Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 31 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 31 des Frankfurter Israelitischen FamiliMattes. $ -\e. :7- - : K (Nachdruck verboten.) Aus unfern Tage« von Friedrich Rott. . (Fortsetzung.) „Aber Felix! —" „Ich habe Dich seiner Zeit gewarnt, nicht einmal, sondern hundertmal." „Aber ich weiß wahrhaftig nicht, was Tu willst," Versetzte Arnold erregt; „ich habe Dir gesagt, daß ich mit meinem Wirkungskreis zufrieden bin. Mehr kann ich doch nicht verlangen. Ter katholische Geistliche muß -in seinem Beruf vollständig aufgehen —" „Ermuß, ja er muß — muß ist eine harte Ruß. — Findest Du das nicht?" „Tu-hättest Großinquisitor werden sollen," entgegnete Arnold, unmutig lachend. „Meinst Du? — Da will ich doch gleich versuchen, ob ich Talent dazu habe. Also Herr Katechet, ich bitte zu beichten." 3 „Felix, ich bitte Dich — Tu mutest mir mehr zu, als Du ahnst." - „Im Gegenteil, mein lieber Junge, mir ahnt gar vieles." -s „Aber lass' mich in Ruhe!" A „So beichte." „9hm, meinethalben. Also ich wiederhole, ich bin mit meinem Wirkungskreis vollkommen zufrieden. Aber wie Du weißt, verbringe ich die Ferien immer bei meinen Verwandten in K- Du kennst sie doch, meine Cousine und Tante. Beide sind überaus gut und liebenswürdig mir gegenüber, namentlich die Tante tut ihr Möglichstes^ mir den Aufenthalt in ihrem Heim angenehm zu machen. Ta ist es doch ganz natürlich, daß mich gewöhnlich unmittelbar nach meinem Besuch bei ihnen eine Art moralischen Katzenjammer beschleicht." „Freilich ist das natürlich, nur finde ich es nicht ganz natürlich, daß besagter Katzenjammer, Deinen Worten, nach, hauptsächlich in der Sehnsucht nach der lieben Tante besteht —" „Habe ich nun nicht recht, hättest Du nicht Großinquisitor werden sollen? aber Du verdrehst einem die Worte im Munde. Keineswegs habe ich gesägt,, was- Du da sagtest, obgleich meine gute Tante es sehr woht verdienen würde, daß ich mich nach ihr sehne. Aber ich war eben im Begriff, hinzuzüfügen, daß, obgleich dieses doch schon genügen würde, meinen sogenannten Katzenjammer zu erklären, kommt noch hinzu, daß meine Cousine, die mehrere Jahre hindurch leidend war, sich nun erholt-hat und ein blühend schönes, wunderbar liebreizendes- Mädchen geworden ist."; „Das war sie vor sechs Jahren auch schon." - „Inzwischen ist sie es nicht gewesen. Aber jetzt ist sie schöner als je. Von ihrer holden Anmut kannst Du Dir keinen Begriff machen." Felix brach in ein heiteres Lachen aus. „Junge, Junge, Du bist ja verliebt —" - „Felix," bat Arnold, dessen Antlitz dunkle Glut überzogen hatte, »Du hast mein Vertrauen nahezu erzwungen. Siehst Du denn nicht, wie sehr ich leide?" :, „Das sehe ich allerdings und ich habe das Unglück vorausgesehen und habe es vorausgesagt — Du mußt Dich daran erinnern." ,; „Es ist teilt Unglück," erwiderte der junge Geistliche ernst, indem das Blut langsam aus seinen Wangen wich und ihn noch bleicher erscheinen ließ, als' vorhin, „es ist eine Versuchung, die ich bekämpfen muß und werde, und die ich besiegen werde — verlaß Dich drauf." ,. Betroffen blickte Felix zu ihm hinüber, in dessen sonst so sanft blickenden Augen jetzt ein dunkeles Feuer glühte. „Ich zweisle nicht daran, daß Tn siegen wirst, aber Dein Kampf schmerzt mich." „Warum? — ohne Kamps kein Sieg. Und wenn ich gesiegt haben werde, dann — dann —" Er fuhr sich mit dem Tuche über die Stirn und atmete tief auf, während um