Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1903-08-14 · Heft 41 (14.8.1903) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 41 (14.8.1903)
Date
1903-08-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2692297-2692298-2692338--00407-2694784
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Beilage zu Nr. 41 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. ' Der sechste Zionisten-Kongretz. Zn diesem Thema ergreift Herr Ahron Aiarcus »ach langer Zurückgezogenheit wiederum das Wort, uni eine Lanze für den Zionismus zu brechen. Leider aber scheinen seine Ausführungen sich gegenseitig anfzuhebeu und zu widersprechen und sind geeignet, falsche Anschauungen zu erwecken. Bei dem großen Ansehen, das Herr Marcus genießt, sind mir gezwungen, mit einigen Worten darauf hinzuweisen. Bon der verehrlichen Redaktion, die sich schon dadurch vou den jüdischen Zeitungen in Deutschland zum Borteil unterscheidet, daß sie es nicht, wie bie meisten ihrer Kolleginnen in großer Objektivität ... es tun — den christlichen Zeitungen überläßt, über den Kongreß und die bedeutenden Vorgängen im zionistischen Lager die jüdischen Leser zu unterrichten, erwarten wir, daß sie diesen Worten Raum gewährt. Wenn man die Worte des Herrn Marcus in dem ersten, in dem zionistischen . . . Teile, die in die Worte ausklingen: „Die Gesetzestreuen waren damals (in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts) noch fromm gelehrt und tolerant genug, um an der Ber b in d un g so heterogener Elemente ini Interesse d e S Judentums und der Humanität nicht den leisesten Anstoß zu ii e h in e ii" und damit seine Ausführungen im zweiten Teile, insbesondere den gereizten Ton, in dem dieselben vorgebracht worden, vergleicht, so ist man versucht, daran zu zweifeln, ob beide Teile von einem und demselben Berfasser geschrieben sind. Außerdem leidet der letztere Teil an solcher Unklarheit, daß sowohl die Gegner, als auch die An Hänger des Zionismus in große Verlegenheit kämen, wollten sie sich in die moralischen Ohrfeigen, die da nur so herunterregnen, ehrlich teilen. — — — Herr A. Aiarcus gehört sicherlich zu den tem peramentvollen 'Naturen, die nicht daraus eingerichtet sind, ihre Worte auf die Goldwage zu legen, bevor sie sie prägen, aber man kann ja scharf, sehr scharj sein, .ohne den guten Ton zu verletzen. — „Landstreicher," sehr geehrter Herr, sind wir alle, das ganze jüdische Volk streicht seit 2 Jahrtausenden von Land zu Land herum; und auch in dem Momente, wo sie diese Worte geschrieben haben, befanden sich viele Tausende unseres Stammes auf den Land' straßen! ... „Halb - Renegaten" dürften auch nach .ihrem Standpunkte diejenigen sein, die mit zum Himmet verdrehten Augen ihr eigenes Volk in der Not feige im Stiche lassen, denn damit haben sie nicht nur allen Grundgesetzen des Judentums zuwider gehandelt, sic begehen noch obendrein einen furchtbaren „Ehilul- Haschem," indem sie die Gefühllosigkeit ihres Herzens mit den Fittichen unserer heiligen Thora bedecken wollen, da sie ihr die Verantwortung ihres unnatürlichen Verhaltens zuschreiben: Dadurch aber, daß sie sich vom jüdischen Volke lossagen, haben sie sich auch von der Thora losgesagt, denn dieselbe ist nur dem jüdischen Volke, nicht dem Einzelnen und auch nicht einer wie immer gearteten Gesellschaft anvertraut worden. Wenn in unserer Mitte sich solche junge Individuen befinden,-die so sehr den Haß des Herrn Marcus herausfordern, so möge er nicht vergessen, daß wir am „Jom-Kipur" uns für Sünden an die Brust schlagen, die wir niemals begangen haben: heißt es doch in unserem Sündenbekenntnis „Wir haben gefehlt," und dies mit Recht, denn für jede Sünde, die in einer Gemeinschaft