Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 40 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zn Nr. L0 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. (Nachdruck verboten.) Aus rmseru Tage« von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) „Unartiger Edi!" ries Fanni ihm entgegen, „das ist ja die neue Zeitung, die darfst Du nicht nehmen, gleich bringe sie zurück." Mer dem Bübchen kam es durchaus nicht iu den Sinn, der jugendlichen Tante zu gehorchen- „Tante ,Anni Hut machen," ' sagte er und packte voll. Eifer die Zeitung ihr auf den Schoß. „Nein, Edi ist unartig, Tante Anni wird keinen Hut machen," und dabei bemühte sie sich, die entfaltete Zeitung wieder zusammen zu legen. Plötzlich stieß sie einen Schrei aus, mit dem Ausdruck maßlosen Entsetzens, starrte, sie auf das Blatt in ihrer zitternden Hand, während ihre Zähne wie im Fieberfrost aneinanderschlugen, und sie las und las — Und abermals stieß sic laut gellende Schreie ans „Ella! Ella!" — Und als die Gerufene nicht sofort erschien, sprang sie auf und schwankte einige Schritte in das Zimmer. Mer die Kraft versagte ihr und sie wäre zusannnengebrochen, wenn nicht Ella jetzt in das Zimmer gestürzt lvärc und sie in ihren Armen aufgefangen. * * * Der Gerichtssaal war überfüllt, Freunde und Gegner der Familie des Angeklagten drängten einander, : alle interessierten sich auf das Lebhafteste für den so überaus interessanten Fall. Das Zeugenverhör war vorüber. Während desselben schienen sich die Ehanccn für den Angeklagten etwas igünstiger zu gestalten, da derselbe durch sein anziehendes Aeußere, durch sein feines, sicheres und doch bescheidenes Auftreten sich manche Sympathie erworben hatte. Da aber begann der Staatsanwalt sein Playdoyer und wie mit einem Schlage war die Stimmung umgewandet. Er forderte die Geschworenen auf, sich durch das seine aristokratische Wesen des Angeklagten nicht beirren zu lassen, je sympathischer seine Persönlichkeit, desto verdammenslverter sein Tun, die Sicherheit seiner Verantwortung beweise nur seine unübertreffliche Verlogenheit. Und dann erzählte er den Fall, wie derselbe sich seiner Ueberzeugung nach in Wirklichkeit zugetragen habe. Wie der reiche. Lebemann den Sohn einer arme» Witwe durch sein Dreirad nicdergestoßen habe, wie der arme leicht verletzte junge Mann den Reichen nicht verklagt, sondern denselbeü in seiner Wohnung. aufgesucht und um entsprechende Entschädigung gebeten habe. Dort aber habe der Reiche ihn wie einen rendigen Hund niedergeschossen. Als dann die Kommission erschienen, habe er glauben machen wollen, der junge Mann, habe einen Selbstmord begangen und als dann die Waffe vermißt wurde, habe er die Frechheit so weit getrieben, angeblich selbst mit nach derselben zu suchen, bis der Kommissär sie in seiner, des 'Angeklagten, Brusttasche gesunden. Doch trotz dieses überzeugenden Beweises seiner Schuld verharre der 'Angeklagte in seltener Verstocktheit noch heute bei seinem Märchen von denc Selbstmord des Ermordeten. Und nun . stehe hier die trostlose Mutter des unschuldigen Opfers des Lebemannes, die durch den Tod des ihr so früh Entrissenen nicht nur den über alles geliebten einzigen Sohn, sondern auch die Stütze ihres Alters, ihres Ernährer verloren habe. Um Rache schreie das unschuldig vergossene Blut, Sühne erwarte die verletzte Gerechtigkeit durch den Wahrsprnch der Geschworenen u. s. w. h. s. w. Er schloß, indem er die Ucberzengnng aussprach, die unbestechliche Uebcrzeugungs- .treue der Geschworenen werden den Angeklagten des Mordes schuldig erkennen und durch ihr Verdikt die Gesellschaft von einem bösartigen Auswuchs befreien. Nur mit übergroßer Anstrengung