Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 35 (3.7.1903)
- Date
- 1903-07-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 35 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur I Mit großem. Interesse folgte ich der gemütvollen Erzählung der „Chewresiau", sowie den sich daran schließenden verschiedenen Erörterungen- Wenn anch in der letzten*) Nummer Ihres geschätzten Blattes die Verfasserin selbst, in kurzer, klarer Weise alle Falschdeutereien der ersten Einsenderin widerlegte, so möchte ich mir doch erlauben, den von Frau M. wohldurchdachte» Auseinandersetzungen einiges hinzuzufügen. In erster Linie darf die gesch- Chewrefran den schweren Ausdruck „Krüppel" nicht auf sich beziehen, denn so hat es die Schreiberin sicher nicht gemeint. Sie scheint überhaupt manches nur falsch ausgedrückt zu haben, wie z. B. die empfundene Scham, beim Anblick solch Bedauernswerter. Scham denke ich mir ganz anderswo angebracht. — Die Gefühle sind ja verschieden, aber ich empfand bis jetzt gegenüber solch Unglücklichen immer nur das tiefste Mitleid. Tann haben Sie ohne Zweifel sck)on Gelegenheit gehabt, die verschiedenen Gesichtsausdrücke solcher Armen zu beobachten. Das durchgeistigte Auge des Einen, verklärt durch ein reiches Innenleben und das haßerfüllte des Anderen, der in sich die gleiche Berechtigung zum Leben fühlt, wie der Vorüberschreitende. Scham, nein, aber der Atem stockt mir bis ich vorüber bin.; Diesen Ausdruck aber auf das von der Chewrefran angeführte Erziehungsprinzip anzusühren, finde ich doch mindestens auch falsch angebracht. Frau M. hat es besser verstanden, das Nichtige zu treffen, aber wo finden Sie die jungen Mädchen, die vernünftig genug wären, die sich ihnen bietenden Vorteile einzusehen? Von den verschiedenen Berufsarten will ich zuerst den der tüchtigen Köchin hervorheben. Welche jüdische Hausfrau wüßte nicht ein solches Mädchen hoch zu schätzen, dem sie beruhigt das Wichtigste im Hause, das Wohlergehen der ganzen Familie anvertrauen kann. Einem solchen Mädchen wird außer der Achtung vor ihrem Können, die liebevollste Behandlung und der Schutz der Familie zuteil. Von der Notwendigkeit dieses Berufes sollte doch jedes Mädchen überzeugt sein. Ohne Zweifel hörten Sie aber auch schon den entsetzten Ausruf „Köchin"! nein, diesen geistestötenden Berus, niemals. Als ob eine Arbeit, sei dem wie sie wolle, geistestötend wäre. Jede Ausführung, überhaupt die eines ganzen Hauswesens wird immer individuell sein. Hat ein Mädchen sich jedoch durch die ungenügende Anleitung der Mutter keine genauen Kenntnisse erwerben können, nie wird es imstande sein, mit Leichtigkeit den eigenen Haushalt am „Schnürchen" zu sühren. Und' wie wohl, wie behaglich fühlt sich die ganze Familie in einem solchen Hause. Nie aber Ordnung auf Kosten der Gemütlichkeit. Ties findet man jedoch meistens, wo der Hausfrau die nötige Routine fehlt und die erlernt sich nicht, wie so viele junge Mädchen an ihrer Verlobung meinen, innerhalb 1 oder 2 Monate. Solche Frauen werden aus der Tienstbotenmisere nie herauskommen, weil ihnen der rechte Begriff vom Ganzen fehlt und sie dadurch nicht imstande sind, durch bestimmtes Angeben dem Mädchen zu imponieren und wiederum, dessen Leistungen mit der dazu nötigen Zeit in Einklang zu finden. Dann hat die erste Einsenderin eine merkwürdige Anschauung von einer nur „fürs Haus" erzogenen alten Jungfer. Bekanntlich sind solche viel weniger zimperlich als diejenigen, welche Jahr aus Jahr ein immer dieselben Schemas schreiben und durch das Geklapper der Maschine so nervös sind, daß sie immer Pflegebedürftig, entgegen der ersteren, welche überall segensreich wirken können, weil sie verstehen, richtig anzufassen, wo's not tut. Es giebt aber doch noch mehr weibliche Berussarten s. z. B. Lehrerin, Kindergärtnerin, Krankenpflege und dann oft stark ausgeprägtes Talent für diese oder jene Kunst. Besitzen die Eltern nicht genügend eigene Mittel, so finden sich viele großherzige Stiftungen für diese Fälle. Allerdings müssen die Kinder so erzogen sein, daß sie beim Studium nicht all die Torheiten mitmachen, zu welchen die Mitschüler eigene Büttel haben. Ties ist oft der Grund von den sogenannten verkommenen Genies, welche dann auf halbem Wege stehen