Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 51 (30.10.1903)
- Date
- 1903-10-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 51 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Jüdische Frauenemanzipation. Es ist schon so vieles für und gegen Frauenemanzipation geschrieben und gesprochen worden, daß Wohl jeder Gebildete weiß, was er davon zu halten hat, und er auch ganz genau die Vor- und Nachteile der Bewegung kennt. Welche Stellung soll aber der Jude resp. die Jüdin dazu nehmen? Soll sie statt über das Kaschrus im Hause zu wachen ihre Klubs besuchen? Soll sie ihre teuerste Pflicht, die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigen. um über die Rechte des Weibes, über seine soziale Stellung zu streiten?' Nein, die Emanzipation des »jüdischen Weibes"' soll nicht mit der der „modemen Frau" identisch sein. Das jüdische Weib, es soll auch dieser Bewegung huldigen, doch seine Emanzipation soll darin bestehen, daß es einoringe in den Geist der Lektüre, die einzig und unberührt von allem Wechsel dasteht, 'daß es seine Lebensweisheit aus der Tauro schöpfe, daß es seinen Tatendrang befriedige. indem es Mizwaus erfülle! Doch da fragt Ihr, Ihr jüdischen Frauen: „Wer soll uns leiten, wer uns Anregung geben zu unseren Studien?" Wohl, sie wird Euch gegeben, sie wird Euch besonders hier in Frankfurt gegeben. Judentum und Pflege desselben, es ist ja G. s. D. hier in so reichem Maße vertreten. Ja, man trügt auch der jüdischen Frauenemanzipation Rechnung. Der Verein, der sich „Das Erbe" unseres großen Rabbiners „Samson Raphael Hirsch" s. A. nennt, er hat auch seine Vorlesungen für die jüdischen, frommen. wißbegierigen Frauen. O, und wer von Euch interessierte sich nicht für einen Vortrag über Goethe oder Beethoven? Das gehört einmal zum „guten Ton!" Interessiert Euch aber auch für die jüdische Litteratur; — begeistert Euch für das diesjährige Programm des „Nachalaß-Zwi-Bereins" und erweitert zuerst bei den Vorträgen über den „Sabbat im Hause" Eure praktischen Kenntnisse — belebet, erfrischet Euren Geist, wenn Ihr dann durch die „Erläutemngen des Pentateuch" tiefer eingeführt werdet in die erhabenen Schönheiten dieser Lehre, deren Gedanken Euer eigen werden sollen, auf daß Ihr sie im Leben betätigt. Glaubet aber nicht, daß diese Vorlesungen nur für unwissende Frauen seien — nein, an Euch — an die Frommen ergeht der Ruf: „Lemet durch sie die hohe, heilige Sabbatlehre noch mehr kennen, um sie in Eurem Reiche — in Eurem. Hause gewissenhaft ganz zu erfüllen." An Euch Ihr Frommen ergeht aber auch der Ruf: „Schöpfet Euren Mut, Eure Kraft, die Ihr im Leben oft so nötig habt, einzig und allein aus dem Geiste der Tauro!" Belohnet dämm mit Eurem Besuche der Vorträge die Bestrebungen des Nachalas-Zwi-Vereines, die darauf aüsgehen, daß das jüdisch Praktische und Geistige gepflegt werde im Hause Jakobs- F. Bücherschau. (Schluß.) Urquhart, Rev. John, Die neueren Entdeckungen und die Bibel. Vom Verfasser äutbrisierte Uebersetzung von E. Spliedt. Band I: Von der Schöpfung bis zu Abraham. Band II: Bon Abraham bis zum Auszug aus Aegypten. Band III: Vom Auszug aus Aeghpten bis zur Philisterzeit'. Band IV: Von der Philisterzeit bis zur babylonischen Gefangenschaft. Stuttgart. Max Kiclmann, 1902, 1903. 333, 331, 333 und 351 S. 8° a Mk. 4.