seine bleichen Lippen eine Art triumphierendes Lächeln zuckte. Felix schüttelte den Kopf. „Deine Worte in Ehren — aber wie Du unter diesen Umständen fugen kannst, daß Du zufrieden bist —“ „Du verdrehst schon wieder. Ausdrücklich habe ich gesagt, daß ich mit meinem Wirkungskreis zufrieden bin." : -„Pardon! Du hast recht-" t »Ich chatte allerdings auch sageir können, daß ich züfrieden bin — denn ich bin es tatsächlich." -- „Na! aber —" l „Ja, das verstehst Du nicht, und ich weiß nicht einmal, ob ich' es Dir zum Verständnis bringen kann. — Aber sieh, wenn ich da hundert und aberhundert Kinder vor mir habe und sie die heiligen Glaubenswahrheitcn lehre, und mir dann sage, daß es mir vergönnt ist, so vielen Hunderten den Weg zum ewigen Heil zu eröffnen, dann erfüllt ein Hochgefühl meine Brust. — Und wenn ich zuweilen als Seelsorger im Beichtstuhl die Bekenntnisse der Sündigen -entgegennehme, wenn ich da die Einen ermahneMen' Andern Buße anferlegen und noch Andern holle Absolution erteile, dann — doch nein. Tu verstehst das nicht. Du kannst das nicht begreifen. — O, wenn Du unsere heilige Kirche kennen würdest, das ist eine Institution, die man ini Staube liegend anbeten müßte." Felix preßte die Lippen aufeinander, sie sollten nicht verraten, was er dachte. „Du hast recht," sagte er, „es giebt 'Anschauungen, die ich nicht verstehe und die kein Mensch mir verständlich machen kann. Aber ich sreue mich aufrichtig, daß Du Tich glücklich fühlst." „Schon wieder verwechselst Du meine Worte. Von glücklich sühlen war doch bisher gar keine Rede. Wozu auch? — Was ist Glück? Wir müssen uns nicht glücklich fühlen, wir müssen nur unsere Pflichten erfüllen, voll und ganz, uitd nach jeder Richtung hin, und das Bewußtseiit treu erfüllter Pflicht wiegt vollkommen dasjenige auf, was man Glück ilennt." „Aehnliches habe ich auch einmal von Ernst gehört — aber es war doch nicht ganz so — es war sogar im Wesentlichen anders — ich muß ihn gelegentlich darüber fragen und dann schreibe ich es Dir, bis dahin bleibe ich Dir meine Erwiderung schuldig. Aber wir müssen jetzt machen, daß wir »ach Hause kommen." „Freilich, wir dürfen Deine Mama nicht warten lassen." „Ach, das wäre nicht das Gefährlichste, Mama würde es nicht übel nehmen, aber ich halte es nicht für unmöglich, daß die Speisen es übel nehmen könnten, entweder zu hart oder zu weich werden." In ruhig heiterer Unterhaltung legten sie ihren Weg zurück und traten zu Frau Kohn'S aujrichtiger Befriedigung zu der von ihr bestimmten Zeit pünktlich in das Speisezinliner. Mail verbrachte noch einige recht angenehme Stunden, dann mahnte die Dame des Hauses zum 'Ausbruch, da ihr Gast morgen mit dem Frühesten seine Reise fortsetze,t mußte. Kohns ließen ihn jedoch nicht fort, ohne ihm das Versprechen abzunehmcn, von nun an nie wieder seine Vaterstadt zu passieren, ohne sich bei ihnen aufzuhalten. „Hochwürden tun in Wirklichkeit ein gutes Werk, wenn Sie uns öfters das Vergnügen Ihres Besuches schenken," fügte.Frau Kohn hinzu, „ich bin überzeugt, so kurz Ihr Aufenthalt hier auch gewesen ist, so wird er doch einen günstigen Einfluß auf Felix zurücklassen." Tie Freunde blickten einander lächelnd an. „Wir wollen das Beste hoffen, gnädige Frau, jedenfalls können Sie überzeugt sein, daß ich Ihr Söhnchen zu nichts Bösem verleitet habe — denn es läßt sich bekanntlich von mir zu gar nichts verleiten." In den Vormittagsstunden des folgenden Tages trat Frau Kohn am