Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1903-06-12 · Heft 32 (12.6.1903) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 32 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692298-2692329--00312-2694680
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Beilage zu Nr. 32 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! Ueberkam Sie jemals beim 'Anblick eines Krüppels ein gewisses Schanigefühl, gleichsam als müssten Sie denselben um Entschuldigung bitten, weil Sie mit graden Gliedern einhergehen? Aehnlich erging es mir. als ich die naive Erzählung »Aus den Erinnerungen einer Chewrefrau" gelesen, weil sich die Welt in meinem Kopf so ganz anders abspiegelt. Ganz gewiß hat die Erzählung Jedermann — ebenso wie mich — riesig angemutet, denn sie ist von wanner Empfindung durchweht und .packt"' verschiedentlich den Leser und noch mehr die Leserin. Die Verfasserin mag auch in ihrem so edlen menschenfreundlichen Berufe als Chewrefrau und Krankenpflegerin sich viele Mensche nkenntnis erworben haben. Ob ihre Weltkenntnis gleichen Schritt hält? Der rote Faden, der durch das Ganze zieht, gipfelt darin, daß nur d i e Frau und das Mädchen Werke der Nächstenliebe in Familie und Haus ausübcn kann und will, die lediglich dem Hausaltare opfert, und schließt mit einen: Appell an die Eltern, die Tochter nur sür's Haus zu erziehen, .damit sie rein bleibe." Glaubt die Verfasserin denn, daß die Mädchen alle zum Vergnügen ins Geschäft gehen, weil sie Einer oder der Andern begegnete, bei der es der Fall, und weil dieser die Haushaltungs-Misi-re ein Ekel ist. Ich glaube, ein solches Mädchen — auch wenn sie nur im Hause schaltet — hat ohnedies nicht das Zeug zur Esches-Chail in sich. Gewiß sind die Mädchen, wenn sic ins Leben hinaustreten, mancherlei Versuchungen ausgesetzt und werden nicht mit Glacehandschuhen angefaßt, doch wenn sie eine gute Erziehung genossen — hier liegt der Schwerpunkt — daun sind sic gewappnet. Sind in der „guten alten Zeit" nicht auch hie und da Mädchen untergegangen? Ich bezweifle, daß der Abhaltungsgrund der Eltern, wenn sie der Tochter den Beruf versagteri, die Furcht vor Ausartung war — immer eine gute Erziehung vorausgesetzt —, sondern ein falscher Stolz hielt sie davon ab. Doch ich will nicht hart sein, die Eltern handelten in gutem Glauben. Sie fürchteten, ihrem Kinde wehe zu tun, wenn sie ihr einen Beruf wühlten, lvenu dieselbe nicht nur Haustochter sein durfte. Denn solche Wandlungen, wie die Frauenbewegung sic hervorgebracht. vollziehen sich nur allmühlig. wenn sie gesund sind. Noch heute wird ja die Berussfrau von den breiten Volksschichten als einer unteren Gesellschaftsklasse angehörig betrachtet, während der Berufsmann vollwertig ist. In einer töchterreichen Familie des Mittelstandes sollen also alle — womöglich drei, vier oder fünf gleichzeitig — sich der Familie, dem Haushalte widmen, an ihrer Ausstattung nähen und sticken, bis sie einen Mann bekommen? Und wenn sie keinen Freier finden? Mir bleibt der Ausspruch eines eben erst von der Schule entlassenen Mädchens der bemittelten Klasse ewig in Erinnerung: .Ich drücke mich jetzt noch ein paar Jahre hcrunr. mache bei Verwandten da und dort mehrmonatliche Besuche bis ich heirate." Rennt die Verfasserin dies einen idealen Beruf? Ich hoffe und wünsche, dos Mädchen wird trotz seiner Seichtheit iur jugendlichen Alter dennoch eine Esches-Chail. Wohl denen, die iveiter keine Pflicht zu kennen brauchen, als ihren Eltern, ihren Brüdern oder kleinen Geschwistern die Häuslichkeit behaglich zu