Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 54 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Mage zu Nr. 54 des Frankfurter Israelitischen FamüieMMes. Die Bilanz des Zionismus. Kritik und Reform von Dr. Alfred Nossig. Besprochen von S. S ch ach n ow i.tz -Endingen. Herr Dr. Alfred Nossig hat seine am letzten Kongresse in Basel gesprochenen und ungesprochenen Worte in einer Brochürc von 45 Seiten unter obigem Titel erscheinen lassen, um so seine Kritik und Neformvorschläge einem weiteren Publikum zu unterbreiten. Herr Dr. Nossig hat sich — wie wir aus den ersten Blättern seiner Kritik erfahren — Jahre hindurch der zionistischen Organisation fern gehalten. Aber nicht so der zionistischen Idee. Im Gegenteile, «sie bewachte er von vornherein von einem gewissen sich in der Lust der Ideenwelt errichteten Wachtturm aus mit Argusaugen und mit bewundernswertem detektivem Talente. Die Organisation gefällt ihm ganz und gar nicht, weil. . . Nun aus vielen Gründen, aber namentlich darum, weil sie nichts, tut, nicht das tut, was Herr N. als Allein- und Allerheilmittel für alle Wunden des jüdischen Volkes ansieht. Im Augenblicke aber, wo sie sich endlich zu Taten aufrafft; im Augenblicke, da Herr N. erfuhr, daß das Aktionskomitee, oder das Nichtaktionskomitec ein wirkliches Aktionskomitee werden will, da verläßt auch er den engen Raum seiner Studicrstube und den breiten Rahmen der reserven Beobachtung und kommt nach Basel, um . . . um dieses Aktionskomitee zu beschimpfen. Ist dieses nicht merkwürdig? Aber diese Paradoxie im ersten Blatte der niederreißenden Schöpfung des Herrn N. bildet nur die Einleitung zu vielen andern und krasseren. Der Zionismus — meint der Verfasser — arbeitet nicht auf sein Ziel los. Er hat nichts erreicht, weil er sich nicht ausschließlich auf seine kolonisatorische Tätigkeit beschränkt. Er hascht nach anderen Dmgen, die ihn vom Ziele ablenken, etwa nach dem Eharter, über den nun der . Referent den ganzen Schlauch seines Zornes ausschüttet. Aber was am meisten Herrn Dr. N. ärgert, ist, daß der Zionismus für Kulturzwecke nichts übrig hat. Und was ihn am meisten bestimmt hat, der ihm sonst verhaßte» Organisation beizutreten, ist der Umstand, daß nach dem fünften Kongresse sich die bekannten kulturellen Bestrebungen bemerkbar machten, denen er nun eifrig das Wort spricht und die ihm als der cigenlliche Kern des Zionismus erscheinen. Aber, frage' ich andererseits, was'würde so sehr die Kräfte des Zionisinus zersplittern, als gerade diese Kulturbcstrebungen? Welchen Sinn hat es, dem heimatlosen Volle Bücher zuzuwerfen, während es /nach Brot schreit? Ist es doch in der Tat ein ganz eigner Zionismus, der in einigen der jugendlichen Kulturköpfe spuckt; ein eigner Bau in der Jdeenioelt, der zudem mit dem Dache beginnt. Die geistige und moralische Renaissanze des jüdischen Volkes kann unmöglich von der geplanten jüdischen Hochschule ausgehen, solange nicht die nationale Volkserziehung in die primitiven Bahnen auf eigenem Land und Boden geleitet werden können. Und ist es aUenfalls unklug und durchaus verfehlt von den Herren, eine verfrühte intellektuelle Spaltung heraufzubeschwören, die die Erlangung jenes unvermeidlichen Territoriums, der materiellen Unterlage aller Kultur ungemein erschweren könnte.