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Neue jüdische Presse · 1903-06-19 · Heft 33 (19.6.1903) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 33 (19.6.1903)
Date
1903-06-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 33 des Frankfurter Israelitischest Familienlmttes. Der Rabbi und -er Soton.^) Der Rabbi Ezechiel**) war Voll Ehren und voll Würde, Mit Straft trug er schon viele Jahr Des Lebens schwere Bürde. Im Kopfe Geist, im Beine Mark. Keusch in den Jünglingstagen. So widerstand er mutig, stark. Dem Ungemach, den Plagen. Er war ein abgesagter Feind Bon allen Vorurteilen, Und bei ihm mochte mancher Freund, Sich Rats erholend, weilen. Er war ein schöner, frischer Greis! Ein Frommer, doch kein Heuchler, Er liebte redlich treuen Fleiß, Verachtete die Schmeichler. Zum Rabbi einst kommt ein Prophet, Der rühmt sich wahr zu sagen, „Durch Zauberspruch und durch Gebet, Lös ich dir alle Fragen." Der Soton hieß er, allbekannt War er den finstern Seelen, Dem Teufel war er wohl verwandt. So tat man sich erzählen. Doch unser Rabbi glaubt es nicht. Was der Prophet ihm prahlte. Er wußte, daß der Wahrheit Licht, Nie solchem Gaukler strahlte. Er hatte just so viel Vertrauen, In des Quaksalbers Worte, Wie für den Wahn krankhafter Fraun, Im abergläubischen Orte. „Was willst du,* redet er ihn an; „Dir künden dein Geschicke, Für deine fernre Lebensbahn." Darauf mit ernstem Blicke. Beut seine Hand der Rabbi dar. Daß jener draus ersehe. Was ihm zunächst in diesem Jahre, Begegne und geschehe. Und auf die Hand bückt nieder sich. Wie forschend, der Geselle, Da gibt der Rabbi urplötzlich. Ihm eine derbe Schelle. „Betrüger mach geschwind dich auf. Wärst du ein Eingeweihter. Du hältst gesehen voraus den Lauf, Der Dinge gleich!" so schreit er. „Und war die Zukunft dir bekannt. So mußtest du erkennen. In einem Nu aus meiner Hand, Was dich gleich würde brennen. Konntst du dein eigen Mißgeschick, Nicht in der Hand gleich finden. Wie willst du ftemdes Leid und Glück, Und ftemde Zukunft künden?" Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! Gerade war ich mit Einpacken beschäftigt, weil ich morgen wieder zurück in meine Heimat fahren will, da kommt ein lieber Freund und bringt die Beilage von No. 32 von Ihrem Blatt und sagt: Liebe Frau M., jetzt müssen Sie den Reisesack beiseite lassen und hören, was sich da in dem Familienblatt tut. Und da fängt er an und liest mir vor, was Ihre Abonnentin da in dem Sprechsaal geschrieben hat. Als er fertig war, habe ich gesagt: Lieber Freund, zu was haben Sie mir das vorgelesen? Haben Sie denn emeint, ich hätte mir eingebildet, dag das, was ich a in der vorigen Woche geschrieben habe, allen gefallen würde? Das liegt doch auf der Hand, daß es all den armen Mädchen, die in Geschäften und Kontoren arbeiten, und deren Verwandten und Freunden nicht gefallen kann. Und wenn da eines seinen Aerger an mir ausläßt und mich mit einem Krüppel vergleicht u. dgl. m. — Was liegt denn mir daran? — Schon das Schimpfieren und die Unwahrheiten zeigen, daß die Sache nicht gerecht ist, denn wenn eine Sache gerecht ist, kommt man nicht mit Unwahrheiten. — Aber was soll denn mir daran liegen? — Da hat mein lieber Freund gelacht und hat gesagt, in einem hat die Abonnentin doch Recht, Sie sind eine naive Chewreftau, sonst möchten Sie sich nicht gefallen lassen, daß solche Unwahrheiten von Ihnen gedruckt werden. Denn wenn ein Blatt Unwahrheiten gebracht hat, dann *) Entnommen der Sammlung „Orientalien. Legenden und Parabeln des jüd. Allertums, poetisch bearbeitet von Herman Joseph Landau, Prag 1862." **) Rabbi Ezechiel Landau, Oberrabbiner zu Prag, war der anerkannteste Gelehrte seiner Zeit; er starb 1793. ist es durch das Staatsgesetz verpflichtet, diese zu berichtigen, wenn es dazu aufgefordert wird. — Na. meinethalben will