Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 43 (28.8.1903)
- Date
- 1903-08-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage p Nr. 43 des Frankfurter Israelitischen FaMenblattes. (Nachdruck verboten.) Cheiderkinder. . Novelle aus dem Emigrantenleben von S. Schachno Witz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung.) ' Es war still ringsumher. Still und ernst schauten die hundertjährigen Bäume vom Hügel herunter. Sahen sie vielleicht zum ersten Mal unter ihnen einen Freuudschaftsbund unter solchen Umständen schließen? ... Da erhob sich plötzlich Scholem und indem er seine Hände am Grase befeuchtete, sagte er einfach: „Wollen wir nicht „Maariw dawnen?" (Abendgebet verrichten.) „Maariw?!" — Ter Marinesoldat lächelte und der Ausdruck bittern Spottes icmzog sein Gesicht. Maariw! Er hatte dieses Wort lange nicht mehr gehört. Wer freiivillig zur englischen Miliz geht, der hat Maariw, sowie anderen derartigen Kleinigkeiten längst definitiveil Abschied gegeben, lind als er das Wort nach mehreren Jahren jetzt wieder hörte, hatte es für ihn einen urkomischen Klang. Er tat den Mund auf, uin etwas zu erwidern. Aber damit hatte sich das spöttische Lächeln verflogen. Er wurde ernst. „Und er ist b a r m h e r z i g, vergiebt die Sünden, wiederholt wird er seinen Zorn widerrufen und nie läßt er seinen Grimm ganz erwachen- Gott o hilf! König, erhöre uns, da wir Dich anrnfen!!" Der Engländer wagte es nicht, die Andacht seines Kollegen zu stören. Andächtig hörte und begriff er jedes Wort. Ein unsagbares, seit Jahren nicht gekanntes Gefühl übcrkam ihn. "Alles lag in diesem Gefühl; sein Leben, seine Vergangenheit, seine ganze Welt von Hoffnungen und die der Enttäuschungen. „Er ist barmherzig," rief es aus tausend Stimmen in seinem Innern. „Er vergiebt! Noch ist es Zeit!" Auch er richtete ernst und andächtig seine Blicke nach oben und von selber kam das Gebet auf seine Lippen. „Echod!!!" — betete indes sein Gefährte in gedehntem Tone — „der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig!" Still ringsumher. Weiße verschwommene Nebeltvellen rollten ans der schimmernden See zum Horizonte, die Wipfel der Bäume lauschten und schüttelten andächtig ihre Kronen. Eine stumme Träne stand in den 'Augen der beiden Freunde. „Cchod!" Verschiedener Wasfenschattierung, verschiedener Nassen und Nationen, für die sie das Schwert schwingen. Verschiedene Uniformen und verschiedene Verhältnisse! Aber, Echod, der Einzig einige hat sie vereinigt, hier in der Hecke unter Waffengeklirr und Kricgsgeheul sie znsammcngeführt und in einem Momente,' wie durch ein Wunder, ein festes Band um sie geschlungen. . . . „Echod!" — betete and) der Engländer langsam und gedehnt, so andächtig, wie er vielleicht noch nie in seinem Leben gebetet hat. Er fühlte, daß er auch den Einzigen, seinen Gott bei der Gelegenheit wieder gefunden. . . . Es lvar höchste Zeit zum Aufbrnchc. Aus der russischen Kaserne kamen die trillernden Töne des Sammelhorns herüber. Von der anderen Seite hörte man ein taktmäßiges Trommelschlagcu. Von allen Seiten drang das Stimmengcwühl' heimkehrender Soldaten. Die beiden Freunde drückten sich stumm und innig die Hand und verabschiedeten sich ans möglichst baldiges Wiedersehen. * *. 