen, nicht hinter den Ereignifs n ei.cher-i zuksinken, sondern sich der Entwicklung, wie sie dem wettschauenden Blicke llar sich darstellt, heute schon Rechnung zn tragen. Also: keine Ausgabe unsrer Synagoge Schützenstraße, mit der unsre pietätvollsten Erinnerungen verknüpft sind, zn Gunsten einer utopistischen „Eentra synagoge"; dagegen Schaffung einer-weiten, s. G.w. auch dritten «Ynagoge in jenem Viertel, wohin uns die Entwicklung unsrer Stadt gebieterisch verweist. Aus der Lehrerwelt. Budapest. (Jubiläum eines Rel'gionslehrers.j Im Prunksaale des Armenkindergarten-Vereins wurde kürzlich das 50jährige Jubiläum des Rabbiners und Religionslehrers Simon Goldberger geifert. Eine ansehnliche Festgemeinde füllte den Saal. Nachdem Adolf Weißfeld die Festgäste begrüßt hatte, wurde der Jubilar durch eine Deputation eingehakt. Schuldirektor Nathan Halaß würdigte in schöner Rede die segensreiche Tättgkeit des Jubilars als Rabbi und Religionsprosessor. Zum Schluffe flehte Direttor Halaß den Segen Gottes auf das Haupt des in Ehren ergrauten Jubllars herab. Im Namen des Schubstuhles richtete sodann Schulinspektor Dr. Mnnkacsi eine herzliche Ansprache an den Jubiliar. Im Namen der isr. Religionsgemeinde sprachKultuSvorsteher Dr. Wilhelm Grauer. Namens der' Volksschule in der Muranyi-utcza sprach Bolksschullehrer Anton Kis. Es hielten ferner Begrüßungsansprache» Professor Dr. Max Weiß seitens der „Talmud-Thora"- Schule, Professor Adolf Györi namens der Religionslehrer und des isr. Landes-Lehrerverbandes; als einstiger Zögling begrüßte Schriftsteller Thomas Kobor seinen jubitterenden Meister, namens der jetzige» Zöglinge sprach I. Klein usw. Die meisten Sprecher überreichten Ehrengeschenke.