Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 50 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu M 50 des Fraaksarter Israelitischen Familienblattes. Das neue Gebäude für die Edler von Lämel-Schule zu Jerusalem. Am 11. Aw fand die feierliche Eröffnung des neu I Feier, alles das zusammen machte einen tiefen Einerrichteten Gebäudes der Lämel-Schule in Anwesenheit I druck auf alle Anwesenden und wird einstimmig als eines zahlreichen und distinguirten Publikums statt. | ein Kiddusch haschem bezeichnet. Die Eröffnungsfeier war eine solche, wie sie in Jerusalem nie zuvor erlebt war; es war ein Fest, bei dem Glaubenstreue und friedliche Ordnung sich den Schwesterkuß gereicht und dos Prinzip, der Lebensgeist der Schule „ernst religiöser Sinn, die alte' unverso recht veranschaulicht wurde. Das stattliche Gebäude, eines der schönsten in Jerusalem, die festliche Dekoration, der geschulte Gesang von 180 frischen Kehlen,, die sabbatlich gekleideten jüdischen Handwerker und Taglöhner, deren 200 an dem. Bau beschäftigt waren, der hebräische Bortrag seitens.Zöglinge des Kindergartens, einer Tochteranstalt der Lämel-Schule, die weihevolle Rede seitens des Rabbinats in der Sprache unsrer heiligen Lehre, die eindrucksvollen Ansprachen seitens der Vertreter der Regierungen, unter deren Schutz Schule und Gebäude stehen, und die musterhafte Ordnung während der ganzen Manche der Anwesenden haben Frcudcntrünen vergaffen, für jeden der Teilnehmer jedoch wird die schöne Feier unvergeßlich bleiben. (Nachdruck verboten.) Briefe aus Rußland. (Schluß). Ich habe in meinen bisherigen Ausführungen wiederholt Gelegenheit gehabt, des russischen dirigierenden Senates zu erwähnen. Es dürste daher angebracht erscheinen, wett» ich au dieser Stelle das Verhältnis dieser höchsten rechtsprechenden Institution Rußlands zu den Juden kurz skizziere. In der Tat spielt der Senat, zu dessen Hauptaufgaben seit Jahren die Judenprozesse gehören, eine sehr bedeutsame Rolle im Leben der russischen Juden. Schon allein in Bezug auf die Maigesetze hatte der Senat in den letzten 20 Jahren in mehr als 20000 strittigen Fällen zu entscheiden, und man kann nicht eben sagen, daß die Entscheidungen meist ungünstig ausgefallen wären. Man würde aber fehlgehen, wollte man glauben, der dirigierende Senat lasse sich in seinen Rechtssprüchen von der Tendenz leiten, dem Judenelcnd nach Kräften zu steuern. Meines Dafürhaltens dürfte es sogar schwer sein, sich ganz allgemein ein Urteil darüber zu bilden, ob der Senat überhaupt das ist, was er sein sollte: ein Rat der Weisen, eine Versammlung von leidenschaftslosen, unerschrockenen Wahrheits- und Gerechtigkeitsmenschen, oder ob er vielleicht nur eine willenlose Kreatur, ein blindes Werkzeug in den Händen der Machthaber ist, stets bereit sein Mäntelchen nach dem am Hofe wehenden Winde zu hängen, jenem römischen Senate der Verfallszeit nicht unähnlich, der eines' Kaisers Lieblingspferd zum Eonsul machte. Soviel aber scheint fest zu stehen, daß sich der Rat der Greise in seiner Stellung zu den Juden von keinem einheitlichen, durchdachten System leiten läßt. Das Zufällige, Episodenhafte, Systemlose und daher oft Widerspruchsvolle in seinen Entscheidungen ist zu augenfällig. Es bleibt mir nur noch übrig, einiges über das Verhältnis der Zentralrcgierung zur Judenfrage zu sagen. Ein Prinzip, von dein man in Petersburg bei Behandlung der Judenfrage immer und in allen Fällen ausginge> läßt sich kaum angeben. Der Widersprüche giebt es nur zu viel. Eines aber steht fest, daß man sowohl mit der Politik Nikolaus I., die Juden zwangsweise der Assimilation zuzuführen, als auch mit der Alexanders II., die Assimilation zu prämieren, endgültig und für alle Zeiten gebrochen hat. Zu dem voll und ganz akzeptierten System Alexanders III., oder, richtiger gesagt, Pobjedonoszew's, welches darin bestand, die Juden zu isolieren und sie als. Konkurrenten der 'Russen auf ökonomischem und intellektuellem Gebiete unschädlich zu machen, kam noch die Plehwesche Tendenz hinzu, sie für die Ursache aller Mißstände im Leben des Stammvolkes zu erklären und sie demgemäß auch bei jeder erwachsenden