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Neue jüdische Presse · 1903-11-13 · Heft 53 (13.11.1903) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 53 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Micherscharr. Die ruf f if ch enJud en. Vernichtungoder Befreiung? 'Von Leo Errera, Professor an der Universität Brüssel. Mit einem einleitenden Briefe von Theodor Mommsen und einer Karte von Rußland, mit genauer Bezeichnung des Ansiedelungsrayons. Verlag von Schulze n. Co., Leipzig! XVI und 157. Oktav. Preis. 2 JL Rasender Schmerz und ohnmächtige Wut bemächtigten sich meiner beim Lesen dieses Buches. Das Herz krampst sich zusammen, die Faust ballt sich, wenn man die Geschichte des Martyriums der russischen Juden liest, jenes entsetzlichen Martyriums, das von 1880 bis heute ununterbrochen anhält, dessen kleinsten aber wahrlich nicht mehr jüngsten Teil die Bluttage von Kischinem bilden. Der Eindruck des Buches ist so überwältigend, daß ich es keiner der entmenschten Bestien, die in Rußland in puncto Judengesetze tonangebend sind, wünsche, einem temperamentvollen Leser unmittelbar nach dieser Lektüre zu begegnen. Tenn nur die Gesetzgeber in Rußland tragen schuld an dem unsäglichen Unglück der -IV-' Millionen Inden Rußlands. Ter russische Bauer ‘ ist von Natur aus gutmütig, und erst langjährige Hetze der sogenannten Intelligenz vermochte ihn zum Plündern und Morden zu erziehen. Man bemühte sich, durch immer verschärfte Ausnahmsgesetze, stets aufs neue zu zeigen, daß der Jude vogelfrei sei, man machte das Volk glauben, der Zar gestatte nicht nur, er lvünfche sogar die Ermordung der Juden. Durch Gesetze mit Kautschukparagraphen, wußte man die Inden ganz von dem pöbelhaften, habgierigen, niederen Beamten abhängig zu machen. Man sagte z. 33:, die Juden dürfen nur in Marktflecken oder in Städten wohnen; nun gibt cs aber in Rußland kein offizielles Verzeichnis der Dörfer und Marktflecken und so werde» Marktflecken in Dörfer vertoandelt, nur um die Inden daraus vertreiben zu können. Der Willkür ist Hier Tür und Tor geöffnet. Eine andere Bestimmung lautet, Juden dürfen, sofern sie geschickte Handwerker sind, auch außerhalb des Ansiedelungsrayons wohnen, nun ist aber der Begriff „geschickt" so dehnbar, daß die Begünstigung, die dieses Gesetz enthält, nur durch das meist teuer zu erkaufende Wohlwollen der Polizei erlangt werden kann. Für die Willkür bei der Erpressung von Strafen ist charakteristisch, daß von 100 000 Jtubcl Strafgeldern kaum 14 000 in die Staatskasse gelangen; da kann es freilich nicht mehr Wnnder nehmen, weil» z. B. ein Jude „um in gutem Einvernehmen" mit der Polizei zu verbleiben, jährlich 500 Rubel zahlen muß. Tie von den Inden eingeyobcnc» Sondersteucrn, die Schlachtsteuer, die Fleischsteucr, die Lichtstcuer für die Erlaubnis Freitagabends Lichter zu zünden, die Fünfrubelsteuer, die jeder Jude dafür zahlen muß, beim Gebete das Käppchen aufhaben zu dürfen, sollen zu jüdischen gemeinnützigen Zwecken verwandt werden. Wenn aber eine jüdische Gemeinde für eine ihrer Institutionen eine Subvention ans diesen Fonds verlangt, wird sic abgewicscn; dagegen besoldet man davon die Polizei, oder aber, der Gouverneur von Kischinew entlehnt dieser Kassa 100000 Rubel, um sich eine Amtswohnung zu bauen, vielleicht besoldet er von diesen Geldern auch 'den 'Anstifter der Kischinewhetze, Kouschewan, den Herausgeber des Besfarabetz, denn aus seiner eigenen Tasche stammen wohl die 25 000 Rubel nicht, die er diesem intellektuellen Raubmörder gab. Daß Inan die Juden von den oft größtenteils mit jüdischem Gelde errichteten mittlen und hohen schulen ausschließt, ist bekannt; daß man aber Inden in Hospitäler anfznnehmen verbietet, und andererseits die Juden