8. Kapitel. Seit dieser Zeit trafen sich die beiden neuen Freunde öfters. Der 'Abend, an dem sie sich zum ersten Male fanden, bedeutete für sie eine Dcnkzcit und das stille Plätzchen im Tale, bekam historischen Wert. Die Verschiedenheit ihrer Eharaktere machte sich sofort geltend, wirkte aber nicht trennend. Denn im Grunde waren sie der gleichen Erziehung entsprossen; erst die späteren Verhältnisse gaben ihrem Leben Richtung und Form und das Soldatenleben ans fernem Boden wob um die Freundschaft ein unzertrennliches Band. Motel, oder, wie er sich jetzt nannte, Milton Marksen, war nicht nur dem Namen nach, sondern nach seinem ganzen inncrn Wesen ein anderer geworden. Die Brutalität seiner Geschicke hatte ihn abgehärtet, abgestumpft und er glaubte in dieser 'Abstumpfung und resignierten Gleichgiltigkeit das Ziel seines Lebens, den 'Abschluß seines Streben; erreicht zu haben. Geboren im lithauischcn Ghetto, gezogen im Ehedcr, war seine Welt eine beengte, sein .Horizont ein beschränkter geblieben. In der „Jeschiwoh" lernte er zufällig die Haskoloh (Bildung) kennen; sie lehrte ihn die Beschränktheit seines Lebens, die Einseitigkeit seiner Gedankenwelt und die ganze Nutzlosigkeit seines bisherigen Treibens, ohne jedoch dafür Ersatz zu bieten. Sie brachte einen Hauch der Zivilisation aus der weiten, großen Welt in sein enges Leben hinein. Von dieser Welt, von dieser Zivilisation träumte er bei der „Gemoroh" Und hinter den Büchern als vom Inbegriff alles menschlichen Glückes und geistiger Vollkommenheit. „Dort" — dachte er im Stillen — „dort im Auslande, in Westen, an der Quelle des Wissens und der Bildung, dort ist auch die eigentliche Welt, der richtige Kulturmensch, das wirkliche Leben, das dem Menschen jenes unklare, voic ihm ersehnte Glück bietet." Als ihn bald daraus das Schicksal aus dem engen Raume heraus mitten ins Gewühl dieser großen, glücklichen Welt setzte, so plötzlich, ohne liebergang und Einleitung, da wirkte schon die erste Enttäuschung erschütternd auf sein träumerisches Gemüt. Die Sorge um seine Existenz in diesem wogenden Menschenmeer, als welches er London fand, das Mißlingen all seiner Unternehmungen nahm-ihm den Mut und die Hoffnung. Seine Unbeholsenheit und sein Mißgeschick gerade in der Welt seiner Ideale erfüllten ihn mit Mißtraue» gegen dieselbe. Er schrieb anfangs die Schuld sich selber zu. „Er sei sür diese Welt nicht geschaffen" — sagte er sich — „seine physische und geistige Entwicklung sei für dieses bunte Leben nicht berechnet." Dann sah er aber das heimische Elend; die hungernden Arbeiter, das ewige Haschen und Jagen andererseits, den alles mit sich reißenden Egoismus und die ewige Unzufriedenheit auf allen Seiten. Er verzweifelte um diese Zivilisation; es war nicht allein das eigene Elend, lvas er empfand, als der Schmerz um die Welt seiner Träume, die nun auch wie im Traume für ihn verflog. Allmählich jedoch lernte er sich in seine Lage hineittfinden. Er fühlte, daß er sein wahres Glück drüben, im engen, ihm so verhaßten Raume gelassen; aber ein tiefer Abgrund lag dazwischen, es gab kein Zurück . . . Fing aber die Verzweiflung bei ihm an, so verzweifelte er an allem; die Resignation hatte an seinem Geiste ihr Zerstörungswerk g a n z vollsiihrt und verschonte auch das Allerheiligste nicht. Als er nach sechs Jahren sich in jener Spelunke für die Miliz anwerben ließ, wähnte er sich, ohne Glauben undohne Hossnung, ohne Liebe und ohne Gott und glaubte es um so mehr, als er sich jetzt Scholem gegenüber befand. Dieser, der seinen heimischen Namen Scholem