Arme ihres Sohnes in die Bogelsche Wohnung. Ernst und sein Vater saßen noch auf niedern Schemeln als Frau Kohn ihnen die Hand reichte und in warmen Worten ihr Beileid.aussprach. Tann erkundigte sie sich nach dem kleinen Mädchen, es habe sie tief erschüttert, als sie erfahren, daß das Kind in diesem zarten Alter die kranke Mutter gepflegt habe. „Und jetzt spricht sie beständig davon, wie sie für mich sorgen wird," sagte Vogel mit leiser bebender Stimme, während seine bleichen Lippen zuckten, es dürfe mir an nichts fehlen, sie wolle alles machen, wie die Mutter es gemacht hat — und meine selige Frau hat mich verwöhnch" fügte er noch leiser hinzu, während eine Träne über seine faltige Wange herniederglitt. „Aber das werden Sie doch nicht zugeben," entgegnete Frau Kohn erregt, ein Kind von kaum dreizehn Jahren —" „Verzeihung, gnädige Frau," fiel Ernst ein, „ich glaube, ja ich halte mich überzeugt, daß Fanni den schweren Schlag weit leichter überwinden wird, wenn sie sich bemüht, ja selbst wenil sie sich anstrengt, alle Obliegenheiten der teureit Heimgegangenen jetzt zu vollbringen, als wenn sie sich wie bisher, nur in der Schule und mit den Arbeiten für die Schule beschäftigen würde." „Aber sie ist doch noch schulpflichtig, sie muß doch noch in die Schule gehen." „Gestern hat uns der Direktor der Bürgerschule besucht und habe ich mit ihm darüber gesprochen. Er ist ganz meiner Ansicht, Fanni taugt gegenwärtig nicht für die Schule, sie wäre mit ihren Gedanken beständig zu Hause, in beständiger Sorge um den Vater. Sie würde keinen Vorteil von dem Unterricht habeil und Nachteil für ihre Gesundheit. Ter Direktor hat mir daher geraten, in einer schriftlichen Eingabe an ihn darum nachzusuchen, daß meine Schwester mit Rücksicht sowohl auf ihre eigene Gesundheit als auch auf die Gesundheit unseres Vaters von dem fernern Schulbesuch befreit werde." Frau Kohn schüttelte mißbilligend das Haupt. „Entschuldigen Sie, Herr Doktor, Sie sind ein Gelehrter und werden es sicherlich besser verstehen, aber ich als Dame und als so viel älter als Sie, möchte mir doch erlauben. Sie zu bitten, in reifliche Ueberlegung ziehen zu wollen, ob es nicht doch gewagt ist, ein dreizehnjähriges Kind der Schule zu entziehen. — Weiß sie denn schon genug fürs Leben?" „Nein, gewiß nicht. Aber sie wird auch zu vierzehn Jahren noch nicht genug sür's Leben wissen. Das hat aber für ein Mädchen, namentlich für ein Mädchen, wie Fanni, mit ihrem hellen Kops und ihrem strebsamen Geist nicht das mindeste zu sagen. Vorläufig wird vermutlich ihre ganze Zeit drauf gehen, um sich in alle die Obliegenheiten, die sie für den Haushalt und für die Pflege hes Vaters erforderlich hält, hineinzuarbeiten. Ueber kurz oder lang wird sie jedoch sicherlich noch Zeit genug finden, sich auch geistig zu beschäftigen. Jit dieser Beziehung bin ich vollständig ruhig." ' Frau Kohn schüttelte »och immer mißbilligend den Kopf, aber sie kannte den jungen Gelehrten zur Genüge, um überzeugt zu sein, daß sie mit ihren Argumenten gegen ihn nicht werde aufkommen können. Sich an den Vater zu wende», der vermutlich, selbst keine übermäßige Bildung hatte, erschien ihr im Vorhinein nutzlos. Sic erhob sich daher und trat zu der Chaiselongue, aits der die Kleine auch heute noch ruhte. Felix hatte, während seine Mutter mit Ernst und dessen Vater gesprochen, sich.mitdem jungenMädchen unterhalten, jetzt stand er auf und überließ der Mutter seinen Sitz. Frait