zwingt, Beiträge zur Erhaltung dieser Hospitäler zu zahlen, ist unerhört. Professor Errera führt noch unzählige solche Beispiele der schreiendsten Ungerechtigkeit gegen die Juden an, und beruft sich bei allen auf einwandfreie, vollkommen glaubwürdige Gewährsmänner und Zeitungsberichte. Er weist nach, daß alle gegen die russischen Juden vorgebrachte» Beschuldigungen haltlos sind; er bringt Zeugnisse der bedeutendsten russischen Schriftsteller und Gelehrten für die russischen .Juden. Er fragt, was soll denn aus den russischen Juden werden. Sollen denn 4 Millionen Menschen Hungers sterben, will man sie etwa alle zur Taufe führen? Das erste, nieint er, wird wohl der eingefleischteste Judenfeind nicht billigen, das zweite wird nie eintretcn. Denn trotz der vielen Vorteile, die die Taufe den Juden bringt, trotz des beträchtlichen Handgeldes, das jeder Täufling erhält, haben die härtesten Bedrückungen es nicht erzielen können, daß der Prozentsatz der Täuflinge mehr als 3 von 10000 beträgt. Errera sagt, die russischen Juden sterben, aber sie bekehren sich nr'cht. Auch die Massenauswanderung hält Errera nicht für das richtige Mittel zur Lösung der russischen Judenfrage; dies sieht er einzig und allein in der vollständigen bürgerlichen Gleichstellung, der Inden in Rußland, lind fürwahr Rußland sollte die Gewährung dieser Gleichstellung nicht schwer, fallen, denn, wie Errera richtig bemerkt, wenn von jedem Lande der Satz Metternichs gilt, es habe die Juden, die es verdient-, von Rußland gilt er nicht, denn es hat viel bessere. Tua res agitnr ruft Errera den zivilisierten europäischen Mächten zu, an Euch liegt es hier einzugreifen und Rußland zur Erfüllung der elementarsten Menschenpflichten zu veranlassen, eventuell es dazu zu zwingen. Das sehr warm geschriebene Buch wird jeden, der etwas Mitgefiihl für seine Brüder in Rußland hat, lebhaft interessieren. d. H. L. Prag. Sprechsaal. Hanau, 10. November 1803. Sehr geehrter Herr Redakteur! 8i dao faciunt idem, non esfc idem, so dachte ich. als ich die Berichtigung meines Freundes S u l z - b a ch in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes las und nun zur Kontrolle seiner Richtigstellung die Bar-Mizwoh-^.abelle des von H. Dr. L o e v y in Grandenz berechnete», beiS. Lehrberger in Rödelheim erschienenen Kalenders verglich. Tiefe Tabelle zeigte, zu meinem Erstaunen denselben Jrrtnm, den H. Sulzbach soeben berichtigt und legt den Verdacht nahe, daß sic nicht selbständig berechnet, sondern ohne Weiteres nachgedruckt ist. — Ich vermute, daß der Fehler diesen und nicht den entgegengesetzten Weg gemacht hat, weil ich weiß, wie früh das Manuskript des Sulzbachschen Kalenders (Verlag: Dt. Lehrberger u. Eo.> in jedem Jahre fertiggestellt wird und ferner, weil ich bereits im Jahre 189!» Gelegenheit hatte, nachzuweisen, daß Herr Dr. L. unvorsichtig und unzuverlässig bei der Berechnung seines Kalenders zu Werke geht. — Die Besitzer des Loevy'schen Kalenders seien deshalb hierdurch wiederholt zur nötigen Vorsicht bei der Benutzung des Kalenders gemahnt und Herr Dr. L. darum gebeten, da er nun einmal ein «prüchworr Lügen gestraft hat, ein anderes zu beachten, nämlich, nachdem er „A" gesagt, auch „B" zu sagen und ebenso wie die Tabelle nun auch die „Berichtigung" nachzudrncken. Ich bin überzeugt, Herr S. wird das zweite Plagiat weniger bedauern, als lnrs erste. Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Redakteur, vorstehende Zeilen in den «prechsaal der nächsten Nummer Ihres geschätzten Blattes aufzunehmen und danke im voraus für die Gewährung meiner Bitte. Hochachtend Dr. Salomo» Bamberger, Provinzial - Rabbiner. M Ans dem Geschäftsleben. Das 1867 in Homburg v. d. H. gegründete Hofphotographische Atelier des Herrn T. H. Boigt hat hier in Frankfurt, Kaiserstr. 