^ Allein nicht mit ihnen rechte ich. 'eie sind zumeist jung und vom Baume der Kultur, den sie genossen, in Verblendung geschlagen, von unbestimmten Wünschen erfüllt, die sich sicherlich auch bei ihnen noch klären. Aber eie, geehrter Herr Doktor! Wie sonderbar! Daß der Zionismus nicht sofort und mit Ausbietung aller Energie seiner kolonisatorischen Aufgabe gerecht wird, hat Sie solange vom Zionismus ferngehalten; daß aber nach dem fünften Kongresse eine oppositionelle Kulturpartei austauchte, die erfolglose Attacken gegen die Kraft und die Finanzen^ der Organisation aussührt, hat eie dem Zionismus nahe gebracht?! — _ Hier ist sofort die chemische echeidung vorzunehmen. Der Verfasser hat durchaus recht mit seiner Behauptung, die Kleinkolonisation sei vernachlässigt worden; vielleicht auch mit der, daß dadurch geeignete Zeitpunkte verpaßt wurden. Er hat unzweifelhaft recht mit der Beschuldigung, der Moderne, politische Zionismus hatte seine Beziehungen mit seiner Mutter, der Idee der Ehonw a w e i Zion, der allein er Entstehung und Entwicklung zu verdanken hat, abgebrochen. Es wäre sicher vom Vorteile, man hätte, ohne das große, erstrebenswerteZiel aus dem Auge zu lassen, die Fühlung mit dem Zionismus ältern Datums behufs Gegenwartskolonisierung im kleinen erhalten. Aber die Gründe und psychologischen Momente, durch die der Verfasser diese verfehlte Taktik zu erklären sucht, sowie die Folgerungen, die er daran knüpft, weisen wir als Verdächtigungen wüwrlichster Art zurück. Me zionistische Leitung hat in der Tat eine verfehlte , Politik verfolgt, — im besten Glauben und Hoffen. Sie sollte sich eben von all den andern -philanthropischen Organisationen dadurch auszeichnen. indem sie das klebet an der Wurzel zu fassen gedachte. 'tont ou rien. Und es■ sollte eher als hohes Verdienst dem Aktionskomitee angerechnet werden, daß cs im Augenblicke, als die Not rasche Hilfe erheischt, dieses noch allzufern liegende tont zu gunsten einer Rettungsaktion aufgibt, rechtzeitig aufgibt, um sich mit naheliegenden, realisierbaren Projekten für die Gegenwart zu befassen. Die Hauptkrankheit des Zionismus ist nach Ansicht des Herrn Dr. N. seine ewige sucht nach Geld. Das ganze erscheint ihm in seiner heutigen Gestalt als großes Bankgeschäft mit schlechten Chancen. Ein Vaterland, meint er, kann nicht angekauft werden. Tie Tätigkeit des Zionismus muß lediglich die physi s ch e und moralische Gesundung des jüdischen Volkes erstreben und diese sei nicht durch Millionen, sondern ausschließlich durch kulturelle Vorbereitung, nationale Erziehung usw. zu erreichen. Die ewige Jagd nach den Millionen ist ein krankhaftes Symptom des Handelvolkes, das alles mit Gelde sich zu erhandeln gedenkt. Schließlich aber verlangt auch Herr Dr. R. Geld, nichts als Geld. Welcher Aufwand von Geist und Witz gehört nun dazu, aus solchen Voraussetzungen einen Vorwurf für das Aktionskomitee zu folgern, daß es ihm bis heute nicht gelungen ist, die Millionen der Jca zu gewinnen! Und nicht allein, daß 'das Aktionskomitee nicht zu nehmen versteht, es kann, oder will auch nichts geben. Herr 4t. erzählt, daß er seinerzeit aus einer Kommission ausgeschieden, weil