begangen wird, ist dieselbe mehr oder minder mit verantwortlich. In unserem Falle ist die Sache zu offenkundig, um erst bewiesen werden zu müssen: Wenn das jüdische Volk seine Jugend besser, vernünftiger erziehen würde, wäre sie auch besser und vernünftiger. Hier muß auf Hilfe gesonnen werden, mit Schimpfereien ist niemandem geholfen, am allerwenigsten aber mit deni Kriegsruf nach „Trennung". Wir vermögen den Segen, den die Trennungen der Gemeinden gebracht hat, nicht einznsehen. Die Gesetzestreuen verloren jeden Einfluß auf die Gemeinde, und da mau ans sie keine Rücksicht mehr zu nehmen brauchte, so schritten die Hauptgemeindcn immer weiter vor, bis sie — zum Antisemitismus gelangten; und da die Abschließung, wo die Fäden der Verwandtschaft hin und herlaufen, keine vollständige sein konnte, so ist es lein Wunder, daß wir die traurige Beobachtung machen müssen, auf dem Wege znm Abgrund, die Orthodoxen lustig mitwandern zu sehen. . . . Die Gesetzestreuen sind durch das Verhalten der Neologen — durch die Einführung der christlichen Orgel und die Ausmerzung des „jüdischen" Ge' betes, durch die Anstellung von Reformrabbinern und die damit bedingte Negierung der dem überlieferten Judentum heiligen Ideen und Institutionen — zur Trennung gezwungen worden; im Zionisnius aber liegt diese Notwendigkeit nicht vor, ja sie kann nicht vorliegen, denn ein konsequent denkender Zionist — er mag persönlich nochl' so frei sein — darf und wird niemals dasür eintreten, daß bewährte Jnsti' tutionen des Judentums verletzt werden. Neberhaupt glauben wir, daß der sogenannten „Fraktion" mit einem solchen Hasse zu viel Ehre angetan wird, denn ihre einzige Tat war bis jetzt, die Schaffung — des „Misrachi". Freilich, wenn die Gefühle des Hasses, die Herr Marcus augencheinlich hegt, die Oberhand ini Misrachi gewinnen ollten, so verdiente die „Fraktion" den Haß aller Zionisten, denn in diesem Falle wäre der „Misrachi" ür den Zionismus eine weit größere Gefahr, als es die Fraktion hätte jemals werden können. . . Die Zahl der sraktionistischen Delegierten aus dem kommenden Kongreß dürfte kaum 2l> übersteigen, während der „Misrachi" über Hunderte von Stimmen verfügen wird. Aber wir befürchten es nicht im entferntesten, dazu kennen wir unsere russischen Zionisten zu gut: Diese sind noch „fromm gelehrt und tolerant genug, um an der Verbindung mit so heterogenen Elementen im Interesse des Judentums und des jüdischen Volkes nicht den leisesten Anstoß zu nehmen" .... Auch muß sich Herr Marcus darüber klar sein, daß er nicht auf den Beifall dieser Männer rechnen darf, wenn er einen so merkwürdigen Ton gegen das Aktionskomitee anschlägt. Auch im Falle, wenn die Vorwürfe vollständig berechtigt wären, würden wir uns gewundert haben, daß er bin paar Wochen vor dem Kongreß, wo ihm reichliche Gelegenheit geboten sein wird, das Aktions komitee nach Herzenslust anzugreifen, seine Be' schwerden vor einem Leserkreis vor bringt, der über alle diese Dinge zu wenig unterrichtet ist, um ein tlrteil abgeben zu können, und im ilebrigen der Beschwerden genug.gegen den Zionismus hat, als es nötig wäre, ihm noch andere zu liefern... Herr Marcus schließt: „Wird man die Mahnungen der Orthodoxen ohne Hintergedanken mit gutem Willen beachten, dann ist es gut. Wenn nicht, so würden wir uns selbst ('?!) zu helfen wissen." Könnte Herr Aiarcus uns vielleicht verraten, auf welche Weise er das Vorhandensein von Hinter gedanken festzustellen gedenkt? lind welche Gründe er hat, de» guten Willen des Aktionskomitees, alle berechtigte Wünsche der Gesetzestreuen zu beachten, anzuzwcifeln, daß er im Vorhinein, gleichsani auf Handgeld, mit Verdächtigungen und Drohungen vor gehen zu müssen