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Neue jüdische Presse · 1903-05-15 · Heft 28 (15.5.1903) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 28 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Vellage zu Nr. 28 des Frankfurter Israelitischen FaMenblattes. Morgenschein. Gedicht von I. Schwarz. Wenn mit dem Morgenschein Der Schlaf weicht von den Gliedern, So bet' ich still, allein — Ich hör' ein leis' Erwidern — Zu Dir, Gott Israels! Und an mein Tagwerk dann Geh' ich mit freud'gem Herzen; Ich Hab's mit Dir getan, Fühl nicht der Fessel. Schmerzen Durch Dich, Gott Israels. Und huldvoll bist Du mir, — Bon heil'gem Glanz umflossen Seh' alles ich mit Dir; Mein Geist in Dir ergossen Vertraut Gott Israels! Spricht auch ein Lästerding Verhöhnend von dem Glauben, Ich schätz' es nur gering, Laß' mich um nichts berauben; Ich glaub' Gott Israels! So kommt die stille Nacht In Kämpfen hergeschritten. Wie mein Vertrauen wacht! Ich habe nichts gelitten. Durch Dich, Gott Israels! Schon senkt der Schlummer sich Auf meine müden Glieder, Die Kraft des Schaffens wich — Doch tönt die Hymne wieder: Es lebt Gott Israels! (Nachdruck verboten.) Im Omer. Von E. »Heute haben sich die gnädigen Herrschaften wieder gezankt." erzählte kichernd Sophie, das Kammermüdcheil des Herrn Professors Geldeckc, der Köchin, »die gnädige Frau wollte Geld haben, und der Herr Profeyor machte ihr Vorwürfe über ihre Verschwendung und Eitelkeit." Und cs sollte nicht das letztemal sein. Kauni ein Tag verging, an dem es im Geldecke'schen Hause nicht zu stürmischen Auftritten kani. Mochte Geldecke noch so oft seiner Frau vorstellen, daß ihre unsinnige Verschwendungssucht ihn dem Ruin entgegenführe, so wiederholte sie immer, es sei für sie unfair, sich in ihrer einfachen Kleidung in ihren vornehmen Cirkeln zu zeigen. Eben erwiderte der Professor, sie müffe sich cinschränken und nur in standesgemäßen Kreisen sich bewegen, als ihn seine Gattin wütend anschrie: „Weswegen habe ich dich denn geheiratet, du Jnd', wenn du mir kein Geld geben willst." * * * Drei Monate später, und Professor Geldecke hat sich von seiner Frau getrennt. Was kümmerten ihn die Stichelreden seiner Kollegen, tvas die bösen Zungen der sogenannten guten Gesellschaft. Hatte er doch wenigstens äußerlich seine Ruhe wiedergefunden, wenn auch im Innersten seiner Seele nach wie vor kein Friede herrschte. Profeffor Geldecke hieß nicht von jeher so. Als Sohn eines ungarischen Rabbiners in einem kleinen Städtchen geboren, genoß er bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahre eine rein talmudische Erziehung. Der hoffnungsvolle Knabe erfüllte seinen Vater und seine Familie mit größtem Stolze, und elfterer sah in seinem hochbegabten Kinde jetzt schon die einstige Leuchte seines Volles. So leid es dem Vater auch war, mugte er dem Drange der Zeit, dent Gebote der Mode folgend den achtzehnjährigen Jüngling auf eine Universität in dem benachbarten Oesterreich schicken, da, um Rabbiner zu werden, der Doktorhut in den meisten Gemeinden ftir nötig gehalten wurde. Dort fand der junge Mann selbsttedend wenig, ja gar keine Gesinnungsgenossen. Neue Eindrücke wirkten auf feinen Geist, neue Regungen durchzogen sein Herz. t Seinem jugendlichen Mitteilungsgefühle folgend, ttat er bald einigen seiner Kommilitonen näher. Mit Ernst von Bolzen, dem Sprößling einer altadcligen Familie, die ihren Ursprung in Deutschland nahm, knüpfte er sogar ein inniges Freundschaftsverhältnis an. Es war reines Spiel des Zufalls, daß die beiden jungen Leute zusammenkamen. In einer geselligen Zusammenkunft, die die Universttätshörcr veranstalteten, bei der sich alle Studenten ausnahmslos einfanden, und von der