Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 29 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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’T.i«t."K.t'ÄjV 'Mge zu Nr. 29 des (Nachdruck verboten.) Ans unfern Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) ‘ „Beim Gebet wäre meine Anwesenheit vermutlich mich nicht willkommen gewesen —" „Ach, Du hättest sie nicht geniert, aber sie hätten mich geniert- Ich kann dergleichen nicht leiden." Arnold schüttelte den Kops. „Noch immer der Alte. — Was sagt denn Ernst dazu? — der ist doch jetzt auch schon ordinierter Priester." „Du bist aber auch noch immer der Alte," entgegnete Felix lachend, „erinnerst Du Dich nicht, daß Ernst uns beiden erklärt hat, daß man nicht jüdischer Priester werden kann, sondern als solcher geboren werden muß." »Ja, ja, ganz recht, Du bist ja ein geborener Priester." „Ich habe die Ehre." ■ „Und ein geborener Spötter bist Tu auch. Aber trotz Deines unablässigen Spöttelns halte ich mich überzeugt, daß Du von der aufrichtigen Trauer, die bei Vogels herrscht, ergriffen warst." „Ich kann es nicht in Abrede stellen, namentlich die Trauer des Kindes, der kleinen Fanni, hat mich mehr ergriffen, als Du Dir denken kannst." „Ich habe es Dir angesehen." „Schade, daß Du nicht mit ihr gesprochen hast. Lieblicheres kannst Du Dir kaum denken. Und dabei dieses tiefe Pstichtbewußtsein, und trotz ihrer Zartheit, diese eiserne Willenskraft. „Sie scheint Dir sehr zugethan zu sein." „Ich glaube, das heißt, ich hoffe es. Obgleich ich heute zuerst geradezu perplex war. Wir haben doch von jeher du zu einander gesagt und einander beim Vornamen genannt- Und heute mit einemmal nennt sie mich Herr Kohu und spricht per Sie und ersucht mich, auch nicht mehr du zu ihr zu sagen, ihre Mutter habe ihr in der vorigen Woche gesagt, es wäre ihr das nicht angenehm, Auch dürfe sie mir nichts mehr zum Geburtstag schenken und auch von mir nichts annchmen- Und dabei sind ihr beständig die Augen voll Wasser gestanden. Was sagst Tu dazu?" Arnold, antwortete nicht sogleich. „Du meinst, ' wie ich darüber denke?" „Nun selbstverständlich meine ich das." „Ich weiß denn doch nicht, ob ich. Dir das so gradeheraus sagen soll.—" „Ach Konsens, wenn ich Dich ausdrücklich auffordere, mir Deine Ansicht zu sagen —" „Nun denn, -auf mich macht Deine Mitteilung den Eindruck, als ob die Verstorbene kein übergroßes Vertrauen zu Dir, oder sagen wir zu Deiner Moralität gehabt hätte. — Uebrigens Deine eigenen Aeuße» rungen gegenüber Deinen Eltern lassen mich vermuthen, daß Du es in dieser Beziehung nicht allzugcnau nimmst, das dürfte ihr auch zu Ohren gekommen sein." „Das mag sein," versetzte Felix gezwungen lachend, „es kümmert mich den Teufel, was die Leute über mich reden. Aber daß Fannis Mutter mir mißtrauen konnte, das habe ich nicht verdient." „Du brauchst das nicht so schwer zu nehmen. Nach Deiner eigenen Aeußerung scheint man Dich für einen Don, Juan zu halten." „Meinethalben, nenne es wie Tu ’ willst." „Ja, aber dann kannst Tu es der sterbenden Mutter nicht verdenken, daß sie ihr Kind vor all zu großer Vertraulichkeit mit Dir schützen wollte." „Ich verdenke es ihr aber ja," entgegnete Felix heftig, „wenn ich auch jetzt mein Leben genießen will, das berechtigt sie nicht, mich zu verdächtigen, daß ich mich gegen einen solchen Engel vergehen könnte." Arnold erwiderte nichts, er sah ein, daß die Erregung des Freundes durch jeden Versuch dieselbe zu beschwichtigen, sich nur steigerte. Als sie jedoch nach Hause kamen, hatte Felix nichts Eiligeres zu tun, als der Mutter seine Unterhaltung mit dem kleinen Mädchen wortgetreu zu berichten. Sie wechselte . mit dem jungen Geistlichen einen vielsagenden Blick, erwiderte jedoch nichts. „Du wirst morgen zu ihr gehen, Mama, ich bitte Dich inständigst. Wirst Du es thun, Mama? — Das Kind tut mir so leid, so sehr leid. — Ich bitte Dich, gehe zu ihr und bringe ihr etwas Hübsches mit — mir zu Liebe!" — „Was sagen Sie dazu. Hochwürden, wie er betteln kann?" „Noch genau so, wie vor sechs Jahren, wenn er eine Stunde länger ausbleiben wollte, als er sollte." „Ach, erinnere nur daran nicht. Damals