ihr von Wien nicht die nötigen Geldmittel bewilligt wurden. Und Nordau — meint er — ist ein Mann, dessen Enunziationen mit den Handlungen nicht übereinstimmen, weit er nicht auf seinen intimen Herzl einwirkt, die gesammelten zionistischen Gelder für die Kulturinstitutionen herauszugeben. Dieses ruft eine Erinnerung bei mir wach. Ich entschloß mich einmal in Berlin aus Neugierde einen angekündigten Vortrag des Abgeordneten Ahlwardt zu besuchen. „Tie Geldgier der Juden", hieß cs mit großen Lettern im Einladungszettel. Als ich in den Saal treten wollte, verständigte mich ein Portier, daß auf Anordnung des Referenten 50 Pfg. Eintritt von jedem zu erheben sei. Die Geldgier der Juden! „Die Geldgier, der Elektrochtechniker im Zionismus, die ihr Augenmerk auf finanzielle Institutionen richten!" — seufzt Herr N. bitter, um nachher mit eigenem Munde zu erklären, daß nützliche Kommissionen gescheitert sind, weil das Aktionskomitee nicht die nötigen Geldmittel geben konnte oder wollte. (Schluß folgt.) Bunte Chronik. Antisemitismus und Forschung. Tie gegenwärtig in Wien sich breit machende Verquickung von Antisemitismus mit dem Treiben der Antiviviseltionisten wurde von Dubois-Reymond in seinem 1882 tn der Berliner Akademie der Wissenschaften gehaltenen Bortrage „über die wissenschaftlichen Zustände der Gegenwart" bereits mit folgenden Worten gekennzeichnet: „Wurden wir nicht Zeugen einer Bewegung, deren Schmach Ivir bei uns für so unmöglich hielten wie Folter, Hexenprozesse und Menschenhandel? Dabei unterfängt sich sentimentale Ignoranz, deren Treiben sich von verleumderischer Angeberei und sträflichem Hetzen in seiner Wirkung nicht unterscheidet, wissenschaftliche Ilntersuchungsmethoden als frevelhaft zu brandmarken, welche schon Robert Hook und der gottesfürchtige Haller unbedenklich übten." In seinem Aufsätze „Ter physiologische Unterricht sonst und jetzt" hält Dubois-Reymond den Gegnern der Vivisektion das Wort Karl Vogts entgegen! „Für die geretteten Hundeleben werdet Ihr mit Menschenleben, für die den Kaninchen und Fröschen ersparten Schmerzen mit menschlichen Leiden bezahlen." Darüber — sagte der große Berliner Physiolog — ob überhaupt Vivisektionen zu wissenschaftlichen Zwecken erlaubt seien, ist Schlagenderes meines Erachtens nicht gesagt werden als in dieser Warnung, deren Triftigkeit nur Ignoranten bestreiten." _ ^Personalien. Breslau. Regierungs-Baumeister Fränkel ist zum Regierungs-, und Baurat ernannt worden. W ü n ch e n. Hier starb kürzlich der pensionierte Wachtmeister Saul Bauer. Er war wohl der am reichsten dekorierte Unteroffizier der bayerischen Armee. Er besaß sämtliche Verdienst- und Ehrenauszeichnungen, die einem Unteroffizier während zweier Feldzüge überhaupt verliehen werden konnten. Saul Bauer war Jude. Schwabach (Bayern). Herr Mstriktsrabbiner Wißmann ist nach langem Leiden im Mer von 74 Jahren gestorben. Friedrichshagen. Vor Kurzem wurde auf dem israelitischen Friedhose in Weißensee der seinem Berufe zum Opfer gefallene Arzt, Herr Dr. Max Meißner, zur letzten Ruhe bestattet. Der erst 31 Jahrs alte Arzt, der als 'Assistent des Herrn Sanitätsrats Dr. Jacoby, hier, tätig war, hatte sich eine Blutvergiftung zugezogen, die nach dreitägigem