gestalten, die ganz und voll darin aufgchen können, dem schönen Spruche zu huldigen: Dienen lerne bei Zeiten das Weib nach ihrer Bestimmung. Denn durch Dienen allein gelangt sie zum Herrschen rc. :c. Warum sollten bei guten Charakteranlagen aber diese Eigenschaften in einem Berufsleben verloren gehen? Ich glaube es nicht, und wenn auch, giebt cs nicht leider auch eine Reversseite im Leben? Hat die moderne Zeit erst die Spezie der alten Jungfern hervorgebracht? Giebt es erst jetzt Witwen und Waisen? Bisher waren diese Frauen Parasiten der Familie und Gemeinde. — Wie ganz anders steht heute das alte Mädchen, die Witwe da. wenn sie geschult für den Kampf ums Dasein ist! Wenn sie einen Beruf erlernt hat. dem sie sich wieder widmen kann! Wie ganz anders wird sie den Mut besitzen mit Männern in Wettbewerb zu treten! Wie viel besser kann die Berufsfrau ihrem Manne im Geschäft zur Seite stehen, auch wenn es nicht die erlernte Branche ist, und last not least, wie viel leichter können in diesen Mittelklassen Ehen geschlossen werden auf Basis zweier Arbeitskräfte — wenn auch verschiedener Berufsart. Die Verfasserin ist ■ zwar der Meinung: „Solche Frau, versteht nichts vom Haushalt!" Ich bin anderer Meinung. Ich habe in meiner über 50 jährigen Praxis — ich tauge leider nicht für den aufopfernden Berus der Chewrefrau, ich schaue mich nur mit offenen Augen um — ich habe gerade das Gegenteil gefunden. Gerade die Berufsfrau schützt den Wert des Geldes höher, hat einen weiteren Horizont, praktischere Einteilung der Arbeit und hauptsächlich der Zeit und versteht ihren Haushalt weit besser zu leiten, als die Frau, die sich ausschliesslich dem Haushalt widmet. Auch wäre fast statistisch nachzuiveisen. daß eben die Mädchen und Frauen weniger oft oberflächlich sind und nur Sinn für Putz und Plnisir haben, und es den besser Sitirierten gleich tun wollen, als diejenigen, denen nur der Haushalt obliegt. Ich bin überzeugt und stehe Gott sei Dank nicht vereinzelt mit dieser Ansicht, dass in absehbarer Zeit auch jedes Mädchen der reicheren und reichsten Gesellschaftsklaffe genau so wie ihre Brüder einen Beruf erlernt, den sie selbstredend bei ihrer Verheiratung arifgiebt. Verschmähen es doch selbst Fürsten nicht als Arzte re. der Welt zu dienen. Eine Frau, die den Legen der Arbeit keimt, und diesen lernt auch ein reiches Mädchen allein in. wenn auch nur zeitweiliger Ausübung eines Berufes, wird ihrem Gatten eine vernünftigere Genossin sein, ihren Kindern eine bessere, tveitsichtigere Mutter, ihren Dienstboten eine gerechtere teilnehmendere Herrin. Eine Abonnentin. Bücherschan. I ü d i s ch e r A l »r a n a ch. 5 6 6 3. Redaktion des literarischen Teiles: Bert hold Feiivel Redaktion des künstlerischen Teiles: IS. M. Lilien- Berlin. Jüdischer Perlag. 310 Seite» -1". Preis: Mark 6.— Eigenartig wie die Bewegung, der es sei» Entstehen verdankt, ist das anzuzcigende Buch, das erste Werk des „Jüdischen Perlags", ein Buch, das an seiner Spitze eine stattliche Anzahl bekannterer und weniger bekannter Schriftsteller und Künstler als Mitarbeiter aufzählt. Das Buch, das sei zunächst anerkannt, liefert den Beweis für eine anerkennenswerte Rührigkeit des neuen Perlags, der cS an nichts hat fehlen lasse», um sein Erstlingsprodukt änsserlich bestens anszustatten und mit ihm seiner eigenen Leistungsfähigkeit ei» möglichst gutes Zeugnis auszustcllcn. — Inwieweit der Inhalt des Buches unsrerseits die gleiche Anerkennung verdient, wird man beurteilen können, wenn wir zugeben, dass daS Buch den Absichten und Tendenzen, die bei seiner Herausgabe massgebend waren, vollkommen entspricht und wenn wir diese Tendenz mit einigen Worte» näher erläutern. „Ein Stück jüdischer Kulturarbeit wollten wir leisten und mehr noch vermitteln helfen, da wir eine Zentralstelle jüdischer Literatur, Kunst und Wissenschaft ins Leben gerufen haben." . Ihn aber zu wissen, was damit gemeint ist, wird inan diese Begriffe „jüdische Literatur, Kunst und Wissenschaft" richtig definieren müssen, lind da möchte ich nach einem Aufsatz über das Problem der jüdischen Wissenschaft (2. 