bleiben, dadurch unglücklich werden, und sich nie am richtigen Platze fühlen. Ties läßt sich vermeiden, wenn Kinder von Jugend auf durch Enthaltsamkeit den eigenen Willen stählen lernnen, was durch das jüdische Erziehungsprinzip so gut zu erreichen ist. Wie es sich schon bei den Kleinen bewährt, möge Ihnen eine Hiisode aus meinen Kinderjahren zeigen. Wir durften eines Schabbos Nachmittags mit den Eltern in den an die Stadt grenzenden Wald. Beim Durchschreiten einer Schneise standen die schönsten Erdbeeren in Hülle und Fülle. Rasch lief der Jüngste von 2 Jahren, sich welche zu pflücken. Der 4jährige Bruder sah dies zuerst und rie f *) Dieses Eingesandt war bereits für vorige Nummer bestimmt. ihm nur zu, „darf man am Schabbos", worauf rasch das sehnsüchtig ausgestrecktc Händchen zurücksiog. Die Wern hätten nicht mehr nötig gehabt, zu tadeln, da das Prinzip schon so fest im Kinde war und nur durch die augenblickliche Begierde vergessen wurde. Ties vom Kleinen im Kleinen. Glauben Sie nicht, daß dies bei Großen im Großen durchgeführt, viel dazu beiträgt, die Entbehrungen im Leben weniger schmerzlich zu empfinden. Tie Worte meiner lieben Mutter sind und waren immer, „Kinder, entbehren muß man früh lernen, genießen kann man leicht." — Darin stimme ich nun vollständig mit der ersten Einsenderin überein, das; es vollständig auf die Erziehung ankommt. Wie kann aber eine Frau Kinder erziehen, wenn sie selbst keine Erziehung genossen? Tie jungen Mädchen gehen doch bis zu 14 oder 15 Fahren zur Schule, dann Handelsschule, oder auch gleich ins Geschäft. Würden die Mütter so ein Kind erst ein Jahr bei ich behalten, denn ich darf doch entsprechend Altersinterschied annehme», >vo 4 oder 5 Töchter im Hause sind, sodaß jede so ein Lernjahr bei Muttern durchmachen kann. Jedenfalls gäbe cs viel weniger Bleichsüchtige, da sich der Körper in diesen Jahren so recht bei den gesunden Bewegungen im Hause entwickelt. Viele fleißige Mütter haben auch keine Geduld zum Lehren und tun Alles lieber selbst, ehe sie mit Nachsicht, die Töchter dazu ermutigen. Teshalb wende auch ich mich an die Atütter, von deren Beispiel das Wohl und Wehe ihrer Töchter abhängt. Auch eine Leserin. Ihre Abonnentin in No. 34 des Jsr. Familienülattes ist im Irrtum, wenn sie glaubt, unter der Tarnkappe einen lustigen Federkrieg führen zu können. Was mit der Druckerschwärze dem Leser voPs Auge geführt wird, bleibt der Kritik unterworfen und selbst der Deckmantel der Anonymität kann nicht mehr schützen. Ihre Abonnentin hatte nicht die Absicht, einer Chewresiau zu nahe zu treten — schade, dag hier nicht der verächtliche Zug um die Lippen der Abonnentin zu sehen war, wegen einer Chewresiau, deren Name schon ein Martyrium besagt. — Welch ein Wagnis? Welche eine Kühnheit? Welch eine Unkenntnis? Die Chewresiau gehört der ä l t est e n Loge an, die existiert. Diese Loge heißt Chewroh Gemiluth Chasodim, eine von den 3 Säulen, auf denen die Welt ruht, auf Thora, Gottesdienst und Gemilus Chasodim. Diese Gemilus Chasodim Chewroh ist deshalb die wichtigste, weil reich und arm dieselbe nötig hat. Die Mitglieder dieser Chewroh müssen Menschen, durchdrungen von tiefer Religiösität sein, selb st verleugnend, opferbereit. Die Chewresiauen, echte jüd. Frauen sein, die mit Selb st Überwindung und Hingebung, leschem Mizwoh sich der Mizwoh Gemiluth Chasodim unterziehen. Folglich ist es eine ganz falsche Ansicht Ihrer Abonnentin in der Tarnkappe, wenn sie von der Ansicht ausgeht, daß der Name Chewresiau ein Martyrium besagt. Das Gegenteil ist der Fall. Die Chewrohfrau verrichtet freiwillig ein edlesGott gefälliges Werk. Der Chewrohftau möchte ich mit diesen Zeilen danken, weil sie die Anregung gab, im Sprechsaal über .Erziehung" zu sprechen, über eine Erziehung, die den Geist der Lehre den Kindern einprägt, damit die Fahnenfluch t in unseren Reihen aufhört. EinAbonnent. Bücherschau. Das Judentum nach neurabbinischcr Auffassung der Hochfinanz Israels.. Betrachtet von Kanonikus Univ.-Prof. Dr. August Rohling in Prag. Druck und Verlag von G. Schuh & Cie., G. m. b. H., 120 S. 8°, broch. 