politischen und sozialen Misere als Sündenbock heranzuziehen. Vor einem Jahre machte v. Plehwe die Juden für die ganze revolutionäre Bewegung in Rußland verantwortlich und drohte, auf dieselbe mit Judenexzessen zu reagieren. Daß Plehwe auch Wort halten kann, hat uns Kischinew gezeigt, v. Plehwe bleibt sich auch jetzt treu, trotzdem die Kischinewer Tragödie von seinen dummen Helfershelfern so ungeschickt inszeniert wurde, daß jeder hinter die Kulissen hineinblicken konnte. Er hatte die >L>tirne, noch vor Kurzem einer jüdischen Deputation zu erllären, daß das ministerielle Zirkular anläßlich der Exzesse (der mit der aus den Ministerfingern gesogenen Legende von dem Karoussel und den sieben anderen unverschämten Lügen und Verleumdungen an die Adresse der Juden) die Tatsachen wahrheitsgetreu schildere und auch sehr judenfreundlich versaßt sei, daß er daher kein anderes Zirkular erlassen könne. „Ihr seid in Rußland Fremde und deshalb müßt Ihr bescheiden in Euren Forderungen sein," erllärte der Herr Minister den Deputationsmitgliedern. „Ihr sollt Euch darüber llar sein," fügte er hinzu, „daß, wenn Ihr' Eure Jugend von der Teilnahme an den revolutionären Strömungen nicht fernhalten werdet, toir Eure Lage unerträglich gestalten und Euch nötigen werden, Rußland ganz zu verlassen." Daß diese Worte v. Plehwe's ernst zu nehmen sind, zeigt uns unter anderem auch die Antwort, welche das Mitglied des Kaiserlichen Rates Aerard ebenderselben Deputation erteilte. „Ich persönlich bin überzeugt," sagte er, „daß es für Rußland ein Glück wäre, wenn man den Juden erlaubt Hütte, im Inneren Rußlands zu wohnen; unser Volk ist träge und unkultiviert; die Juden hingegen sind unternehmungslustig, energisch: sie hätten Handel und Industrie bald auf die gewünschte Höhe gebracht. Es wäre jedoch ein großes Verbrechen, Erich in dieser Beziehung Hoffnungen zu machen. Ihr habt nichts zu erwarten." „Eine derartige Lösung," fügte er bedeutungsvoll zu, „steht im Widerspruch nril den subjektiven Neigungen einer gewissen Persönlichkeit, mit der inan nicht kämpfen kann." Man vermutet, daß diese Persönlichkeit entweder Nikolaus U. selber, oder die Kaiserin-Mutter ist. So verhält sich die regierende Clique zu uns. Man heuchelt ernste Befassung mit der Judenfrage, tatsächlich aber entzieht man Uns immer mehr und mehr den Boden unter den Füßen und möchte uns allesamt dort haben, wo der Pfeffer wächst. Wenn ich nun meine Ausführungen kurz resümieren soll, so muß ich sagen: die Lage ist eine so furchtbare,daß man aufdie Zeiten der Inquisition und der Kreuzzüge zurückgreifen muß, um hi st arische Parallelen zu finden. Millionen unserer Brüder leben auf einem Vulkan, wo sie fortwährend der Gefahr ausgesetzt sind, von der elementaren Wut der Volksleidens «hast, dieplötzlichwieeine Lava zum Ausbruch kommen kann, zermalm t z u. w e r d e n. Es ist daher die heilige Pflicht eines jeden Juden, sich den Ernst der Lage zu vergegenwärtigen und danach zu handeln. Almosen können hier nicht helfen. Nur durch ein Zusammengehen und Zusammenwirken der gesamten Judenheit läßt sich eine dauernde Whülfe ermöglichen. 6. Sprechsaal. (Für diese Rubrik übernimmt die Redaktion keine Verantwortung.) Zur Warnung resp. Vorsicht für alle Mohelim mögen folgende Zeilen dienen: _ Am Donnerstag, den 8. Oktober, war Herr «amuel Krämer aus Niederweisel bei Butzbach bei mir, um mir im Auftrag seines Sohnes, des Herrn Adolf Krämer II., die Mizwoh Miloh beim «Lynchen des Letzteren zu übertragen. Wenngleich ich auch zuerst in Rücksicht auf die Kaschruth-Berhältnisse keine Zusage machen wollte, so erllärte ich mich nach längerem Zureden schließlich bereit, mit der Bedingung, daß mir Gelegenheit geboten sei, jede Mahlzeit in der Suckoh zu genießen und daß das Fleisch den von mir gestellten Bedingungen in Bezug aus Schauchet, Metzger und Kochart entsprechen müsse: Betrejfs der Suckoh sagte mir hierauf Herr Samuel Krämer — nebenbei bemerkt ein Mann von 68 Jahren —, daß sein Sohn eine sehr schöne Suckoh habe und betresss des Essen gab er mir sein Ehrenwort, Alles so zu machen, wie ich es ihm vorschreibe. Ich machte ihn noch ausdrücklich darauf