hatte der Angeklagte während dieser ihn zermalmenden Rede seine Selbstbeherrschung bewahrt. Ernst, der neben seinem Vater hinter ihm saß, konnte ihm nicht in's Gesicht sehen, aber wiederholt sah er ihn bei den Anschuldigungen des öffentlichen Anklägers zusammenzucken, tvie von einem wuchtigen Keulenschlag getroffen, sah das Blut in ihm auswärts steigen und den Hellen Nacken dunkel färben. Nach der fulminanten Rede des Staatsanwaltes herrschte minutenlange Stille, aber in den Gesichtern der Geschworenen konnte man die Verurteilung des Angeklagten lesen. _ - Da entstand plötzlich am untern Ende des Saales zunächst der'Tür eine Bewegung, Stimmen wurden laut: „Laßt sie durch! Laßt sie durch! Sie will Zeugnis ablegen!" Dazwischen Ordnungsrufe und von allen Seiten' laute. Fragen: „Was giebt's? Was ist ■ los? Was ist vorgegangen?" . .. lind unter der sich unablässig steigernden Bewegung des Auditoriums, drängte sich die hohe Ge- - stalt 'diner Barmherzigen Schwester durch die ihr eine schmale Gasse bildende Menge. Auch die Mitglieder des Gerichtshofes konnten sich der allgemeinen Aufregung nicht entziehen. Ihre Vermutungen mit ' einander austauschend sahen sie voll Spannung der Kommenden entgegen. Aber dem Verteidiger war bereits ein Verständnis aufgedämmert, rasch verließ er seinen Platz und drängte sich durch . das Publikum 'fter sich Herandrängenden entgegen. Mitten im Saale traf er mit ihr zusammen. Der Verteidiger wechselte einige Worte mit dem Gerichtspräsidenten, der sich darauf an die Geschworenen wandte und denselben mittcilte, daß sich soeben eine Barmherzige Schwester zur Zeugenaussage gemeldet habe, da sie angeblich über den Todesfall genaue Angaben zu machen imstande wäre Obgleich das Zeugenverhör bereits vorüber, glaube er dennoch auf die Zustimmung des Gerichtshofes rechnen zu dürfen, die verspätete Zeugin sofort zu vernehmen. Der. Gerichtshof crMrte sich einverstanden. Nachdem die Zeugin vereidet worden und die üblichen Fragen beantwortet hatte, erzählte sie: vor einigen Monaten habe sie ein am Typhus erkranktes junges Mädchen gepflegt, das in den ersten Tagen der Krankheit sehr häufig in höchster Aufregung geschrien habe: „Felix! Felix! zurück! er wird schießen!" Es ging eine Bewegung durch den Saal, in atemloser Spannung lauschten alle der Aussage der Zeugin, bei deren letzten Worten der Angeklagte znsammenzuckte und das 'Antlitz in den Händen barg. Die Barmherzige Schwester fuhr fort, sie habe damals den im Delirium auSgestoßencn Worten der Kranken keine Bedeutung beigemessen, als sic jedoch im heutigen Tagblatt den Bericht über die gestrige Gerichtsverhandlung gelesen habe, da wäre sofort die Ueberzeugung bei ihr festgestanden, das betreffende junge Mädchen müsse bei der bctrefsenden Katastrophe zugegen gewesen sein. Sie wäre sofort iu die Wohnung ihrer früheren Patientin geeilt und deren Angehörige auf die von ihr vermutete Tatsache aufmerksam zu machen, «ie habe jedoch das junge, kaum genesene Mädchen selbst getroffen, die zitternd in höchster Erregung ihre Vermutung bestätigt habe. Sie wäre im Boudoir der Frau Kvhn gewesen, um den Vögeln Futter zu geben. Da habe sie plötzlich im anstoßenden Zimmer Lärm gehört, habe einen jungen Menschen hereinlaufen sehen, der etwas in die Höhe gehalten habe, und dcrienige, den er Felix nannte, wäre dem Menschen nachgelansen und habe wiederholt gerufen, seien Sie vorsichtig! er ist geladen! er ist geladen! Hölle und Teufel, er ist geladen! Und dann habe er ahn ihm wegnehmen wollen, aber der andere habe gelacht, lvärc immer fortgelausen, um den Tisch herum. Und niit eincmmal wäre ein Schuß gefallen, sic habe nichts mehr gesehen und wäre sortgelaufen, sie