glaubt? Obwohl wir keinen Personenkultus treiben, rech nen wir die Undankbarkeit auch nicht gerade zu den schönsten Tugenden. Dem aber sieht es verzweifelt ähnlich, wenn man gegen Männer, die man sich selbst zu Führern gewählt, und - die mit der über nommenen Würde eine große Last auf sich ge nommen haben, wie sie nur wenige zu tragen vermöchten, den Ton des Herrn Marcus anschlägt. Wahrlich diese Männer, die im erhebenden Gegen satze zu unseren kleinlichen, untätigen und gleich' gültigen Großjuden, mit ihrer ganzen Kraft, mit allem was sie sind und was sie haben und unter den größten Opfern in den aufreibenden Dienst ihres unglücklichen Volkes sich gestellt haben, verdienen es, daß zumindest diejenigen, die sich Zionisten nennen, | rücksichtsvoller mit ihnen und ihrer Ehre umgehen! Herr Marcus sagt: „Also fort mit dem Bureau' kratismus, den widerwärtigen Stellenjägern usw. Die Fehler, die alle bisherigen Verbindungen in und außerhalb Palästinas gemacht haben, dürfen nicht mehr wiederholt werden." Darin stimmen wir Herrn Marcus vollständig bei. In einer solchen Sache darf kein Schritt ohne Ueberlegung, ohne reifliche Erwägung gemacht werden; alle in menschlicher Kraft stehenden Vorsichtsmaßregeln dür fen nicht berücksichtigt bleiben, um den Erfolg des Unternehmens möglichst zu sichern. Darüber sind alle Vernünftigen mit Herrn Marcus einig. Aber wie kommt es, daß der vorsichtige Herr Marcus mit einer Spalte früher sagt: „Jedenfalls muß etwas geschehen." „Ohne greifbare Taten, Mit bloßen Deklamationen wird die Bewegung sich nicht halten lassen." „Der bisherige Verlauf entspricht den hochtönenden Versprechungen keineswegs." Hier haben wir einen Herrn Aiarcus, der aller Vorsicht und — Nachsicht bar ist; er kennt nur eine Forderung: Unter allen Umständen: Land, Land, Land! Nun sollte man meinen, Herr Marcus hat die Ueberzeugung gewonnen, daß das „große Aktions komitee" aus Leichtsinn oder bösem Willen fest ent schlossen sei, unter keinen Umständen den Ankauf von Land zuzugeben. Nur so ließe sich einigermaßen die Erregung unseres verehrten Verfassers zur Not erklären. 'Aber einige Zeilen früher, hat er in aller Unschuld erzählt: „D r. Herzels Reise nach Egypten und seine Besprechungen mit Lord Eormer sollen der Erwerbung von Wadi-el-Arisch gegolten haben." Also auch hier ist die Aufregung und sind die scharfen Worte nicht nur schlecht angebracht, sondern geradezu ungerecht, weil sie nicht einmal mehr als Vorauszahlung . . .angesehen werden kön nen, sondern als 'Nachzahlung für eine — nicht be gangene Sünde. Uebrigens soll der Kongreß nur dann den Land' kaus beschließen, wenn nach gehörtem Rechenschafts bericht des Aktionskomitees die Ueberzeugung durch dringt, daß der Zionismus dasür schon reif ist, und daß es sich um einen dauernden, aber keinen Augenblicks-Erfolg handelt. Wir dürfen unter gar keinen Umständen die Geduld, noch weniger aber den klaren Verstand verlieren. Daß gute Zionisten, die sich bewußt sind, vor der Geschichte und den kommenden Geschlechtern eine große Verantwortung übernommen zu haben, nicht leicht die Geduld verlieren, beweisen die Zionisten in Kischinem, dort ist nänilich bei den Kongreßwahlen fast das ganze Aktionskomitee gewählt worden. S. Berlowitz. Sprechsaal. Unser X und unser Verehrliche Redaktion! U. Wenn ich zur Abschließung meiner Diskussion mit Herrn X. 3). um ein wenig Rauni bitte, so will ich denselben nicht dazu benützen, um die neuerlichen persönlichen Ausfälle des Herrn X. 3) zurückzuweisen, ich will sie vielmehr als gerechte Strafe dasür hinnehme», daß ich mich durch persönliche Empfindlichkeit habe hinreißen lassen, irr eine Diskussion einzutreten, die niit dem von niir in meinem