ich meinem lieben Freund seinen Willen tun und Sie, geehrter Herr Redakteur ersuchen, zu bestätigen, daß es in meinem Artikel nicht heißt, die Eltem sollen ihre Töchter nur für's Haus erziehen, „damit sie rein bleiben*. Diesen Zusatz hat die Abonnentin gemacht, aber ich nicht; ich habe das nicht gedacht und nicht gesagt und nicht geschrieben. Ich habe die armen Mädchen keineswegs in den Verdacht gebracht, daß ihre Reinheit in den Geschäften und Kontoren leiden könnte; das hat die Abonnentin mit ihren Gänsefüßen mir nur in die Schuhe schieben wollen. Und ich habe auch nicht geschrieben, daß die Eltern ihre Töchter gar keinen Beruf wählen lassen ollen, ich habe geschrieben, sie sollen sie keinen wühlen offen, wobei sie von des morgens früh bis abends spät in Anspruch genommen sind. Darüber, daß gerade die Frauen, die nicht gelernt und geübt haben, einen Haushalt zu führen, es besser verstehen sollten, als die es gelernt haben, will ich nicht reden, bas ist ein guter Witz. Entschieden muß ich aber für jüdische Kreise in Abrede stellen, daß bisher ältere Mädchen und Witwen „Parasiten* der Zamilie und Gemeinde waren, das ist ein Ausdruck, >er aus einer jüdischen Feder nicht hätte kommen dürfen. Das Uebrige wollen wir laufen lassen, „gepackt* hat's sicher keinen, darum will ich es auch nicht paod Hochachtend Die naive Chewrefrau. * * * Geehrter Herr Redakteur! Durch die schlichte Erzählung „Aus den Erinnerungen einer Chewreftau* ist in diesem geschätzten Blatte ein Gegenstand zur Erörterung gelangt, der schon oft die Spalten anderer Blätter füllte und der;anz besonders das Interesse der Frauenwelt für sich in Anspruch nimmt. Wie man bei allen Tagesftagen dem „Für und Wider* begegnet, so auch hier und möchte ich mir ebenfalls eine Meinungsäußerung erlauben. Ich gehöre noch zu denjenigen Frauen, die ihre Stellung nicht als untergeordnet betrachten, wenn sie in der Stille des Hauses ihren Wirkungskreis suchen und nur dann dem Manne gleichberechtigt sein wollen, wenn es gilt, seine Sorgen und Mühen zu teilen. Das ist natürlich für die verheiratete Frau, für die Mädchen des Mittelstandes, deren Verhältnisse einen Erwerb bedingen, ist es notwendig, einem solchen nachzugehen, ob dies aber gerade, wie es heute so an der Tagesordnung, ein männlicher sein muß, das ist eine Frage, die schon oft aufgeworfen und nie entfchieden sein wird. Das angeführte Dichterwort: „Dienen lerne bei Zeiten das Weib* wird wohl am wenigsten von Damen, die sich auf ein dem männlichen Geschlechts bisher überlassenes Gebiet wagen, beherzigt, denn nur zu oft wählen die jungen Mädchen einen solchen Beruf, der das Wort „dienen* ausschließt. Um eine Stellung in einem Haushalt bemühen sie sich weniger, als um eine solche im Geschäft, wo sie selbständiger über fteie Zeit verfügen. Bei dem übergroßen Angebot ist der pekuniäre Vorteil unbedeutend; während in einer Familie Wohnung und Beköstigung ftei ist, muß das Geschäftsftäulein von dem mäßigen Gehalt für alles dieses sorgen und entbehrt dazu den Anschluß an eine geordnete Häuslichkeit, der doch sicher für ein junges Mädchen dem Alleinwohnen vorzuziehen ist. Ist es schon im allgemeines so, so kommt für das jüdische Mädchen noch ein Umstand in Betracht, der das Ergreifen eines kaufmännischen Berufes sehr erschwert, und dieser liegt in religiösen Bedenken. Allen Eltern ist es bekannt, wie schwer es fällt, den Söhnen beim Eintritt in das Geschäft die Ausübung aller religiösen Pflichten, besonders derSabbalheiligung, zu ermöglichen, sollen nun auch die Töchter in einen Kampf hineingezogen werden, in dem sie leicht erliegen können und ihnen dadurch fiir.ihr ganzes künftiges Leben der Sinn für die Poesie eines echt jüdischen Familienlebens verloren gehen. Ein Mädchen, das nicht mit Pietät für seinen Glauben erfüllt ist und das sich