wisse selbst nicht wohin. Eine maßlose Sensation folgte diesen Worten, die noch erhöht wurde durch den 'Anblick, den der 'Angeklagte in diesem Augenblick bot. Bei den giftigsten Anklagen des Staatsanwaltes hatte er wenigstens äußerlich seine Ruhe bewahrt, jetzt schien er vollständig überwältigt. In der ersten Erregung war er aufgesprungen, doch jetzt sah man den hochgewachsenen jungen Mann wanken, sah wie der Verteidiger ihn an dem Arm ergriff und auf die Bank niederzog, wo er in ein zwar nicht lautes, aber convnlsivisches Schluchzen ansbrach, das man an den zuckenden Bewegungen des Oberkörpers erkannte. Bielen im Auditorinni standen gleichfalls die Augen voll Wasser. llnd jetzt sah man, wie sich der Verteidiger um den noch imnier Fassungslosen bemühte, tvie er ihm zuredete und in ihn drang, das Glas Wasser, das er ihm bot, zu trinken, und wie er sich endlich dazu bewegen ließ, und allmählich die Selbstbeherrschung, wieder errang. Jetzt erst begann der Verteidiger. Cr erklärte, nur der Form wegen sprechen zu wollen, denn es hieße. Eulen nach Athen tragen, wenn er nach dem Vorangegangenen die Beweise für die Unschuld des Angeklagten, die er gesammelt habe, einem hohen Gerichtshof vorlegen würde, gebe es doch in dem ganzen großen Raum nicht einen Einzigen, der die Worte der ehrlvürdigen Schlvester vernommen habe und nicht von der vollkommenen Schuldlosigkeit des Angeklagten überzeugt wäre. Es dränge ihn jedoch einige Bemerkungen des Staatsanwalts zu berichtigen. Keineswegs wäre der Angeklagte jener gewissenlose Lebemann, als lvelchen der öffentliche 'Ankläger ihn geschildert, er genieße allerdings seine Jugend, wie.die die meisten reichen jungen Leute, „wie wohl wir 'Alle es mehr oder weniger getan haben," fügte er hinzu. Trotzdein könne kein Mensch ihm etwas Ehrenrühriges nachsagen. Darum wäre er auch hochgeschätzt von allen seinen Bekannten, die seine Humanitären Bestrebungen kennen, seine Gutherzigkeit wäre geradezu sprichwörtlich. Den betreffendeir jungen Mann, dessen früher Tod gewiß zu beklagen wäre, habe er nicht einmal näher gekannt, nur zwei oder dreimal habe er in Gesellschaft mit ihm gesprochen. Durch Zufall habe derselbe erfahren, daß seine Eltern an dem betreffenden Tage nicht zu Hanse, auf seine bekannte Gutherzigkeit pochend, wäre er gegen seinen Willen in seine Wohnung eingedrnngen, um eine Erprefsuug auszaüben. Was die als trostlos geschilderte Mutter beträfe,, so wäre dieselbe nur die sogenannte Ziehmutter des Verstorbenen gewesen, die den schönen kleinen Waisenknaben zum Betteln angehalten und den Herangewachsenen der Schande in die Arme getrieben habe, weshalb derselbe sie auch'nie, nicht einmal mit einem Kreuzer unterstützt habe. Nachdem der Verteidiger geendet, erhob sich der Staatsanwalt nochmals. Er wolle auf die Worte der Verteidigung sich nicht einlassen, fühle sich jedoch gedrungen, zu erklären, wenn die. ehrwürdige Schwester sich nur um eine Stunde früher zu ihrer Zeugenaussage gemeldet hätte, so hätte er seine Anklage sofort zurückgezogen. Brausender, nicht endcnwollendcr Beifall folgte dieser Erklärung. Die Geschworenen zogen sich nur Pro forma zurück, gleich darauf verkündete der Obmann derselben den einstimmigen Freispruch und Felix lag schluchzend in den Arnien seines laut weinenden Vaters, umdrängt von Freunden und Bekannten, die ihre freudige Teilnahme ausdrücken wollten. * * * Mehrere Stunden waren verstriche», der Abend war hereingebrochen. Da hielt ein Wagen vor dem Hause und gleich darauf eilte ein rascher, elastischer Schritt die Stiege aufwärts. Fanni ivar znfammengefahren. „Da konmit er," flüsterte sie in sich hinein, indem sie ihre schmalen