183) mit einer kleinen Hinzufügung zitieren: „„Jüdische" Literatur, Kunst und Wissenschaft kann es in zweierlei Sinn geben. Einmal im Sinne von Literatur, Kunst und Wissenschaft des Judentums: das „jüdische" ist objektiv. Zweitens aber auch im subjektiven Sinne: eine Literatur, Kunst rmd Wissenschaft, die von Juden ansgcht und irgendwie das Gepräge jüdischer Eigenart an sich hat. Also wie man heute etiva mit großer Vorliebe in Deutschland von „deutscher" Wissenschaft spricht." Hier haben tvir es offenbar nicht mit der Literatur u. s. w. der ersten, sondern der zweiten'Art zu tun. Ohne Rücksicht auf das Objekt, soll gezeigt werden, was Juden auf den genannten Gebieten selbständig und unabhängig zu leisten vermögen, wie sie „Schaffende" in ihren Reihen haben und der Borwurf des Mangels an Produktivität vollkommen unverdient und unberechtigt ist. Das soll namentlich allen denjenigen gezeigt werden, die selbst, von Geburt dem Judentum angehörend, von alledem nichts wußten und nicht ahnend, was sie Preisgaben, dem Judentum sich entfremdeten. Aus dem, was sie hier sehen und hören, sollen sie ein Bild des Judentums erkennen, das alle umschlingen und vereinigen will zu gemeinsamem Verständnis seines Wesens und zu gemeinsamer Arbeit für das Volk. — Fragen wir uns aber, ob dieses Bild auch nur einigermaßen vollkommen ist, ob wirklich uns alle die mannigfaltigen Gestaltungen jüdischen Wesens und Strebens gezeigt werden (wir meinen dieses „jüdisch" immer noch subjektiv), dann müssen wir leider erkennen, daß Judentum und Judenheit nicht in ihrem ganzen Umfange und darum fast einseitig zu Worte kommen und also von dem Leser nur unvollkommen und einseitig erkannt werden können. Ich möchte von den literarischen Arbeiten, die das Buch uns bietet, wiederum mit einer kleinen Bariierung eines Zitats (diesmal aus einem Aufsatze über „junghebräische Dichtung", S. 36) sagen: „Aus ihnen schreit die namenlose Tragik eines Volkes ohne Land, in ihnen jauchzen die herrlichen Wonnen des Erwachens und Wiedergeborenwerdens; aus ihnen stöhnt der Jammer der Jndengasse mit seiner kahlen Freudlosigkeit und seinem jungen Greisentum, und in ihnen frohlockt die junge Lebensfreude und die wllde Naturschwärmerei einer sreigcwordenen Jugend." Und diese „sreigewordene Jugend" — das ist der Hauptfehler — keniir das Judentum nicht, hat keine Ahnung von seine» Geiftesschätzen, ans dem „Eheder", ivenn sie es überhaupt je gesehen hat (was nach den Beweise» elementarer Unkenntnis einfachster Dinge ans der Praxis des jüdischen Lebens und nach den bis zur Farce entstellenden Schilderungen nicht einmal der Fall zu sein scheint) hat sie nur die Erinnerung an Schläge, aus der Jugend nur die Erinnerung an Leid und Entbehrung sich erhalten, das Judentum ist ihr nur eine Fessel, und nur ein an dessen Stelle gesetzter neuer Begriff mit dem alten Raine» findet Wohlgefallen in den Augen dieser „Jungen", die mit' Spott und Satire alles Alte begleite» und mit dem Peraltete» und Welken auch das Ewigjungc und Unverwüstliche