hat mir mein Betteln nie, etwas genützt. Aber morgen wirst Du zu ihr gehen, nicht wahr, liebe Mama?" „Na meinethalben, ich muß ja wohl. Du lässest mir doch sonst keine Ruhe." „Freilich nicht," lachte er, „es ist das Gescheidteste, was Du, tun kannst, gleich nachzugeben, jetzt wirst Du Ruhe haben." „Es fragt sich nur bis wie lange." „Bis morgen Vormittag um elf, dann werde ich mir die Ehre geben, mich zu Deiner Verfügung zu stellen." „Du zu meiner Verfügung? — Tu verfügst über mich." Eben trat Herr Kohn in das Zimmer. Zwei Herren, die schon vorhin nach seinem Lohne gefragt hatten, waren wieder da. „Sie haben, wie sie sagen, nur wenige Minuten mit Dir zu sprechen, ich glaube, eine Klubangelegenheit —" „Ja, ja, ich weiß schon, was sic wollen. Tu entschuldigst mich wohl, Arnold, ich bin sofort wieder hier." „Aber ich bitte sehr, lasse Dich durch mich nicht stören." Felix nickte ihm freundlich zu und entfernte sich. „Es ist mir eigentlich lieb," sagte Kohn, indem er sich dem Gaste gegenüber in ein Fauteuil niederließ, „cs ist mir in der Tat angenehm, daß Felix für ein Weilchen abgerufen worden ist, ich möchte Sie nämlich ersuchen, .Hochwürden, mir ausrichtig zu sagen, wie Sie ihn finden." „Vollständig unverändert," erwiderte Arnold, „er ist heute noch genau so, wie vor sechs Jahren, noch ganz derselbe warm- und hochherzige — Uebermut, möchte ich sagen. Aber ich bitte, diesen Ausdruck nicht in bösem Sinne zu verstehen, ich spreche von Felix Uebermut wie man von dem Uebermut eines Kindes spricht, das in seiner überschäumendeu Lebensfrische vielleicht hin und wieder etwas zu laut jubelt." „Mir aus der Seele gesprochen," entgegnete der Hausherr, dem jungen Geistlichen freundlich zunickend, „aber es ist mir außerordentlich angenehm, diese Ansicht auch aus ihrem Munde zu vernehmen, namentlich da wir, meine Frau und ich, in dieser Beziehung nicht gleichen Sinnes sind." „Nun, däS ist wohl leicht erklärlich. Ich habe nach dieser Richtung hin zwar keine Erfahrung, aber, wie ich höre, sind Damen immer strengere Sittenrichterinnen, als .Herren." .„Weil sie die Versuchungen nicht kennen, denen der junge Mann ausgesetzt ist, und die sie deshalb nicht in Anschlag bringen wollen." „Das mag ja sein," siel seine Frau ein, „ich lasse mich ja gern überreden, daß ich in meinen Anforderungen zu weit gehe. Aber es ist die Sorge um seine Gesundheit, die mich oft zittern macht —" „Ach was, Felix ist gesund und kräftig und Hochwürden, Sie würden cs nach seinem ganzen so überaus sorglosem Wesen ihm, kaum zutrauen, daß er nach jeder Richtung hin ein ausgezeichneter Geschäftsmann ist." „Deshalb siehst Du ihm auch alles nach." „Das muß ich und das kann ich, er tut seine Pflicht, und wer seine Pflicht tut —" „Jeder Mensch hat auch Pflichten gegen sich selbst, und daß Felix diesen genügt," sie schüttelte den Kopf. Kohn zog die Stirn in Falten. „Schon wieder diese beschränkten und Schranken ziehen wollenden Anschauungen! — Wie denken Sie darüber, .Hochwürden?" . „Aber ich bitte sehr, ich als Priester kann doch unmöglich Ausschreitungen nach irgend welcher Richtung hin gutheißen. — Ob nun die Ausschreitungen Ihres Sohnes die Befürchtungen der gnädigen Frau rechtfertigen, das entzieht sich selbstverständlich meiner Beurteilung. Aber mit Bestimmtheit hoffe und glaube ich, daß der Kern seines Wesens noch gesund ist. Haben gnädige Frau seine Erregung nicht wahrgenommen, als er Ihnen von der kleinen Vogel erzählt hat?" „Tie Verstorbene hat vollkommen recht gehabt, der Kleinen den traulichen Verkehr, der bisher zwischen ihr und meinem Sohne bestanden, zu untersagen." „Das habe ich ihm auch erklärt. Mer gerade, daß er das nicht einsikcht, daß er vielmehr so sehr entrüstet darüber ist, das läßt mich hoffen, daß er über kurz oder lang — und hoffen wir, daß es nicht allzulang sein wird, bis er von selbst alle dem entsagen wird, was die gnädige Frau so sehr beunruhigt." „Hoffen wir's," sagte sie, schwer aufatmend, „wir hätten damals Ihrem Rate folgen und ihn nach Berlin gehen lassen sollen, unter Vogels Leitung hätte er sich keine Ausschreitungen zu Schulden kommen lassen." „Vielleicht nicht, aber was hätten