Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1903-07-17 · Heft 37 (17.7.1903) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 37 (17.7.1903)
Date
1903-07-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692298-2692334--00367-2694740
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Beilage W Nr. 37 des FrMksurter Jsraelttischen FamüiMMes. (Nachdruck verboten.) Ans unser» Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Ernst atmete schwer auf, die Sache des Freundes schien nicht gut zu stehen. Mit fest aufeinandergepreßten Lippen folgte er dem Kerkermeister, der ihn in die Zelle des Gefangenen führte. Er fand ihn schlafend und rief ihn beim Namen: „Felix!" Der Angerusenc sprang ans und warf sich mit lautem Freudenschrei in die ihm entgegengestrecktcn. Armen des Freundes- „Dil Lieber, Guter, Teurer!" flüsterte Felix, „wie danke ich Dir, daß Du gekommen bist, jetzt glaube ich auch nicht mehr, daß Gott mich verlassen hat —" Er zog ihn neben sich auf die Bank, aber seine Hand ließ er nicht los. „Dn weißt, weshalb ich hier bin?" „Man hat mir erzählt, daß Du in Abwesenheit Deiner Eltern einen der Halbwelt angehörigen Falschspieler in ihr Haus gebracht, daß Du dort in Streit mit ihm geraten und ihn erschossen habest, in dem dem Boudoir Deiner Mutter zunächstliegenden Zimmer." Felix wechselte die Farbe. „Und Du hast Dich nicht gescheut, einen io Niederträchtigen ausznsuchen?" fragte er mit bebender Stimme. „Dn bist kein Niederträchtiger, ich bin fest überzeugt, Du hast den Betreffenden nicht in das Hans Deiner Eltern gebracht und hast ihn nicht erschossen." Felix atmete tief aufindem er den Kopf ans die Schulter des neben ihin sitzenden Freundes legte und seinen Arm um ihn schlang. „Wie das wohl tut, wie das wohl tut, — daß Du an inich glaubst, namentlich nach dem entsetzlichen Verhör, in dem ich beständig ermahnt wurde, der Wahrheit die Ehre zu geben, und wenn ich es tat, wenn ich wahrheitsgetreu alles bis auf die geringsten Einzelheiten berichtete, dann höhnend gefragt wurde, ob ich Kinder oder Narren vor mir zu haben glaube, denen ich ein solch schlecht ersonnenes Märchen aufzutischen mir erlaube. — Aber Du glaubst an mich. Du Guter, Reiner, Hehrer! — Und meine Eltern?" .„Deine Mutter habe ich nicht gesprochen, ich werde sie erst Abends sehen, aber Dein Vater läßt Dich grüßen und läßt Dir sagen, daß ich ihn überzeugt habe, daß es nicht wahr ist, weil es nicht wahr sein kann." Wieder drückte Felix die Hand des Freundes mit all seiner Kraft, aber seine Stimme bebte, als er sagte: „Also mein Vater hat das' von niir geglaubt! —" „Du darfst ihm das nicht so übel nehmen, der Schein spricht gegen Dich und — ich will Dich nicht verletzen, aber erinnern nruß ich Dich doch, daß auch Dein Vorleben nicht für Dich spricht." „Mein Vorleben?" Er richtete sich auf und blickte dem Freunde frei in's Gesicht. „Du kennst mich,' weißt, daß ich von jeher ein leichtsinniger Bursch gewesen bin. Aber hast Du je eiu unwahres Wort von mir vernommen?" „Nein, ich weiß Du bist keiner Lüge fähig und das ist.es, was meinen.Glauben an Dich unerschütterlich macht." „So wirst Du mir auch jetzt glauben, wenn ich Dich versichere, daß ich seit acht oder zehn Wochen, genau weiß ich selbst nicht, wie lange es ist, der Kops ist mir heute nicht klar — aber Du wirst Dich daran erinnern, es war in der Trauerwoche nach dem Ableben Deines Vaters. Deine Schwester schien erstarrt in ihrem Schmerz, da habe ich ihre Hand genommen und ihr zugeredet, bis sie in Tränen ausgebrochen