verwerfen, denen das Wesen des Judentums „das jüdische Volk ist, so lange es lebt und schafft" (T. 107). Wir brauchen nicht eingehend nnseinanderzusetzen, daß und warum wir damit nicht übereinstimmcn und daß wir in einem Buche, das über alle lebenskräftigen Erscheinungen im Judentum und in der Judenheit Aufschluß geben will, bei aller Toleranz für die „Renaissance" doch mindestens eine einigermaßen erschöpfende Würdigung beziv. Darstellung auch desjenigen Volksteiles erwartet hätten, für den daS Judentum mehr ist als Kunst, Literatur und Wissenschaft, mehr als eine alte Fessel, die, Jahrhunderte lang getragen, nach und nach abgeworfen zu werden verdient. Wenn wir also festgestellt haben, daß wir in dem Buche nicht mehr erlvarten dürfen als eine Darstellnng des literarischen und künstlerischen Schaffens derjenigen Kreise, die sich zumeist deshalb als Inden fühlen, weil es ihnen von außerhalb gar zu oft und zu deutlich fühlbar gemacht wird, jener .Streife, die für ihre sonst nicht zur Entfaltung gelangenden Talente im Kreise der Volksgenossen Gelegenheit zur Betätigung und Verwertung suchen, jener Bewegung, die an Stelle eines für sie toten Judentums das durch sie wiederznbelebende setzen will, wenn wir fcstgestellt haben, dass uns nicht das Jndentum in seiner Gesamterscheinung, sondern in einem ganz bestiinniten Teile hier vorgeführt ist, dann können wir das (Gebotene anerkennen als eine Leistung, die uns mit einem gewissen, berechtigten Stolz eine Fülle von Können zeigt und die uns hoffen läßt, daß die alle Jrrtümer überwindende Wahrheit so manchen Teil dieses Könnens auf ihrem unausbleiblichen Siegeszuge durch die Welt sich dienstbar mache» wird. — Künstlerisch — das sei noch hinzugefügt — erfüllt das Buch selbst weitgehende Ansprüche vollkommen: es enthält eine große Anzahl guter Reproduktionen vortrefflicher Kunstwerke und auch einige der poetischen Gaben haben uns rdcht angesprochen. E Iüdi s ch e S t a t i st i k. Als erste Publikation des jüngst begründeten Vereins für jüdische Statistik erscheint demnächst unter der Redaktion von D r- Alfred R o s s i g ein stattlicher Oktavband unter dem Titel „Indische Statistik" (Berlin, Jüdischer Verlag, Preis 7 ./#.). Alle großen jüdischen Organisationeil, wie die Jeivish Colonization Association, der Deutsch- Israel. Gemeindebund u. v. a. veröffentlichen hier durch ihre offiziellen Vertreter Berichte über ihre statistischen Arbeite». Auch enthält das Werk zahlreiche monographische Beiträge berufener Autoren, unter anderen» von Eduard Bernstein, Joseph Jacobs, Tr. Arthur Ruppin. Tie Publikation bietet eine Uebersicht aller bis jetzt auf dem Gebiete der jüdischen Statistik unternommenen Arbeiten und ein erschöpfendes Bild der Lage der bedrängten Massen des Judentums. Bestellungen durch den Jüdischen Verlag, Berlin SW. 47, oder durch den Verein für jüdische Statistik, Berlin-Halensee, sowie durch alle Buchhandlungen. Ne» eiugegaugene Bücher. Jerusalem, Erzählung von Selma Laaerlöf, aus dem Schwedischen übersetzt von Pauline Klaiber, 3 Auflage. Verlag Albert Langen, München. Abonnements and Inserate für das „frankfurter JsraeHi familien&taft“ nehmen die hiesigen Buchhandlungen: A. Rothschild, Birnestrasse SS, A. J. Hofmann, illerheiligenstrasse 87 za Origmalpreisen entgegen; daselbst ist auch stets die neueste Nummer zu 10 Pfg. das Exemplar zu kaufen. Die Zusendung mt unsere Abonnenten wird ims's Sorgfältigste kontrolliert; Uuregelmätzigkeite« Sitte» wir, uns sofort z» melde».

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.