Jvir jetzt damit gewonnen? Vogel ist doch nur drei Jahre in Berlin gewesen, hätte er vielleicht mit ihm in das kleine Nest sollen, wo jener den Rabbinatsvosten bekleidet? — Ja, wenn Hochwürden hier einen Posten hätten, das wäre etwas anderes." ■ - Arnold schüttelte den Kopf. „Es wäre mir gewiß sehr angenehm, wenn ich hier eine Anstellung hätte, dadurch wäre es mir doch möglich, mit meinem liebsten Freunde öfters zusamnien zu sein und ich schmeichle mir, daß das auch ihm angenehnr wäre. Aber daß . ich ihn nach irgend welcher Richtung hin beeinflussen könnte, daran wäre nicht zu denken." „Hochwürdcn sind zu bescheiden." „Nicht doch, dabei kommt meine Bescheidenheit nicht in Betracht- Aber ich kenne ihn und kenne mich, — nie habe ich mich auch nur des geringsten Einflusses auf ihn rühmen können. Ja, wenn Sie dem Doktor Vogel einmal hier einen Posten verschaffen könnten, dann wäre Felix geborgen." „Meinen Sic?" „Ich bin überzeugt davon, und ich glaube auch, die gnädige Frau werden mir znstimmen. Sie haben es doch damals in der Schweiz gesehen, wie er sich von ihm hat leiten lassen." „Tas habe ich allerdings gesehen, ob das aber heute auch noch so sein würde?" „Davon halte ich mich überzeugt. Vogel hat etwas so Festes, so Bestimmtes und eben darum Bestiinniendes in seinem Wesen — ich gestehe offen, ich könnte ihn darum beneiden und ich habe ihn deshalb eininal gefragt, wie man sich derartiges aneignem könnte. Er hat gelacht und behauptet, er wisse nicht, was ich eigentlich meine. Aber bei allem, was er tue und was er rede, frage er sich immer, wie sich das Gesetz — er meinte das jüdische Religionsgesetz, dazu verhalte. Tas wäre ihm maßgebend in allen Verhältnissen und dadurch habe er sich vielleicht eine gewisse Festigkeit angeeignet, die Manchem imponire." (Fortsetzung folgt.) Bunte Chronik. Ausgrabungen in Palästina, die von deutscher Seite aus in nächster Zeit ihren Anfang nehmen sollen, werden in der wissenschaftlichen Welt eifrig besprochen. Tas eine Unternehmen geht von dem deutschen Palästinaverein (Vorsitzender Herr Professor Kautsch in .Halle) aus. Ter Palästinaverein läßt mit Unterstützung der deutschen Orientgesellschaft an der Stätte des alten, in der Ebene Jesreel gelegenen Megjddo Grabungen vornehmen. Technischer Leiter ist der Ingenieur Doktor Schumacher in Haifa; er beabsichtigt in diesen Tagen den ersten Spatenstich zu.{im. Unabhängig hiervon ist Dr. Thiersch vom archäologischen Institut in Athen auf einer Rekognoszierungsfahrt »ach Palästina unterwegs. Seine Ausgabe ist es, einen Ort ausfindig zu machen, auf dessen 'Aufdeckung von seiten der Hrientgesellschast Wert gelegt wird. Mit Dr. Thiersch wird sich als Spezialist auf dem Gebiete alttestamentlicher Lokalsragen der junge Theologe Herr Hölscher aus Leipzig vereinigen. Die Anregung zu dieser Expedition geht nicht, wie von anderer Seite gemeldet wurde, vom Kaiser aus, sondern von einem Vorstandsmitglied der deutschen Orientgesellschaft, das die nötigen Mittel persönlich zur Verfügung gestellt hat und zwar, wie jeder leicht erraten wird, von dem opferfreudigen Herrn James Simon. Meine geehrte Kundschaft wollte hierdurch aufmerksam machen, daß der Erew Jomtof Schwuaus auf den ersten christlichen Feiertag fällt und daher das Austragcn von Backwaren bezw. Offenhalten der Läden nur morgens bis '/•!) und von 11—12 Uhr an diesem Tage gestaltet ist. Ersuche deshalb meine geehrte Kundschaft, sich darnach richten zu wollen; ferner Kuchen- und Taaschirteige Samstag abend bringen und Sonntag früh abholcn zu lassen. Simon Glanberg, Hermesweg 8—12, BSrnestr. tl>, Bergerstr. 27. Telephon 3862. Abonnements and Inserate für das „Jcankfucter Israelit, familienllait“ nehmen die hiesigen Buchhandlungen: A. Rothschild, Bärnestrasse II, A. J. Hofmann, Allerhelllgenstrasse 8? zu Originalpreisen entgegen; daselbst ist auch stets die neueste Nummer zu IO Pfg. das Exemplar zu kaufen. Die Zusendung an unsere Abonnenten wird auf's Sorgfältigste kontrolliert; Uuregelmätzigkeiteu bitte» wir, uns sofort j» melde». Wir bitten unsere geehrten Leser sich bei Einkäufen auf das frankfurter Israel. Familienblatt beziehen zu wollen.