durchsichtigen Hände gegen die Brust drückte. Mit angeyaltenein Atem nnd weit geöffneten Augen lag sie lauschend da, aber sie hörte nichts. Und dennoch ivar er gekommen, den sie erwartete. I» dem Zimmer ihres Bruders hielten die Freunde einander lange schweigend umschlungen. „Wie geht es Deinen Eltern?" fragte Ernst endlich. „Das kannst Du Dir ja denken, sie sind überglücklich. Mama lacht und weint und weint und lacht und streichelt mir die Wangen, als ob ich ein Baby wäre nnd Papa kommt alle paar Minuten nnd drückt mir die Hände. — Ach, ich verdiene jo viel Liebe gar nicht. — Sie wollten durchaus mit Herkommen, aber ich habe es nicht zugegeben, ich habe gefürchtet, es könnte Fanni ausregen, Mama kann sich noch nicht mäßigen. — Aber ich kann doch zu ihr hineingehen?" „Ich glaube, daß sie Dich erwartet, obgleich ich absichtlich die Vermutung ausgesprochen habe, daß Du heute nicht mehr kommen werdest, denn — sie ist sehr, sehr zart geivordcn. — Bist Du denn Deiner auch ganz sicher, daß Du sie nicht aufregst?" „Sei unbesorgt, so leicht lasse ich mich nicht übcrniannen." „Das weiß ich." „Ja, aber von den jüngsten Ereignissen darf nicht gesprochen werden." „Aber so sei doch unbesorgt, hast denn Du Deine Schwester vielleicht lieber als ich?" „'Also komm, nur einen Augenblick mußt Du Zurückbleiben, ich muß erst sehen, ob sie nicht schläft." Er führte ihn durch mehrere Zimmer bis zn dem, in dem seine Schwester lag, leise öffnete er die Tür und begegnete dem ans dieselbe gerichteten Blick des jungen '.Rädchens. „Bist Du wach, Kleine? — Felix ist da, möchte Dir gliren Abend sagen, darf er herein kommen?" (Schluß folgt.) Bunte Chronik. Die Religion der M a s s a i. Zur rechten Zeit, kommt schon die rechte Tat. Früher, als man noch gläubigen Sinnes die Worte der Tora hinnahm, da bedurfte ihre Wahrheit keiner Beweise; heute aber zweifelt man - siehe! da regnet es Wahrheitsbeweise in solcher Fülle, daß jeder Zweifel verstummen mutz. Diese Gedanken regte erst kürzlich wieder ein sind Semiten und in ihren religiösen Aeutzerungen Monotheisten. Ihre religiösen Traditionen stimmen ausfallender Weise mit dem Inhalt der Bibel bis zur Zeit der Gesetzgebung überein und bilden also eine Bestätigung desselben. Selbstredend ist die reine Ansfassnng der Bibel bei den Massai stark mit Schlacken durchsetzt. Gott ist der Schöpfer der Welt, allmächtig, unendlich, allwissend, eivig. Er beherrscht alles durch seinen Willen nnd die Massai sind sein anserwähltes Bolk. Ins Jenseits kommen die Seelen aller Verstorbenen; die guten Seelen kommen ins Paradies. Die minder guten können zwar dieses Glückes durch die Gnade Gottes gleichfalls teilhaftig werden, aber nur, um im Paradiese — schiver zn arbeiten.. Im Uranfang mar eine dunkle Wüste, in der nur ein Drache hauste. Gott tötete den Drachen und aus dein Kadaver floß das befruchtende Wasser. Gott schuf dann Sonne, Mond und Sterne. Den Mann sandte er vom Himmel herab, das Weib entsprang auf sein Geheiß der Erde. An Stelle der Taube, die Noah aus der Arche abschickr, setzt die Traditton der Massai einen Aasgeier, an dessen Schwanzfedern ein Pseit befestigt ist. Der Aasgeier kehrt ohne Pfeil und Schwanzfedern zurück, ein Zeichen, daß der Pfeil mit seinem Widerhaken im Lande stecken geblieben ist. Eine Persönlichkeit, namens Naraba, entspricht Abrahani, ebenso finden sich die dein biblischen Moses zu Grunde liegenden Persönlichkeiten. Die Vermutung, daß zwischen den Israeliten nnd den Massai eine Volksverwandtschaft besteht, liegt aus allem sehr nahe. Einen Hinweis auf eine solche bietet gleichfalls die Tradition der Massai, die berichtet, daß bei der Wanderung zwei ttrhaufen zurückblieben. '