an die Uebertretung der Gebote gewöhnt hat, kann wohl trotzdem eine brave Hausftau werden, aber niemals eine Esches Chajil in der ganzen Bedeutung dieses Wortes, wie sie der jüdische Hausvater in dem hohen Liede auf das Biederweib beim Sabbateingang feiert. Wenn auch Gottlob noch jetzt durch die Frau die Reinheit und Innigkeit des Familienlebens mustergültig erhalten wird, so ist es doch nicht zu leugnen, daß die hohen Tugenden, welche ftüher die einfache jüdische Frau auszeichneten, oft zurücktreten vor dem, was eine moderne Dame als Lebensaufgabe betrachtet. Herzenstiefe und Seelenleben machen der Genußsucht und den geselligen Freuden Platz, und letztere führen oftmals zum Verkehr mit solchen Familien, die sich über die Verletzung der Ceremonialgesetze hinwegsetzen und durch ihr Beispiel andere gefährden. Wo aber des Hauses Grundstein wankt, da fällt leicht ein Gebäude zusammen, in dem wir uns so sicher vor des Lebens Stürmen geborgen fühlten. Hüten wir darum unsere Töchter möglichst im Frieden des Hauses oder bilden sie in einem weiblichen Berufe aus, damit sie Jüdinnen bleiben nach Art unserer Vorfahren und man dereinst, wenn es ihnen beschicken ist, ein eigenes Min zu gründen, in diesem eine Stätte findet, bei deren Betreten man ausrufen muß: „Wie schön find deine Zelte Jakob, deine Wohnungen Israel." Frau R, M. Bncherschau. Für Kischinew. Zum besten der Kischinewer Juden hat der „Jüdische Verlag*. Berlin, den Ertrag eines kleinen Buches bestimmt, welches die Judenmetzeleien von Kischinew auf Grund von authentischen Materialien und Original-Berichten behandelt. (Der Schrift find eine Anzahl von photographischen Reproduktionen beigegeben.) Der Preis des Buches ist auf eine Mark (excl. Porto) festgesetzt worden, und es soll nun für die denkbar größte Verbreitung Sorge getragen werden. Besonders sei jüdischen Vereinen und Institutionen der Bezug und Vertrieb dieser Schrift nahegelegt, damit durch möglichst große Massenauflage die Hilfsaktion gestärkt und zugleich das öffentliche Gewissen aufgerüttelt werde. Bestellungen sind zu richten an den Jüdischen Verlag, Berlin SW., Großbeerentraße 75. SekamllWchlW. Aus der Joseph und Rosa Billmann'schea Austeuer-Stiftung ist der für das Jahr 1993 fällige Aussteuer-Unterstützungsbetrag an ein israelitisches, aus rechtsgiltiger und nach israelitischem Ritus gechlossener Ehe abstammendes.Mädchen, welches das 15te Lebensjahr überschritten hat und mit dem Stifter oder seiner Eheftau verwandt ist. zu vergeben. Bewerbungen um dieses Legat sind bis zun» I. Lttober 1903 bei dem Unterzeichneten Mitadministrator Herrn Abraham Fürth dahier Schwanenstraße No. 9) einzureichen, bei welchem zu diesem Zwecke die erforderlichen Anmeldungsformulare zu erhalten sind. Frankfurt a. M., den 18. Juni 1903. Die Administration: Justizrat vr. Hirsch. A. Fürth. R. Schwabacher. Wilhelm Glücklich Gogr. Schillerstrasse 4,1. Gegr. 1879. Frankfurt a. 3f. 1879. Immobilien, Hypotheken» Kaiser Friedrich Quelle -Offenbaeh a. S. — Vornehmstes Tafelwasser. ßad Xarrburg, Pensum?ar&6aas, einziges Hotel am Platze. Mit Genehmigung Sr. Ehrw. Landrabb. Dr. Ralf, unter Aufsicht Sr. Ehrw. Rabb. Dr. Auerbach, Halberstadt. I. Ranges. 46 Salons, schönste Lage. Pension von Mk. 6 50anincl.Wohnung. Besitzer: Max Hecht. — Illustrierter Prospekt gratis — Abonnements and Inserate für das „frankfurter Israelit, familien&tatt“ nehmen die hiesigen Bachhandlangen : A. Rothschild, Bürneslrasse Si, A. <J. Hofmann, illerbeiligenstrasse 8t za Originalpreisen entgegen; daselbst ist auch stet» di» neueste Nummer za 10 Pfg. das Exemplar zn kaufen. Einzelnummern unserer Zeitung sind bei sämtlichen Frankfurter Zeitungs-Kiosken zum Preise von 10 Pfennig zu kaufen. Frankfurter israelitisches Famiiienbiatt.

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