— Im ersten Bande, von dem ich zunächst sprechen will — ein Eingehen auf die gleichwertigen folgenden Bände mir für später vorbehaltend — gibt er uns , eine klare und interessante kurze Geschichte der Ausgrabungen von ihren unscheinbaren Anfängen bis zu ihren imponierenden Erfolgen. Daran reiht sich in -18 Kapiteln der Beweis für die Uebereinstimmung der biblischen Ueberlieferung mit den Ergebnissen der jüngsten Forschungen über die Zeit von der Schöpfung bis Abraham. Eine Auszählung der Kapitelüberschriften möge zeigen, wie sehr die Darlegungen ins Einzelne gehen und nichts einigermaßen Wesentliches vermissen lassen. Die erwähnten achtzehn Kapitel behandeln: die Schöpfungsgeschichte; die „chaldäische Genesis"; die Schöpfung des Menschen; wo lag das Paradies?; die „Mythen" der Genesis (2. Kapitel); die Grundlagen der Menschengeschichte; die vorsintflutlichen Menschen; Traditionen über die Sintflut; die Geologie und die Sintflut; war die Ueberschwemmung der Geologie die Flut der Bibel?; die Einheit des Menschengeschlechts; Nimrod, seine Zeiten und sein Werk; der Turm zu Babel; Abraham und seine Zellen; Abraham keine Mythe; Abraham und Kodor-Laonier; das Palästina Abrahams. Einzelnes als besonders lesenswert herauszugreifen, ist meines Erachtens nicht wohl möglich, die Beweisführung ist überall klar, die Darstellung überall anziehend und fesselnd, und auch da, wo wir dem Verfasser nicht folgen können, erkennen wir gerne den Ernst seines. Strebens nach Wahrheit und Klarheit rückhaltlos an. Es ist das keine Herabsetzung seines Verdienstes, wenn wir behaupten, ihm nicht überall folgen zu können: Er kämpft für die Echtheit des (nicht von uns, sondern von ihm) sogenannten Alten Testaments vornehnilich deshalb, weil er weiß, daß dieses die Stütze des neuen ist, weil er eine unzertrennliche Einheit beider voraussetzt, und deshalb findet er im alten, bezw glaubt er darin manches zu finden, was nach unserer durch die Tradition gesicherten Auffassung keineswegs darin enthalten ist. Er kennt diese Traditionen nicht, darum fehlt ihm manche einfachere und richtigere Lösung vermeintlicher Schwierigkeiten, die uns selbstverständlich erscheinen und die auch er. selbst ohne Kenntnis der talmudischen und midraschischen Literatur, aus modernen jüdischen Werken, z. B. aus dem Pentateuchkommentar S. R. Hirschs sich verschaffen könnte (Dort könnte er z. B. für seine Ausführungen zum Worte „Toladoth", Gen. II. 4 teilweise Uebereinstimmendes, teilweise besser Äufllärendes finden). Bedenklich ist auch die übertreibende Schlußfolgerung. die der Verfasser z. B. an seine Beweisführungen über die Zuverlässigkeit der Flutgeschichte knüpft, in denen er (S. 20l) aus den Worten der Thora Behauptungen herausliest, die darin nicht im entferntesten enthalten sind, und wo er infolgedessen jeden verbindenden Zusammenhang zwischen vorsintflutlichen und nachstntflutlichen Menschen und Tieren bestreitet — eine Schlußfolgerung allerdings, die er selbst nicht konsequent anderwärts auftecht erhält. Diese Einzelheiten sind es, die mich veranlassen, dem Leser des Buches immerhin eine gewiffe Vorsicht anzuempfehlen und — was allerdings kaum nötig ist — namentlich davor zu warnen, daß unreife Leser dasselbe kritiklos vornehmen und seinen Inhalt auf Treu und Glauben hinnehmen. Darum möchte ich mit einigen kleinen Abweichungen das Wort anwenden, das Hirsch seinem Choreb vorausgeschickt hat: „Wenn du etwa eine Verteidigung des göttlichen Buches von diesem Buche erwartest, wenn du es mit Richtergesinnung zur Hand nimmst, um etwa darin, wie aus dem Munde eines Anwalts, ein pro und contra über unsere heiligsten Angelegenheiten zu vernehmen und dich danach über Anerkennung oder Nichtanerkennung göttlicher Wahrheiten zu entscheiden. — lasse das Buch ungelesen". Nur der lese es, der überzeugt von der Wahrheit der Thora etwa einen