ist. i- Du weißt, ich habe sie immer lieb gehabt, aber als ich da ihre Hand gehalten habe, da habe ich mir geschworen, ich muß sie verdienen, ich muß ein anderer Mensch werden. — Und ich habe meinen Schwur gehalten, ich bin ein Anderer geworden. Du selbst kannst nicht solider leben wie ich seit jenem Tage gelebt habe. — Und nun, diese Ironie des Schicksals! nun soll ich einen Lumpen in meiner Eltern Haus gebracht und dort erschossen haben. Fürwahr, ich müßte lachen, wenn es nicht so entsetzlich traurig wäre. — Wie? was sagst Du?" „Ich habe Deinem Vater versprochen, mir von Dir den Sachverhalt genau nritteilen zu lassen, ich möchte Dich daher bitten —" „Gewiß, Ihr müsset genau wissen, wie sich die Sache verhält. Also ich habe mit dem Betreffenden / nie verkehrt, . aber Anfangs des Winters habe ich ihn in: lustiger Gesellschaft zwei oder drei Mal getroffen und eben so oft Geld an ihn verloren. Seit jenem Tage bin ich jedoch jenen Kreisen überhaupt fern geblieben. Wenige Tage nach Deiner Abreise von hier bin ich auch abgereist und erst gestern znrückgekommen. Ich wußte, daß meine Eltern nicht zu Hause und erst Abends heim kommen würden. Ich habe mich auf ihre Ueberrraschung gefreut, wenn ich sie hier empfangen würde, habe ich mich darauf gefreut, meiner Mama zu erzählen und zu beweisen, wie solide ich geworden bin, habe mich darauf gefreut. Dich hier als Gemeinöerabbiner zu begrüßen und nicht am wenigsten habe ich mich darauf gefreut. Deine holde Schwester wiederzusehcn- Ich hatte die vorletzte Station bereits hinter mir, da höre ich mit einemmal meinen Namen neimen- „Ah sieh' da, Herr Kohu, wie. geht es Ihnen?" Ich sehe auf, mir gegenüber sitzt ein junger Mann, in dem ich. die unter dem Spitznamen „der tolle Franzel" bekannte Persönlichkeit erkenne. Ich habe ihm sehr kurz geantwortet, aber diese Leute kommen nicht so leicht ans dem Konzept und meine verteufelte Gutmütigkeit hat mich zurückgehalten, ihn gradezu zu brüskieren. 'Außerdem habe ich mirgedacht, wir steigen doch gleich aus, da schadet es nichts, ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Ich erinnere mich zwar nicht daran, aber ich muß auch gesagt haben, daß meine Eltern erst 'Abends heimkvmnien. Zwischen zehn und elf Uhr Bormittags bin icl> nach Hause gekommen und hatte ich die Absicht, vor Allem Dich aufzusuchen. Ta erzählte mir die Haushälterin, daß in Abwesenheit der gnädigen Frau, Fräulein Vogel alle Tage herkomme, um sich von dem Wohlsein der gefiederten Lieblinge meiner Mama zu überzeugen. Da habe ich es mir so schön gedacht, mein Vögelchen zu überraschen, wenn sie Mama's Vögel pslegt. Aber ich habe gewartet und gewartet — sie ist nicht gekommen. Bis zwei Uhr wollte ich warten, wenn sie aber bis dahin nicht gekommen, daun wollte ich zu Dir gehen. Ich war sehr ungeduldig, um hald zwei bin ich aus den Balkon gegangen, »m sie, wenn sie kommen würde, von da aus früher zu sehen. Ich habe sie nicht gesehen, wohl aber erblickle ich zu meinem Aerger jenen Menschen, dem ich Vormittags im Eisenbahnwaggon begegnet bin und sehe ihn in unser Haus eintreten- Ich gerate außer mir und stürze hinaus, um zu verhüten, daß er schellt, damit die Dienstboten ihn nicht hereinlassen. Ich komme gerade recht, um dieses z>l verhüten, er steht vor der Glastür und erklärt mir, er wolle mich besuchen. Ich erwidere, daß ich seinen Besuch nicht empfangen könne, er möge sich entsernen. Er lacht und sagt, er wolle sich nur ein Weilchen bei mir ausruhen. Ich war außer mir, will ihn mit Gewalt zurückdrängen, aber er