Schulmann auch im neuen Leben unter den Kosaken behalten, war der krasse Gegensatz des erstere». Seine Erziehung war eine regicläre und weniger einseitige. Das Leben im Heimatslande gefiel ihm; er verlangte nichts besseres. Er entschloß sich nur unfreiwillig zur Auswanderung. Das Glück, das er drüben zu finden hoffte, harrte, wie er glaubte, jetzt noch seiner. (Fortsetzung folgt.) / Sprechsaal. \ /Geehrter Herr Redakteur! Veranlaßt durch eins' Bemerkung des Herrn r'lhron Marcus in seinem jüngsten Aussatz (Nr. 40, Der (!. Zionisten-Kougreß) über den Messias. als Eselreiter, halte ich es im Interesse der Leser dieses geschätzten Blattes für angebracht, die betreffende Stelle im Talmud, von der dieses Bild kommt, anzuführcn und zu erklären: Der Perscnkönig Sapor, so erzählt der Talmud „Sanhedrin" Folio!)8 unterhielt sich mit dem großen Talmudlehrer Samuel (Samuel mar wahrscheinlich Arzt am königlichen Hofe) und zwar über den Messias. „Wohl," sagte der König, „ihr erwartet den Messias auf einem Esel. Ich möchte ihm ein schönes, hochfein gesatteltes Pferd anbietcn." „Ja," antwortete Samuel, „ein weißes Roß würde der Messias gerne als Huldignngsbewcis aus Deiner Hand annehmen." Dieses Gespräch, so merkwürdig es auch scheint, bedarf nur der natürlichen Erklärung. Wäre nicht die Ucberzengung, daß Israels Zerstreuung unter die Völker, was die Dauer anbetrifft, nur eine Zeitfrage ist, und würde nicht die Hoffnung bestehen, daß ein jeder Tag der heilbringende sei» kann, — dann wäre cs undenkbar, daß das überall mehr oder weniger zurückgesetzte Israel so untergeben, so verfolgt, so geplagt, die Diasporaschmerzen aushaltcn könnte. Nur die Hossnung, der Glauben, die lleberzengung an die Herstellung seiner Rationalität hält Israel aufrecht. „Und der Judenkönig," fragte Sapor, „wird er Rache nehmen, sich an die Spitze seiner Krieger stellend, reitend auf einem Esel? Ich möchte ihm ein rotes, feuriges Roß schicken. Dein Fürsten, dem Krieger ziemt, daß er sich an das Haupt seines Heeres stellt, kriegesbereit, Rache nehmend für das tausendjährige Leid, ihm angetan von jenen Völkerschaften, die ihre Größe zeigten in Hochmut und Raubgier." „'Nicht doch," antwortcle der Amoräer Samuel, „nicht in Krieg zeigt sich Israels Zukunftsbild, Israels Messias sucht das Glück seines Volkes, reitend, auf das Lasttier angewiesen, um auf friedlichem Weg ans mercantile Weise die Verbindung mit den andern weltbeherrschenden Nationen anzuknüpfen. — Ja! als Sieger wird er sich zeigen, und der Sieger wird auf einem lveißen Roß in seine Residenz einzieheii. Diesen Schimmel wird Messias gerne aus Deiner Hand empfangen." — Der Esel ist ein, in der jüdischen Geschichte, bekanntes Tier, nnd unsere Midrasch-Weisen (Jalkut Reubenie zu Exodus IV 20) geben von ihm eine bemerkenswerte Vorgeschichte. Als am sechsten Tage der Mensch (nach dem Paradicsvorsall) in die Welt geschickt wurde und schon fast der Vorabend des Sabbats im Anzug war, rief 'der Allgütige die Eselin. „Dir wird später einmal 'auf einen Augenblick das Sprachvermögcn znerteilt lverden," sprach Gott zu ihr. „ES wird nämlich einmal ein heidnischer Prophet wagen, einer von mir zur Bildung der sittlichen Welt ausgewählten Nation sluchen zu wollen; — in diesem Augenblicke sollst Du von Deinem Sprachvermögen Gebrauch mache», damit er von seinem Vorhaben abstehe und die Eselin nahm das Geschenk bereitwillig an. Der