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Neue jüdische Presse · 1903-07-10 · Heft 36 (10.7.1903) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 36 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 36 des Frankfurter Israelitischen FanMenblattes. (Nachdruck verboten.) Aus unsern Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Noch ein Weilchen gefiel es ihm, sie zu necken, dann aber teilte er ihr die interessante Neuigkeit mit. Fanni geriet außer sich vor Freude, ihr erschien die Möglichkeit bereits als Wirklichkeit, denn daß ihr Bruder selbst den weitestgehenden Anfordernngcn nicht entsprechen könnte, war ihrer Ansicht nach undenkbar. Schon sah sie ihn mit Weib und Kind in der Heimat als wohlbestallten Seelsorger der israelitischen Kultusgeineinde und sie machte sosort Pläne für das trauliche Zusammenleben mit den Geschwistern und ihrem lieblichen Kinde. Ihr Batcr jedoch schüttelte den Kopf, er teilte ihren Jubel nicht, nie war er Sanguiniker geivcscn, doch in den letzten Jahren war er es weniger als je; Ivas er am meisten ersehnte, ivar ihm das Unlvahrscheinlichste. Daß sein Sohn den Ansprüchen genügen könne, die an den modernen Redner gestellt werden, erschien ihm undenkbar. Von Tag zu Tag steigerte sich seine Aufregung. Als am zweitnächsten Sabbat Doktor Ernst Vogel die Kanzel in der großen Synagoge seiner Heimatgemeinde bestieg, war das herrliche Gebäude überfüllt, wie sonst nur an den hohen Feiertagen. Bei den ersten Sätzen, die er sprach, hatte der Redner allerdings ein leises Beben seiner Stimme nicht unterdrücken können. Doch je länger er sprach, desto heller ward seine Stimine, sie durchdrang den ganzen weiten Raum, ohne überlaut zu werden.. Und was er sprach, war alles tief durchdacht, wie ein Kranz duftender Blumen reihte sich Gedanke an Gedanke in wunderbarer Harmonie und pcrlengleich flössen ihm die Worte über die Lippen, in atemloser Spannung lauschten alle seinen Worten. Doch als er nun geendet und man ihm von allen Seiten zurief „Gott mehre Deine Kraft!" da brach die Kraft seines alten Vaters, sei» Herzschlag stockte in der übergroßen Freude pnd leblos ward er aus der Synagoge getragen. Die Aufregung in der Gemeinde war unglaublich, die seltene Beredsamkeit des Redners hatte allgemeine Begeisterung entfacht, doch die tragische Folge derselben hatte die Sympathien für ihn noch erhöht. Gleich in den ersten Tagen der Trauerwoche ward ihm in ehrenvollster Weise der Posten angetragcn, doch er lehnte ab, er könne sich nicht entschließen, die Kanzel wieder zu besteigen, an der Stätte, an der ihn so Schweres getroffen. Nach einiger Zeit jedoch gelang es dem Drängen seiner Freunde, ihn zur Annahme des Rabbinatspostens zu bewegen. Die Uebersicdelung fand in den ersten Frühlingstagen gleich nach dem Purimfeste statt. Felix befand sich zu dieser Zeit auf einer Geschäftsreise und auch seine Eltern mußten bald daraus aus einige Tage ivegen eines Familienfestes verreisen. Frau Kohn hatte Fanni. ersucht, während ihrer Abwesenheit täglich cinnial nach ihren Vögeln sehen zu wollen, da sie fürchtete, ihre Leute würden sich nicht genügend um dieselben kümmern. Es war in den Nachmittagstunden des Donnerstags, heute hatte ' sie Vormittags unmöglich abkommen können, darum eilte sic letzt durch die von den Sonnenstrahlen durchfluteten Straßen raschen Schrittes dahin und rascher als sonst erreichte sie das Kohnsche Wohnhaus. Unwillkürlich blickte sie hinauf, die Fenster waren wie gewöhnlich in Abwesenheit der Herrschaft geschlossen, nur dort die Tür, die zum Balkon