schlüpft an mir vorüber und rennt direkt in mein Zimmer, dessen Tür ich offen gelassen hatte. Ich natürlich nach und sehe wie er mit seinem tollen Lachen alles drunter und drüber wirst und plötzlich sehe ich, wie er ans einem Kästchen, das auf dein Tische steht, einen Revolver nimint und ihn toll jauchzend hoch in die Luft hält. Ich rufe ihm zu, daß er geladen ist, er möge ihn vorsichtigniederlegen. Er tollt und lacht nur um so ärger. Ich werfe mich auf ihn, um ihm die Waffe zu entreißen, er reißt sich los und schreit und läuft in das anstoßende Ziminer, das zwischen meinem Zimmer und Mamas Boudoir liegt. Ich ihm nach, er rennt wie verrückt vor mir hierhin und dorthin, ich ihm i miner nach und umklammere ihn wieder, da füllt ein Schuß, er stürzt zu Boden und reißt mich im Falle mit. Ich rasfe mich aber gleich wieder auf und bemühe mich, auch ihm aufzuhelfen — umsonst. Bald darauf ist eine Konunission gekommen, die den Befund zu Protokoll genommen hat. Der Kommissär hat nach der Wasse gefragt, niemand hat sie gesehen, alle haben sie gesucht, ich auch. Auf einmal, als ich mich hinunterbücke um zu sehen, ob sie vielleicht unter das Sofa geraten ist, springt der Kommissär auf mich zu, packt mich am Rock und schreit „was ist das?" und zieht den Revolver aus meiner Brusttasche. In meiner maßlosen Aufregung muß ich, ohne es zu wissen, ihn dorthin gesteckt haben. Warum? — das weiß ich selbst nicht. Vermutlich, weil ich mit ihin darum gerungen habe. — Aber das kann doch kein vernünftiger Mensch glauben, das ist ein Märchen, das man nur Kindern und Narren weißmachcn kann. — Das hat mir der Untersuchungsrichter xmal erklärt, ich soll der' Wahrheit die Ehre geben und sie stoßen die Wahrheit zurück mit Händen und Füßen. 2! — 2! — Kann denn wirklich kein vernünftiger Mensch einsehen, daß man bei einem derartigen Unglück den Kopf verlieren und sinnlos handeln kann? „Armer, armer Junge," sagte Ernst, die Hand des Andern drückend, „das war ein Verhängnis. Siehe, ich glaube jedes Wort, das Du gesprochen, jede Sylbe, weil ich Dich kenne. Aber ich kann durchaus nicht in Abrede stellen, daß für denjenigen, der Dich nicht kennt, die Sache nicht so unbedingt glaublich klingt." Felix fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Das sehe ich ja auch eiu! — und eben darum verliere ich zuweilen den Mut." „Das darfst Du nicht, den Mut darfst Du nicht verlieren. Ich kann nur wiederholen, es ist ein Verhängnis, eine Schickung Gottes, die nur zu Deinem Glücke ist, die Du, davon bin ich fest überzeugt, dereinst noch segnen wirst." „Ist das Dein Ernst?" fragte der Andere, ihm forschend in die Augen blickend. „Mein vollkommener Ernst." „Du bist ein. Heiliger, — ich glaube Dir. Mer bedenke, daß mir die Augen bereits geöffnet waren, daß ich seit dem erwähnten Tage ein Anderer bin." „Und das hältst Du genügend? glaubst durch einige ruhige Wochen einen jahrelangen stürmischen Lebenswandel auslöschen zu können? — was sind acht oder zehn Wochen gegen so und so viele Jahre? —" „Dn hast recht, recht in allem was Du sagst. Und darum gebe ich Dir mein Wort,. daß ich über alles, was Du gesagt hast, Nachdenken werde in den langen Tagen und Nächte», die ich voraussichtlich hier noch werde zubringen müssen. — Deine Worte," fügte er mit bebender Stimme hinzu, „werden nachtönen in meiner Brust und werden mich vor Verzweiflung schützen. — Glaubst Du, daß ich mir Lektüre kommen lassen könnte?" „2 gewiß, wenn Du willst, besorge ich Dir Bücher, so viele Du haben willst." „Ich würde Dir sehr, sehr dankbar sein." „Das heißt, ob ich heute noch dazn kommen werde, weiß ich nicht. Es ist Freitag, wenn ich nach Hause komme, wird es Zeit sein, in die Synagoge zu gehen. 