Eselin wurde ein Esel geboren, und dieser Esel ward bestimmt: Abraham zu tragen, als er zic der Akeda fuhr, Moses zu trage», bei der Erlösung aus Egypten, um sie für den Empfang der Gesetze vorzuberciten, den Messias zu tragen, wenn er der Welt das künftige Heil bringen lvird." Die Welt, so lesen wir in den Pirkö Owaus, steht auf drei Pfeilern: Gottesdienst, Gesetz und LiebeStätigkeit. Diese drei Pseiler zu befestigen, ist des Menschen Ausgabe. Aber erst dann kann das Gute bahnbrechend sein, wenn das Schlechte gebannt: denn so heißt es: (Psalm 3415) Entferne Dich erst vom Schlechten und dann übe Gutes. Nicht sollst Du fluche», untergraben das bestehende Recht. Die Sprache ist der Eselin gegeben, dieses zu verhüten, und als die Eselin bereit war, diese ihre Ausgabe auszusüllen, ward ihr der Esel geboren, welcher die Träger der Religion und des Gesetzes Pfeiler zu ihrem Ziele führte. Die Vertreter des jüdischen Kultes und des jüdischen Gesetzes haben nicht mit Geschütz und Scheiterhaufen die Begriffe der Abaudo nnd der Thora verbreitet, sondern im rüstigen Fortschreiten auf dem Rücken des Lasttieres; und die Menschenliebe wird in dem Judenkönig, dem künftigen Messias, den Träger der Menschenliebe erblicken; denn so heißt es (Jesaja 54, 14): Durch Liebestätigkeit wirst Du aufgerichtet — und auch er besteigt den Esel. DaS ist das Bild des Eselreiters und der Eselreitee. . Liepman Ph. Prins, Frankfurt a. M. (SIL Personalien. Damboritz (Oesterreich). Am IS. ds. feierte der Bezirksrabbiner, Herr Samuel Hahn, sein vierzigjähriges Dienstjubiläum. Komotan lOesterreich). Rabbiner Sigismund Rosenberger begeht am Samstag, den 29. er., das Fest seiner 25 jährigen Tätigkeit. Mülheim a.Ruhr. Herr Lehrer Op p en h eimer tritt am 1. Oktober nach 43 jähriger Tätigkeit in den Ruhestand. Heldenbergen. Am IS. ds. feierte Herr Lehrer Werth eimer sein 40jähriges Ortsjubiläum. . Zabern (Elsaß). Herr Rabbiner Dr. Staripwlsky beging am 23. er. sei» 25 jähriges Dienstjubiläum. Aussig. Hier starb nach längerem Leiden im 55. Lebensjahre M. 14 Dr. Jakob Men dl, Distriktsarzt, Vorsteher der israel. Kultusgcmcinde in Aussig. Bakanze«. Höchberg. Lehrer für israelitische Präparandenschule per 15. Oktober. Anfangsgehalt 1620 Mk. Offerten mit Zeugnisabschriften bis zum 10. September dem Kuratorium einzureichen. Jaeobshagen i. Pommern. Borbeterund Schächter zur Aushülfe vom 15. September bis 15. Dezember. Einkommen Mk. 100 pro Monat. Meldungen an den Vorsteher Herrn Louis Rosenthal. Gedern (Oberheffen). Religionslehrer und Borbeter per bald. Gehalt 1100 Mk., sowie freie Wohnung und Nebenverdienst. Meldungen dem Vorsteher, Herrn Maier Boehl, einzureichen. Kirf <Reg -Bez. Trier). Kantor und Religionslehrer per sofort. Gehalt nach Uebereinkunst. Meldungen unverheirateter Bewerber, vom Vorsteher, Herrn Emanuel Levy, erbeten. Brieflasten. Herrn st. Ihrem Wunsche gemäß berichtigen wir in der Mitteilung aus den: Amte Langen, daß das überfahrene Kind nicht 9, sondern l'Z Jahr alt war. Daß es nicht das Kind des Herrn Rothschild war und daß Herr R. vollständig schuldlos an dem bedauernswerten Vorfall ist, geht ja aus der Notiz hervor. Familieuuachrichterr. Geburten. Ein Sohn, Herrn I. Rosenthaler, Frankfurt, am Thiergarten 62. Ein Sohn, Herrn Max Grünewald, Frankfurt, Kronprinzenstr. 22. Sterbefälle. Zerlina Heinemann. geb. Grünbaum, 7S Jahre, Frankfurt, Elbestraße 46.