Beistand sucht, .niederzukämpfen, was in ihm und außer ihm Wahn und Leidenschaft in den Weg stellen". Diejenigen, bei denen die Voraussetzungen zum Studium eines solchen Buches gegeben sind, sei es aufs wärmste empfohlen; sie werden sich fteuen der Liebe und Begeisterung für unsere heiligsten Bücher, sie werden sich mit dem Verfasser fteuen der zahlreichen „Bestätigungen, welche die Forschungen oft für die kleinsten und anscheinend unbedeutendsten Züge in der biblischen Erzählung zu Tage fördert". Sie werden sich fteuen der kräftigen und unwiderleglichen Zurückweisung so mancher nicht erst durch Ausgrabungen ad absurdum geführter, sondern bei näherer Prüfung in sich zerfallender Behauptungen der viel zu sehr gesichteten Bibelkritik *) und sie werden sich neu gekräftigt sehen in der Ueberzeugung von der Erhabenheit, Lauterkeit und Unüberwindlichkeit der ewigen, göttlichen Wahrheit. Ki hi chochmas-ehem uwinaschem beeng hoamunim. B. * * * Mofeth Hador, Biographie des berühmten scharfsinnigen Rabbi Ezechiel Landau, Oberrabbiner zu Prag, von Ksiel Kamelhar. Rszerzow. Selbstverlag des Verfassers. Zu den Größten in Israel gehört R. Ezechiel Landau, nach seinen Hauptwerken auch der „Zlach“ oder „Nodah Bijhuda* genannt, neben Jonathan Eibenschitz. SalmanMoress. Salman Emrich. Sarach Eidlitz der anerkannteste Gaon seiner Zeit. Noch heute gehören seine Werke zu dem unentbehrlichsten Rüstzeug der jüdischen Wissenschaft, und als vor einigen Jahren ein handschriftliches Werk von. ihm ediert wurde, fand es eine auch in der rabbinischen Literatur selten beifällige Aufnahme. Die Biographie eines solchen Mannes geschrieben zu haben, ist an und für sich ein großes Verdienst; dieses Verdienst wird aber wesentlich gesteigert durch die liebevolle Hingebung, mit welcher Herr Kamelhar — ohne der Objektivität seiner Darstellung auch nur im geringsten Abbruch zu thun — diese Biographie geschrieben hat. Er stellt uns den großen Lehrer dar in seinen Bemühungen um das Wohl seiner Gemeinde, um das Wohl der Gesamtjudenheit. Er zeigt uns, wie der noch junge Privatmann ohne Furcht und Scheu dem alten angesehenen Rabbiner von Brodh entgegentritt, wie er doll Mut nnd Energie die Sache Jonathan Eibenschitz verficht — hier polemisiert der Verfasser in äußerst gelungener Weise gegen diejenigen Historiker, die Eibenschitz noch heute als Sabbathianer brandmarken wollen — und wie er endlich den. berühmten Streit um den Clever Get zu schlichten weiß. Er zeigt uns, wie R. Jecheskel seine Gemeinde immer wieder aneifert zu Thora, Awoda und Gemiloth Chassodim, wie er strAtge Maßnahmen gegen den überhandnehmenden Luxus trifft, wie er *) Ich erinnere, um auch hier nur ein .. . zu nennen, an die Ausführungen Urquharts über die Quellenscheidung I, 87 f. und 143 ff. ohne Ansehen der Person Recht spricht und endlich wie er den patriotischen Pflichten der damals größten Judengemeinde des heiligen römischen Reiches gerecht wird. Daß Herr Kamelhar die Abstammung wie auch die Nachkommen Landaus genealogisch genau verzeichnet, ist selbstverständlich. Einige, meist gut verbürgte Anekdoten, von dem wissenschaftlichen Teile streng gesondert. sind dem Buche, teils in Anmerkungen, teils als Anhang beigegeben. Einen weireren Anhang bildet das lichtvolle Gutachten Landaus über die jüdischen .Ehegesetze, das er auf Verlangen Kaiser Josefs abgegeben, zum erstenmale ins Hebräische übertragen. Wenn wir noch hinzufügen, daß das Buch in sehr gutem Hebräisch geschrieben ist, glauben wir unserer diesmal wirklich angenehmen Rezensentpslicht Genüge gethan zu haben. Einzelne sachliche Ausstellungen, sowie verschiedene übergangene Einzelheiten werden wir Herrn Kamelhar übersenden, der in seinem Vorwort alle Leser darum ersucht; da er die Absicht hat. noch eine Ergänzungsbroschüre zum Mofeth Hador herauszugeben. 