'Aber warte, grade als ich vom Hause sortgegangen bin, hat mir der Postbote eine Broschüre gebracht, ich habe sie zu mir gesteckt, die kann ich Dir hier lassen und würde es mich freuen, wenn sie Dich interessieren würde. Es ist nichts Neues, ist bereits vor mehr als sechzig Jahren erschienen, aber jetzt wieder einmal in neuer 'Auflage." „Ich danke Dir, jedenfalls habe ich da doch etwas." „Wenn Du sic mit entsprechender Aufmerksamkeit liesest, hast Du mehr, als nur etwas. Noch eines. Ich habe im Einverständnis mit Deinem Vater den jüdischen Restaurateur beaustragt. Deine Verpslegung zu besorgen. ES ist Dir doch recht?" ,,'AlleS was Du tust oder anordnest, ist mir recht. Aber Du ziehest schon den lleberrock an — Du willst schon gehen?" „Ich bin beinahe eine Stunde hier und glaube den Wärter mit den Schlüsseln zu hören, er wird vermutlich gleich kommen, um mir zu sagen, daß ich gehen muß." Felix ttmtlamiiierte die Hand des Freundes, als wolle er ihn nicht sortlassen, er schien nur mit äußerster Anstrengung seine Fassung aufrecht zu halten. „Ernst," flüsterte er, „sage mir aufrichtig, was hat Fanni gesagt?" Der Angeredete vermied es, dem flehentlich auf ihn gerichteten Blicke des Freundes zu begegnen. „Sie weiß nichts davon," sagte er gepreßt, „gestern grade, als sie im Begriffe war, zu Euch zu gehen, um dem Wunsche Deiner Mutter entsprechend nach den Vögeln zu sehen, ist sie von einein Unwohlsein befallen worden." „Krank ist sie! Großer Gott! doch nicht bedeutlich?" „Hoffentlich nicht, der Arzt ist sich selbst noch nicht klar, um was es sich handelt." Der Verhaftete Preßte beide Hände gegen die Stirn. „Und ich muß da eingeschlossen sein und kann nicht erfahren, wie es ihr geht! —" Es lag ein solcher Seelenschmerz in seinem bleichen Angesicht, daß Ernst es bereuete, von der Erkrankung seiner Schwester gesprochen zu haben. ,Menn es mir gestattet wird, komme ich morgen wieder und hosse Dir dann Näheres, mit Gottes Hilfe Gutes, Mitteilen zu können. Als ich vom Hause fortgegangen bin, schlief sie — sie schien sogar von Dir zu träumen, guter Knave flüsterte sie im Schlaf, hat Dich der böse Hund nicht gebissen? Das kann sich doch nur. auf Dich beziehen." (Fortsetzung folgt.) Familieuuachrichteu. Geburten, Ein Sohn, Herrn L. Karpf II., Wenkheim. Verlobte. Regina Lehmann, Wenkheim, mit Ferdinand Wolfsheimer, Würzburg. Selma Lehmann, Wenkheim, mit Meier Blumenthal, Poppenlauer. Rufgevoteue. Frida Oppenheimer mit Ernst Sichel, Frankfurt a. M. Matchen Strauß, Frankfurt a. M., mit Salomon Buchthal. Lippstadt. Johanna Glauberg. Langenselbold, mit Sigmund Zwetjchkenstiel, Langenselbold. Dina Hirsch, Frankfurt a. M., mit Rabbinats- Assessor Leiser Lipinsky, Frankfurt a. M. Sterbefälle. Samuel Kaufmann, 56 Jahre, Bergerstraße US, Franksirrt a. M. Isaak Margulies, 1 Jahr. Schützenstraßev II, Frankfurt a. M. ' Betty Engelbert geb. Schnadig. 58 I., Pfingstweidstraße 45, Frankfurt a. M. Henriette Marx, 80 Jahre, Karlsruhe. Barmiztvohs. — Ohne unsere Verantwortung und nur bet Einsendung seitens der Eltern veröffentlichen wir kostenfrei für die Einsender unter dieser RubrikBarmizwohs.— Nächsten Samstag (Wochenabschnitt Pinchas) wird Barmizwoh: Rudolf, Sohn des Herrn Bernhard Schloßberg, Bergersttaße 60II in der Neuen Synagoge der Israel. Gemeinde, Börneplatz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.