führte, schien offen zu sein. Frau Kohn's Boudoir, in dem sich die Vögel befanden, deren Pflege sie zu überwachen hatte, befand sich im ersten Stock, sie eilte daher die Stiegen aufwärts und war eben im Begriff, an den dort befindlichen Schellenknopf zu drücken, als sie zu ihrem Staunen gewahrte, daß die Tür, die zu den Wohnräumen der ersten Etage führte, nicht geschlossen war. Ohne darauf jedoch weiteren Wert zu legen, trat sie ein und wandte sich sofort rechts, wo das Boudoir lag. Plötzlich vernahm sie laute Stimmen, dann ein schrilles Lachen und dann glaubte sie Felix Stimme zu erkennen. Das Boudoir war ein mäßig großer Raum, der von dem anstoßenden Zimmer durch eine Wand getrennt war, -die jedoch in der Nähe des Ofens eine etwa fußbreite Lücke aufwies, durch die man in das zweite Zimmer sehen konnte, denn der Ofen heizte beide Räume. Von dem zweiten Zimmer führte eine Tür in ein drittes Zimmer, das der Sohn des Hauses zu bewohnen pflegte. Unwillkürlich hatten sich Fannis Blicke zu der Lücke neben dem Ofen gewandt, unwillkürlich war sie dorthin getreten, vvn wo sie das ganze Nebenzimmer überblicken konnte. Wieder vernahm sie jenes laute übermütige Lachen und plötzlich ging die Tür drinnen auf und hereinstürmte, noch immer laut lachend, ein junger Mann mit hoch erhobenem Arm. Was er in der Hand hielt, konnte sie nicht erkennen, ihr Blick war aus Felix gerichtet, der dem Unbesonnenen nachstürzte und ihm das, was er in der Hand hielt zu entreißen strebte. „Hölle und Teufel! Franzel, machen Sie keine Dummheiten! er ist geladen! großer Gott! er ist geladen! —" Aber der jnnge Mann lachte nur noch lauter, richtete die Wasfe, denn eine solche war es, bald hierhin, bald dorthin, ohne daß Felix sie ergreifen konnte. Fanni, von Entsetzen wie gelähmt, starrte auf das grauenvolle Ringen. Plötzlich sah sie einen Blitz, vernahm gleichzeitig einen Knall und sah die Ringenden zu Boden stürzen. Sie stieß einen gellenden «chreckenslaut aus und stürzte wie von den Furien verfolgt, ans dem Zimmer, die Stiegen hinnnter nnd rannte dann, ihrer Sinne kaum mächtig, durch die Straßen der Wohnung ihres Bruders zu. Doch auf der Schwelle derselben, verließen sie ihre Kräfte, ohnmächtig brach sie zusammen. Inzwischen hatte sich Felix aufgerafft, er war nicht verletzt. Der Schuß, der sich aus der Wasfe entladen hatte, die der Leichtsinnige ans Uebermut sich angecignet, hatte diesen 'selbst getroffen- „Franzel, um Gotteswillen! sind Sie verletzt?" Er erhielt keine Anwort. Und jetzt erst gewahrte er cs, „großer Gott!" über das Helle Beinkleid ergoß es sich wie rote Farbe, Blur rieselte am Boden. — „Franzel!" stammelte er, „großer Gott Franzel! was haben Sie getan!" Mit ungeheurer Anstrengung hob er den Verwundeten auf und legte ihn auf ein in der Nähe stehendes Kanapee, dann stürzte er hinaus, um Hilfe herbei zu schaffen. „Einen Arzt!" rief er der ihm begegnenden Haushälterin zu, „schnell rufen Sie einen Arzt, den ersten, den Sie finden, schnell, schnell!" Die Frau stürzte fort, er eilte zurück durch sein Zimmer in das anstoßende, wo der Verwundete lag. Er schien sich nicht geregt zu haben. Felix rief seinen Namen, nahm seine Hand, hob ihm den Kopf, um ihm einige Tropfen Wein einzuslößcn. — Alles umsonst, er regte sich nicht. Ein Klopfen an seiner Zimmertür unterbrach ihn in seinen Bemühungen. Es war die Haushälterin mit einem Arzt, den sie ini Vorbeifahren aufgehalten hatte. „Mein Name ist Doktor Madner, es soll hier ein Unglück geschehen sein." „Ja," sagte Felix, mit sichtlicher Anstrengung die Worte hervorstoßend, „bitte, dort