6i, ein 11. 'Atelier eröffnet. Herr Boigt hat sich durch seine künstlerischen photographischen Ausnahmen den Ruf einer der ersten Firmen seines Faches in Deutschland erworben. Erst vergangene Woche hat Herr Boigt die Ehre gehabt, in Wiesbaden Se. Majestät den deutschen Kaiser zu photographieren, ebenso wie er voriges Jahr nach Berlin zur Aufnahme der Kaiserlichen Familie beordert worden war. Geschäftliche Mitteilungen. Herr P. E- Plato, Sohn s. Ehrw. des Herrn Rabbiner Dr. Plato in Cöln. welcher 20 Jahre lang in London eine erstklassige, streng koschere Restauration betrieben hat, eröffnete vor kurzem hier, Zeit 23 h, eine streng koschere Privatrestauration. Briefkasten. X. Y. Krakau zählt 49%, Lemberg und Budapest je 25%, Bukarest 14%, Jerusalem 12%, Frankfurt und Amsterdam je 10% der Bevölkerung Juden. B. Kuß. Nach den von uns eingezogenen Erkundigungen sind hier wohl jüdische junge Leute zur Gründung eines Turnvereins zusammengetreten, doch soll derselbe nicht direkt ein .jüdischer" Turnverein sein, sondern nur ein neuer Turnverein, der von Juden gegründet ist. _ Montefiore, Verein zur Pflege der idealen Interessen jüdischer junger Leute. Mittwoch, den 18. November, abends 9 Uhr, Theobaldstraße 5: Bortrag (mit Rezitationen) des Herrn Julius Wertheim, Mannheim: .Die Sage vom ewigen Juden." -<b|| fisSE» Verein zur Pflege jüdische» Wissens. (Tiferes Bachurim). Sonntag, den 15. November, abends 8*1* Uhr, ermesweg 25/27: Bortrag des Herrn Semi hrenfeld: .Das Lied der Deborah." Bereinigung zur Pflege jüdischer Lebensanschanung (RachalaS Zwi). Mittwoch, den 18. Nov., abends 8*/t Uhr, Loge z. Adler, Seilerstr. 22: Fortsetzung des zweiten Lehrgangs (Kerngedanken aus dem jüd. Gebetbuch, Leitung: terr Oberlehrer Dr. Fink). „Das Schemone-Esreebet." Referent: Herr.Jacob Straus. Sonntag, den 15. Rov., abends 6 Uhr, in der Realschule am Tiergarten 52: Vorlesungen für Damen, Besprechung ausgewählter Abschnitte des Pentateuch: Herr Dr. I. H. Bondi. Barmizwohs (Ohne redaktionelle Verantwortlichkeit. Wir bitten um gefl. Mitteilung des Barmizwohs; die Aufliahme geschieht kostenlos.) Samstag, den 14. November: Samuel Horngrad, Sohn des Herrn Josef Horngrad, Wallgraben 12, in der Synagoge der Israel. Religionsgesellschaft, Schützenstraße. Markus Bernhardt in der Waisenhaus- Synagoge am Röderbergweg. Familiennachrichten. Geburten. Ein Sohn, Herrn Israel, Schloßbornstraße 43. Eine Tochter, Herrn Selig, Allerheiligenstraße 42. Verlobte. Rosa Falk, mit Em. Kocherthaler, München. Rosa Guggenheimer, mitJacob Bauer, Krmnbach— Stuttgart. Babette Broda, Reilingen in Baden, mit Lehmann Kirchheimer, Grombach in Baden. Sara Hirsch, mit Emanuel Landau. Frankfurt. Sterbefälle. Spier. Sam.. General-Agent, verh., 65 J.Mendelssohnstr. 69. Chan. Will)., 59 I.. Mannheim. Hirsch, Ernst. 19 I.. Mannheim. Hodenheimer, Moritz. Privatier, Worms. Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem Luach). Sanistag, den 14. Novbr.. Wochenabschnitt Chaje Sorof. Sabbath-Ausgang in Frankfurt a. M., 5 Uhr 30 Minuten, Cassel 5 Uhr 20 Minuten, Berlin 5 Uhr 01 Minuten. Israelitischer Mädcheoklub Fahrgaase 146. NO^ Jeden Abend von 7V2—10 Uhr geöffnet. Wilhelm Glücklich Gegr. Sehillerstrasse 4,1. Gegr. 1879. Frankfurt a. 3L 1879. Immobilien, Hypotheken. Abonnements und Inserate für das „frankfurter Israelit Amilienblatt" nehmen die hiesigen Buchhandlungen: A. Rothschild, Börneslrasse 18, A. J. Hofmann, JLHerhetligenstrasse 81 zu Originalpreisen entgegen; daselbst ist auch stets die neueste Nummer zu 10 Pfg» das Exemplar zu kaufen. Wegen Raummangel erscheint der Schluß von „Patriotismus und Chauvinismus" in nächster Nummer.

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