8 H. L., Prag. * * * Predigten von Rabb. Dr. I. Hirsch, Rabb. und Prediger in Karolinenthal bei Prag. Verlag von Jakob B. Brandeis. 200 S. 8°. Preis 3 Kronen. Wenn man auch nicht durchgehends die Tendenz dieser Predigten billigen kann, so muß man doch anerkennen, dag Vorzüge, wie eine edle, gewählte Sprache, Reichtum an Gedanken und eine klare Disposition diese Predigtsammlung zu einem wirklich lesbaren Buch machen. 8. II. L., Prag. Bunte Chronik. Das B esteuerungsrecht der jüdischen Gemeinden. Das Oberverwaltungsgericht hatte darüber zu entscheiden, ob Juden in mehreren Gemeinden voll zu den Synagogenbeiträgen herangezoaen werden können. Ein Bankier N„ welcher inzwischen aus dem Judentum ausgeschieden ist, hatte nicht nur in Berlin, sondern auch in Potsdam einen Wohnsitz. Als er in beiden Gemeinden mit seinem ganzen Einkommen von über 220 000 Mk. zu den Synagogenbeittägen herangezogen wurde, strengte er gegen den Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin Klage mit der Behauptung an, im Hinblick auf die Tatsache, daß nach dem Kommunalabgabengesetz vom 14. Juli 1893 eine Doppelbesteuerung ausgeschlossen sei. erscheine auch der Schluß gerechtfertigt, daß Synagogenbeittäge in mehreren Gemeinden nicht nach dem vollen Einkommen erhoben werden dürfen. Der Bezirksausschuß erkannte aber auf Abweisung der Klage und betonte: maßgebend sei allein das Statut der jüdischen Gemeinde; dieses verbiete aber nicht die Doppelbesteuerung. Der Vorstand der Gemeinde könne die Beiträge ermäßigen, sei aber dazu nicht verpflichtet. In seiner Berufung hob der Bankier hervor, eine Doppelbesteuerung erscheine nach den Grundsätzen der Steuergesetze nicht zulässig. Vom Oberverwaltungsgericht wurde indessen die Vorentscheidung bestätigt und hervorgehoben, die Bestimmungen der Steuergesetze können hier nicht zur Anwendung kommen; maßgebend sei hier allein das Statut der jüdischen Gemeinde. Hiernach dürfe der Vorstand eine Ermäßigung eintteten lassen, eine Verpflichtung dazu bestehe jedoch nicht. Personalien. Frankfurt a. M. In den Vorstand der Israelitischen Gemeinde sind an Stelle der ausgeschiedenen Herren Direktor Hochschild und Rechtsanwatt Platte die Herren Direktor K. Herzberg und Direktor >S. Wormser zu Vorstandsmitgliedern gewählt worden. Berlin. Am 18 crt. verschied Herr Rektor Hermann Cohn, Lehrer an der Jüdischen Gemeindeknabenschule in Berlin. Der Verstorbene hat 17 Jahre lang in Rogasen gewirkt. Königsberg. Herr Sau (Kanter, 'Lehrer an der Retigionsschule der „Adaß Israel", ist gestorben. Buk. Herr Rabbiner Joel David Gutwirth ist am 23. crt. nach 23jährigem Wirken in hiesiger Gemeinde gestorben Meiningen. Bei den Wahlen für den Landtag sind unsere Glaubensgenossen Rechtsanwalt Dr. Michaelis in Hildburghausen wieder-, Kommerzienrat Strupp in Meiningen und Ämtsgerichtsrat Dr. Leder mann in Poegneck neu gewählt worden. Rheinland. Das Hermann Pütz'sche Ehepaar in Köln, Elstergaffe 22, und das Heimann Ar end t'sche Ehepaar in Essen feierten in Rüsttgkeit das Fest ihrer goldenen Hochzeit. Lemberg (Oesterreich). In Czorttow ist der Großrabbiner Friedmann, der auf die orthodoxen tuden in Galizien und der Bukowina einen großen influß ausgeübt hat, im 92. Lebensjahre gestorben. Wir bitten unsere geehrten Leser sich be- Einkäufen auf bas Frankfurter Israel. Familiewdlatt beziehen zu wollen.