hinein." Er ging voraus, der Arzt folgte. Der Verwundete lag noch immer regungslos. „Was ist da vorgegangen?" fragte der Arzt. „Er hat mit dem Revolver gespielt," stammelte der jnnge Mann kaum hörbar, „da ist der Schuß losgegangen." „Wo ist der Revolver?" Felix zuckte die Achseln, er wußte es nicht. Der Arzt neigte sich über den Verwundeten, ihm die Weste zu öffnen, dann aber war seine Untersuchung sehr kurz. „Da ist nichts zu machen," erklärte er, „der Tod ist sofort eingetreten." „Tod!" schrie Felix auf. „Ja was meinen Sie denn? einen Schuß mitten durch's Herz hat noch kein Mensch überlebt." „Entsetzlich!" flüsterte der jnnge Mann von namenlosem Grauen erfaßt. „Aber was machen wir nun? wohin mit ihm?" „Er wohnt nicht hier?" Ein verneinendes Kopfschütteln war die Antwort. „Ja, fortschaffen lassen können Sie ihn nicht, das kann nur von Seiten der Behörde geschehen. Ueberhaupt mache ich Sie aufmerksam, daß hier im Zimmer auch nicht die geringste Aenderung vorgenommen werden darf, alles muß hier so stehen und liegen, wie es liegt und steht, bis von Seiten der Behörde der Befund zu Protokoll genommen ist; ich werde dieselbe sofort benachrichtigen." Der Arzt entfernte sich, Felix schwankte zurück in sein Zimmer und warf sich vollständig gebrochen auf die,Chaiselongue. Aber es währte nicht gar lang, kaum eine halbe Stunde war verstrichen, als eine Kommission erschien. Felix geleitete sie in das Nebenzimmer, indem er den Kommissär ersuchte, die Leiche baldmöglichst überführen lassen zu wollen, damit seine Eltern, die am Abend heim kommen würden, von dem Schrecklichen nichts gewahren, er. wolle gern alle Kosten im Vorhinein erlegen. Der Beamte versprach seinem Wunsche nach Tunlichkeit zu entsprechen, als er jedoch dem Toten näher trat, blickte er betroffen auf den jungen Mann, das war ja eine bekannte Persönlichkeit, ein übel beleumundetes Individuum, wie kam das hierher, in dieses Haus? — Doch danach zu fragen, war nicht seine Sache, er hatte nur den Befund aufzunehmen. Aber auch er stellte die Frage, die der Arzt bereits gestellt hatte, wo war die Waffe, mit der der Unglückselige die Tat vollbracht? In der Hand hatte er sie nicht, und vergebens durchsuchte man das ganze Zimmer, sie war nicht zu finden. Auch Felix beteiligte sich beim Suchen. Eben hatte er sich zur Erde gebückt, uni unter das Kanapee zu sehen. „Auch da ist sie nicht," sagte er, indem er sich wieder aufrichtete. In diesem Moment trat der Konimissär rasch aus ihn zu nnd ehe er sich dessen versah, hatte derselbe in die Brusttasche des jungen Mannes gegriffen und einen Revolver aus derselben hervvrgezogc». „Ich glaube, hier ist wohl das Gejuchte." „Freilich ist er das," entgegnete Felix, „ich bin nur froh, daß die Sucherei ein Ende hat, jetzt ist die Geschichte hier doch fertig?" „Ich glaube auch, daß wir hier fertig sind," erwiderte der Beamte, „denn die Frage, wie so die Waffe, mit der der angebliche Selbstmörder sich getötet hat, in Ihre Tasche gekommen ist, und weshalb Sie dieselbe vor uns versteckt gehalten habe», diese Frage will ich dem llntersnchnngSrichter überlassen." „Aber ich bitte sehr, Herr Kommissär, weshalb hätte ich denn de» Revolver vor Ihnen verbergen sollen? Dazu war doch kein Grund vorhanden. Aber ich habe mich nicht erinnert nnd erinnere mich »och jetzt nicht, daß ich ihn zu mir gesteckt habe. Trotzdem muß ich es getan haben." „Das bedauere ich außerordentlich, um so mehr, als für mich daraus die unangenehme Pflicht entsteht. Sie — zu verhaften." „Mich zu verhaften?" stammelte Felix, „aber um