Aussatze „Unser Stolz und unsere Hoffnung" behandelten Gegenstände, die Jugenderziehung und ihre Früchte einst und jetzt, nicht in unmittelbarem Zusammenhänge steht. Denn man kann ein Gegner des Zionismus sein und kann dennoch einsehen, daß wenn unsere Kinder — wie es zumeist der Fall ist — zu Antisemiten erzogen werden, sie dann keine gute Juden sein können. Man kann schließlich auch einsehen, daß die Unkenntnis des Judentums, der Sprache unseres Volkes und seiner. Geschichte grade kein geeignetes Mittel bildet, um in den Herzen unsrer Jugend die alles besiegende Liebe,. zum Judentum wie sie unsere Ahnen empfanden und durch die sie befähigt wurden, allen Stürmen Trotz zu bieten, einzupflanzen. Dian sollte glauben, daß darin, sowie in meinem ganzen Aufsatze nichts enthalten war, was Herrn X. 3). berechtigte, in mir einen Glaubensfeind zu wittern, sodaß er sich genötigt sah, mir gegenüber als Verteidiger des Judentums aufzutreten. Aber es ist ein altes Kunststückchen der Gegner des Zionismus, daß sie in der Auseinanderselrung mit einem Zionisten sofort das Judentum in Schutz zu nehmen beginnen, sie, die durch ihre Gegnerschaft zum Zionismus die elementarsten Grundsätze jüdischer Bruderliebe und jüdischer Weltanschauung verleugnen! Es ist mir nicht ini Traume eingefallen, den Nationalismus über die Religion zu stellen, was ich angedeutet und auch jederzeit zu vertreten bereit bin. ist, daß der Zionismus einen TeildesJudentums darstellt Eine Mizwo, wie andere auch. Aber da es sich um eine „Mizwo" handelt, die Millionen verrichten sollten, so ist sie eben eine der größten. Sie ist umsomehr zu beachten, weil sie sich schon aus der natürlichen Moral ergiebt. Warum Herr X. 3). gegen die Mizwos, die sich aus der Natur des Menschen (natürliche Moral) ergeben, und deren Erfüllung die „Toraausdrücklich einzuschärfen gar nicht sür nötig findet, — wie z. B. die Liebe zu Vater und Mutter — so sehr erbost ist, wissen wir nicht! Herr X. 3). meint ferner, es wäre meine Absicht gewesen, ihnl eine Vorlesung über deutsche Syntax zu halten und als Gegenleistung hierzu verbindet er sich mit dem Teufel — dem Drucö sehler-Teufel — und erteilt mir Unterricht in deutscher Formenlehre Herr X. 3). irrt auch hierin, denn sein Satz verstößt in nichts gegen die Syntax, was ihm aber fehlte, ist — ein Sinn. Und wenn Herr X. 3). der Nachwelt vorgreift und selbst die Erläuterungen schreibt, so kann es ihm nicht gelingen, aus dem Unsinn etwas anderes als — Unjinn zu machen. Meine ängstliche Verheimlichung meines zionist. Standpunktes kann nicht so arg gewesen sein, da selbst Herr X. 3). ihn sogleich herausgesunden hat. Wenn aber Herr X. 3). in seiner unei forsch liehen Weisheit vom Zionismus mit vor Tränen der Freude ... erstickter Stimme behauptet, daß er eine Gefahr sür das Judentum bildet, so mager es uns „Eles p'omimMochel" sein, wenn wir es ihni nicht aufs Wort glauben. Die arme "Nachwelt wird einen schweren Stand haben, wenn sie daran gehen wird, den Komentar zu dem bedeutsamen Ausspruche unseres werten Herrn X. A. zu schreiben Wir wollen daher versuchen, den kommenden Geschlechtern einen Fingerzeig zu geben, aus welchem Wege sie die Weisheit des Herrn X. 3). der allgemeinen Menschheit zugänglich zu machen hätte: Herr X. 3). meint sicherlich, der Zionismus bildet eine Gefahr für alle Juden — die es nicht mehr lange sein wollen oder wenigstens noch die Freude erleben wollen, daß ihre Kinder — es nicht sein sollen .... _ Br. Letzte Berichte. Wie der „Hazefirah" aus zuverlässiger Quelle mit-! geteilt bekommt, sind bereits 700 Delegierte als gewählt s für den Basler Kongreß angemcldet worden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.