Leiden seinen Tod zur Folge hatte. Gebweiler (Elsaß-Lothringen). Herr Dr. Alexander Weil ist zum Oberlehrer am hiesigen Gymnasium ernannt worden. Hülsheim (Amt Wertheim). Beim Besichtigen von Vieh in einem Reunkirchener Stalle wurde der Viehhändler Salomon Hahn von einem der Tiere getreten. Er erlitt so schwere innere Verletzungen, daß er nach 1>/s Tagen starb. Hagenau. Hier wurde im israelitischen Altersasyle vom hiesigen Rabbiner eine Trauung eines Brautpaares vorgenommen, welches zusammen über 129 Jahre zählte. Der Bräutigam, Herr Kausfmann aus Niederrödern, Vater von erwachsenen, verheirateten Kindern, ging die zweite Ehe ein, während die Braut ihr Glück in dritter Ehe suchte. L o b s e n s. Der hiesigen jüdischen Gemeinde hat ein Juwelier Feldheim in London, ein gebürtiger Lobsenser, 1000 Jk testamentarisch vermacht. Schwerin a. W. Der Kommerzienrat Eduard Landshoff in Petersburg, ein geborener Schweriner, hat aus Anlaß seiner silbernen Hochzeit dem hiesigen Johanniter-Ordens-Krankenhause, den städtischen Armen, der israelitischen Waisenanstalt und zur Verschönerung des jüdischen Friedhofes je 100 ,lk gespendet. Elbing. Aus Anlaß ihrer goldenen Hochzeit, die mn 30. v. Mts. stattfand, haben der Rentier Louis Kühne in Berlin und seine Gemahlin sowohl der Stadt Elbing als auch der hiesigen Synagogengemeinde je 500 J4. zu milden Zwecken überwiesen. Frau Kähne ist in Elbing geboren und erzogen. Schokken.Der Synagogendiener Lichtenfeld wurde nach 35jähriger Dienstzeit von der Gemeinde pensioniert. Langwierige Krankheit hindert den pflichttreuen Mann, sein Amt weiter zu versehen. Pscs-Nendors (Oesterreich). Hier wurde Herr Rabbiner Juda Goldstein aus Karlburg zum Rabbiner gewählt. Teplitz (Böhmen). Hier starb der aus Posen stammende, durch seine Frönimigkeit und seinen vornehmen Eharakter allgemein angesehene Rabbiner Lippmann Auerbach. Brieflaste». Die beiden jüd. Hospitäler Aisgab ladocb und Schaars Zedek zu Jerusalem verfolgen die gleichen edlen Ziele, die Pflege unbemittelter kranker Glaubensgenossen. Das Anfangs vorigen Jahres eröffnete Allgemeine Jüdische Krankenhaus Schaar« Zedek, das im Gegensatz zu allen anderen in Jerusalem vorhandenen jüd. Spitälern den modernsten hygienischen Anforderungen entspricht, ist auch das einzige Institut, welches durch seine beiden geräumigen Infektions- Pavillons die Aufnahme Epidemiekranker ermöglicht: Leider steht die Fürsorge für die humanitären Anstalten der heiligen Stadt in keinem Verhältnisse zu der ihnen gebührenden Förderung, wie anders wäre es sonst möglich, daß Schaars Zedek mangels genügender Mittel erst die Hälfte seiner verfügbaren Betten mit Kranken belegen kann. Gaben nehmen jederzeit entgegen: Dr. Israel Roos. Frankfurt a. M., Schöne Aussicht 5 und Emanuel Ettinghausen, Zeit 35. St. B. M. Das beste hiesige Mädchen-Pensionat ist das Heinemann'sche Institut. Theobaldstmße. Israelitischer Mädchenklub Fahrganse MC. IF* Jeden Abend Ton Vfe—10 Uhr geöffnet. Wilhelm Glücklich Gegr. SehiUerstrasse 4,1. Gegr. 1879. Frankfurt a. M. 1879. Immobilien, Hypotheken. Sittah. Stern Moritz Greis Verlobte. Frankfurt a. M. Eschenheimer Anlage 30. Empfang: Samstag, den 21. n. 28. Nov. Sonntag, den 22. n. 20. Nov. V _ J