Gottcswille», was habe ich denn verbrochen?" Der Kommissär zuckte die Achseln. „Das zu entscheiden ist nicht meine Sache, aber daß es im höchsten Grad verdächtig ist, daß Sie uns eine halbe Stunde nach dem Revolver suche» lassen, sogar selbst mit zu suchen scheine», ivährend Sie ihn tatsächlich in der Tasche haben, das müssen Sie doch selbst zngeben." Felix hielt sich de» Kopf mit beiden Händen, während aschfarbene Blässe sein Gesicht überzog. „Es ist wahr," flüsterte er tonlos, „Sie haben vollkommen recht, das sieht verdächtig ans — und dennoch," fügte er mit fester Stimme hinzu, indem er sich aufrichtete und dem Beamten fest in's Auge sah, „beim Leben meiner Mutter schwöre ich es, daß die Sache sich genau so verhält, ivie ich sie Ihnen angegeben habe." Selbst der Beamte fühlte in diesem Augenblick seinen Verdacht schwinden, aber die Umstände waren zu gravierend/' er hielt sich nicht berechtigt, von der Verhaftung abzusehen. Felix sah ein, daß er sich fügen mußte und in den geschlossenen Wagen steigen mußte, den der Kommissär hatte holen lassen. Bleich, aber in strammer, ausrechter Haltung saß er dem Beamten gegenüber, doch in ihm tobte es. Sie hatte» das Amtsgebäude erreicht, in dem die in Untersuchung stehenden Häftlinge untergebracht waren, Felix wurde in ein nicht übermäßig großes, aber nicht grade unsauberes Zimmer geführt und die Tür hinter ihm abgeschlossen. Er war gefangen! gefangen! gefangen! Er lachte wie wahnsinnig grell auf und erschrack dann über sei» eigenes Lachen. — Und dann überkam ihn der Gedanke an seine Eltern, an ihren Schmerz, an die Verzweiflung der Mutter, wenn sie erfahren würde, daß ihr Sohn, ihr Liebling, verhaftet! — verhaftet wegen des Verdachtes, einen Mord vollbracht zu haben! — Er schrie laut auf und rannte händeringend hi» nnd her nnd rannte mit dem Kopf gegen die Mauer und dann zuni Fenster und riß es auf, um sich hinaus zu stürzen, um mit Einemmal alle Qual zu enden — aber vor dem Fenster war ein eisernes Gitter. — Wie wahnsinnig rüttelte er an den Eisenstangen bis die Hände bluteten. — Und dann warf er sich vollständig erschöpst auf die Holzbank und brach in ein wildes convutsivisches Schluchzen aus. Ernst, der die Nacht hindurch am Bette seiner Schwester, die inc wildesten Delirium lag, gewacht hatte, erfuhr erst am Morgen von dem angeblichen Mord im Kohn'schen Hause nnd von dem entsetzlichen Verdacht, der auf seinem Freunde lastete. Er eilte sofort in das Gerichtsgebäude, um die Erlaubnis zu erhalten, Felix besuchen zu dürfen. Er erhielt die Antwort, die er erwartet hatte. Während der Untersuchungshaft war der Zutritt zu den Arrestanten schwer zu erlangen, doch glaubte man dem Seelsorger gegenüber eine Ausnahme machen zu können, jedoch nicht vor dem ersten Verhör, von dessem Ergebnis es abhängen werde, ob dem Rabbiner ein Besuch bei dem Häftling gestattet werden könne. Er könne Nachmittags gegen drei Uhr wieder anfragen. Als er zur bestimmten Stunde in das Gerichtsgebäude kam und um Zulaß zu dem Verhafteten ersuchte, übergab ihm einer der dort Bediensteten eine an ihn adressierte Karte des Untersuchungsrichters. Er las: Ew. Ehrwürdcn erhalten hiermit die erbetene Erlaubnis, den in Untersuchungshaft sich besindenden Felix Kohn zu besuchen. Derselbe scheint ein verstockter, aber sehr ungeschickter Lügner und wäre es sehr Wünschenswert, wenn Ew. Ehrwürden ihm klar machen würden, daß es in seinem eigenen Interesse gelegen ist, der Wahrheit die Ehre zu geben. Hochachtungsvoll rc. (Fortsetzung solgt.)

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