Kohlt erkundigte sich in liebreichster Weise nach dem Befinden der noch sichtlich Leidenden, band ihr auf die Seele, sich zu schonen und zu pflegen und überreichte ihr eine überaus schöne Kasette niit alten möglichen Utensilien zu Handarbeiten und Schreibutensilieu. „Ich danke Ihnen," sprach das kleine Mädcheil leise, indem sie der freundlichen Dame ihre schmale durchsichtige Hand reichte, „ich danke Ihnen vielmals. Ich weiß. Sie wollten mir eine Freude machen — aber — aber —" „Rege Tich nicht auf, liebes Kind," sagte Frau Kohn, indein sie ihr die bleichen Wangen streichelte, über die jetzt wieder eine Träne herniederglitt» „Felix hat mir erzählt, daß Du jetzt für Deinen Vater sorge» willst, das ist sehr schön von Dir, Du bist ein braves, gutes Kind, und gewiß wird Tein Vater viel Freude an Dir haben. Aber um für andere sorgen zu können, muß man erst selbst gesund sein, Harum mußt Du Dir Mühe geben. Dich nicht aufzuregen." »Ja," flüsterte die Kleine, indem sie den tränenumflorten Blick empor hob, „ich will tun, was Sie sagen — ich habe es Fel — Herrn Kohn auch versprochen — ich werde es ganz gewiß tun." Frau Kohn unterhielt sich noch einige Minuten mit dem Kinde und mit der Tante desselben, die während der Trauerwoche den Haushalt versah, dann winkte sie ihrem Sohne zum Aufbruch und mit dem Versprechen, in einigen Tagen wiederzukommen, entfernte sie sich, den Leidtragenden freundlich zuwinkend. „Nun Mama, waS sagst Du zu dem süßen Kinde?" sprach Felix, während er neben seiner Mutter einherschritt, „hat es Dich nicht auch ergriffen, das zarte junge Wesen, mit den schmerzlich zuckenden Lippen?" »Ja, sie ist ein überaus liebliches und gutes Kind und ich sehe auch sehr wohl ein, daß sie augenblicklich nicht im Stande ist, die Schule zu besuchen. Aber ich finde es geradezu unverantwortlich von ihrem Bruder, daß er sie die Schule überhaupt nicht mehr besuchen lassen will. Da sieht man den orthodoxen Rabbiner, dem Bildung nur Nebensache ist." „Liebe Mama, wenn Ernst- Bildung auch nur als Nebensache betrachtet, so kann ich Dich versichern, daß er es trotzdem in dieser Beziehung mit allen aufnehmen kann, denen Bildung die Hauptsache ist" „Dem will ich nicht widersprechen, aber um so unverzeihlicher sinde ich es von ihm, daß er seine Schwester unwissend aufwachsen lassen will." „Fanni unwissend? Mama, Tn kennst sie nicht. Ter Bürgerschuldirektor sagte noch gestern, er wäre überzeugt, daß in der Schule auch nicht ein Satz vorgetrageit ivordeit wäre, den sie sich nicht gemerkt hat. Und was sie auch nur einmal liest, das weiß sic und vergißt es nie wieder." „Das ist allerdings viel wert, aber bei Sprachen ist es doch nicht genügend, sie wird sicherlich nicht französisch sprechen können." „Ttt vergissest, liebe Manm, daß ihre Mutter eine Französin gewesen ist und daß daher in ihrem Hanse eben so viel Französisch als Deutsch gesprochen worden ist." „Wirklich? Das hatte ich nicht gewußt- — Trotzdem, es gefällt mir nicht, ein dreizehnjähriges Kind der Schule zu entziehen. Das hätte der Pater Msmar in den gleichen Verhältnissen nicht getan, davon bin ich überzeugt." „Das weiß ich nicht, in dieser Beziehung kenne ich ihn nicht." (Fortsetzung folgt.) Die Zusendung au unsere Abouueute» wird aus's SorgfWigste kontrolliert; lküregelmiitzigkeiteu bitten wir» uns sofort zu melde«. Wir bitten unsere geehrten Leser sich bei Einkäufen auf das Frankfurter Israel. Familienblatt beziehen zu wollen.