aufmerksam, daß, falls ich auf irgend eine Weife betreffs dieser Bedingungen betrogen sei, ich die Angelegenheit in den jüdischen Zeitungen mit seinem vollen Namen veröffentlichen würde. Ich reiste nun am Hauschanoh rabboh nach Mederweisel und traf daselbst ca. 1 Stunde vor Beginn des Jontef ein. Mein Erstes war natürlich, von der Suckoh zu sprechen und erwiderte mir darauf Herr Samuel Krämer, die Suckoh sei eben nicht. in Ordnung. Selbstredend ersuchte ich ihn, dieselbe noch vor Jontef in Ordnung zu bringen. Kurz vor Beginn des Jontef fragte ich nochmals, ob die Suckoh jetzt in Ordnung sei und war nicht wenig erstaunt, jetzt von diesem ehrenwerten Herrn zu hören, daß überhaupt gar keine Suckoh vorhanden sei. Ich kann nebenbei bemerken, daß die Familien Krämer in sehr guten Verhältnissen leben und daher sehr wohl im Stande sind, sich die Kosten für eine Suckoh zu leisten. Aus meine weitere Frage, wer sonst eine Suckoh habe, erfuhr ich jetzt, daß in der 18 Familien zählenden Gemeinde nicht ein Einziger, nicht einmal der Lehrer, eine Suckoh habe. Es ist wohl jedem Leser dieser Zeilen llar, daß ich mit diesem ehrenwerten Herrn Samuel Krämer, der das Greisenalter nahezu erreicht hat, nun nicht mehr sehr sanft umging und ihm bei jeder Gelegenheit diesen doppelten Betrug vorgeworfen habe. Daß ich nun auch in Bezug auf das Essen mißtrauisch geworden war und infolgedessen fast nichts mehr aß, fiel natürlich aus. Als mich dieser ehrenwerte Herr hierüber frug, gab ich ihm das bekannte Sprichwort zur Antwort: Wer einmal lügt, dem glaubt . man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht. Ein Sunchasthoraball fehlte natürlich nicht, dazu hatte man noch Geld übrig. Dieser Ball nahm schon am Schemini azeres Nachmittags 4 Uhr seinen Anfang. Wie es die Teilnehmer dieses Balles mit dem Maariw-Gebet, mit Kiddusch und der Jontef-Mahlzeit gemacht haben, weiß ich nicht. 'Meine Bitte geht nun un alle Herren Bezirksrabbiner, aus die Gemeindevorsteher der ihnen unterstellten Gemeinden einwirken zn wollen, daß in jeder Gemeinde wenigstens eine Suckoh auf'Gemeindekosten hergestellt wird, da, sonst leicht der Fall eintreten kann, daß sich bei eintretendem Bedarf kein Mohel aufsinden läßt. Ein Mohel. Vakanzen. Turnau (Böhnien). Rabbiner, der zugleich Kantor und Lehrer sein muß. Beherrschung der deutschen und der böhmischen Sprache. Gehalt Kronen 1600, freie Wohnung und Nebeneinkommen. Bunte Chronik. Wie die „jüdische Frage" gelüst werden kann, darüber können wir einige sehr bemerkenswerte Worte in einer Schrift des englischen Philosophen David Hartley <1704—1757) lesen. Dieser große Denker schlägt einen Plan vor, der mit den Bestrebungen der zionistischen Bewegung übereinstimmt. Die Stelle, die wir im Auge haben, befindet fich in Hartley's „Betrachtungen über den Menschen", (Observations on mao), deutsch von Pistorius. Bd. 2 S. 420, und lautet folgenderweise: „Ich finde es für wahrscheinlich, daß die Juden einst in Palästina wieder werden cingesührt werden, und zwar außer den Weissagungen des alten und neuen Testaments aus folgenden Gründen: Erstens find sie ein von allen Nationen verschiedenes Volk, von der Vorsehung wahrscheinlich für irgend eine Gunstbezeugung aufbehallen. Zweitens. In allen Ländern der bekannten Welt sind Inden; ohne Drittens in irgend einem Lande ein Erbteil zu haben. *) Ihre Güter sind Geld und Juwelen, die sie nach Palästina leicht mitnehmen könnten.**) Viertens. Bon den Nationen, unter welchen sie leben, werden sie meistens mit Härte und Verachtung, oft mit Grausamkeit behandelt; dagegen Fünftens stehen sie unter sich durch die ganze Welt in Briefwechsel; haben auch bei solchem Sechstens an ihrem Rabbinisch-Ebräisch eine Universalsprache und Charakter, welche Umstände, mehr als wir es uns vorstellen, ihre Rück» kehr erleichtern könnte. Endlich erhallen sie sich stets hiezu in Hoffnung und Erwartung." B. F. *) Wenn dies auch heute nur aus bestimmte Länder zutrifft, so hat ja das zionistische Hilfswerk die Juden eben dieser Länder im Auge. —) Damll werden unsere für die Auswanderung bestimmten russischen und rumänischen Brüder gerade nicht beschwert werden.