sich auch Mendel - so hieß unser junger Freund mit seinem Bornanlen — um keinen Anstoß zu . erregen, nicht , fern halten konnte, kam man in der Unterhaltung auch ans Juden und Judentum zu sprechen. Jeder edeldenkende Nichtjude mußte schamrot werdeli, der da hörte, was der Antisemitimus gegen Mitmenschen vorbrachte, jeder Jude, auch der nicht fronime, mußte Abscheu empfinden vor Menschen, die mit vollem Bewußtsein Namen großer Männer mit unaussprechlicher Rohheit in den Kot zerrten, den Juden geheiligte Gedanken und Gefühle ins Lächerliche zogen, die mit falschen Beschuldigungen, fast wahnsimiigeu 'Anklagen Juden und Judentum beschimpften. Was mußte Mendel leiden, der von der Wahrheit des Judentums, von der Göttlichkeit seiner Lehren durchdrungen war! Mit dem Feuer glühender Begeisterung verteidigte er sein Volk, seine Religion. Seine Rede verfehlte nicht ihre Wirkung. Er erwarb sich viele stille Anhänger, die aber aus Furcht vor Hohn und Spott cs nicht ivagten, init ihm in Freundschaft zu treten. Stur der junge von Bolzen zeigte den Mut, dem Juden sich zu nähern. Es entspann sich mit der Zeit ein recht inniges Freundschaftsbündnis zwischen ihnen. Ernst hatte ja auch manches am Judentum zu bemängeln und zu tadeln, doch wenigstens von Vorurteil zeigte er sich frei. Mendel lebte so längere Zeit seinen Studien; doch was ein Waffersturz nicht vermag, bringt der Tropfen zustande — steter Tropfen höhlt den Stein —. Was jene Schmährede nicht vermochte, erreichten die Judenfeinde auf dem Wege hartnäckiger Standhaftigkeit. Die ewigen Spötteleien und Anschuldigungen waren nicht dazu angethan, Ernstens Achtung vor dem Judentum zu festigen. Selbst er begann zu zweifeln, ob der Vertteter eines so mißachteten, vielleicht doch nicht schuldlosen Menschenstammes seiner Freundschaft würdig sei. Er begann offen seinem Freunde Vorstellungen zu machen und fand zu seinem Erstaunen kein unzugängliches Ohr. Denn in Mendels Gemüt waren bittere Zweifel aufgestiegen. Oft dachte er bei sich: Gott habe das jüdische Volk durch sein Gesetz ausgezeichnet, damit es eine sittlich höhere Stellung einnehme unter den anderen Völkern. So lange dieser Zweck erreicht war, sagte er sich nun, tvar es verpflichtet, die jüdischen Satzungen aufs pünktlichste zu beobachten. Das gepeinigte, in den Kot gcttetene Volk aber sei eben nicht mehr dasselbe, und nicht mehr jenen Gesetzen unterworfen. Er vergaß aber, daß gerade geduldiges Erttagen aller Gehässigkeiten von Seiten der Judenfeinde zur Erreichilng des Moschiachzieles mit wirken sollte. Denn welche Achtung muß doch ein Volk mit der Zeit gewinnen, das trotz aller Zurücksetzungen nicht weicht und nicht wankt von den Worten der göttlichen Lehre. Er vergaß, daß seine Freundschaft mit Ernst ja auch nur in der ttcuen Anhänglichkeit zur Thora ihren Ursprung hatte. Und dieser Freundschaft opferte er nun blindlings seine Treue. Schon von dem Augenblicke an, da ihn die Zweifel überkamen, war er nicht mehr derselbe; denn diese führten ihn allmählich zur Außerachtlaffung aller ihm früher so heilig gewesenen Gebote. — In den Briefen au seinen Vater wagte er noch nicht, von dem Umschlag seiner Gefühle merken zu lassen. — ' So hatte Mendel schon längst den unnützen Ballast des Zeremoniendienstes — wie er es bezeichnete — abgeworfen, als er den vr.