1.60 Mk. Ein konfuser Titel, unter dem sich ein konfuses Buch birgt, Rohling wird alt; das zeigt uns jede Seite, während man beim Lesen seiner früheren antisemitischen Pamphlete sich ab und zu wenigstens seiner von keinerlei Talmudkenntnis getrübten Auslegung des Talmud oder seiner amüsanten Ausfälle gegen die Juden ersieuen konnte, bilden in dieser — trotzdem sie nur 120 Seiten zählt — schier endlosen Wüste einige Talmudstellen (S. 42, 43), die teils am angezogenen Orte unauffindbar sind, teils erst tendenziös präpariert werden mutzten, die.einzigen durch Rohlings Geist belebte Oasen. Rohling will durch dieses .Werk", zu dessen Abfassung er .von hochehrwürdiger Seite aufgefordert wurde", (S. 5) Güdemanns .Das Judentum in seinen Grundzügen:c.", das er zu einer offiziellen Proklamation der österreichischen Judenheit stempelt, widerlegen. Wenn wir auch seine Ausstellungen an Güdemanns Rationalismus den Wundern gegenüber, an seiner Negierung eines persönlichen Messias anerkennen, so können wir doch die Widerlegung im großen und ganzen als mißglückt bezeichnen, was am besten aus folgenden Einzelheiten zu ersehen ist. Güdemann hält es für unnötig, die Auflösbarkeit der Ehe vom ethischen Standpunkte aus zu rechtfertigen, da fast alle Kulturstaaten, trotz der Einsprüche der herrschenden Religion diese Auflösbarkeit zum Gesetz erhoben hätten. Rohling, der wohl nicht so weit gehen will, die Gesetze der Kulturstaatcn als ethisch verwerflich zu bezeichnen, hilft sich, indem er meint, es gibt zwei ethische Standpunkte, einen höheren und einen niederen; den niederen nehmen natürlich die gesetzgebenden Körperschaften und das Judentum, den höheren die Kirche und Kanonikus Rohling ein. Den Einfluß des höheren ethischen Standpunktes selbst aus einen Rohling erkennt man im Schlußkapitel, in welchem Rohling zur Gründung einer Liga zur Heimführung Israels auffordert und — wenn auch sichtlich schweren Herzens — seiner ihm von der „höheren Ethik" diktierten Pflicht nachzukommen verspricht. „Israel, von den Milliarden, welche es wie immer in unserer Mitte erworben. ein gut Teil zu schenken." Wir möchten Rohling darauf aufnrerksanr machen, daß er sich zu viel darauf zu gute tut. daß er und Exrabbi Drach nicht widerlegt worden sei; das hat anerkanntermaßen einzig und allein seinen Grund darin, daß man Einen schon so oft der wissentlichen Fälschung und krassesten Ignoranz Ueberführten nicht mehr ernst nimntt, und wenn er auch einen längeren Titel hat als Kanonikus Univ.-Prof. Dr. August Rohling. Wir scheiden von dem Buche, mit dem ausiichtigen Bedauern darüber, es überhaupt aufgeschlagen zu haben. 8. H. L. Prag. Reu emgegaugene Bücher. Religiöse Ethik des alten und neuen Testaments, Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Berlin. Kriminal-Prozesse aller Zeiten. Sammlung interessanter Prozesse aus Vergangenheit und Gegenwart. Alle 4—6 Wochen ein abgeschlossener, einzeln käuflicher Band von 160—192 Seiten zum Preise von üü Pfg. Bis jetzt 5 Bände. Otto WebePs Verlag, Heilbronn a. N. Vakanzen. Würzburg. Israel. Lehrerbildungs-Anstalt.Verheirateter Hausmeister. Meldung an Distriktsrabbiner N. Bamberger. Ko bhlin (Posen). Borbeter und Schächter. Gehalt Mk. 1200 und Mk. 600 Nebeneinkommen nebst sieier Wohnung. . Fulda. 2. Schächter und Gemeindediener. Gehalt Mk. 1400, Nebeneinkommen Mk. 300—400. Bingen. Israelitische Religionsgesellschaft. Borbeter, Schächter, Religionslehrer p. 1. Okt., Mk. 2000 Einkommen und freie Wohnung. Barmizwohs. — Ohne unsere Verantwortung und nur bei Einsendung seitens der Eltern veröffentlichen wir kostensiei für die Einsender unter dieser RubrikBarmizwohs.— Nächsten Samstag, den 4. Juli (Wochenabschnitt Chukas) wird Barmizwoh: Joseph Möller, Sohn der Frau Charlotte Möller, Wwe., geb. Strauß, Ostendstr. 51. Abonnements und Inserate für das „frankfurter Israelit, Jamtäenötatt“ nehmen die hiesigen Bachhandlungen: A. Rothschild, Börnestrasse 88, A. J. Hofmann, Allerhelllgenstrasse 87 zu Originalpreisen entgegen; daselbst ist anch stets die neueste Nummer zu IO Pfg. das Exemplar zu kaufen. Einzelnummern unserer Zeitung sind bei sämtlichen Frankfurter Zeitungs-Kiosken zum Preise von 10 Pfennig zu kaufen. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. iy* Wir senden unseren werten Abonnenten auf Wunsch gern unsere Zeitung gratis und franko in die Sommerfrische nach. Verlag des „Frankfurter Israel. Faunlienblatt."