-Grad erlangte. Wie bedauerten ihn seine Professoren, ivie bespöttelten ihn seine Kameraden, als sie Mendel vorstellten, daß ihm jede Karriere im Staatsleben durch seine Angehörigkeit zu »dem auserwählten Volke" versperrt sei. Was die freundlichen Vorstellungen seiner Lehrer, ivas die 'beißenden Spottteden seiner Kameraden nicht vermochten, bewirkten die einschmeichelnden Worte Ernsts. Geblendet durch eine glänzende Laufbahn, bestochen durch Aussicht auf eine vielversprechende Zukunft, tat Mendel den entscheidenden Schritt und ttat zur Landeskirche über. Ein äußerst schonungsvoller und zärtlicher Brief, in welchem er seinen Vater von diesem Schritte benachrichtigte, kam mit dem Bemerken zurück, daß Mendel bei seiner Familie als gestorben bettachtet werde. Drei Monate darauf ging er eine Verbindung mit der Schwester von- Bolzens ein, die aber ihrem Bruder keineswegs ähnelte. EiteUeit und Verschwendungssucht waren ihre hervorstechendsten Eigen schäften. Die Kreise, mit denen Blendet jetzt in Berührung kam, sorgten bald dafür, daß er als Professor Geldeckc — so hieß er jetzt — eine wohlsituierte Stellung erhielt. (Schluß folgt.) Verlobte. Babette Mainzer, Lorsch, mit Simon Mainzer, Darinstadt. Clotilde Heyum. Bingell, mit Julius Steinthal, Barmen. Sterbefälle. Aloscs Bergfeld. Vereinsdiener. 61 I., Frankfurt a. M., Rechneigrabenstraße 18. Blodi Struck, Kaufmann, 63 I., Frankfurt a. M., Klingersttaße 27. Amalie Strauß, Wwe., geb.Elkan. 66 I.,Wiesbaden. Jacques Snatich, 70 I.. Frankfurt a. M. Emma Rosenthal. geb. Goldschmidt, 81 I., Frankfurt a. M.. Kl. Pfingstweidsttaße 11. Familiennachrichten. Geburten. Eine Tochter, Herrn Rektor B. Falk. Frankfurt a. Al.. Rödcrbergweg. Eine Tochter, Herrn Jakob Roos, Frankfurt a. M Uhlandsttaße 31. Eine Tochter. Herrn Tr. Richard Stern, Frankfurt a. M-, Guiolettsttaße 1. Eine Tochter, Herrn Salli Mendel, Mannheim. Ein Sohn, Herrn Max Marburg, Mannheim. Briefkasten. 1l. Die Jüdische Bevölkerung Deutschlands zählte .im 1. Dezember 1900 586,833 Personen gegenüber 35 Millionen Protestanten und 20 Millionen Katholiken. ' Während 1871 die Juden noch 1,3 von Hundert derBevölkerung ausmachten, ist ihr Prozentsatz — wohl hauptsächlich infolge von Taufen — jetzt auf 1 vom Hundert gesunken. Heiteres. Den jüdischen Metzgern gehts an den Kragen. In der Bayerischen Lanoeszeitung lesen wtt: In den allerneuesten ortspolizeilichen Vorschriften über die Vornahme der Schlachtungen und der Fleischbeschau heißt es in § 3 Abs. 4: »In Notfällen, wozu auch das Schlachten der jüdischen Metzger an den Abenden ihrer Fest- und Sabbattage gehört, kann von der Schlachthofverwaltung die Oeffnung und Benützung des Schlachthofes auch zu anderen Stunden gestattet werden." — Daß im Würzburger Schlacht- und Viehhof auch Menschen und dazu noch jüdische Metzger an jüdischen Feiertagen geschlachtet werden, ist etwas ganz Unerhörtes. Was jedoch die Gebühren für derartige Menschenschlachtungen betragen, läßt der Tarif nicht erkennen. Letzte Berichte. Hamburg. Den Israelitischen Tempel in der Poolsttaße haben Einbrecher in der Nacht zum 8. d. M. zu erbrechen versucht, indem sie durch gewaltsames Oegnen eines Fensterflügels in das Innere des Tempels gelangen wollten Die Täter mußten aber von ihrem Vorhaben abstehen, da sich die Oeffnung für einen Mann zum Durchkriechen als, viel zu schmal erwies. Als Täter kommen drei Männer in Frage, die gestern auf dem Großneumarkt angehalten wurden, als sie einen Sack mit Messtngrohren mit sich schleppten. Zwei dieser verdächtigen Individuen entkamen durch die Flucht, dagegen wurde der dritte, als er diesem Beispiel folgen wollte, festaenommen. Die drei Männer haben, wie jetzt feststeht, die Messingrohre in der Poolstraße gestohlen. Abonnements und Inserate für das „Jcan&furtec Israelit. Amilimblatt" nehmen die hiesigen Bachhandlangen: A. Rothschild, Börnestrasse 83, A. J. Hofmann, Allerheiligenstrasse 87 za Originalpreisen entgegen; daselbst ist auch, stets di» neueste Nummer zu IO Pfg. das Exemplar zu kaufen. 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